Therapiekultur

Normal war gestern. Begriffe wie „Burn-out“, „Trauma“ oder „Selbstwertgefühl“ sind heute Teil der Alltagssprache. Jeder gilt irgendwie und irgendwann mal als Fall für den Psychiater. Anstatt den Einzelnen als handelndes Wesen zu begreifen, das mental robust genug ist, mit den Herausforderungen des modernen Lebens klar zu kommen, wird ein Bild vom Menschen kultiviert, das diesen als ausgesprochen fragil, verletzlich und leicht traumatisierbar betrachtet. Die Ausbreitung einer auf psychologischen Prämissen aufbauenden Kultur der Emotionalität und des Ich-Kults begann mit dem Siegeszug der Psychoanalyse und Psychotherapie in der westlichen Welt in den 1960er-Jahren und hält bis heute an. Das aufklärerische Verständnis vom Menschen als vernunftbegabtem Gestalter seiner Geschichte wurde durch das prekäre Selbstbild eines potentiellen „Opfer-Ichs“ zurückgedrängt, das ständig das Risiko der Kränkung oder Traumatisierung fürchten muss. In dieser Therapiekultur rücken statt des gesellschaftlichen Lebens mehr und mehr innere Befindlichkeiten ins Zentrum der Selbstwahrnehmung und öffentlichen Diskussion.

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Reflektieren bis der Arzt kommt

Analyse von Burkhard Voß

Burn-Out-Coaches, Achtsamkeitskurse und Quantified-Self-Bewegung: Unsere Gesellschaft wird zunehmend durchpsychologisiert. Die Menschen kreisen zunehmend nur noch um ihre eigenen Befindlichkeiten. Ein Psychiater rät uns allen zu weniger Reflexion. mehr

Therapeutische Erziehung macht krank

Essay von Jennie Bristow

In ihrem neuen Buch The Dangerous Rise of Therapeutic Education zeigen Kathryn Ecclestone und Dennis Hayes, wie die unbedachte Einführung von emotionaler Intelligenz als Schulfach junge Menschen dahingehend erzieht, die eigene Emotionalität einer Kontrolle durch Autoritäten auszuliefern. mehr

Laufpass für die Super-Nanny

Rezension von Ann Furedi

Jennie Bristows Buch Standing up to Supernanny erklärt und kritisiert die Flut der staatlichen Erziehungshilfen, mit denen ins Familienleben eingegriffen wird. mehr

Die therapeutische Verkehrung des Toleranzideals

Analyse von Frank Furedi

Aktuell wird immer wieder gefordert die Tugend der Toleranz durch "Respekt vor anderen Identitäten" zu ersetzen. Dies ist ein Angriff auf die Idee der moralischen Autonomie. Es geht um mehr, als Menschen nur in ihrer Zufriedenheit mit dem von ihnen gewählten Lebensstil zu bestätigen. mehr

Das Ende der Kindheit

Rezension von Mick Hume

In ihrem neuen Buch Reclaiming Childhood zeigt Helene Guldberg, dass Hänselei, Konflikte und auch körperliche Auseinandersetzungen übliche Bestandteile einer normalen Kindheit sind. Die sicherheitsbedachte, beschützende und risikovermeidende Einstellung der Eltern schadet der kindlichen Entwicklung weitaus mehr als ein blaues Auge. mehr

Weiterführende Literatur