Therapiekultur

Normal war gestern. Begriffe wie „Burn-out“, „Trauma“ oder „Selbstwertgefühl“ sind heute Teil der Alltagssprache. Jeder gilt irgendwie und irgendwann mal als Fall für den Psychiater. Anstatt den Einzelnen als handelndes Wesen zu begreifen, das mental robust genug ist, mit den Herausforderungen des modernen Lebens klar zu kommen, wird ein Bild vom Menschen kultiviert, das diesen als ausgesprochen fragil, verletzlich und leicht traumatisierbar betrachtet. Die Ausbreitung einer auf psychologischen Prämissen aufbauenden Kultur der Emotionalität und des Ich-Kults begann mit dem Siegeszug der Psychoanalyse und Psychotherapie in der westlichen Welt in den 1960er-Jahren und hält bis heute an. Das aufklärerische Verständnis vom Menschen als vernunftbegabtem Gestalter seiner Geschichte wurde durch das prekäre Selbstbild eines potentiellen „Opfer-Ichs“ zurückgedrängt, das ständig das Risiko der Kränkung oder Traumatisierung fürchten muss. In dieser Therapiekultur rücken statt des gesellschaftlichen Lebens mehr und mehr innere Befindlichkeiten ins Zentrum der Selbstwahrnehmung und öffentlichen Diskussion.

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