Therapiekultur

Normal war gestern. Begriffe wie „Burn-out“, „Trauma“ oder „Selbstwertgefühl“ sind heute Teil der Alltagssprache. Jeder gilt irgendwie und irgendwann mal als Fall für den Psychiater. Anstatt den Einzelnen als handelndes Wesen zu begreifen, das mental robust genug ist, mit den Herausforderungen des modernen Lebens klar zu kommen, wird ein Bild vom Menschen kultiviert, das diesen als ausgesprochen fragil, verletzlich und leicht traumatisierbar betrachtet. Die Ausbreitung einer auf psychologischen Prämissen aufbauenden Kultur der Emotionalität und des Ich-Kults begann mit dem Siegeszug der Psychoanalyse und Psychotherapie in der westlichen Welt in den 1960er-Jahren und hält bis heute an. Das aufklärerische Verständnis vom Menschen als vernunftbegabtem Gestalter seiner Geschichte wurde durch das prekäre Selbstbild eines potentiellen „Opfer-Ichs“ zurückgedrängt, das ständig das Risiko der Kränkung oder Traumatisierung fürchten muss. In dieser Therapiekultur rücken statt des gesellschaftlichen Lebens mehr und mehr innere Befindlichkeiten ins Zentrum der Selbstwahrnehmung und öffentlichen Diskussion.

Top Artikel

Suchet die Sucht

Analyse von Christoph Lövenich

Einschränkungen des Glücksspiels sollen angeblich die Spielsucht bekämpfen. Sie treffen aber die Falschen und helfen pathologischen Spielern nicht weiter. Die Problematik wird ohnehin aufgebauscht. mehr

Reflektieren bis der Arzt kommt

Analyse von Burkhard Voß

Burn-Out-Coaches, Achtsamkeitskurse und Quantified-Self-Bewegung: Unsere Gesellschaft wird zunehmend durchpsychologisiert. Die Menschen kreisen zunehmend nur noch um ihre eigenen Befindlichkeiten. Ein Psychiater rät uns allen zu weniger Reflexion. mehr

ADHS: Wenn Kindsein krank macht

Von Mareike König

Die Pathologisierung der Gesellschaft fängt schon bei den Allerkleinsten an: Aus Angst vor möglichen Negativkonsequenzen gibt man unaufmerksamen Kindern lieber präventiv eine tägliche Dosis Ritalin. Weniger Aktionismus wäre angebracht, findet Mareike König mehr

Warum ich wieder Milch verschütten will

Analyse von Monika Bittl

Wie die echten „Typen“ und Charaktere langsam aus der Welt verschwinden und am Ende nur noch Feiglinge übrig bleiben. Die zunehmende Durchpsychologisierung unseres Alltags trägt maßgeblich zu dieser Entwicklung bei mehr

Therapeutische Erziehung macht krank

Essay von Jennie Bristow

In ihrem neuen Buch The Dangerous Rise of Therapeutic Education zeigen Kathryn Ecclestone und Dennis Hayes, wie die unbedachte Einführung von emotionaler Intelligenz als Schulfach junge Menschen dahingehend erzieht, die eigene Emotionalität einer Kontrolle durch Autoritäten auszuliefern. mehr

Die Sorgenkinder-Gesellschaft

Von Matthias Heitmann

Matthias Heitmann ist dafür, die Situation Behinderter im Alltag zu verbessern. Die aktuelle Regierungskampagne „Behindern ist heilbar“ kritisiert er aber, weil sie Diskriminierung als eigentliches Handicap Behinderter darstellt und auf therapeutische Umerziehung der Nicht-Behinderten setzt mehr

Das Ende der Kindheit

Rezension von Mick Hume

In ihrem neuen Buch Reclaiming Childhood zeigt Helene Guldberg, dass Hänselei, Konflikte und auch körperliche Auseinandersetzungen übliche Bestandteile einer normalen Kindheit sind. Die sicherheitsbedachte, beschützende und risikovermeidende Einstellung der Eltern schadet der kindlichen Entwicklung weitaus mehr als ein blaues Auge. mehr

Weiterführende Literatur