21.03.2016

Psychische Krankheiten sind kein Politikum

Kommentar von Ella Whelan

Statt für psychisch Kranke „Bewusstsein zu schaffen“, sollten wir die Entwicklung besserer Heilmethoden fördern.

Ende vergangenen Jahres fiel in Großbritannien der Startschuss für eine neue Regierungskampagne namens „Time To Change 1 “, finanziert vom Gesundheitsministerium. Die Regierung möchte damit die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen bei jungen Menschen bekämpfen. Die Kampagne möchte die Stigmatisierung zum Gesprächsthema machen und außerdem zahlreiche Projekte starten. So soll „dem Stigma und der Diskriminierung innerhalb der Systeme entgegengetreten werden, die einen großen Einfluss auf das Leben der Betroffenen haben, vor allem am Arbeitsplatz und bei denjenigen, die sich beruflich mit geistiger Gesundheit befassen.“

Zeitgleich zur Eröffnung der Kampagne veröffentlichten mehrere Politiker verschiedener Parteien, darunter der Liberaldemokrat Norman Lamb, der Konservative Andrew Mitchell und die frühere rechte Hand Tony Blairs bei New Labour, Alastair Campbell, einen offenen Brief unter dem Titel „Gleichbehandlung für psychische Gesundheit.“ 2 Unterzeichnet wurde das Schreiben zudem von vielen Prominenten sowie Unterhausabgeordneten. Als parteiübergreifender Vorstoß vermarktet, soll die Regierung unter Druck gesetzt werden, psychische Krankheiten in den Fokus kommender Ausgabenüberprüfung zu stellen. „Wir fordern [die Regierung] auf, psychische und physische Erkrankungen gleich zu behandeln“, heißt es im Schreiben.

Als Jeremy Corbyn zum Labour-Chef gekürt wurde, ernannte er mit Luciana Berger 3 erstmals eine Schattenministerin für psychische Gesundheit. Seitdem springen Abgeordnete des Unterhauses wie Promis auf jeden Zug auf, um ihre Unterstützung für ein Ende der Diskriminierung von psychischen Krankheiten zur Schau zu stellen.

„Gelder werden eher für Kampagnen als für die wahrhaftige Suche nach Behandlungsmöglichkeiten ausgegeben.“

Der Wunsch nach Verbesserung des Gesundheitssystems ist schön und gut. Denn obwohl das nationale Gesundheitssystem Großbritanniens schon seit 2012 sicherstellen soll, dass psychisch Kranke eine gleichwertige Versorgung wie physisch Erkrankte erhalten 4, sind immer noch erhebliche Probleme zu verzeichnen. Trotzdem macht es einen großen Unterschied, ob man die Effizienz medizinischer Leistungen verbessern will, oder ob man Geld, auch im Rahmen solcher Kampagnen, wahllos für irgendetwas in Richtung geistiger Gesundheit hinauswirft.

Ebenso ist es nicht dasselbe, ob man sich ehrlich um den Abbau ungerechtfertigter Diskriminierung gegenüber an schweren psychischen Problemen Leidenden einsetzt – oder ob man sich einredet, insgeheim seien doch alle ein bisschen psychisch krank. Ein Beispiel: Nach einem Beinbruch den Weg zurück zur Arbeit zu finden, dürfte weniger Probleme bereiten als der Wiedereinstieg nach einer Phase schwerer Depression. Das Stigma allerdings, dem Menschen mit psychischen Leiden wirklich ausgesetzt sind, wird sich kaum durch einen Fünf-Punkte-„Anti-Stigma-Plan“ am Arbeitsplatz beseitigen lassen. Der breite Begriff der „psychischen Probleme“, der sowohl ernsthafte Beschwerden als auch leichte Gemütstiefs umfasst, bringt mit sich, dass akute Probleme nicht die Behandlung erfahren, die sie sollten.

Am stärksten zeigt sich dies bei jungen Leuten. Durch die Einführung von Beauftragten fürs psychische Wohlergehen in Schulen ist dort eine Atmosphäre entstanden, die Kindern von klein auf nahelegt, sie hätten psychische Störungen. Nun gibt es solche echten Fälle, aber das Tempo, in dem übellaunigen Teenagern, Zappel-Philippen und Klassenclowns bereits ein Krankheitsbild attestiert wird, gibt großen Anlass zur Sorge.

Das seelische Wohlergehen wird nahezu heiliggesprochen. Kritik an Mehrausgaben für Therapien und dergleichen wird mit derselben Intoleranz begegnet wie der Kritik an feministischer Politik oder Transgenderpolitik. Befürwortet man dieses Theater nicht, gilt man gleich als böse, kaltherzig und diskriminierend. Als Arbeits- und Rentenminister Ian Duncan Smith nicht-behinderte Menschen als „normal“ 5 bezeichnete, ergoss sich ein Strom an Kritik über ihn. Einige Stimmen sahen darin gar einen „schockierenden Einblick“ in dessen Geisteshaltung.

Genau hier liegt das Problem. Dem aktuellen Versuch, Bewusstsein für das seelische Wohlergehen zu schaffen, ist nicht unbedingt daran gelegen, das Leben der Menschen zu verbessern. Vielmehr dient es dazu, sein eigenes Mitleid bei würdigen Anliegen öffentlich zur Schau zu stellen, ob bei Brustkrebs, geistiger Gesundheit, Flüchtlingen oder bedürftigen Kindern. Das löst nicht unbedingt die Probleme oder verbessert die Lage der Betroffenen. Man denke hier nur an andere PR-orientierte gemeinnützige Organisationen, wie beispielsweise die britische Krebshilfe. Diese steckt lieber mehrere Millionen Pfund in Werbekampagnen, um Männern augenzwinkernd das Abtasten ihrer Hoden nach Knoten nahezulegen, als dass sie in Forschung und Entwicklung von Heilmitteln investiert.

Bei politischen Kampagnen wie Time To Change – oder allen Kampagnen mit dem Namen der Schauspielerin Emma Thompson darunter – stellt sich die Frage: Was soll mit „Bewusstsein schaffen“ überhaupt bewirkt werden? Soll Menschen nach Kräften ein normales Leben ermöglicht werden? Oder will man noch mehr gewöhnliche Phänomene des Alltagslebens pathologisieren?

„Durch übereiltes Diagnostizieren von Kindern und Jugendlichen können diese ernsthaft an psychischen Problemen erkranken“

Was junge Menschen betrifft, brauchen wir weniger Einmischung von Therapeuten und schulischen Beratern, die viel zu bereitwillig jugendlichen Mädchen erzählen, es wäre ganz normal, mit Magersucht oder Selbstverstümmelung zu flirten, oder die unartigen Jungs Angststörungen unterstellen. Aus der Reihe tanzenden Teenagern zu leichtfertig eine psychische Störung zu diagnostizieren, kommt einem Freibrief gleich. Indem Kinder mit Verhaltensproblemen einfach zum nächsten Schulpsychiater geschickt werden, vermeidet man die eigene Auseinandersetzung mit dem Kind und macht es glauben, es wäre nicht für das eigene Verhalten verantwortlich. Und tragischerweise könnte ein Kind, dem eine Störung bescheinigt wird, tatsächlich eine entwickeln, da es glaubt, mit ihm stimme etwas nicht. Eine solche Situation hält es nicht nur von seiner Schularbeit ab, sondern auch von einer glücklichen, gesunden und sorgenfreien Kindheit.

Im Alltag sollten wir Menschen, die unter psychischen oder geistigen Erkrankungen leiden, mit Fürsorge und Respekt entgegentreten. Das tun viele von uns bereits. Wir brauchen kein Time To Change, das uns bekunden lässt 6, die Stigmatisierung psychischer Leiden zu beenden, indem wir radikale Schritte ergreifen, wie uns „um Freunde kümmern“ oder „gemeinsam eine Tasse Tee oder Kaffee trinken“.

Jede vom Gesundheitsministerium gestartete Kampagne sollte kritisch beäugt werden. Solchen Initiativen geht es eher um staatliche Einmischung in unsere Privatangelegenheiten als um verbesserte Lebensbedingungen der Betroffenen. Wollen wir psychische und physische Leiden wirklich gleich behandeln, so müssen wir uns ernsthaft der Heilung widmen, statt Stuhlkreise in Büros zu veranstalten und Stressbälle in Schulen zu verteilen.