09.01.2012

Sind Sie schüchtern? Dann leiden Sie an einer psychischen Störung…

Kommentar von Tim Black

Die absurde Unterstellung, dass 165 Millionen Europäer an einer psychischen Störung leiden, bestätigt die Vermutung, dass völlig normale emotionale Zustände mittlerweile als Krankheiten angesehen werden. Tim Black kritisiert die zunehmende Psychologisierung unseres Lebens

„Psychische Störungen sind die größte Herausforderung für das europäische Gesundheitssystem im 21. Jahrhundert“ ließ uns Hans-Ulrich Wittchen unlängst wissen. Der Professor für Psychologie und Psychotherapie an der Universität Dresden sagt damit eigentlich nichts Neues. Die Weltgesundheitsorganisation WHO prophezeite – fast ein wenig schadenfroh –, dass bis 2020 Depression weltweit den 2. Platz in der Liste der Krankheiten einnehmen werde.

Einigermaßen schockierend ist freilich die Tragweite von Wittchens europaweiter Diagnose: 38 % der Europäer sind ihr zufolge psychisch gestört, also etwa 165 Millionen Menschen. Wittchen legte diese schockierenden Ergebnisse, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Neuropsychopharmacology, nach einer 3-jährigen Untersuchung von Daten aus früheren Studien an 500 Millionen Menschen in 30 europäischen Ländern vor. Danach litten fast 40 % der 500 Millionen Probanden an fast 100 psychischen oder neurologischen Störungen – am häufigsten an Angstzuständen, Schlaflosigkeit, Depression, Alkohol- und Drogenabhängigkeit oder auch Demenz. „Obwohl die Zahl 165 Millionen unfassbar hoch ist, ist diese Studie die gründlichste, die je in Europa durchgeführt wurde“, sagte Graham Thornicroft, Professor für Gemeindepsychiatrie am King’s College in London.

Allerdings herrscht große Skepsis gegenüber Wittchens Aussage und ihren logischen Folgerungen. Und das erstaunt nicht. Selbst in unserer offenkundig übertrieben krankheitsbewussten Zeit ist die Vorstellung, dass über ein Drittel aller Europäer an einer psychischen Krankheit leidet, unvereinbar mit unseren Erfahrungen im Alltag. Ist es nicht eine absurde Vorstellung, dass jeder dritte Europäer psychisch krank ist? Man hat doch eher den Eindruck, dass die Ausweitung der diagnostischen Kriterien für psychische Störungen die eigentliche Krankheit ist und nicht die Zunahme psychischer Krankheiten selbst.

Lisa Appignanesi hat zu Recht auf den wachsenden Umfang der sogenannten „Bibel“ der Psychiatrie, also des DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) hingewiesen. Bei der ersten Veröffentlichung dieses Handbuchs im Jahr 1952 enthielt es seinerzeit die als unglaublich hoch geltende Zahl von 60 Arten psychischer Erkrankungen. Die folgenden Auflagen haben ihre diagnostische Reichweite bis in das einfache alltägliche Verhalten hinein ausgedehnt. 1994 identifizierte die 4. (noch immer aktuelle) Auflage schon 384 Formen psychischer Krankheiten (plus 28 noch „unabgeschlossene Diagnosen“). Und wenn die vorläufigen Überarbeitungen aussagekräftig sind, wird die 5. Auflage, geplant für 2013, den Psychiatern und Psychologen noch mehr Etiketten für Störungen und Erkrankungen zur Verfügung zu stellen, darunter solche, von denen wir gar nicht wussten, dass wir an ihnen leiden.

Offensichtlich gewinnt eine absurde Weltanschauung in der Psychiatrie zunehmend an Boden. Den allerbanalsten Alltagserfahrungen, d.h. emotionalen Zuständen, die wohl jeder schon einmal in seinem Leben hatte, werden mittlerweile medizinisch klingende Namen verpasst. Schüchternheit bezeichnet man als „avoidant personality disorder“ (Hemmung, soziale Kontakte aufzubauen), aus Zorn wird „intermittent explosive disorder“ (temporäre explosive Störung), und wenn man sogenannten Experten das Feld überlässt, haben Menschen, die nicht alles wegwerfen, gleich eine „Hortungskrankheit“. 

Ein unglaublich erkenntnisarmes Dokument der DSM teilt uns mit, dass „die Symptome der Hortungskrankheit in der Anhäufung einer großen Anzahl von Gegenständen bestehe, die Wohnräume und den Arbeitsplatz in einem Ausmaß anfüllen, dass ihr ursprünglicher Zweck nicht mehr erfüllt werden kann.“ Zwar kann man sich leicht über die Lächerlichkeiten der psychiatrischen Industrie hermachen, aber hier geht es doch um ein ernstes Problem. Wenn alltägliche psychische Zustände wie Schüchternheit oder mangelnde Konzentration zu Fällen für die klinische Behandlung hochstilisiert werden, sind sie tatsächlich reif für externe klinische Intervention. Wir sind dann nicht mehr in der Lage, einen Angstzustand, ausgelöst von der Sorge um den Job, selbst zu bewältigen, sondern werden ermuntert, den professionellen Beistand eines Experten für unumgänglich zu halten. Und jedes praktische Problem, das beispielsweise Depression oder Angst verursacht – wie Arbeitslosigkeit oder Schwierigkeiten in der Ehe – wird zu einem psychischen „Fall“, der psychiatrischer Behandlung bedarf.

Wittchens Behauptung, dass der „immense Behandlungsbedarf psychischer Störungen“ gedeckt werden müsse, ist deswegen mit einer ominösen Intention gepaart, wie man sie aus Huxleys „Brave New World“ kennt. Europa ist demnach ein Kontinent, auf dem eine zunehmende Zahl Therapiebedürftiger heranwächst. Eine bedenkliche Konsequenz der Obsession der Gesundheitsbehörden mit unserem Seelenleben besteht darin, dass tatsächlich schwere Geisteskrankheiten trivialisiert werden.

Demenz steht nun auf der gleichen Ebene wie ADS (Aufmerksamkeitsstörung), manische Depression ist gleichwertig mit Schüchternheit usw. Indem man normale Verhaltensformen als klinisch behandlungsbedürftig erklärt, werden tatsächliche Krankheiten entwertet. Doch obwohl zahlreiche Kommentatoren und auch Psychiater die Gefahren solcher klinischer Charakterisierungen normalen Verhaltens erkennen, wird die Schuld an diesem Trend oft falsch verortet. Nirgends verfehlt die Schuldzuweisung ihr Ziel deutlicher als an den Türen aus Glas und Chrom der pharmazeutischen Industrie. „Big Pharma, die großen Konzerne, füttern ihren Appetit für Gewinne und unseren für Medikamente und haben durch Medikalisierung der Normalität einen immens angestiegenen Zugriff auf unser psychisches und emotionales Leben gewonnen“, so Lisa Appignanesi. Und ebenso unglaubhaft wie die Behauptung, jeder dritte Europäer leide an einer psychischen Erkrankung, erscheint auch der Gedanke, dass Big Pharma hinter dieser verzerrten Wahrnehmung steht.

Den großen Pharmaherstellern zu unterstellen, sie würden in zynischer Absicht einen Markt psychisch Gestörter erzeugen, um ihren Hunger nach Profit zu stillen, ist eine sehr simplifizierende Verschwörungstheorie. Es ist allzu einfach, die Pharmakonzerne als Urheber unserer Gebrechen zu verteufeln. Doch vor allem ignoriert diese Schuldzuweisung den tiefgreifenden sozialen und politischen Wandel, der dazu führt, dass das Individuum sich als überaus hilflos empfindet – und der mit Heerscharen von Therapeuten ausgestattete Staat als überaus hilfreich und Retter der Schwachen. Die heutige Therapiekultur ist kein Produkt einer mächtigen Big-Pharma-PR, sondern das Produkt einer Gesellschaft, in der die alten Netzwerke wie die Kirchen oder Gewerkschaften, die einst dem Einzelnen bei der Bewältigung seiner Lebenskrisen den Rücken stärkten, im Aussterben begriffen sind.

An ihre Stelle ist der mit Therapien sehr großzügige Staat getreten, ein formales Netzwerk mit Experten ausgestatteter Institutionen, die alle darauf warten, Probleme der Menschen zu psychologisieren, deren Lösung man den Menschen alleine nicht mehr zutraut. Big Pharma ist nicht der Grund, weshalb wir uns ständig für eine psychiatrische Behandlung reif fühlen. Wir scheinen auf den helfenden Zugriff des Staates zu warten, weil wir tatsächlich den Eindruck erwecken, ein bisschen hilflos, nutzlos – und auch ein bisschen krank zu sein. Und je mehr die Therapeuten sich einschalten, desto häufiger wird die „Versorgungslücke“ angesprochen, und desto öfter werden wir als krank und psychisch gestört eingestuft. Doch zwischen dem krank und dem gut gelebten Leben klafft ein Abgrund.