05.10.2010

Fast-Food-Esser sind keine Junkies

Kommentar von Rob Lyons

Angeblich hat uns die Lebensmittelindustrie zu fetten und hilflosen Wesen gemacht, die nur ihren nächsten Burger im Sinn haben. Diese Vorstellung beruht jedoch auf einem degradierenden Menschenbild.

Angesichts der Panikmache um Fettleibigkeit reißt die Suche nach den Ursachen für den anwachsenden Hüftumfang nicht ab. Essen wir zu viel, treiben wir zu wenig Sport, essen wir die falschen Sachen, oder ist es ganz etwas anderes? All diese Erklärungen neigen zur Überbewertung des Fettleibigkeitsproblems, denn offenbar ist die Lebenserwartung ja trotz Übergewicht gestiegen. Und außerdem sind die dargebotenen Erklärungen nicht besonders überzeugend. Vielleicht steckt in all diesen Erklärungen ein Körnchen Wahrheit, aber sie erklären nicht, warum wir dicker geworden sind.

Durch dieses Terrain stapft auch der Kinderarzt und Jurist David A. Kessler, der von 1990 bis 1997 Leiter der „US Food and Drug Administration“ war. Kessler behauptet in seinem Buch The End of Overeating, die modernen Nahrungsmittel und das weitere Ernährungsumfeld hätten zu einem Zustand „konditionierten Überessens“ geführt. Nach seiner Einschätzung muss es uns um ein besseres Verständnis dieses „Syndroms“ und die entsprechende Änderung unserer Essgewohnheiten gehen, wenn wir beim Fettleibigkeitsproblem Fortschritte machen wollen. Im Zuge seiner Versuche zur Rechtfertigung dieses Syndroms zaubert Kessler allerdings eine Verschwörungstheorie über Lebensmittelunternehmen aus dem Hut, derzufolge diese uns dazu bringen wollen, zu viel zu essen. Außerdem reduziert Kessler die menschliche Psychologie auf die von Laborratten.

Laut Kessler ist das Körpergewicht über Tausende von Jahren „bemerkenswert stabil geblieben… [a]nscheinend war das biologische System perfekt“. Kessler interessiert sich nicht dafür, dass es unter den Reichen immer dicke Menschen gegeben hat. In der Vergangenheit waren Armut und mangelhafte Nahrungsmittelversorgung immer auch mitbestimmende Faktoren für die Schlankheit der Menschen. Laut Kessler gilt aber: „in den 80er-Jahren hat sich etwas verändert.“ Am Ende jenes Jahrzehnts verzeichnete Katherine Flegal, damals leitende Forscherin am „US Centers for Disease Control“ (CDC), einen deutlichen zahlenmäßigen Anstieg der übergewichtigen und fettleibigen Menschen. Zum Beispiel wogen 1960 Frauen im Alter von 20 bis 29 Jahren durchschnittlich etwa 58 kg. Bis 2000 hat sich das Durchschnittsgewicht dieser Altersgruppe auf rund 71 kg erhöht. Im gleichen Zeitraum stieg das Gewicht von Frauen der Altersgruppe von 40 bis 49 von 65 kg 77 kg. Vor 30 Jahren war in Großbritannien einer von zehn Erwachsenen fettleibig; heute ist es eher jeder vierte.

Was ist passiert? Unter Bezugnahme auf Untersuchungen von Sharon Pearcey und John de Castro schreibt Kessler, dicke Menschen neigten dazu, mehr zu essen als dünne. Wer wissen will, warum die Amerikaner dicker seien als andere, brauche nur einen Blick auf die riesigen Portionen der dortigen Esslokale zu werfen. Selbst die Briten mit ihrem beeindruckenden Bauchumfang sähen sich durch die Großzügigkeit amerikanischer Esslokale alarmiert. Ganz richtig fragt Kessler: „Dass die Nahrungsmittel verfügbar sind, heißt noch nicht, dass wir sie auch essen müssen. Was hat uns dazu gebracht, dass wir uns überessen?“

Seine Antwort lautet: Unser Essen ist auf maximale Schmackhaftigkeit umgestaltet worden. Fast alle verarbeiteten Nahrungsmittel und Fertiggerichte seien darauf ausgelegt, unsere sensorischen Reaktionen zu steigern. So würden wir „süchtig“ gemacht. Auf allen Ebenen werde dafür gesorgt, das Essen zu einem noch größeren Genuss zu machen. Für das perfekte Gleichgewicht werde der Salz-, Zucker-, Fett- und Stärkegehalt optimiert; synthetisierte Farben, Gerüche und Aromen machten jeden Bissen zu einer noch intensiveren Erfahrung; das Essen werde analysiert, zerlegt, mit Wasser angereichert und wieder zusammengesetzt, damit es möglichst von selbst den Schlund hinabgleite. Bei unserer Ernährung handelt es sich laut Kessler um Babybrei in Technicolor. Dieser Burger und jener Keks (Kessler gesteht, eine Schwäche für Kekse zu haben), diese Pommes und jener Drink seien kulinarisches Crack und wir die Junkies. Daher schaufelten wir das Zeug unaufhörlich in uns hinein.

Kesslers Erklärung der Fettleibigkeit weist einige erhebliche Mängel auf. Wie er betont, essen nicht nur die Fettleibigen zu viel, sondern viele Menschen tun das. Warum können manche sich vollstopfen, ohne ihren Gürtel zu sprengen, während andere immer weiter aus der Form gehen? Die Beantwortung dieser Frage wäre viel interessanter, als sich Sorgen über unseren übermäßigen Genuss bestimmter Nahrungsmittel zu machen. Problematisch an Kesslers These ist außerdem, dass er, um seine Behauptungen zu belegen, zu gewagten Extrapolationen auf Grundlage verschiedener Tierversuche neigt. Bei Mensch und Nager gibt es zwar einige Parallelen bei den Auswirkungen von Nahrungsmitteln auf die Ausschüttung von Hormonen wie Serotonin und Dopamin, doch ist die menschliche Psychologie erheblich komplizierter.

Ein anschauliches Beispiel ist „Andrew“ – dessen Name rücksichtsvollerweise geändert wurde. „Andrew ist etwa fünf Fuß und neun Inches [180 cm] groß und wiegt etwa 245 Pfund [111 kg]“, schreibt Kessler. Laut Kessler ist Andrew außerdem kein Schwächling, denn er hat „furchtlos von den verschiedensten Schlachtfeldern der Welt berichtet“: „Er war bei Dschihadisten, Selbstmordattentätern und kriegserfahrenen Soldaten, und er hat den verschiedensten Gefahren furchtlos ins Auge gesehen. Als ich aber M&Ms vor ihm auf den Tisch legte, konnte er damit nicht umgehen.“ Andrew kämpft offenbar andauernd mit dem Wunsch zu essen: „Ich wache morgens auf und weiß, das Essen ist mein Feind – und ich bin selbst mein Feind … ich kann das nicht kontrollieren.“

Solche Situationen mit einer magischen Eigenschaft der Nahrungsmittel erklären zu wollen, erscheint befremdlich. Nach eingehender Untersuchung von Andrews Kampf mit dem Essen schreibt Kessler: „An einem erfolgreichen Tag mit maximaler Selbstbeschränkung nimmt Andrew etwa 1500 Kalorien zu sich; diese Menge ist sein Ziel, um abzunehmen. Aber am nächsten Tag sind es vielleicht 5000, die er zu sich nimmt. Meistens kann er nicht beurteilen, wann er genug gegessen hat, und er ist verwundert, wenn andere seinen Wunsch abzunehmen nicht teilen.“ Aber vielleicht ist das eigentliche Problem von Andrew auch bloß der alte Konflikt zwischen dem Bedürfnis, mit der eigenen schlanken Linie den gesellschaftlichen Normen zu entsprechen – und dieses Bedürfnis dürfte bei jemandem, der in den Medien tätig ist, besonders ausgeprägt sein – und der Tatsache, dass 1500 Kalorien einem kräftigen Mann kaum ein Sättigungsgefühl verschaffen dürften.

Wie der Wissenschaftsjournalist Gary Taubes in seinem Buch Good Calories, Bad Calories schreibt, entwickeln viele Männer, denen man kalorienarme Diäten aufzwingt, eine Art Neurose, derzufolge sie dann nur noch über das Essen nachdenken. Und Paul Brickhill weist in seinem Buch Great Escape darauf hin, bei den unablässigen Fluchtversuchen der alliierten Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg sei es auch um ihre knurrenden Mägen und keineswegs nur darum gegangen, den Feind zu beschäftigen – ein Faktum, das in der Verfilmung des Buches keineswegs angemessen berücksichtigt wurde. Hunger ist mächtig, aber davon, dass Dicke eventuell nicht fresssüchtig, sondern lediglich hungrig sind, will Kessler nichts wissen.

Weiter erzählt Andrew, als Kind habe er nach jedem erfolgreichen Spiel seines „Little League Teams“ ein Eis bei der Speiseeiskette Carvel in New York bekommen. Und jetzt sei er immer, wenn er sich wieder in der Stadt aufhalte, ganz wild darauf, dort ein Eis zu essen. Um ihn davon abzuhalten, brauche er seine Frau, die er als seinen AA-Sponsor bezeichnet. Meine erste Reaktion auf diese Geschichte war, Andrew durchschütteln zu wollen und ihm zu sagen, er solle das Eis ruhig essen. Wenn er nicht zu Carvel geht, wird er vielleicht etwas dünner, aber die Therapierechnung wird dafür immer höher – anstatt sich ständig selbst zu verleugnen, sollte er lieber die Freuden des Lebens genießen. Aber die Geschichte verdeutlich natürlich, dass unsere Essgewohnheiten durch erheblich mehr Faktoren bestimmt werden als bloß durch die Stimulierung von Gehirnarealen durch spezielle sensorische Erfahrungen. Offensichtlich ist außerdem, dass der permanente Kampf zwischen Essenswunsch und Schlankheitswahn zu einer total verkorksten Einstellung zum Essen führt. So haben wir eine gesellschaftsweite Essstörung entwickelt.

Mit der Geschichte von Andrew will Kessler erklären, warum nicht alle die gleichen Nahrungsmitteln präferieren: Die durch Zucker, Fett und Salz ausgelösten neurologischen Glücksgefühle würden mit den Erinnerungen an wichtige Ereignisse vermischt, sodass starke emotionale Bindungen an bestimmte Nahrungsmittel entstünden. Aber dieser Punkt untergräbt das Argument, demzufolge es bestimmte Qualitäten der Nahrungsmittel selbst seien, die uns süchtig machen. Kessler behauptet, wir alle seinen nahrungsmittelsüchtig, aber jeder sei süchtig nach einem anderen Nahrungsmittel. Der Standort, die Marke und andere Qualitäten der Nahrungsmittel haben auf den Einzelnen offenbar eine mindestens ebenso große Wirkung wie die eigentlichen Zutaten, sodass die Parallele zur Drogenabhängigkeit offenbar nicht haltbar ist. Tatsächlich können Menschen Obsessionen bezüglich aller möglichen unbelebten Objekte, Substanzen oder Praktiken entwickeln. Der Schlüssel zum Verständnis dieses Prozesses liegt jedoch im Kopf und nicht in der Fetischisierung von Dingen.

Wie Patrick Basham und John Luik auf spiked-online.com bereits kritisch über die „Lebensmittelsuchtthese“ geschrieben haben, ist die ganze Idee einer Abhängigkeit dubios und schreibt Chemikalien die Fähigkeit zu, den Menschen zu kontrollieren. Diese seien aber, anders als Ratten, immer wieder in der Lage, der sogenannten Abhängigkeit von psychoaktiven Substanzen zu entrinnen. Die wissenschaftliche Literatur ist voll mit Geschichten von Drogenkonsumenten, die trotz ihrer „Abhängigkeit“ in der Lage waren, den Konsum ihrer Droge einzustellen. So ergab etwa die 1974 erschienene Studie von Leen Robbins über Vietnamveteranen, dass nur 50 Prozent derjenigen, die in Vietnam Drogen konsumiert hatten, diese auch nach der Rückkehr in die USA weiter konsumierten, und von diesen entwickelten sich nur 12,5 Prozent zu regelmäßigen Konsumenten. Und die Studie über Heroinsucht von Gerry Stimson und Edna Oppenheimer zeigte, dass der von Konsumenten von Heroin und anderen Substanzen durchlaufene Zyklus von Abhängigkeit und Erholung nicht damit übereinstimmt, dass unser Verhalten durch pharmakologische Zwangsstörungen und Gehirnkreisläufe bestimmt wird.

Auch die Behauptung, Nahrungsmittelhersteller seien in Wirklichkeit Drogendealer, ist natürlich völlig überzogen. Im Wesentlichen behauptet Kessler, die Schuld der Fast-Food-Ketten bestehe darin, dass sie Nahrungsmittel herstellten, die einfach zu gut schmecken. Das ist bizarr. Essen sollte Freude machen, und der Wunsch, diese Freude zu optimieren, ist natürlich gut. Aus Kesslers Perspektive sollten wir von der Regierung Richtwerte verordnet bekommen darüber, wie viel Freude etwas bereiten darf, nur für den Fall, dass wir abhängig werden.

Diese Weltanschauung passt gut zu Kesslers persönlicher Biografie. Als Mitarbeiter der FDA war er überzeugt, die Tabakhersteller hätten den Zigaretten vorsätzlich süchtig machende Stoffe beigemengt, damit sie uns diese „Sargnägel“ noch besser verkaufen könnten. Wenn man Verbraucher in hilflose Opfer und Fettleibigkeit in Sucht verwandelt, dann bleibt Experten wie Kessler nichts anderes übrig, als zu intervenieren und diese Suchtstoffe zu beschränken und zu regulieren. Man kann sich kaum eine größere Spielverderberei vorstellen. Das Ende des Überessens wird den Bauchumfang in Amerika und anderswo kaum beeinflussen. Aber es zeigt sich, wie die Menschen heute gesehen werden: als Therapiefälle, die so schwach sind, dass man Kekse- und Eisessen als gleichbedeutend mit Heroinspritzen betrachten muss.