10.02.2013

Therapiekultur: Vom seltsamen Mythos, wir seien alle ein bisschen verrückt

Von Ken McLaughlin

Die Auffassung, jeder Mensch sei in gewisser Weise psychisch krank, ist falsch. Sie sorgt nicht zuletzt dafür, dass wirklich Hilfebedürftigen nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt wird. Ken McLaughlin über die Medikalisierung unseres Alltags unter psychotherapeutischen Vorzeichen

Vor einer Weile habe ich an einer öffentlichen Diskussion über Psychotherapie teilgenommen. Überraschenderweise löste das Thema eine äußerst hitzige Debatte im Saal aus. Es wurden sehr vielfältige und interessante Meinungen geäußert. Sehr oft hörte man das Argument, wonach man nicht streng zwischen mentaler Gesundheit und psychischer Krankheit unterscheiden könne. Stattdessen müsse man anerkennen, dass solche einfachen Schwarz-weiß-Unterscheidungen im Zusammenhang mit der Psyche nicht sinnvoll seien. Vielmehr gehe es darum, seelische Gesundheit/Stress als ein Kontinuum zu begreifen, mit mentaler Gesundheit an einem Ende der Skala und mentalem Stress am anderen Ende. Jeder von uns ist in jedem Augenblick auf einer bestimmten Position auf dieser Skala verortet – die Position ist jedoch keineswegs konstant. Mit der Zeit und sich wandelnden Lebenssituationen bewegen wir uns mal mehr auf die eine, dann wieder stärker auf die andere Seite der Skala zu. Mit anderen Worten: Es gibt keine entschiedene und rigide Trennlinie zwischen „psychisch krank“ und „geistig gesund“. Daher führe eine Klassifizierung einiger als „psychisch krank“ zu einer „Wir“-und-„die Anderen“-Situation, wobei „die Anderen“ stigmatisiert und unterdrückt würden. Das Kontinuumsmodell wird von vielen Psychologen befürwortet und scheint auch Sinn zu ergeben. Tatsächlich jedoch ist es fehlerhaft und wenig hilfreich. Es trägt kaum dazu bei, jenen zu helfen, die therapeutische Hilfe dringend benötigen, aber umso mehr dazu, uns alle als psychisch verletzlich zu kategorisieren.

Psychische Gesundheit als Kontinuum

Es ist leicht nachvollziehbar, welcher Aspekt des Kontinuummodells deren Befürworter überzeugt. Erstens ist die Klassifizierung und Diagnose von bestimmten Verhaltensmustern als psychische Störung weit davon entfernt, eine exakte Wissenschaft zu sein. Auch ist die Medikalisierung von Stress historisch betrachtet ein relativ junges Phänomen. Einige radikalere Kritiker wie der Psychiater Thomas Szasz behaupten sogar, dass es so etwas wie seelische Erkrankungen gar nicht gäbe. Es handele sich hierbei um einen Mythos, der dazu diene, jene Menschen zu kontrollieren, die Verhaltensweisen an den Tag legen, die unsere Gesellschaft nicht verstehen oder tolerieren kann. Der Geist könne wie die Wirtschaft nur in einem metaphorischen, nicht aber im wörtlichen Sinne krank sein. Psychische Krankheiten existieren dieser Sichtweise zufolge nicht wirklich, sondern sind von Psychologen und Psychiatern konstruiert. Ein Krebskranker hat Krebs unabhängig davon, ob ein Arzt die Krankheit feststellt oder nicht. Ein Patient mit Schizophrenie andererseits ist erst dann schizophren, wenn der Psychiater es sagt. Letztlich kreiert der Psychiater die Krankheit, indem er sie benennt.

Es ist auch wahr, dass jemand, wenn er erst einmal als psychisch krank deklariert ist, einen anderen Status erhält, der seine Menschenwürde untergraben kann. Die Mitmenschen betrachten einen psychisch Kranken möglicherweise nicht mehr als Individuum mit eigener Lebensgeschichte, individuellen Wünschen und Sehnsüchten, sondern als den „Schizophrenen“, den „Verrückten“. Statt ihn als Lebewesen mit Herz und Seele zu verstehen, behandeln sie den Erkrankten jetzt eher wie ein leeres Gefäß. Aus der Person ist ein Patient geworden.

„Statt zu erkennen, dass die heutige inflationäre Verwendung des Krankheitsbegriffs ein historisch-spezifisches Phänomen ist, wird eine solche Kritik oft als Angriff auf die eigene Integrität gewertet.“

Mit dem Patientenstatus geht ein Verlust vieler Bürgerrechte einher, der von den meisten von uns ganz selbstverständlich akzeptiert wird. Sobald ein psychiatrischer Befund erstellt wurde, kann der Patient unter bestimmten Bedingungen laut der Gesetzgebung zu psychischen Krankheiten auf unbegrenzte Zeit eingesperrt und gegen seinen Willen medikamentös behandelt werden.

Befürworter des Kontinuumsmodells betonen auch den Einfluss politischer, wirtschaftlicher und kultureller Faktoren auf die psychiatrische Theorie und Praxis. In Klassifizierungsmodellen und medizinischen Interventionen spiegeln sich oft auch die Vorurteile der jeweiligen Zeit wider. Zudem tragen sie dazu bei, eigentlich sozial und ökonomisch bedingte Probleme zu individualisieren und pathologisieren. Die obigen Ausführungen sind sehr hilfreich, uns für die Gefahren zu sensibilisieren, die mit der Medikalisierung menschlicher Erfahrungen einhergehen. Trotzdem hat die Auffassung, dass sich seelische Gesundheit und Krankheit als Kontinuum beschreiben lassen, viele Schwächen.

Schwächen der Kontinuumstheorie

Erstens ist das Kontinuumsmodell in dem Sinne korrekt, dass alle psychischen Erfahrungen Emotionen beinhalten und dass es keine rigide, ahistorische oder apolitische Trennlinie zwischen normal und unnormal gibt. So leidet das gestern noch einfach als frech angesehene Kind heute an ADHS und der schüchterne Erwachsene wird plötzlich zum Patienten mit einer „vermeidenden Persönlichkeitsstörung“. Dennoch: Alle Seelenzustände als zum selben Kontinuum zugehörig zu betrachten, schwere Depression ebenso wie gelegentliches Schlecht-drauf-Sein, ist, als würde ich den Sandkasten meines Kindes mit der Sahara vergleichen wollen: Beide enthalten Sand, aber da enden die Gemeinsamkeiten auch schon.

Eine weitere Schwachstelle der Kontinuumstheorie ist, dass ihre Verfechter selbst nicht von ihr überzeugt sind. Viele von ihnen treffen regelmäßig Entscheidungen darüber, wer in unserer Durchschnittsgesellschaft durch seine „Andersartigkeit“ aus dem Rahmen fällt. Sogar die radikalsten und fortschrittlichsten Programme zu Gunsten psychisch Kranker – beispielsweise therapeutische Gemeinschaften oder diverse Unterstützungseinrichtungen – folgen strikten Auflagen. Bevor sie Hilfe anbieten, bewerten sie individuell den psychischen Zustand und somit die Krankheitsintensität und Unterstützungsbedürftigkeit des Hilfesuchenden. Zwar lehnen sie vielleicht das gängige medizinische Modell der Diagnostik, Einstufung und medizinischen Behandlung von Erkrankten ab, gleichzeitig jedoch klassifizieren und differenzieren sie selbst. Egal welches Entscheidungsschema zur Bestimmung der Krankheitsintensität der Patienten auch angewendet wird, das Endresultat ist dasselbe: Das Kontinuum wird zerbrochen.

Das stärkste Argument der Vertreter des Kontinuumsmodells basiert auf der Feststellung, dass unser heutiges Verständnis der Psyche sowie die Methodik der Diagnose und Behandlung von seelischen Erkrankungen historisch konstruiert wurden. Politik und gesellschaftlicher Wandel hatten auf unser heutiges Verständnis der Ursachen und auf die Entwicklung von Therapieformen für psychische Krankheiten großen Einfluss. Das größte Defizit in der Argumentationslinie der Vertreter des Kontinuumsmodells ist ihr Versäumnis, den Einfluss solcher Faktoren auf die gegenwärtige Debatte über psychische Gesundheit richtig einzuschätzen. Wenn das traditionelle Verständnis psychischer Krankheiten durch ein Wechselspiel umfassender gesellschaftlicher Phänomene zustande kam, dann gilt das auch für den gegenwärtigen Trend, alle Seelenzustände auf einem Kontinuum zu platzieren und zu behaupten, dass jeder von uns therapeutische Unterstützung bräuchte, um unser seelisches Innenleben im Gleichgewicht zu halten.

Heute wird jeder als mehr oder weniger psychisch krank erklärt. Wir gelten als schwache und irrationale Wesen, die Steuerung und Führung durch die Regierung und eine Reihe von spezialisierten Therapeuten benötigen. Sogar Organisationen, die in der Vergangenheit die kollektive Stärke ihrer Mitglieder betont haben, wie etwa die Gewerkschaften, tendieren heute dazu, ihre Forderungen eher unter Verweis auf die individuelle Verletzlichkeit der Arbeiter zu artikulieren.

Viele Faktoren haben Einfluss auf diese Entwicklungen – und das Kontinuum-Argument ist einer davon. Zu einer anderen Zeit hätte die Vorstellung, dass wir alle schwach sind und therapeutische Hilfe benötigen, als beleidigend für viele und kaum hilfreich für die wenigen wirklich Kranken gegolten. In der mangelhaften historische Analyse – oder genauer gesagt, dem Abbruch der historischen Analyse kurz bevor man zur Analyse der gegenwärtigen Situation vordringt – spiegelt sich eine Situation wieder, in der das individuelle Selbst mehr und mehr zum einzigen Bezugspunkt wird. Das ist ein Grund, warum viele Menschen, die psychische Erkrankungen erlebt oder in der Vergangenheit bereits psychologische Hilfe in Anspruch genommen haben, heute sehr verärgert reagieren, wenn die gegenwärtige therapeutische Kultur kritisiert wird. Statt zu erkennen, dass die heutige inflationäre Verwendung des Krankheitsbegriffs ein historisch-spezifisches Phänomen ist, wird eine solche Kritik oft als Angriff auf die eigene Integrität gewertet.

Um solche Reaktionen auf diesen Artikel zu vermeiden, zitiere ich hier einen leicht abgeänderten Ausschnitt eines Songtexts von Carly Simon: „Du bist so eitel, wahrscheinlich meinst du, dieser Artikel handelt von dir“. Das tut er nicht – aber es ist dringend notwendig, dass wir damit aufhören, die Trennlinie zwischen alltäglichen Problemchen und tatsächlichen psychischen Erkrankungen zu verwischen.