13.08.2015

ADHS: Wenn Kindsein krank macht

Von Mareike König

Die Pathologisierung der Gesellschaft fängt schon bei den Allerkleinsten an: Aus Angst vor möglichen Negativkonsequenzen gibt man unaufmerksamen Kindern lieber präventiv eine tägliche Dosis Ritalin. Weniger Aktionismus wäre angebracht, findet Mareike König

„Einschulungspolitik kann die Diagnosehäufigkeit von ADHS im Kindesalter beeinflussen.“ Zu diesem Ergebnis kam eine von der Kassenärztlichen Vereinigung in Auftrag gegebene Studie [1], über die am Dienstag verschiedene Medien berichteten. Demnach fand ein Forscherteam von der Ludwig-Maximilians-Universität München heraus, dass bei den jüngsten Kindern einer Klasse, die erst kurz vor dem Einschulungsstichtag das sechste Lebensjahr vollenden, deutlich häufiger eine Diagnose der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) gestellt wird als bei ihren knapp ein Jahr älteren Mitschülern.

Die Ergebnisse kommen wenig überraschend. Amerikanische Wissenschaftler hatten schon im Jahr 2010 einen derartigen Effekt nachweisen können. [2] Auch der renommierte US-Psychiater Allen Frances setzt sich in seinem kürzlich erschienen Buch Normal. Gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen mit der Modediagnose ADHS auseinander. [3] In den USA werden die ADHS-Diagnosen so beliebig gestellt, dass „jetzt beachtliche 10 Prozent der Kinder dafür in Frage kommen“, schreibt Frances, darunter auch sehr viele frisch eingeschulte Kinder (ganz überwiegend Jungs). Die Schwierigkeit in der ADHS-Diagnose bestehe darin, dass diese im Kern der Unreife entspricht, mit Symptomen wie „fehlende Impulskontrolle“, „Hyperaktivität“, oder „mangelnde Aufmerksamkeit“. Die Analyse der deutschen Stichprobe konnte dem Befund mehr Nachdruck verleihen.

„Kinder die quasi gleich alt sind, haben aufgrund der Einschulungspolitik ein unterschiedlich hohes Risiko, eine ADHS-Diagnose zu bekommen“, so lautet das Fazit der Forscher. Wie ungerecht: Nur weil ein Kind am 30.09. [4] eines Jahres geboren wurde und nicht am 01.10., ist es einem erhöhten „Risiko“ ausgesetzt, eine ADHS-Diagnose zu erhalten. Dementsprechend erscheint auch die Empfehlung der Forscher, die Einschulungszeiten zu flexibilisieren, sinnvoll. Aber dieser Lösungsvorschlag kratzt leider nur an der Oberfläche.

„Laienpsychologen wie Lehrer und Eltern haben ihre eigenen Vorstellungen von Normalität, die sich selten auf eine psychologische und medizinische Basis stützen“

Das eigentliche Problem ist ein anderes. Für Psychologen und Ärzte ist es schwierig festzustellen, ob ein Kind tatsächlich an ADHS leidet. Es handelt sich um eine psychische Störung, für die es keine direkten neurophysiologischen Untersuchungsverfahren gibt, die eine zweifelsfreie Diagnose erlauben. So stützt sich die Diagnostik, wie bei vielen anderen psychischen Erkrankungen auch, auf eine Kombination verschiedener Tests und Verfahren.

Dabei ist normalweise ein entscheidendes Diagnosekriterium, dass der Patient sich durch die Symptome beeinträchtigt fühlt – einen Leidensdruck erfährt. Da Kinder sich dessen aber in der Regel noch nicht bewusst sind und sich die für das Kind selbst wahrnehmbaren negativen Implikationen einer ADHS-Erkrankung im jungen Kindesalter noch in Grenzen halten, müssen Eltern und Lehrer erkennen und beurteilen, ob krankhaftes Verhalten vorliegt. Gerade bei der ADHS-Diagnose haben die Eindrücke von Lehrern, an denen sich sehr häufig auch die Eltern orientieren, einen sehr großen Einfluss. Denn der Psychologe ist seinerseits auf die Berichte von Lehrern und Eltern angewiesen, weil in der psychiatrischen oder psychologischen Sprechstunde bestimmte auffällige Verhaltensweisen schlicht nicht zu beobachten sind.

Und das ist der Kern des Problems: „Laienpsychologen“ wie Lehrer und Eltern haben ihre eigenen Vorstellungen von Normalität, die sich selten auf eine psychologische und medizinische Basis stützen, sondern eher von kulturellen Faktoren bestimmt sind. Natürlich sind auch Psychologen nicht frei vom Zeitgeist, der uns jeden Tag aufs Neue einflüstert, wie verletzlich und hilfsbedürftig wir Menschen angeblich sind. Vor allem Lehrer scheinen den Rahmen der Normalität allerdings sehr eng zu setzen. In einzelnen Studien „diagnostizierten“ Lehrer bei bis zu 23 Prozent [5] der Schüler einer Klasse – also jedem vierten Kind – ADHS. Was für ein trauriger Befund für eine Profession, die sich gerade durch Offenheit und Verständnis gegenüber kindlichen Verhaltensweisen auszeichnen sollte, anstatt diese pauschal zu pathologisieren.

Was den oft dämonisierten Einsatz von Psychopharmaka angeht: Die Behandlung mit Ritalin kann bei ADHS für tatsächlich Betroffene sehr hilfreich sein und die Entwicklung von stark beeinträchtigenden sekundären Erkrankungen verhindern. Allerdings scheint die Therapie mit solcherlei Stimulanzien, trotz eines seit kurzem zu beobachtenden leichten Rückgangs, heute weitgehend von einer sorgfältigen Diagnostik entkoppelt zu sein. Zu oft werden sie von Psychiatern auf Empfehlung übereifriger Psychologen nach dem Gießkannenprinzip „präventiv“ über auffälligen Kindern ausgeschüttet. Im Zweifel, um den Eltern ihre Panik zu nehmen. Einem ADHS-Kind soll viel Schlimmes passieren können: Experten warnen vor Substanzmissbrauch, Kriminalität und Schulabbruch.

„Aus Angst, ihre Kinder auf ewig zu verderben, entscheiden viele Eltern, die ‚Kindlichkeit‘ ihrer Sprösslinge medikamentös beseitigen lassen“

Ausgeblendet wird dabei, dass viele der Kinder mit einer leichten bis mittelschweren ADHS häufig mit (und manchmal auch ohne) Unterstützung Möglichkeiten und Wege finden, sich selbst zu helfen und weiterzuentwickeln. Das Risiko, auf die Fähigkeit der Heranwachsenden zu vertrauen, möchte man aber lieber nicht auf sich nehmen. Wir leben schließlich in einer Zeit, in der Eltern immer wieder zu hören bekommen, dass negative Kindheitserfahrungen das Leben eines Menschen dauerhaft bestimmen. Aus Angst, ihre Kinder auf ewig zu verderben und ihnen eine aussichtsreiche Zukunft zu verbauen, treffen so viele Eltern die folgenreiche Entscheidung, die „Kindlichkeit“ ihrer Sprösslinge medikamentös beseitigen lassen.

Am Ende kann die diskutierte Studie vor allem eines leisten: Bei Eltern, Lehrern, Ärzten und Psychologen die Einsicht wecken, dass die ADHS-Diagnose auch von solch banalen Dingen wie dem Alter des diagnostizierten Kindes beeinflusst werden kann. Irren ist menschlich, hat in solchen Fällen aber weitreichende Konsequenzen. Vielleicht lohnt es sich in dieser Angelegenheit, lieber ein, zwei Jahre länger abzuwarten, bevor man eine ADHS-Diagnose stellt oder es im Zweifel auch mal einfach bleiben lässt.