27.01.2017

„Ratgeberbücher führen zu Narzissmus“

Interview mit Svend Brinkmann

Titelbild

Foto: Jessica Ruscello via Unsplash / CC0

Immer man selbst sein zu müssen, kann Menschen egozentrisch machen. Und positives Denken verdeckt strukturelle Probleme, sagt ein dänischer Psychologieprofessor.

Marco Visscher: Dafür, dass Ihr Buch „Stand Firm: Resisting the Self-Improvement Craze“ als Gegengewicht zu Selbsthilferatgebern gilt, enthält es aber reichlich Ratschläge zur Lebensführung.

Svend Brinkman: Das stimmt. Das Buch ist teilweise eine ironische Parodie auf Ratgeberliteratur, aber die Ironie ist durchaus ernst gemeint. Mein Ziel liegt in einer Kulturkritik des heutigen Egozentrismus mittels des Genres, das diesen Egozentrismus verkörpert.

Was spricht gegen Bücher über persönliche Entwicklung?

Nun, die ernorme Anzahl solcher Ratgeber lässt bereits erahnen, dass sie den Menschen nicht zu Glück, Gesundheit, Erfolg oder Reichtum verhelfen. Gäbe es darunter auch nur ein erfolgreiches Werk, könnten wir es ja dabei belassen. Aber es werden jedes Jahr tausende solcher Bücher verfasst.

Sie predigen eine Philosophie, die sich um einen selbst dreht, um das eigene Ich. Man muss „sein wahres Ich“ leben, „entdecken, wer man ist“ und lernen, „sich selbst zu lieben“ Solche Botschaften können schnell in einen Narzissmus führen, aber auch eine bleibende Unzufriedenheit darüber hervorrufen, wer man ist. Der ständige Druck, uns als Person zu entwickeln und zu wachsen, kann sogar Angst wecken – bin ich denn gut genug? – oder Depressionen: Ich komme nicht mehr mit. In Dänemark z.B. leidet einer von fünf Einwohnern an einer psychischen Störung.

„Einen Sinn finden wir außerhalb unseres Selbst: in unseren Beziehungen zu anderen“

Das ist doch nicht die Schuld von Ratgeberliteratur?

Nein, gewiss nicht. Aber die Bücher fungieren an der Oberfläche durchaus als Symptom für eine problematische Kultur, in der wir durch Orientierung auf uns selbst überleben wollen. Fehlenden Sinn im Leben spüren wir nicht in uns selbst auf – und schon gar nicht in einer sich schnell verändernden Gesellschaft, in der man ständig flexibel sein muss. Das ist Gift für unsere geistige Gesundheit.

Welches Gegengift können Sie anbieten?

Wir sollten uns wieder an neuen Quellen für Stabilität und Sinnstiftung in unserem Leben orientieren. Meiner Meinung gewinnen wir Stabilität, indem wir mit unserer Abhängigkeit von Entwicklung und Therapie radikal brechen und einfach mal innehalten. Einen Sinn finden wir nämlich außerhalb unseres Selbst: in unseren Beziehungen zu anderen und der Gemeinschaft, der wir angehören. Mein Gegengift besteht aus dem Vorschlag, dass es mehr Sinn ergeben kann, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie man ein guter und anständiger Menschen werden kann, der sich dem Wohl anderer und seines Umfelds widmet, statt sich auf die eigene Entwicklung und den eigenen Erfolg zu konzentrieren.

Um aber anderen zu helfen, wie Sie sagen, muss man dann nicht zuallerst für sich selbst sorgen?

Da bin ich anderer Meinung. In der Tat behaupten viele Ratgeberbücher, dass man erst sich selbst lieben lernen muss, um andere lieben zu können. Ich halte dies für eine irreführende Auffassung von Liebe. Liebe strömt nämlich nach außen, zu anderen hin. Oft wird hierbei ein bestimmter Vergleich angeführt: Im Flugzeug rät man Erwachsenen, die Sauerstoffmaske erst selbst anzulegen, bevor man seinen Kindern hilft. Diese Metapher täuscht. Treffender ist ein anderer Vergleich: Ein Haufen Leute sitzen in einem Flugzeug und atmen wie besessen in ihre Sauerstoffmasken – vielleicht bewusst als Achtsamkeit oder Meditation –, während das Flugzeug schnell sinkt und niemand mal aufsteht, um zu schauen, ob überhaupt ein Pilot im Cockpit sitzt.

„Wir führen gesellschaftliche oder politische Fragen auf Psychologie und persönliche Entwicklung zurück“

Diese Metapher deutet an, dass wir größere, strukturelle gesellschaftliche oder politische Fragen – symbolisiert durch das abstürzende Flugzeug – nicht mehr hinreichend berücksichtigen, sondern alles auf Psychologie und persönliche Entwicklung zurückführen. Das erkennt man auch bei Organisationen. In Dänemark erhalten überarbeitete Arbeitnehmer Entspannungsübungen zur Achtsamkeit. Damit behandelt man aber nur das Symptom, während das Grundproblem vielleicht in der Firma liegt und ungelöst bleibt.

Wir übersehen also das große Ganze.

In der Tat. Die Neigung, alles auf uns selbst zurückzuführen, ist eine Extremform des Individualismus. Mit dieser Logik müssen wir brechen, indem wir sie völlig auf den Kopf stellen. Deshalb sage ich auch, dass wir aufhören müssen, auf unsere innere Stimme zu hören, und lieber mal anderen zuhören sollten. Es ist nicht so wichtig, sich selbst zu entdecken, sondern die anderen. Man braucht keinen Coach, sondern einen Freund.

„Positives Denken ist nicht vernünftig“

In Ihrem Buch greifen Sie die positive Tonlage in der Ratgeberliteratur an, wo jeder Rückschlag als Chance gilt, stärker daraus hervorzugehen.

Ja, der Drang, alles immer nur positiv zu betrachten, ist weit verbreitet. Kritiker sprechen zu Recht von der „Tyrannei der Positivität”. Sie verweisen auf den Umstand, dass legitime kritische Stimmen deshalb oft zum Schweigen gebracht werden. Positives Denken ist nicht vernünftig und nicht rational. Es macht uns nur blind für echte Probleme. Wenn uns der kritische und negative Blick nicht mehr erlaubt ist, wie können wir dann je verstehen, was wirklich passiert? Die Intendantin des dänischen Staatsrundfunks ist große Anhängerin des „positiven Journalismus“: Jede Nachrichtensendung endet mit einem unterhaltenden Thema, um die Zuschauer vor dem Wetterbericht ein bisschen fröhlicher zu stimmen.

Die starke Neigung, Menschen zum positiven Denken zu bewegen, grenzt beinahe an Wahnsinn. In Dänemark müssen Lehrer in erster Linie gutes Benehmen belohnen und Kritik darf nur konstruktiv und positiv formuliert sein. In dänischen Organisationen kommt es nicht gut an, das Management zu kritisieren, sondern man muss sich ständig weiter entwickeln wollen und flexibler werden. Die Manager ermuntern einen, jedes Problem als Herauforderung und Chance zu betrachten. Das klingt in der Theorie ganz nett, aber funktioniert es auch? Tatsächlich werden so die Probleme und Schwierigkeiten bagatellisiert und schön verpackt. So nimmt man weder die Probleme noch die Menschen, die sie ansprechen, ernst.

Sie plädieren für die Philosophie der Stoiker. Was können wir heutzutage von ihnen lernen?

Der Stoizismus war eine griechische und römische Lebensphilosophie, die in gewisser Hinsicht den modernen Selbsthilfetechniken ähnelt, aber doch eine ganz andere Botschaft vermittelt. Für die Stoiker gab es nur eine Verpflichtung, nämlich kühl und rational zu reflektieren, welche ethischen Aufgaben man hat. Die Stoiker waren sich auch bewusst, dass unsere Menschlichkeit an das Bewusstsein unserer Sterblichkeit gebunden ist. „Memento mori“ ist der Schlüsselbegriff: Bedenke, dass du sterben wirst. Denn dieses Bewusstsein verleiht dem Leben eine tiefere Bedeutung und ermöglicht die Erkenntnis, dass im Leben nun einmal viele Beschränkungen bestehen, die wir nicht alle überwinden können.

Mit dieser Botschaft wird Ihr Buch wahrscheinlich kein Bestseller.

Nein, dafür sollte man lieber wie der Guru Tony Robbins schreiben, dass Erfolg darin besteht, „zu tun, was man will, wann man will und soviel man will“. Leser fühlen sich geschmeichelt, wenn Autoren wie Robbins sie als kleine Götter hinstellen. Wer aber bewusst über die negativen und tragischen Aspekte des Lebens nachdenkt, entdeckt, dass sie wirklich sind, und wird sich der Oberflächlichkeit des positiven Denkens bewusst.