19.08.2016

Therapie statt Politik

Analyse von Brendan O’Neill

Die angelsächsische Bewegung „Black Lives Matter“ vereint schwarzes Opferdenken mit weißer Selbstgeißelung und lässt trennende Rassenkategorien wieder aufleben.

Weiße Selbstverachtung und schwarzes Selbstmitleid: Das scheinen heute die einzigen Varianten radikaler Politik in der angloamerikanischen Welt zu sein. Auf der einen Seite stehen weiße „Linke“, weiße radikale Studenten, weiße Autoren, die sich wegen ihrer Hautfarbe und des „Privilegs“, das ihnen offenbar daraus erwächst, selbst geißeln. „Unser Weiß-Sein ist […] die Farbe der Schande“, so die Dramatikerin Eve Ensler. Und auf der anderen Seite befinden sich schwarze Aktivisten, schwarze Oxford-Studenten, schwarze Autoren, die sich selbst als Ausschussware der Geschichte darstellen, verletzt durch vergangene Ereignisse, traumatisiert durch das weiße Privileg, bedürftig nach Anerkennung ihres Leidens. Beide Seiten haben einen deprimierenden, fatalistischen Hang zum Denken in Rassen-Kategorien gemeinsam – entweder im Sinne eines therapeutischen Projekts zum Exorzismus innerer Dämonen (Weiße) oder, um der Forderung nach Anerkennung des erfahrenen Leids Ausdruck zu verleihen (Schwarze). Die Radikalen lehnten einst die Kategorie „Rasse“ ab, nun greifen sie sie auf und bauen sie aus.

Dieser neue Radikalismus, dieser Totentanz von weißer Selbstverachtung mit schwarzem Selbstmitleid, wird am deutlichsten durch Black Lives Matter (BLM) verkörpert. BLM begann zunächst in den USA als Protestbewegung gegen die Polizeigewalt gegen schwarze Bürger. Jetzt, wo BLM auch in Großbritannien aktiv ist, wird deutlich, wie rückwärtsgewandt dessen Positionen sind. Es handelt sich nicht im Geringsten um eine Graswurzelbewegung – die Proteste locken nur sehr wenige Leute an. BLM ist ein Mittelschichtphänomen, ein Auswuchs der Politik der Sicheren Räume (Safe Spaces) und des Beleidigtseins, die sich in den vergangenen Jahren an den Hochschulen ausgebreitet hat.

Bei den in Großbritannien maßgeblichen Figuren der Bewegung handelt es sich um einen Geographie-Doktoranden und einen „schwarzen, britischen, queeren, nicht-binären Muslim“, der statt „er“ oder „sie“ die dritte Person Plural für sich bevorzugt. Diese Leute sind so repräsentativ für das schwarze Leben in Großbritannien wie Prinzessin Anne für das Leben der Weißen. Ihr Anspruch, für alle britischen Schwarzen zu sprechen, weil sie eben auch schwarz sind, spricht Bände über den der Identitätspolitik immanenten Rassegedanken und damit einhergehend die Vermeidung schwieriger, spaltender Fragen nach Klasse oder Erfahrung.

„BLM ruft die Menschen offen dazu auf, in ihren Rassenkategorien zu verharren.“

Das Bemerkenswerteste an BLM, besonders in der britischen Variante, ist eine zweifache Abweichung von der alten, radikalen antirassistischen Politik. Erstens, indem man die Ansicht, Schwarze seien schwach und therapiebedürftig, fördert. Zweitens, indem man Rassentrennung schafft, ja zelebriert, statt sie überwinden versucht. BLM UK übernahm das Symbol der „erhobenen Hände“ als Zeichen des Opferstatus von BLM US und stellt damit die Schwere des Loses der schwarzen Briten übertrieben dar. Sie beschreiben ihr Leben als eines in der „Krise“, eine Krise, die der gewöhnliche Schwarze meist nicht erkennen könne. Man stellt sich als eine Art Balsam für die aufgewühlten Seelen der schwarzen Massen dar.

Viele Menschen haben ihre Stimme verloren, sie fühlen sich machtlos“, sagte eine der Gründerinnen von BLM UK. „Wir wollen ihnen ihre Stimme zurückgeben.“ Einem anderen Gründer zeige BLM, „dass sein Leben wichtig“ sei. Während frühere antirassistische Bewegungen die Fähigkeiten der Schwarzen – ihr Leben selbst zu gestalten, politisch aktiv zu sein und so autonom wie Weiße zu leben – betont haben, preisen die Führer der BLM-Bewegung ihre Machtlosigkeit, ihr Gefühl der Verletzlichkeit und ihren Bedarf an Vertretung und Bestätigung durch eine Bewegung, an. Das ist Therapie, nicht Politik; und höchst elitär.

Während frühere Aktivisten die Rassenideologie zu überwinden suchten, suhlen sich BLM und ihre Unterstützer, auch die weißen, geradezu darin. BLM betrachtet alles durch ein rassenideologisches Prisma und ruft die Menschen offen dazu auf, in ihren Rassenkategorien zu verharren. BLM UK heißt nach eigener Aussage „weiße Verbündete“ willkommen, doch man ermahnt sie, ihr „weißes Privileg anzuerkennen“. „Nichts verwässern“, heißt es. In den USA herrscht bei manchen Märschen Rassentrennung, Weiße marschieren im Hintergrund und man verbietet ihnen, mit den Medien zu sprechen. Und bei einigen Pressekonferenzen wurden schwarze und weiße Journalisten separiert.

„Man wendet sich ab von Martin Luther Kings Traum, dass alle Menschen nach ihrem Charakter und nicht ihrer Hautfarbe zu bewerten sind.“

Einem Bericht zufolge hat BLM „die weißen und schwarzen Journalisten voneinander getrennt“ und schwarzen Reportern Vorrang eingeräumt. Eine ganz neue Terminologie wurde entwickelt, um diese angeblich radikale neue Segregation zu fördern. „Check your privilege“ (Werd Dir Deines Privilegs bewusst), „Stay in your lane“ (Bleib in Deiner Spur), „Don’t ‚whitesplain‘ racism to me” (Erklär mir nicht den Rassismus aus Deiner weißen Perspektive). Das sind modische Begriffe aus der Identitätspolitik, die im Wesentlichen aussagen, dass rassenübergreifende Solidarität unmöglich sei, da Weiße nicht das erlebt haben, was Schwarzen widerfahren ist.

Weit entfernt davon, die Rassenideologie in Frage zu stellen, fordert BLM UK, die Welt durch die Rassenbrille wahrzunehmen, Menschen in Schwarze und Weiße zu kategorisieren und sich ihnen gegenüber entsprechend zu verhalten. Man wendet sich ganz klar von Martin Luther Kings Traum, dass alle Menschen nach ihrem Charakter und nicht ihrer Hautfarbe zu bewerten seien, ab. Nach Auffassung eines Unterstützers kämen Schwarze und Weiße von „komplett unterschiedlichen Ebenen“, was bedeute, dass es, gewaltige „emotionale Kommunikationslücken“ gibt.

Natürlich hat BLM diesen neuen Radikalismus nicht erfunden, diese „Bleib-in-Deiner-Spur“-Politik, die besagt, dass wir niemals wirklich Menschen mit anderer Hautfarbe verstehen, geschweige denn an ihrer Seite kämpfen können. Vielmehr verkörpert sie lediglich die heute angesagte und zerstörerische Identitätspolitik, die nach Kräften die Gruppenloyalität zu Lasten des Universalismus fördert, die individuelle Erfahrung dem humanistischen Ideal eines Gemeinschaftsgefühls vorzieht und so Solidarität letztlich ganz unmöglich macht. BLM präsentiert sich als avantgardistische, unabhängige Bewegung, doch in Wirklichkeit sollte man sie am Besten als militanten Flügel der elitären Identitätspolitik begreifen, die überall von den Hochschulen bis in die Politik verbreitet ist.

„Die neuen Radikalen machen uns zu Sklaven der Geschichte.“

Es wäre falsch, BLM in Tradition der Black Panthers als neueste Manifestierung des schwarzen Nationalismus nach Martin Luther King zu betrachten. Das war die Antwort vieler Rechter auf das Phänomen BLM: Man hat sie als „schwarze Chauvinisten“ gebrandmarkt und als gefährliches neues Panther-Phänomen behandelt. Aber jene früheren schwarzen Nationalisten betonten die Macht der Schwarzen, was sich in ihrem Wunsch nach Waffen ausdrückte. BLM-Aktivisten dagegen betonen dagegen ihre existenzielle Verletzbarkeit, symbolisiert durch ihre „Hände-hoch“-Geste und ihren Slogan „Nicht schießen“. Schwarze Nationalisten lehnten die weiße Gesellschaft ab, vor allem wegen der Frustration, die daraus erwuchs, dass die Bürgerrechtsgesetze weniger als erhofft für das Alltagsleben der Schwarzen bewirkten. Dagegen ist BLM auf merkwürdige Art von der weißen Gesellschaft abhängig, vor allem von der weißen kulturellen Elite: Man braucht die weiße Selbstverachtung als Bestätigung dafür, dass Schwarzen durch das weiße Privileg und die weiße Geschichte ebenso geschädigt sind, wie durch das, was ein BLM-UK-Unterstützer „Rassenpolitik, die durch ihre inhärente Unsichtbarkeit wirkt“ nennt. Während schwarze Nationalisten Respekt vor ihren Rechten verlangt haben, fordert BLM nach offizieller Anerkennung ihres Leids. Ironischerweise verbindet sie das mit der (weißen) Mehrheitsgesellschaft und ihrer Therapiemaschinerie.

Die Rückkehr des Rassedenkens gibt letztlich einer Verödung radikaler Gesellschaftsvisionen Ausdruck. Radikale, Linke und Liberale haben sich von politischen Forderungen nach echtem, sinnvollen sozialen Wandel ab- und der Identitätspolitik zugewandt; Gesellschaftsmanagement statt Gesellschaftsveränderung. So ist das Gruppendenken zurückgekehrt und die Spaltung der Gesellschaft hat sich intensiviert. Wir sind nicht länger Individuen mit gemeinsamen Interessen, für die wir gemeinsam kämpfen könnten. Stattdessen müssen wir anerkennen, dass wir als rassisch geprägte Kreaturen unüberbrückbar voneinander getrennt sind. Wenn wir schwarz sind, dann müssen wir der Position zustimmen, dass wir durch die Geschichte Schaden erlitten haben. Wenn wir weiß sind, dann müssen wir unsere Privilegien eingestehen – das heißt, uns selbst geißeln für die Verbrechen der Geschichte.

Der Aufstieg von BLM zeigt, wie die Identitätspolitik uns mit Gewalt in Rassen-Schubladen zwingt, aus denen Männer und Frauen einst mit viel Leid und Mühe zu entkommen versuchten. Und er zeigt, wie die alte rassistische Vorstellung, dass die Biologie unser Schicksal bestimmt, durch eine neue, bösartige Vorstellung ersetzt wird: dass unsere Geschichte unseren Charakter und unsere Ansichten prägt. Die früheren Rassisten machten die Menschen zu Gefangenen der Biologie; die neuen Radikalen machen uns zu Sklaven der Geschichte.

Noch schlimmer: Diese neue Politik rehabilitiert paternalistische Ansichten über Schwarze. Man braucht nur zu schauen, wie viele weiße Denker und Autoren bewusst Kritik an BLM vermeiden und sich  nicht trauen, die Bewegung in Frage zu stellen, denn das wäre ja weiße Besserwisserei. Sie denken, sie seien fortschrittlich, dabei behandeln sie Schwarze wie Kleinkinder, wenn sie deren Ideen und Verhalten nicht derselben gründlichen Kritik unterziehen, die weiße Radikale zu erwarten hätten.