16.06.2014

Nein, der Rassismus ist NICHT auf dem Vormarsch…

Analyse von Frank Furedi

Je weiter der Rassismus aus der Gesellschaft verdrängt wurde, desto mehr wittert man ihn allerorten. Der Soziologe Frank Furedi erkennt dabei auch Gemeinsamkeiten zwischen der heutigen Ideologie des Anti-Rassismus und dem Rassismus des 19. Jahrhunderts

Vor allem in den Medien herrscht ein neuer Konsens, dass das Rassismusproblem heute viel größer sei als in der Vergangenheit. Dass Rassismus auf dem Vormarsch sein soll, wurde im Zuge der Erfolge euroskeptischer Parteien bei den Europawahlen regelmäßig behauptet. Wirft jemand Fragen zum Thema Migration auf, bezeichnet man ihn reflexartig als Rassisten. Dieser Konsens scheint regelmäßig durch Untersuchungen, wie die Anfang des Monats erschienene „Mitte-Studie“ der Uni Leipzig [1] oder die ebenfalls vor kurzem veröffentlichte British Social Attitudes Survey, bekräftigt zu werden. Laut der ersten Studie sei “jeder Fünfte in Deutschland ausländerfeindlich”. Letztere Befragung ergab: Fast ein Drittel der Briten sei „etwas“ oder „sehr“ voreingenommen gegenüber Menschen anderer Ethnien. [2] Der Anteil der Menschen, die sich selbst als voreingenommen bezeichnen, habe seit Beginn des Jahrhunderts zugenommen und sei nun wieder auf dem Niveau von vor 30 Jahren angelangt.

„Vorurteil und Voreingenommenheit sind nur indirekt mit Rassismus verwandt.“

Was auch immer damit ausgesagt werden soll, es verrät wenig über die tatsächliche Kraft und den Einfluss von Rassismus. Vorurteile und Voreingenommenheit hängen nur indirekt mit Rassismus zusammen. Ein Vorurteil ist eine vorgefasste Meinung, die nicht auf Vernunft oder unmittelbarer Erfahrung basiert. Vorurteile können dazu führen, Menschen verschiedener kultureller, ethnischer, religiöser und nationaler Hintergründe nicht zu mögen oder abzulehnen. Dennoch sollten Vorurteile, trotz ihrer unangenehmen und auch inhumanen Versatzstücke, nicht mit Rassismus gleichgesetzt werden. Die gesamte Weltgeschichte hindurch hatten Menschen Vorurteile gegenüber Menschen anderer Gruppen. Im Mittelalter waren Bauern oft schon misstrauisch gegenüber Menschen, die im 10 Kilometer entfernten Nachbarort lebten. Anderen Menschen wenig Sympathie, Vertrauen und Respekt entgegenzubringen, mag rückständig und irrational sein, als schlagender Beweis für Rassismus taugt es jedoch nicht.

Echter Rassismus

Es ist erstaunlich, wie gründlich die Ideologie des Rassismus besiegt und beseitigt wurde, wenn man bedenkt, dass ‚Rassendenken‘ bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs kaum irgendwo auf der Welt in Frage gestellt wurde. Sogar in akademischen Kreisen waren Kritiker des Rassismus in den 1930er-Jahren in der Minderheit. Damals wurde der Begriff Rassist in westlichen Gesellschaften neutral, manchmal sogar positiv verwendet. Erst im Laufe der 1930er-Jahre begann das Wort Rassismus negativ konnotiert zu werden. In diesem Jahrzehnt wurde es in der englischen Sprache zum ersten Mal in einem abwertenden Sinn verwendet. [3] Dennoch hatte die Idee der Rassengleichheit selbst zu dieser Zeit auch innerhalb der intellektuellen Gemeinschaft nur wenige Fürsprecher.

Seit den 1930er-Jahren geriet der Rassismus mit seiner repressiven Behauptung, manche Menschen stünden über anderen, sogenannten „Untermenschen“, mehr und mehr in Verruf. Die Idealisierung der rassischen Überlegenheit der Weißen und der Entmenschlichung von Afrikanern und Asiaten wurden kulturell geächtet und an den Rand der Gesellschaft verbannt. Sogar den extremsten fremdenfeindlichen Gruppierungen und Parteien fällt es heute schwer, explizit auf die Sprache der Rassenideologie zurückzugreifen. Die Vorstellung rassischer Überlegenheit fehlt bei öffentlichen Diskussionen des 21. Jahrhunderts auffällig.

Man hat vielleicht immer noch seine Vorurteile, aber kaum jemand definiert sich heute selbst als Rassist. Der Begriff des Rassismus wird sogar von gegen eine andere ethnische oder religiöse Gruppe vorurteilsbehafteten Menschen als negativ erachtet. Dass diese Leute sich zu Aussagen wie „Ich bin kein Rassist, aber…“ gezwungen sehen, deutet bereits darauf hin, dass Rassismus in modernen westlichen Gesellschaften nur sehr geringen kulturellen Rückhalt hat.

Historisch betrachtet drückte Rassismus das Weltbild der Mächtigen aus. Ein Überlegenheitsgefühl, sei es biologisch, moralisch oder kulturell, war integraler Bestandteil der Weltanschauung der die westlichen Gesellschaften dominierenden Eliten. Heutzutage würden sich die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Machthaber wohl kaum auf der Grundlage ihrer „Rasse“ bzw. Ethnie definieren. Äußerst selten artikulieren die Mächtigen offene Abneigung oder krude Vorurteile gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen. Ganz im Gegenteil scheint es heute so, als ob eher diejenigen, die das Gefühl haben, abgehängt und von der Mehrheitsgesellschaft sozial und kulturell an den Rand gedrängt worden zu sein, ein gewisses rassistisches Denken an den Tag legen.

Die Fantasie vom Rassismus belebt die Vorstellungskraft

Paradoxerweise verlief der starke Rückgang des ausdrücklichen Rassenstolzes proportional zu einem Anstieg öffentlicher Beschuldigungen des Rassismus. Ein Grund, warum solche Anschuldigungen zunehmen, liegt darin, dass die Definition von Rassismus sich stark verändert und so gut wie gar nichts mehr mit der ursprünglichen Bedeutung zu tun hat. Heutzutage wird jeder hitzige Konflikt zwischen Menschen verschiedener kultureller oder ethnischer Hintergründe potentiell als rassistischer Vorfall gebrandmarkt. In seiner verstörenden Studie The Myth of Racist Kids [4] berichtete Adrian Hart davon, wie neue antirassistische Richtlinien in britischen Schulen dazu geführt haben, dass alltägliche Spielplatzbeleidigungen zu „rassistischem Verhalten“ umgedeutet werden. Dem Beispiel anderer Institutionen folgend haben Schulen eine ausgedehnte Rassismus-Definition eingeführt, die Vorfälle wie Beschimpfungen oder den Ausschluss eines Kindes aus einem Spiel umfasst.

Durch ein derartiges antirassistisches Vorgehen werden Kinder schon als rassistisch abgestempelt, bevor sie ein Alter erreicht haben, in dem sie überhaupt begreifen könnten, was Rassismus bedeutet. Hart zufolge beträfen die meisten Fälle von Rassismus in Schulen Kinder zwischen neun und elf Jahren. Zwischen 2002 und 2009 wurden rund 250.000 rassistische Vorfälle in Schulen in England und Wales gemeldet.

„Rassismus wurde von einem Akt der Unterdrückung zu einem psychologischen Problem umgedeutet.“

Zu anderen Zeiten wären solche Zwischenfälle als einfache Spielplatzzankereien abgetan worden. Warum gelten sie nun also als rassistische Vorfälle? Die Fantasie, dass sich Rassismus ausbreite, ist von der Überzeugung getrieben, dass viele Individuen, egal was sie sagen oder tun, unterbewusst oder unwissentlich rassistisch seien. Seit den frühen 1980ern Jahren wurde Rassismus auf subtile Weise zu einem psychologischen Problem umgedeutet. Die Neudefinition des Rassismus von einem Akt der bewussten Unterdrückung zu einem unbewussten psychischen Problem wurde auch von staatlichen Instanzen vorangetrieben. . 1999 veröffentlichte eine Untersuchungskommission ein Gutachten über den polizeilichen Umgang mit dem Mord an dem schwarzen Londoner Teenager Stephen Lawrence. Demnach könne institutionalisierter Rassismus „in Prozessen, Einstellungen und Verhaltensweisen gesehen und aufgedeckt werden, die durch unwissentliche Vorurteile, Ignoranz und Gedankenlosigkeit zu Diskriminierung führen und durch rassistische Stereotypisierungen Angehörige ethnischer Minderheiten benachteiligen“. [5] Das Schlüsselwort hier ist „unwissentlich“ – es charakterisiert Rassismus als unbewusste Reaktion, getrieben von unspezifischen Emotionen. Die Idee, dass Menschen unwissentlich Rassisten sein können, bedeutet, dass buchstäblich in jedem ein Rassist stecken kann, ob er oder sie es weiß oder nicht.

„Das Konzept des unbewussten Rassismus macht jeden zu einem potentiellen Rassisten oder Opfer von Rassismus.“

Das Konzept des unbewussten Rassismus macht jeden entweder zu einem potentiellen Rassisten oder einem potentiellen Opfer von Rassismus. Es ‚rassifiziert‘ alle Lebensbereiche. Außerdem drängt sich dadurch eine wichtige Frage auf: Wer entscheidet, ob jemand schuldig ist, sich möglicherweise unbewusst rassistisch verhalten zu haben? Die Komplexität von psychologischer Motivation hinter sogenanntem unwissenden Rassismus wurde in besagtem Gutachten folgendermaßen umschrieben: „Ein rassistischer Vorfall ist eine Begebenheit, die das Opfer oder irgendjemand anderes als rassistisch empfindet“. [6] Den Grundstein für Beschuldigungen des Rassismus bildete von nun an also die individuelle, subjektive Wahrnehmung. So sorgte Macpherson dafür, dass sich das Problem des unbewussten Rassismus mit der Zeit exponentiell ausbreiten würde.

Heutzutage ist in der Diskussion über Rassismus effektiv nicht mehr eine spezifische Handlung ausschlaggebend, sondern vielmehr die Wahrnehmung des Beschuldigenden. Eine der tückischsten Konsequenzen dieser neuen Sichtweise von Rassismus besteht darin, dass es die Stigmatisierung der gesellschaftlich Machtlosen begünstigt. Im Vorfeld der britischen Wahlen im Jahr 2010 bezeichnete der damalige Premierminister Gordon Brown die Rentnerin Gillian Duffy, die ihm zuvor eine Frage zum Thema Einwanderung gestellt hatte, als engstirnig und intolerant. Eine Tonaufnahme dieser abschätzigen Bemerkung wurde veröffentlicht und Brown entschuldigte sich diplomatisch. Trotz dieser Reaktionen stellt es für die meisten Menschen normalerweise kaum ein Risiko dar, jemanden des Rassismus zu bezichtigen. Tatsächlich werden solche Anschuldigungen regelmäßig benutzt, um angeblich Intolerante zu verunglimpfen. Die Institutionalisierung des Antirassismus von Amts wegen stellt in Wirklichkeit einen Akt der moralischen Distanzierung dar, einen Versuch, „diese Intoleranten“ von uns, den Aufgeklärten, abzugrenzen. Es geht darum, die moralisch Minderwertigen zu pathologisieren – was darauf hindeutet, dass diese neue Ideologie des Antirassismus mehr mit den rassistischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts gemein hat, als ihre Vertreter zugeben wollen.