25.09.2015

Gibt es wirklich so viel Polizeirassismus?

Kommentar von Lukas Mihr

Amerikanischen Polizisten wird oft Rassismus gegen Schwarze vorgeworfen, gerade auch von deutschen Medien. Eindeutige statistische Belege für systematischen Polizeirassismus fehlen; man muss sich die Einzelfälle anschauen

In Deutschland gibt es ein beträchtliches Interesse an amerikanischer Polizeigewalt gegen Schwarze. Die Medienberichte haben dabei alle dieselbe Tendenz. „Polizei erschießt erneut Schwarzen in den USA“, schreibt Die Welt [1], „Ferguson: ‚Die Polizei tötet uns immer noch‘“, erfährt man in der ZEIT [2], „Ein Jahr nach den Unruhen in Ferguson: ‚Die Polizei geht wieder brutal vor‘“, schreibt der Bayerische Rundfunk [3]. Es gibt seit Monaten nur eine Interpretation der jeweiligen Ereignisse. Rassistische Polizisten erschießen Schwarze, weil sie schwarz sind – und nicht etwa, weil die Betroffenen meist gewalttätige Verbrecher sind, welche Hautfarbe sie auch haben mögen.

Die Erklärung, dass es sich um Rassismus handele, bedient gleich zwei antiamerikanische Klischees – das des schießwütigen und das des rassistischen Amerikaners. Doch erschießen Polizisten wirklich kaltblütig unbescholtene Bürger, nur weil sie schwarz sind? Nach dem Grundsatz „In dubio pro reo“ darf man Rassismus nur dann annehmen, wenn man ihn auch nachweisen kann. Eine pauschale Anklage gegen alle Polizisten verbietet sich, nur der einzelne Fall kann untersucht werden.

Im Laufe des letzten Jahres sorgten mehrere Todesfälle von Schwarzen in den USA und Deutschland für besonderes Aufsehen – am meisten in Erinnerung blieb wohl der Fall von Michael Brown in der Kleinstadt Ferguson. Sie sollten beweisen, dass die Polizei unbewaffnete Bürger aus rassistischen Motiven erschießt. In den jeweiligen Fällen waren die Opfer tatsächlich unbewaffnet. Sie hatten jedoch oft ein Vorstrafenregister, wurden von der Polizei berechtigterweise kontrolliert und widersetzten sich der Verhaftung. Rassistische Motive konnten in keinem der Fälle glasklar nachgewiesen werden – wohl aber, dass die Beamten nur eine ungenügende Ausbildung erhalten hatten oder generell in der Ausübung ihres Berufs überfordert waren. Einige der Opfer starben durch Schusswaffeneinsatz, andere hingegen durch eine Verkettung unglücklicher Umstände – eine Tötungsabsicht ist also nicht beweisbar. In einen der Fälle waren Polizisten verwickelt, die selbst schwarz sind.

„Auch schwarze Polizisten erschießen schwarze Bürger“

Würde die Polizei Schwarze deswegen erschießen, weil sie schwarz sind, würden ebenso viele Kinder wie Greise sterben, Männer so häufig wie Frauen und neben Drogendealern auch Rechtsanwälte. Die Opfer von tödlicher Polizeigewalt sind jedoch meist junge, erwachsene Männer mit krimineller Vergangenheit.

Aus den Fällen, die in den USA und Deutschland für Aufsehen sorgten, ragt der Fall Tamir Rice hervor. Der 12-jährige Junge hatte öffentlich mit einer täuschend echten Soft-Air-Pistole gespielt und Anwohner verängstigt. Die Polizei wurde alarmiert und schoss direkt nach ihrem Eintreffen auf Rice. Obwohl die Beamten noch den Rettungsdienst herbeiriefen, verstarb der Junge. Dieser Fall ist sicher tragisch. Ist er jedoch nicht vielmehr Ausdruck eines allgemeinen Versagens als ein Beweis für Rassismus? Im Februar 2014 erschoss eine Polizistin den Teenager Christopher Roupe. Sie hatte seinen Nintendo-Wii-Controller für eine Pistole gehalten. Eine Rassismusdiskussion fand diesmal nicht statt – Roupe war weiß.

Statistiken geben Aufschluss

Im Jahr 2013 wurde die Website killedbypolice.com gestartet, die Polizeigewalt dokumentieren soll. Erklärtes Ziel ist es, alle Todesopfer lückenlos zu erfassen. Eine besondere Sympathie für die Polizeibeamten lässt sich ihr nicht nachsagen. Die Auswertung von der Website für die letzten zwei Jahre ergibt folgendes Bild: Insgesamt wurden von Mai 2013 bis April 2015 1603 Menschen durch Polizeibeamte getötet. Weiße stellen bei 62 Prozent Bevölkerungsanteil 49 Prozent aller Toten, Schwarze bei 13 Prozent Bevölkerungsanteil 30 Prozent aller Toten, Latinos bei 17 Prozent Bevölkerungsanteil 19 Prozent aller Toten und Asiaten bei 5.3 Prozent Bevölkerungsanteil 1.6 Prozent aller Toten. [4] Schwarze werden also ca. 2,9 Mal häufiger als Weiße erschossen, Latinos 1.4 Mal häufiger, Asiaten hingegen knapp drei Mal seltener.

Ist aber eine unterschiedliche Todesrate zwischen Weißen und Schwarzen an sich schon ein Beweis für Rassismus? Es gibt auch denkbare alternative Erklärungsansätze. Zwei sollen im Folgenden kurz angerissen werden. Erstens ist die afroamerikanische Bevölkerung relativ jung. Die Altersgruppe von 18-30 Jahren, in der Männer am häufigsten gewalttätig werden, ist – relativ gesehen – ca. 20 Prozent stärker bei Schwarzen vertreten als bei Weißen. Vor diesem Hintergrund gerat könnten Afroamerikaner häufiger mit dem Gesetz in Konflikt geraten und somit einem höheren Risiko ausgesetzt sein, von Polizisten erschossen zu werden. Zweitens könnte es sein, dass die US-Polizei im Süden, wo die Mehrheit der Schwarzen lebt, generell schießwütiger ist als im Norden, und zwar unabhängig von der Hautfarbe, was die landesweite Statistik verzerren würde. So lässt sich die Gehaltsdifferenz zwischen Schwarzen und Weißen in den USA in Teilen auch dadurch erklären, dass Schwarze häufiger im wirtschaftlich schwächeren Süden leben, in dem alle – also auch die Weißen – weniger Geld verdienen.

„Wie Statistiken zeigen, sind Afroamerikaner häufiger kriminell als die übrigen ethnischen Gruppen“

Nun erschießen aber nicht nur weiße, sondern auch schwarze Polizisten schwarze Bürger. Sollte sich hier nicht ein relevanter Unterschied feststellen lassen, wenn wir die Statistik befragen? Die Website killedbypolice.com hilft nicht weiter, weil sie nur die Hautfarbe der Opfer, nicht die der Polizeibeamten erfasst. Ein FBI-Datensample hingegen liefert diese Information. [5]

Ca. ein Drittel aller nicht-weißen Opfer von Polizeigewalt wird von nicht-weißen Polizisten getötet. Dabei sind 78 Prozent aller Personen, die von schwarzen Polizisten getötet wurden, selbst schwarz. Oder anders ausgedrückt: Jeder Fünfte von der Polizei getötete Schwarze wird von schwarzen Polizisten getötet. Das heißt natürlich nicht, dass schwarze Polizisten selbst umso rassistischer sind. Die logischste Erklärung ist, dass ein schwarzer Polizist mit höherer Wahrscheinlichkeit in einer mehrheitlich schwarz besiedelten Region der USA lebt und dort während des Streifendienstes vornehmlich auf schwarze Bürger trifft.

Wie sieht es im umgekehrten Fall aus? Zwischen den Jahren 1980 und 2013 wurden 2269 Polizisten getötet. Die Täter waren zu 52 Prozent weiß und zu 41 Prozent schwarz. [6] Wie Statistiken zeigen, sind Afroamerikaner häufiger kriminell als die übrigen ethnischen Gruppen. Es ist also nicht verwunderlich, wenn sie deswegen öfter in Konflikt mit der Polizei geraten. Laut der US-Volkszählung lebten im Jahr 2010 15 Prozent aller Amerikaner in Armut, jedoch nur zehn Prozent aller Weißen und hingegen 27 Prozent aller Schwarzen. [7] Nimmt man Armut als Indikator für Kriminalität an, erscheinen die unterschiedlichen Todesraten nicht mehr außergewöhnlich hoch.

Mehr Schusswaffen in den USA

Es ist leicht, den amerikanischen Polizisten vorzuwerfen, sie seien schießwütiger als ihre europäischen Kollegen. Bedenkt man aber, dass eben auch die einzelnen Bürger häufiger eine Waffe bei sich tragen als der Durchschnittseuropäer, relativiert sich das Bild. In den eingangs genannten Einzelfällen bestand für die Beamten keine Lebensgefahr. Repräsentativ sind sie jedoch nicht. In den meisten Fällen treffen die Polizisten auf Kriminelle, die sich gegen die Verhaftung wehren, indem sie das Feuer eröffnen. Wenn die Polizei dann zurückschießt, ist dies gerechtfertigte Notwehr.

Kann man der Polizei vorwerfen, dass sie in den anderen Fällen unverhältnismäßig schnell zu tödlicher Gewalt greift? Natürlich! Sogar eine Untersuchung des US-Justizministeriums, die Polizeigewalt in Philadelphia untersuchte, kam zu dem Ergebnis, dass etwa acht Prozent aller Todesopfer keine Gefahr für die Polizei darstellten. Gleichzeitig konnte nicht festgestellt werden, dass Beamte unterschiedlicher Hautfarben häufiger oder seltener eine Situation fälschlicherweise als Bedrohung wahrnehmen und daher schießen. [8]

„In den meisten Fällen treffen die Polizisten auf Kriminelle, die sich gegen die Verhaftung wehren“

Gewalt durch Polizisten bleibt weiterhin ein Problem in den USA. Aber dass sie dabei nach rassistischen Kriterien vorgehen, ist keine zwingende Interpretation der Statistik. Diese Erklärung wäre möglich, bedürfte aber einer weit differenzierteren Untersuchung. Nur die unterschiedliche Hautfarbe zum „Beweis“ für Rassismus zu machen, reicht nicht aus. Die gleiche Strategie wird von Rechten benutzt, um ausländerfeindliche Morde zu relativieren. Unter dem Schlagwort „Deutschenfeindlichkeit“ oder „Antigermanismus“ werden Morde zitiert, bei denen der Täter Aus- und das Opfer Inländer war. Ob die Herkunft aber eine Rolle spielte, wird nicht untersucht. Waren Täter und Opfer vielleicht vor der Tat befreundet, war es eine Schlägerei unter Alkoholeinfluss, ein Eifersuchtsdrama, ein Raubüberfall etc.? Die unterschiedliche Hautfarbe von Täter und Opfer reicht auf beiden Themenfeldern nicht, um Rassismus zu beweisen.

Wer Rechten entgegentreten will, darf ihre Denkfehler nicht wiederholen. Wer reflexartig Rassismus vermutet, verliert aus dem Blick, dass die amerikanische Polizei nicht viele Schwarze, sondern viele Menschen tötet.