08.11.2021

„Drachenlord“ und die Hater: Habt ihr nichts Besseres zu tun?

Von Kolja Zydatiss

Titelbild

Foto: Julia Seeliger via Flickr / CC0 1.0

Sowohl der selbstverliebte YouTuber Rainer Winkler als auch der Mob, der ihn seit Jahren online wie offline nervt und quält, sind Produkte einer orientierungslos und infantil gewordenen Gesellschaft.

„In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes”, lautet eine berühmte, meist dem Künstler Andy Warhol zugeschriebene Prognose, die vielleicht nicht ganz richtig war. Richtiger wäre wohl: „In the future, everyone will want to be world-famous”. In den sozialen Medien tummelt sich mittlerweile ein regelrechter Safari-Park an Influencern, Greenfluencern, Lifestylern, Foodies, Fashionistas, Beauty-Filterern, Filter-Filterern, Trendsettern, Trendspottern, Trendreitern und weiteren Selbstinszenierern, und der Bestand wächst ständig. Laut einer aktuellen Studie wollen 86 Prozent der jungen Amerikaner Influencer werden.

Auf den ersten Blick passt Rainer Winkler überhaupt nicht in diese Welt der vollkommenen Schönheit und des gekonnt in Szene gesetzten Lebens. Der 32-jährige Franke ist stark übergewichtig, hat manchmal Hautprobleme und lebt in einem inzwischen heruntergewirtschafteten Haus, das er von seinem Vater geerbt hat. Doch auch er ist eine Art Influencer. Nach dem Besuch einer Förderschule und diversen Zeitarbeitsjobs erfand sich Winkler 2011 als der „Drachenlord“ neu. Seitdem produziert er Videos für YouTube und andere Plattformen – zunächst sporadisch, mittlerweile mehrere Stunden Videomaterial pro Woche. Es geht um Heavy Metal (vor allem in seiner Anfangszeit), Videospiele, Produktrezensionen, aber vor allem – und das eint diesen eher ungewöhnlichen YouTuber mit anderen selbstverliebten Social-Media-Persönlichkeiten – geht es um Rainer Winkler selbst.

„In den sozialen Medien tummelt sich mittlerweile ein regelrechter Safari-Park an Influencern, Greenfluencern, Lifestylern, Foodies, Fashionistas, Beauty-Filterern, Filter-Filterern, Trendsettern, Trendspottern und Trendreitern.“

Der Drachenlord weiht die Zuschauer in seine Welt ein, in seine Gedanken über Sex mit „großen Wassertieren“, mit Minderjährigen („Es gibt nicht zu jung, sondern nur zu eng“), in die banalsten Details seines Alltags. Der Mann kann stundenlang am Stück rumschwallen. Hinsichtlich der Frage, wie viel Geld er mit seinen Videos und Live-Streams verdient, hat Winkler verschiedene Angaben gemacht. 2018 sagte er einem Reporter, er verdiene zwischen 1500 und 2000 Euro im Monat durch Werbeeinnahmen. Kürzlich gab er vor Gericht monatliche Einnahmen von 3000 bis 6000 Euro durch seine YouTube-Tätigkeit an.

Dass sich der Drachenlord vor dem Amtsgericht wegen schwerer und gefährlicher Körperverletzung sowie Beamtenbeleidigung verantworten musste und schließlich am 21. Oktober zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt wurde (das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, sowohl die Staatsanwaltschaft, als auch die Verteidigung haben Berufung eingelegt), ist der traurige Höhepunkt einer Konflikteskalation zwischen Winkler und einer Art Hassgemeinde, den „Haidern“ (Hater, in fränkischer Mundart ausgesprochen), die ihn seit Jahren online wie offline trollt und mit teils grausamen Methoden zu provozieren versucht.

Seit über fünf Jahren statten die Haider dem Wohnhaus des Drachenlords (das sie „Drachenschanze“ nennen) in dem 40-Seelen-Dorf Altschauerberg (Emskirchen, Mittelfranken) regelmäßig Besuche ab. Einige bewerfen es mit Steinen, Unrat und Farbe. Unzählige Male wurden Dinge in seinem Namen bestellt, auch das Grab seines Vaters wurde schon geschändet. Phasenweise stehen täglich mehr oder minder aggressive Gruppen von Schaulustigen vor Winklers Grundstück und versuchen, ihn zum Rauskommen und zu einem Wutanfall zu provozieren. Aufnahmen davon werden wie Trophäen ins Netz gestellt. Nach Auskunft der Polizei finden um das Haus herum an manchen Tagen mehr als zwei Dutzend Polizeieinsätze statt. Winkler wurde außerdem zum ersten deutschen Opfer des sogenannten Swattings, in seinem Fall wurde die Feuerwehr unter Vorspiegelung falscher Tatsachen zu ihm nach Hause gerufen.

„So eine Monetarisierung der eigenen Selbstdarstellung hätte es vor 10 oder 15 Jahren nicht gegeben.“

Im Sommer 2018 erreichte die Kampagne gegen Winkler (von den Haidern „Drachengame“ genannt) ein neues Level im realen Leben, als Personen aus der Szene sich zu einer Art Party („Schanzenfest“) im Dorf Altschauerberg verabredeten. Trotz Versammlungsverbots rückten etwa 800 Teilnehmer an und feierten lautstark. Die Feuerwehr musste einen Brand im Gestrüpp löschen, ein Großaufgebot der Polizei sprach 300 Platzverweise aus. Natürlich ist nicht nur Winkler Leidtragender dieses „Spiels“, sondern auch dessen unbeteiligte Nachbarn.

Fotos von Winkler werden auch regelmäßig genutzt, um Falschgerüchte in Umlauf zu bringen, er sei für Attentate und Amokläufe verantwortlich. Letzten Monat wurde etwa behauptet, ein Rainar Winklarson habe in Norwegen die Morde mit Pfeil und Bogen verübt (tatsächlich war der Täter ein Islamist). Zahlreiche Newsseiten fielen darauf rein und verbreiteten die Meldung, zusammen mit einem Foto von Winkler beim Bogenschießen. Das Endziel des Drachengames ist in der Haider-Szene umstritten, viele wollen Rainer Winkler im Gefängnis sehen, manche ihn in den Suizid treiben.

Inwieweit der Drachenlord die viele Aufmerksamkeit zunächst genossen hat, ist schwer zu beurteilen. 2014 veröffentliche er jedenfalls seine genaue Adresse im Netz und forderte seine Online-Hater auf, ihn privat aufzusuchen. Später lud er seine „Fans“ dann zu Posterverkäufen auf seinem Hof ein, zuletzt 2018. Das Spiel mit der Provokation ist für Winkler nicht nur eine lukrative Einkommensquelle, sondern scheint ihm auch Spaß zu machen, alternativ dazu könnte er einen touretteartigen Drang zum unwillkürlichen Aussprechen von Geschmacklosigkeiten haben (am berüchtigtsten ist wohl seine Antwort auf eine Nutzerfrage, was er denn vom Holocaust halte: „Ne nice Sache“ – Winkler verteidigt diese Aussage als missverstandenen Sarkasmus oder als Verwechslung mit Hiroshima 1945). Ein psychologisches Gutachten attestierte ihm verminderte Intelligenz und eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Eine politische Agenda scheint er nicht zu haben. Mittlerweile fühlt er sich wohl einfach nur terrorisiert, was auch die brutalen tätlichen Angriffe auf seine Belagerer erklären würde (unter anderem mit einer Taschenlampe und einem Backstein), die ihm – neben Beleidigungen von Polizeibeamten – die Haftstrafe einbrachten (zuvor war er bereits u.a. wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden).

„Ausbildung und Berufsleben als bei der Kommune angestellter Straßenbauer oder selbstständiger Malermeister? Wie uncool, im Vergleich zur weithin bewunderten Netzpersönlichkeit!“

Ein aktueller Beitrag des Spiegel-Kolumnisten Sascha Lobo schlägt ziemlich schrille Töne an (die Haider als „faschistoide Menschenfeinde“…) und zeichnet Rainer Winkler recht einseitig als schuldloses Opfer, macht aber auch zwei interessante und kluge Beobachtungen: Das Martyrium des „dummen“ Drachenlords sei „auch die Kehrseite des ohnehin schwierigen gesellschaftlichen Fetischs Intelligenz“, schreibt Lobo. Und: „Die Haider nutzen aus, dass es in vielen Teilen der Gesellschaft eine höhere Sensibilität für diskriminierende Aussagen gibt […].“ Letzteres wurde auch vor Gericht deutlich, als einige Zeugen ihre Belästigung des Drachenlords als eine Form von zivilgesellschaftlichem Engagement gegen Sexismus, Rassismus und Antisemitismus zu framen versuchten (die Richterin war davon wenig beeindruckt und kanzelte sie schnell ab).

Ohnehin wirkt fast alles an dieser seltsamen Story irgendwie „zeitgeistig“. Allein schon die Vorstellung, mit langatmigen Onlinevideos voller Banalitäten, Geschmacklosigkeiten und „too much information“ seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. So eine Monetarisierung der eigenen Selbstdarstellung hätte es vor 10 oder 15 Jahren nicht gegeben, nicht nur, weil die technischen Plattformen dafür weniger entwickelt waren, sondern vor allem, weil kaum jemand auf diese Idee gekommen wäre.

Noch vor nicht allzu langer Zeit hätte jemand wie der Drachenlord wohl standardmäßig einen einfachen, aber „richtigen“ Beruf, den man mit dem Händen macht, erlernt (und damit vielleicht gar nicht so schlecht verdient). Heute macht sich Rainer Winkler mit seinen unbeholfenen und unfreiwillig komischen Versuchen, um jeden Preis „Influencer“ zu werden, zum Gespött der Menschheit (oder zumindest des deutschen Sprachraums). Hier rächen sich verschiedene gesellschaftliche Fehlentwicklungen, die leider viel zu wenig thematisiert und hinterfragt werden. Erstens die „Du bist etwas Besonderes“-Wohlfühl-Pädagogik unserer Zeit. Zweitens die abnehmende Erwartung an die weniger intelligenten und intellektuellen Mitglieder unserer Gesellschaft, dass auch sie ihr Leben irgendwie auf die Reihe kriegen (und eben nicht primär mitleids-, betreuungs- und therapiebedürftige Opfer ihre Umstände sind). Und drittens vielleicht auch die jahrzehntelange Abwertung von allem vermeintlich oder tatsächlich „Normalen“, „Konventionellen“ und „Kleinbürgerlichen“ durch tonangebende Kreise, wie sie auch die Publizistin Cora Stephan in ihrem aktuellen Buch „Lob des Normalen“ beschreibt. Ausbildung und Berufsleben als bei der Kommune angestellter Straßenbauer oder selbstständiger Malermeister (realistische Ziele: schmuckes Eigenheim, Neuwagen, Griechenlandurlaub)? Wie uncool (und anstrengend), im Vergleich zur weithin bewunderten Netzpersönlichkeit!

„Heute sind die Ideen der 68er mehr oder weniger tonangebend, und die Gesellschaft scheint in gewisser Hinsicht ins Infantile regrediert zu sein.“

Der US-amerikanische Historiker und Sozialkritiker Christopher Lasch war überzeugt, dass jede Zeit ihre eigenen, charakteristischen Psychopathologien hervorbringt. Im prüden und sexuell repressiven 19. Jahrhundert dominierten etwa nach Lasch die (von Sigmund Freud untersuchten) hysterischen Störungen, für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts erkannte der Historiker die hohe Verbreitung eines Persönlichkeitstypus, der einer milderen, subklinischen Variante des „pathologischen Narzissmus“ entspricht. Lasch machte vor allem Veränderungen in der Arbeitswelt und Bildung für diese Entwicklung verantwortlich. Seit der Vater eine distanzierte Figur geworden sei, der einen Großteil des Tages im Büro oder der Fabrik verbringt, während die Kinder die Schule besuchen, fehlten vor allem jungen Männern realistische Vorbilder. Sie entwickelten ein äußerst instabiles, von externem Lob und Anerkennung abhängiges Ich.1

Die digitale Revolution, gipfelnd im von Lasch nicht abgesehenen Internet 2.0 mit seinen auf Likes, Views, Shares und Kommentaren zentrierten Anreizsystemen, wird diesen Trend noch verstärkt haben. Aber der Historiker beschrieb noch eine weitere Entwicklung, die im Kontext des „Drachengame“-Phänomens relevant ist. Bereits in den 1960er Jahren attestierte er der neuen Linken ein unreflektiertes Verhältnis zu Tabubrüchen und Grenzüberschreitungen. Non-Konformismus, Selbstentfaltung und Transgression waren für den linken Außenseiter Lasch nicht zwangsläufig links oder progressiv, sondern bargen die Gefahr von Relativismus und Orientierungslosigkeit.2 Heute sind die Ideen der 68er mehr oder weniger tonangebend, und die Gesellschaft scheint in gewisser Hinsicht ins Infantile regrediert zu sein. Die Aktionen der überwiegend volljährigen „Haider“ wirken wie außer Kontrolle geratene Schuljungenstreiche, und auch der Drachenlord scheint in der Frühpubertät stecken geblieben zu sein.

Ohne ehrliche Debatten etwa darüber, wie sich jungen Menschen realistische Lebensziele vermitteln lassen (und die Sekundärtugenden, mit denen man diese erreichen kann), oder das Recht von erwachsenen Autoritätspersonen wie Eltern, Lehrern und Nachbarn, den Verirrungen der Jugend auch mal energisch entgegenzuwirken, wird auch die hundertste Initiative gegen Cybermobbing oder „Hass im Netz“ wenig erreichen. Genau solche pfui-konservativen Debatten werden dem neulinken Mainstream, der nun – von Sascha Lobo bis Amadeu Antonio Stiftung – die Leidensgeschichte des Drachenlord als Anliegen für sich entdeckt hat, aber wohl zu unbequem sein.