08.08.2016

Der Narzissmus hinter den Amokläufen

Analyse von Tim Black

Amokläufe an US-Schulen führen reflexhaft zu Forderungen nach härterer Regulierung. Tatsächlich sinken dort Waffenverbrechen seit Jahren. Es wächst hingegen ein militanter Narzissmus.

Im Nachgang der Massenerschießung an einer Bildungseinrichtung im US-amerikanischen Roseburg (Oregon) Anfang Oktober letzten Jahres wurden wieder einmal die bekannten emotionalen Appelle formuliert, wie wir sie auch jüngst bei anderen Anlässen vernehmen konnten. Waffengesetze sollen verschärft oder – noch besser – der Verkauf von Waffen gleich ganz verboten werden. Schließlich, so mental instabil und unberechenbar der 26-jährige Täter Chris Harper-Mercer auch war: Wäre er nicht an Waffen herangekommen – er hat insgesamt sechs benutzt – hätte er die neun Unglücklichen nicht töten können. „Für Menschen, die anderen Schaden zufügen wollen, darf es nicht dermaßen einfach sein, an Waffen heranzukommen“, sagte US-Präsident Barack Obama. 1

Für diejenigen, die bereits auf seiner Seite sind, ergibt Obamas Predigt sicher Sinn. Amerika hat ein Waffenproblem. Das Recht Waffen zu tragen, wurde vor über 200 Jahren gesetzlich verankert und Amerika verehrt Waffen, fetischisiert sie, betet sie an. So ist eine Waffenkultur gediehen, die sich aus der „Haltung der Siedler, krassem Individualismus und den Profiten der Waffenlobby“ 2 speist. Jetzt, da sich tragischerweise ein weiterer waffenschwingender Nihilist seinen Weg zur kurzfristigen zweifehlhaften Berühmtheit freigeschossen hat – Oregon war 2015 der 45. Schulamoklauf – wird diese Waffenkultur immer tödlicher. „Waffengewalt ist eine Epidemie und eine öffentliche Bedrohung, der wir zum Schutze unserer Moral und unseres physischen Überlebens entgegentreten müssen“, sagte Senator Richard Blumenthal nach Oregon. „Wir können einer solchen Tragödie nicht noch mal nur mit Worten der Trauer und des Bedauerns begegnen.“ 4

„Feuerwaffenbesitz in den USA befindet sich auf einem Tiefstand“

Blumenthal hat Recht. Wir können einer weiteren Tragödie wie Oregon oder Charleston oder Sandy Hook oder Virginia Tech nicht nur mit Worten der Trauer und des Bedauerns begegnen. Wir müssen dem Schrecken dieser Amokläufe ins Angesicht blicken. Wir müssen ehrlich mit uns und mit anderen sein. Und wir müssen begreifen, was eigentlich los ist. Um das aber anzugehen, um dem Wesen der Massenschießerei die Stirn zu bieten, müssen wir aufhören, alles auf die Waffen zu schieben. Das wäre zu einfach. Nimmt man den Leuten das Werkzeug ab, können sie es nicht mehr benutzen – ist doch klar, oder? Einfach den Zweiten Zusatzartikel der US-Verfassung einschränken, denjenigen Grenzen aufzeigen, die sich an „Waffen und Religion klammern“ 4 und Amerika wird ein sicherer, vernünftiger, fortschrittlicherer Ort? Ja, das klingt klar und einfach. Aber es geht an der Realität vorbei.

Waffen als Ursache?

Wenn Waffen das Problem wären, wenn Gewehre und Pistolen für die Zunahme der Massenerschießungen Pate stünden, warum ist deren Anstieg erst in den letzten paar Jahrzehnten zu verzeichnen? Als wären Waffenbesitz oder das Recht Waffen zu tragen, ein neues Phänomen. Spiked-Chefredakteur Brendan O’Neill hat spezifisch im Zusammenhang mit Schulamokläufen geschrieben: „Zwischen den 1760er- und den späten 1970er-Jahren waren die meisten Erschießungen in Schulen, mit ein paar Ausnahmen, lediglich eine Fortsetzung von krimineller Aktivität im Allgemeinen. […] Das Phänomen von Massenerschießungen in Schulen, die zum Ziel haben, so viele junge Leute wie möglich ohne erkennbaren oder wahrnehmbaren oder sogar altmodischen kriminellen Grund zu töten, ist erstmals in den 1960er- und dann viel spürbarer ab den 1980er-Jahren aufgetreten.“ 5 Tatsächlich ist der Anstieg von Massenerschießungen erst während der letzten 15 Jahre immer deutlicher ausgefallen. Zwischen 2000 und 2006 gab es im Jahr durchschnittlich 6,4 Schießereien, zwischen 2007 und 2013 waren es 16,4.

Noch auffälliger ist, dass diese Zunahme von Massakern, bei denen Opferzahlen das Ziel sind, diese Zunahme von Massenerschießungen (innerhalb und außerhalb von Schulen), bei denen es um Spektakel und nicht um Verbrechen geht, sich dem anhaltenden Trend bei gewalttätigen Verbrechen in den USA widersetzt. Gemäß amtlicher Statistik 6 ist die Mordrate in den USA um 49 Prozent gesunken, nämlich von 9,3 pro 100.000 Einwohnern im Jahr 1992 auf 4,7 im Jahr 2011 – das niedrigste Niveau seit 1963. Der Gebrauch von Waffen bei Morden ist zwischen 1992 und 2011 ebenfalls um 49 Prozent zurückgegangen.

Patrick Egan, Politikwissenschaftler an der Universität New York, formuliert es so: „Wir sind jetzt ein weniger gewalttätiges Land als in den vergangenen 40 Jahren. 2010 haben Gewaltverbrechen das Tief von 1972 erreicht. Die Mordraten sind auf ein Niveau gesunken, das es das letzte Mal während der Kennedy-Regierung gab. Unsere Wahrnehmung von der eigenen Sicherheit hat sich ebenfalls verschoben. In den frühen 1980er-Jahren gab die Hälfte der Amerikaner im General Social Survey (GSS) an, sie hätten in ihrer eigenen Nachbarschaft Angst, nachts alleine zu Fuß zu gehen. So geht es derzeit nur einem Drittel.“ 7 Und angesichts all der Aufmerksamkeit, die Amerikas Waffenkultur erhalten hat, ist erwähnenswert, dass sich der Feuerwaffenbesitz ebenfalls auf einem Tiefstand befindet. In den 1970er-Jahren hat ungefähr die Hälfte der Amerikaner eine Waffe besessen, heute ist es nur noch ein Drittel.

„Man schaut nur auf die Technologie statt auf den sozialen Kontext, in dem sie verwendet wird“

Sind Waffen also das Problem? Sind es die Produkte von Smith & Wesson, die die Zunahme von aufmerksamkeitsheischenden Massenerschießungen anheizen? Wenn dem so wäre, warum nimmt die Häufigkeit dieser zwecklosen mörderischen Taten zu, während sich gleichzeitig alle andere waffenbezogenen Straftaten auf einem Tiefstand oder in dessen Nähe befinden? Käme es entscheidend auf die Schusswaffen an, müssten doch wohl alle Waffenverbrechen zunehmen. Wären Pistolen die treibende Kraft, müssten wir angesichts des Rückgangs beim Waffenbesitz eigentlich auch einen Rückgang von Massenerschießungen erleben.

Aufstieg des Narzissmus

In der sogenannten Waffenkultur nach dem Grund für die Zunahme von Massenerschießungen zu suchen, führt in die Irre. Man schaut dann nur auf die Technologie statt auf den sozialen Kontext, in dem die Technologie verwendet wird. Das Problem sind nicht die Waffen. Das waren sie nie. Vielmehr berührt der Anstieg der Massenerschießungen ein kulturelles Problem, nämlich die gesellschaftliche Tendenz, pathologische Formen des Narzissmus zu kultivieren. Zerbrechliche Charaktere, die nach ständiger selbsterhöhender Anerkennung durch andere lechzen, sind höchst anfällig für die vermeintlichen Beleidigungen anderer, gieren nach deren Bestätigung und geraten in Rage, wenn ihnen diese verwehrt wird. Diese Charaktere sind besessen davon, sich selbst im Weltgefüge wahrzunehmen, und brechen in kindische Wut aus, wenn sich die Welt weigert, ihren Ansprüchen nachzukommen.

Der Originalton der jeweiligen Schützen bringt fast immer dasselbe narzisstische, nach Bestätigung dürstende Wesen zum Vorschein, dieselbe infantile Entschlossenheit, sich selbst in den Mittelpunkt der Welt zu setzen – gerade das Hinterlassen einer „Nachricht an die Welt“ zeigt den Drang zur Selbstverherrlichung. Vom Oregon-Schützen Harper-Mercer wissen wir, dass er bewundernd über einen anderen Massenmörder geschrieben hat: „Viele wie er sind ganz alleine und unbekannt und erst, wenn sie ein bisschen Blut vergießen, kennt sie die ganze Welt. Ein Mann, den niemand kannte, ist nun jedem bekannt. Sein Gesicht war auf jedem Bildschirm, sein Name auf den Lippen eines jeden Menschen auf der Welt, und zwar binnen eines Tages. Offenbar steht man umso mehr im Rampenlicht, je mehr Leute man umbringt.“ 8

Dieses narzisstische Verlangen nach Bestätigung spiegelt den Durst der Promikultur nach Ruhm wieder, aber mit einem nihilistischen Dreh. Dass jemand Anspruch auf Bestätigung allein deswegen hat, weil er er selbst ist – Ruhm um des Ruhmes willen – treibt den Schützen an, diejenigen zu vernichten, deren Ablehnung er erfahren hat. Dasselbe verdrehte Verlangen nach Bestätigung wird in der aufgezeichneten Nachricht von Elliot Rodger, dem Santa-Barbara-Schützen, deutlich, der „Rache an dem ganzen hedonistischen Abschaum“ schwor, „der ein frohes Leben genießt, das er nicht verdient hat. Was ich nicht haben kann, werde ich zerstören.“ 9 Ähnlich klingen die Worte von einem der zwei Columbine-Schützen: „Ich hasse euch, weil ihr mich bei so vielem außen vorgelassen habt, was Spaß macht. Und wehe, ihr sagt ‚Das ist dein Fehler‘, das stimmt nicht, ihr hattet meine Telefonnummer und ich hatte euch gebeten und so, aber nein.“ 10

„Das Problem ist eine Kultur, in der die schlimmsten narzisstischen Persönlichkeitszüge gepflegt werden“

Das Problem sind also nicht die Waffen oder deren Verfügbarkeit. Das Problem ist eine Kultur, in der die schlimmsten narzisstischen Persönlichkeitszüge gepflegt werden, eine Kultur, in der Kinder und junge Leute ermuntert werden, ihren Selbstwert an oberster Stelle zu sehen. In dieser Kultur haben sie ein Recht auf Lob und Bestätigung, verdienen keinerlei Kritik und Ablehnung. In dieser Kultur steht die eigene Selbstidentität über allem anderen, und wer sie nicht bejaht und achtet, hat eben Pech gehabt.

Dieses Problem ist nicht auf die USA beschränkt. In Europa findet man Spuren der Massenkiller-Mentalität bei den jungen Narzissten, die mit dem Islamischen Staat flirten, oder davor mit Al-Qaida. Ihr Wissen über den Islam mag oberflächlich sein, aber ihr Verlangen nach Bestätigung und ihre Empfindlichkeit gegenüber Beleidigungen und Angriffen ist sehr ausgeprägt. Der Fokus auf die Waffenkultur lenkt nur vom eigentlichen Problem in unserer Mitte ab – dem Aufstieg des militanten Narzissten, des Einzelnen, dem die Welt ein Spiegel sein muss; um jeden Preis.