12.12.2011

Mother’s Little Helper

Kommentar von Edgar Dahl

Dürfen wir unser Glück in einer Pille suchen? Von Edgar Dahl

In ihrem 1966 veröffentlichten Song „Mother’s Little Helper“ sangen die Rolling Stones von Hausfrauen, die sich mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert fühlten und deshalb gerne zu einer kleinen gelben Pille griffen. Bei dieser Pille handelte es sich um das 1963 entwickelte Valium, einen auch heute noch beliebten Tranquilizer, der den Wirkstoff Benzodiazepin enthält und eine stark beruhigende Wirkung entfaltet. Heute arbeitet die Psychopharmakologie fieberhaft an sogenannten „Happy Pills“ – Tabletten, die in nur wenigen Minuten die Stimmung aufhellen und verdrießliche Gesichter in strahlende verwandeln sollen.

So willkommen die Entwicklung eines derartigen Präparats auch erscheinen mag, gibt es doch vielerorts auch ernste Bedenken. So hat etwa der amerikanische „President’s Council on Bioethics“ die Erzeugung einer „Glücksdroge“ erst kürzlich zu einer großen gesellschaftlichen Gefahr erklärt. Diese bestehe darin, dass uns nach der Religion nun die Pharmakologie ein „Opium des Volkes“ bescheren könne. Wie in Aldous Huxleys berühmtem Roman Schöne neue Welt könnte der Staat seinen Bürgern eine Glücksdroge verabreichen, um sie ruhigzustellen. Statt gegen etwaige soziale Missstände aufzubegehren, würden sie kurzerhand betäubt.

Andere sehen die Gefahr von Happy Pills nicht in dem Heraufziehen einer schönen neuen Welt, sondern in der Verarmung des Menschen. Wer wäre noch bereit, Tugenden zu üben und Talente zu entwickeln, wenn er das Glück, das er hieraus bezieht, auch ohne die nötige Disziplin erlangen kann? Heißt es nicht zu Recht „Ohne Fleiß kein Preis“? Wieder andere sehen die Gefahr von Happy Pills darin, dass wir uns schon bald alle genötigt sehen könnten, zu ihnen zu greifen, weil sie denen, die sie einnehmen, Wettbewerbsvorteile verschaffen. Wer stellte beispielsweise nicht lieber eine freudestrahlende als eine mürrisch dreinblickende Sekretärin, Lehrerin oder Flugbegleiterin ein?

Da Happy Pills noch Zukunftsmusik sind, ist jede Diskussion über ihre vermeintlichen sozialen Folgen selbstverständlich rein spekulativ. Dass wir uns im Reich der bloßen Spekulation befinden, bedeutet jedoch nicht, dass sich nicht schon jetzt vernünftig darüber diskutieren ließe. Schließlich erscheinen einige Spekulationen weit plausibler als andere. Ich selbst halte die Gefahren, die in der Diskussion um die Happy Pills heraufbeschworen werden, für übertrieben. Ich betrachte es als sehr unwahrscheinlich, dass Glückspillen schon bald unser täglich Brot werden. Viel wahrscheinlicher erscheint es mir, dass sie die Rolle eines edlen Tropfens einnehmen werden, den man sich nur bei besonderen Gelegenheiten gönnt.

Warum? Nun, in der Pharmakologie gibt es einen alten Lehrsatz, der sich bis heute noch immer bewahrheitet hat. Er lautet: „Keine Wirkung ohne Nebenwirkung!“ So wie Prozac, das berühmte Antidepressivum, das den Wirkstoff Fluoxetin enthält, bei vielen Menschen zu einer Zunahme des Gewichts und einer Abnahme des Geschlechtstriebs führt, so werden gewiss auch die Happy Pills unerfreuliche Nebenwirkungen haben. Worin auch immer die erwartbaren Nebenwirkungen der Glücksdroge bestehen mögen, sie werden einen Massenkonsum mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit verhindern.

Neben rein körperlichen Nebenwirkungen werden Happy Pills sicher auch seelische Nebenwirkungen haben. So wie Alkohol einige Menschen charmanter, andere dagegen aggressiver macht, so wird auch die Glücksdroge wahrscheinlich einige Menschen unwiderstehlich, andere dagegen unausstehlich machen. Wie jeder weiß, gehen sehr viele Menschen vorsichtig mit Alkohol um, weil sie nicht die Kontrolle über sich verlieren wollen und sich am nächsten Tag keine Vorwürfe anhören möchten.

Und schließlich betrachten viele Menschen den Zustand überschwänglichen Glücks auch keineswegs als so begehrenswert, wie viele Kritiker anzunehmen scheinen. Ganz gleich, wer wir sind und was wir tun, das Leben bringt Probleme mit sich, deren Lösung nicht nach Leichtfertigkeit, sondern nach Ernsthaftigkeit verlangt. Es ist beispielsweise nur schwer vorstellbar, dass Menschen, deren Arbeitsstelle in Gefahr ist, deren Ehe zu scheitern droht oder deren Kinder krank sind, sich mit einer Glücksdroge betäuben werden, statt den Problemen ins Gesicht zu sehen. Was für die Unannehmlichkeiten des Lebens gilt, gilt auch für seine Annehmlichkeiten. Wer Shakespeares Dramen, Bergmans Filme oder Mahlers Symphonien schätzt, wird seine Stimmung nicht durch die Einnahme einer Glücksdroge beeinflussen wollen, die ihm den Genuss seiner Lieblingswerke verdirbt.

All dies spricht nicht nur gegen die bedenkenlose Einnahme von Happy Pills, sondern auch gegen die eingangs erwähnten Befürchtungen. Anders als das Soma der Schönen neuen Welt soll die Glücksdroge nicht apathisch, sondern emphatisch wirken. Sie wird die Menschen also nicht betäuben, sondern beleben. Von daher spricht nichts dafür, dass Happy Pills ein Volk von Phlegmatikern und Lethargikern erzeugen wird.

Auf ähnlich schwachen Füßen steht die Befürchtung, dass Happy Pills schon bald als eine Abkürzung zum Glück betrachtet werden. Eine Frau, die täglich Cello spielt, oder ein Mann, der täglich Joggen geht, tut dies nicht wegen des Glücks, das sich anschließend einstellt. Die Cellistin spielt, weil sie Musik liebt, und der Jogger läuft, weil er Athletik schätzt. Das Glück, das sich nach ihren Mühen einstellt, ist nicht das Motiv, sondern der Effekt ihres Tuns.

Und was ist mit den beruflichen Wettbewerbsvorteilen? Sicher, ein Wirt wird eher eine frohgemute als eine sauertöpfische Kellnerin einstellen. Doch das relevante Kriterium für die Einstellung von Mitarbeitern wird weiterhin die Kompetenz und nicht der Gemütszustand einer Bewerberin sein. Zudem verlangen die begehrtesten Berufe in unserer Gesellschaft, wie etwa der des Richters, des Arztes oder des Politikers, nicht Überschwänglichkeit, sondern Nüchternheit, Verantwortlichkeit und Urteilsfähigkeit.

Wir sollten die Gefahren, die aus der Entwicklung von Happy Pills erwachsen, also nicht überschätzen. So wie uns eine übertriebene Redseligkeit, Leichtgläubigkeit und Unbesonnenheit zur Vorsicht im Umgang mit Alkohol gemahnt hat, so werden uns dieselben Gefahren auch zu einem vorsichtigen Umgang mit der Glücksdroge anhalten.