22.07.2016

Was steckt hinter der Angststörungs-Epidemie?

Kommentar von Ken McLaughlin

Wie eine Politik der Angst die Entstehung sozialer Phobien befeuert.

Einer aktuellen Studie zufolge leiden 8,2 Millionen Menschen in Großbritannien an einer Angststörung. Betroffene erleben Symptome wie große Furcht, Muskelverspannung, Schweißausbrüche und sie vermeiden soziale Situationen. Die Metastudie, erschienen in der wissenschaftlichen Zeitschrift Brain and Behaviour, fasst die Erkenntnisse von insgesamt 48 Untersuchungen zu Angststörungen zusammen. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Verbreitung von Angststörungen in vielen untersuchten Bevölkerungsgruppen auf der ganzen Welt hoch sei. In den Vereinigten Staaten seien 18 Prozent der Bevölkerung von Angststörungen betroffen. In der Europäischen Union gehe man von insgesamt 60 Millionen Betroffenen aus. Damit sind Angststörungen die häufigsten aller psychiatrischen Erkrankungen in der EU.
Niemand, der mit Betroffenen arbeitet, wird bestreiten, dass einige Menschen in so einem Ausmaß an einer Angststörung leiden, dass sie darum ernsthafte Probleme im Umgang mit anderen Menschen haben. Ebenso wird niemand der Aussage widersprechen, dass die Behandlungsangebote häufig unpassend und wegen Überlastung des Gesundheitssystems gar nicht erst verfügbar sind. Der Radiosender BBC 4 präsentierte die Studie in seinem Programm „Today“gemeinsam mit einem Interview mit einer betroffenen jungen Frau. Sie berichtet davon, mit bestimmten sozialen Situationen nicht fertig zu werden und von einer lähmenden Furcht, die sie manchmal überfällt. Nun, offensichtlich hat diese Frau ein Problem und ich hoffe, dass sie die Hilfe findet, die sie braucht. Es lohnt sich aber, noch einen zweiten Blick auf diese auffällige Zunahme von Angsterkrankungen zu werfen – die scheinbare Epidemie des sozialen Unwohlseins hat nämlich noch andere Auslöser.

Im Bereich psychischer Erkrankungen spielen Definitionen eine besonders wichtige Rolle. Einfach gesagt: Je mehr diagnostische Kriterien man anlegt, desto mehr Menschen kann man finden, die einige dieser Kriterien erfüllen. Die zitierte Metastudie beinhaltet wissenschaftliche Publikationen, in denen Patienten mit den Diagnosen „generalisierte Angststörung, Zwangsstörung, Sozialphobie, Agoraphobie, Panikstörung mit oder ohne Agoraphobie, einfache oder spezifische Phobien und Angststörungen, die nicht näher bezeichnet sind“ untersucht wurden. Außerdem wurden Studien eingeschlossen, in denen es um die Häufigkeit von sämtlichen Angststörungen zusammengefasst, darunter unterschwellige Störungen oder einzelne Symptome der Angststörung, ging. Deshalb sind einige der Ergebnisse kaum überraschend. Ein Beispiel: Wie überraschend ist es, dass Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder ernsten psychischen Störungen ein erhöhtes Risiko besitzen, an Angststörungen zu erkranken? Der psychische und körperliche Stress, den diese Krankheiten verursachen, dazu die ständige Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit, wird wohl kaum zu einem Gefühl der Entspannung beitragen.

„Hinter jeder Ecke lauert eine Katastrophe“

Wir leben in einem Zeitalter der Angst. Die Ursachen hierfür wird man aber nicht finden, indem man sich näher mit bestimmten Diagnosen oder biologischen Auslösern beschäftigt. Sie liegen tiefer und werden durch soziale und politische Faktoren bedingt. Oberstes Ziel unserer heutigen Gesellschaft ist es nicht mehr, etwas „Gutes“ zu erreichen, sondern das „Schlimmste“ zu verhindern. Unsere Angst vor den Konsequenzen in der Zukunft bestimmt unser Handeln von heute. Der Soziologe Ulrich Beck bezeichnete dieses Phänomen als ein noch nicht eingetretenes Geschehnis, das als Handlungsanreiz dient.

Aus dieser Perspektive wird das Individuum zu jemandem, der ständig gefährdet ist, mehr Objekt als Subjekt und immer machtloser irgendwelchen allwissenden und allgegenwärtigen Kräften ausgeliefert. Schon 1989 thematisierte Susan Sontag in ihrem Buch „Aids und seine Metaphern“ diese Angst als Symptom eines kulturellen und politischen Unwohlseins. Darin ging es um die Panik vor Aids, die in den späten 1980er-Jahren ausgebrochen war. Sie bemerkte scharfsinnig, „die auffällige Bereitschaft vieler Menschen, sich sofort die folgenschwerste aller Katastrophen vorzustellen“. Dabei laute dann das Motto vielmehr „Apocalypse von nun an“ als „Apocalypse Now“.

Ein weiterer Erklärungsansatz dafür, warum die Bevölkerung dieser Tage so ängstlich und so gewillt ist, nach therapeutischen Erklärungen für ihre Probleme zu suchen, ist die Politik der Angst. Es ist tatsächlich bemerkenswert, wie viele – sich inhaltlich teilweise vollkommen entgegenstehende – politische und soziale Bewegungen Angst und Furcht in der Bevölkerung verbreiten. Führende Politiker in London und Washington spielen die Gefahr von Terroranschlägen und Schurkenstaaten herauf, während die Überbleibsel linker und grüner Gruppen die Bedrohung durch den Klimawandel und genetisch veränderte Pflanzen beschwören. Hinter jeder Ecke lauert eine Katastrophe.

„Linke und Rechte, vereinigt und fürchtet euch“

In einem Beitrag in „What is Radical Politics Today?“beschreibt Clare Short, ein ehemaliges Kabinettsmitglied der britischen Labour-Partei, Szenarien, laut denen sehr bald die menschliche Zivilisation zusammenbreche und menschliches Leben nicht mehr möglich sei. Wenige würden Short als Radikale bezeichnen, ihre Behauptungen stehen allerdings im Einklang mit den Theorien, die in radikaleren Kreisen verbreitet sind. Ganz unterschiedliche Kampagnen warnen uns vor den Gefahren von häuslicher Gewalt, Kindesmissbrauch, Vogel- oder Schweinegrippe, Mobbing, Geschlechtskrankheiten, Stress und fettigem Essen – um nur ein paar davon zu nennen. Gewerkschaften warnen uns regelmäßig vor den dramatischen Folgen von Mobbing oder Stress verursachenden Vorgesetzten und Mitarbeitern. Universitäten, einst Horte für die Entwicklung von Eigenständigkeit, Bildung und für das Experimentieren, sind inzwischen zu Orten verkommen, in denen das Risiko allgegenwärtig ist. Der Slogan unserer Tage lautet: „Linke und Rechte, vereinigt und fürchtet euch“.

Die Aktivisten, die sich für psychische Gesundheit engagieren, fokussieren sich auf Angststörungen. Das befeuert das Klima der Angst weiter. Wir werden ermutigt, unsere Probleme als etwas zu verstehen, mit dem wir lernen müssen, umzugehen und über das wir nicht hinauswachsen können. Das ist unglaublich schade. Sich mit den Herausforderungen des Lebens auseinanderzusetzen und die Gesellschaft zu verändern, birgt viele Risiken, unangenehme Erfahrungen und – ja, auch das – Angst. Aber das ist ein Preis, den zu bezahlen es sich für den Fortschritt lohnt – ob nun im privaten Leben oder in der politischen Öffentlichkeit.