12.12.2016

Sind wir alle geisteskrank?

Analyse von Frank Furedi

Titelbild

Foto: Naomi August via Unsplash / CC0

Normale Vorgänge gelten zunehmend als Zeichen psychischer Erkrankungen. Das ist verrückt.

„Eine Viertelmillion Kinder in England sind in psychologischer Behandlung.“ Diese Nachrichtenschlagzeile sollte schockieren. Viele von uns werden jedoch kaum die Stirn runzeln. Das ist kein Wunder angesichts der Tatsache, dass wir nun schon seit gut zwei Jahrzehnten eine reißerische Meldung nach der anderen serviert bekommen, die uns davor warnt, dass sich psychologische Probleme auf dem Vormarsch befinden, dass sie viel weiter verbreitet sind als angenommen und dass sie alle gesellschaftlichen Gruppen betreffen.

Nie scheint es irgendwelche guten Nachrichten über psychische Erkrankungen zu geben. Vor einer Weile dominierte ein breit zitierter Bericht die Schlagzeilen, der behauptete, dass 28,2 Prozent der jungen Frauen ein psychologisches Problem hätten. In der Woche davor lag der Fokus auf der schlechten geistigen Verfassung von Universitätsstudenten. Und davor wiederum berichtete man über eine Zunahme psychologischer Erkrankungen bei Kindern.

Die Rhetorik der Panikmache rund um die geistige Gesundheit ist inzwischen so tief im öffentlichen Leben verankert, dass Individuen und Gruppen mit dem Thema häufig ihr jeweiliges Anliegen fördern möchten. Dieses Jahr versuchten zum Beispiel schottische Gegner von Kurzzeitkrediten, ihr Anliegen durch die Behauptung zu stützen, dass „Kurzzeitkredite die geistige Gesundheit gefährden, indem sie die Schulden und die Furcht derjenigen erhöhen, die bereits verwundbar sind.“ Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: Gegner der Austeritätspolitik der britischen Regierung erklären, dass Leistungskürzungen zu einem Anstieg von Depressionen führen würden. Es scheint, als ob praktisch jedes soziale Problem, jede politische Herausforderung verheerende Folgen für die geistige Gesundheit mit sich bringe.

„Ein Gefühl der Entfremdung und der existentiellen Unsicherheit charakterisiert schon lange das Jungsein.“

In Folge dieses Alarmismus rund um die psychische Gesundheit wird es allmählich zur neuen Norm, psychisch krank zu sein. Dies gilt insbesondere für die Hauptzielgruppe der Alarmisten: die Jugend. In den letzten Jahrzehnten gab es eine Schwemme an Berichten, denen zufolge Kinder und junge Leute nie so ängstlich, depressiv und unsicher waren wie heute. Daher wurde diese Vorstellung fest in den Köpfen der Medienschaffenden und der politischen Entscheidungsträger verankert.

Gewiss: Ein Gefühl der Entfremdung und der existentiellen Unsicherheit charakterisiert schon lange das Jungsein, von den Romantikern bis zu den Beatniks. Geändert hat sich jedoch, dass jugendliche Angst und Unsicherheit sowohl pathologisiert als auch zunehmend aufgeblasen werden.

Der Psycho-Alarmismus

Man nehme den aktuellen Bericht „No Place For Young Women“ (zu Deutsch: „Kein Platz für junge Frauen“), publiziert von der Stiftung „Young Women’s Trust“, in dem es heißt, dass 51 Prozent der britischen Jugendlichen sich über die Zukunft Sorgen machen. Was heißt das eigentlich? Man kann sich eine ähnlich hohe Prozentzahl junger Menschen in den Jahren 1914, 1929, 1974 und so weiter vorstellen, die sich um ihre Zukunft gesorgt haben. Es ist unwahrscheinlich, dass vorherige Generationen irgendwie zuversichtlicher in die Zukunft blickten als Jugendliche es heute tun. Eigentlich habe ich selten einen Teenager oder einen Twen angetroffen, der von Zukunftsängsten völlig verschont geblieben wäre. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Heute mutiert die Zukunftsbesorgnis eines Individuums zu einer Bedrohung der geistigen Gesundheit. Es ist also keine Überraschung, dass die Young Women’s Trust Zukunftsängste mit psychologischen Problemen vermischt und sogar behauptet, dass sich 33 Prozent der Jugendlichen „Sorgen um ihre geistige Gesundheit“ machen.

Die Aussage, dass einer von drei Jugendlichen wegen seiner psychischen Gesundheit besorgt sei, basiert meist auf wenig mehr als einer blitzschnellen Antwort des Teilnehmers auf die Frage: „Machst du dir Sorgen über dein psychisches Wohlergehen?“. Eine solche Antwort verrät uns sehr wenig über die Faktoren, die den Geisteszustand der Teilnehmer beeinflussen, etwa ihre körperliche Gesundheit, ihre persönlichen Verhältnisse und ihre ökonomische Situation. Es gibt bestimmt keinen Grund zu glauben, dass Sorgen um die Zukunft mit einer psychischen Erkrankung zusammenhingen.

Nicht, dass dies die Psycho-Alarmisten davon abhalten würde, „Sorgen“ um die Zukunft als Belege für eine Generationenkrise zu deuten. „Eines steht fest“, bekräftigte Dr. Carole Easton, Leiterin der Young Women’s Trust, „wir sprechen über eine Generation junger Menschen in einer Krise“. Dieser begriffliche Sprung von den Sorgen des Individuums zu einer Generationenkrise ist ein gutes Beispiel dafür, wie alltägliche Probleme und Sorgen durch die Krisensprache umgedeutet werden.

Die Konstruktion einer „Generation in einer Krise“ beruht auf der Umdeutung alltäglicher Herausforderungen in Risiken für unsere geistige Gesundheit. Nehmen wir zum Beispiel die These, dass die Hochschulbildung einer Epidemie psychischer Erkrankungen ausgesetzt sei. Diese Auffassung beruht auf der banalen Nicht-Erkenntnis, dass Studenten den Übergang von der Schule zur Universität als stressig und herausfordernd empfinden können. Bis vor kurzem wurden solche Übergänge noch als normale, obgleich schwierige Momente im Leben betrachtet. Aber im Verlauf der wachsenden Tendenz, existenzielle Probleme zu Krankheiten zu erklären, wurde die Übergangserfahrung pathologisiert.

„Bis vor kurzem wurden solche Übergänge noch als normale, obgleich schwierige Momente im Leben betrachtet.“

Anfangs wurde der Wechsel Jugendlicher von der Primar- zur Sekundarschulbildung von politischen Entscheidungsträgern als problematisch angesehen. Erst seit kurzem wird der Übergang von der Sekundar- zur Hochschulbildung medikalisiert. Wie das Higher Education Policy Institute in einem Bericht feststellte: „Übergangssituationen sind mit psychologischen Problemen aufgrund des Stresses assoziiert, der auf die Anpassung an neue Bedingungen zurückgeht“.

Viele derjenigen, die den Wechsel von der Schule zur Hochschule medikalisieren, sind sich der Frage bewusst, die von ihrer Arbeit aufgeworfen wird – nämlich, warum vorherige Studentengenerationen diese Reise ohne negative Konsequenzen überstanden haben. Aber ihre Antworten sind auffallend schwach. Zum Beispiel argumentieren einige, dass viele in den neuen Studentenjahrgängen einen nicht-akademischen Familienhintergrund aufweisen und es deshalb ungewöhnlich schwierig finden, sich an ihre neue Umwelt anzupassen. Catherine McAteer, Leiterin des psychologischen Dienstes am University College London, sagte: „Momentan kommen Studenten an die Universität, die vorher nicht gekommen wären“. Jedoch gibt es kaum Belege, um diese Behauptung zu stützen. Außerdem bitten Studenten mit relativ wohlhabenden Hintergründen nicht minder wahrscheinlich um psychologische Unterstützung wie jene, die aus ärmeren Verhältnissen stammen.

Pathologisierung jugendlicher Erfahrungen

Hauptantrieb dieses konstanten Anstiegs psychologischer Diagnosen sind kulturelle Kräfte, die die menschliche Verletzlichkeit normalisieren. Wie ich in meinem im Oktober dieses Jahres erschienenen Buch „What’s Happened to the University: A Sociological Exploration of its Infantilisation“ argumentiere, spornen aktuelle kulturelle und Sozialisierungspraktiken junge Menschen dazu an, sich selbst für schwach und psychisch labil zu halten. Die Kultivierung der Verwundbarkeit ist eine kulturelle Entwicklung, die Klassen- und soziale Unterschiede überschreitet. Sobald Jugendliche dazu ermuntert werden, sich selbst als verletzlich zu sehen, interpretieren sie oft ihre Erfahrungen von Enttäuschung und Not durch das Prisma der Psychologie. Die geistige Verwundbarkeit wird sogar oft zu einem wichtigen Teil der persönlichen Identität.

„Der Psycho-Alarmismus tut denjenigen keinen Gefallen, die wirklich an einer psychischen Erkrankung leiden.“

Auf die kulturellen Einflüsse, die die Ausbreitung der „Verwundbarkeitsidentität“ vorantreiben, wird kaum eingegangen. Beispielsweise geben Berichte, nach denen „mehr Studenten mit bereits bestehenden psychologischen Problemen an die Universitäten kommen“, die Schuld daran Faktoren, die nichts mit der Therapiekultur zu tun haben. So beschreibt ein Bericht, dass „Studenten wegen des steigenden Drucks, den bestmöglichsten Abschluss und einen guten Job zu bekommen, um ihre Studienkredite zurückzahlen zu können, psychologische Hilfe in Anspruch nehmen“. Andere suchen die Schuld bei Faktoren wie Gruppendruck, Heimweh oder dem Unwohlsein in einer fremden Umgebung. Der wichtigste Grund, weshalb der kulturelle Antrieb der Psycho-Panikmache nicht anerkannt wird, liegt darin, dass viele Ärzte und Psychologen die zugrundeliegenden Werte und Annahmen internalisiert haben.

Es ist wichtig, die wachsende Zahl der Diagnosen nicht mit einem Anstieg von echten medizinisch relevanten Erkrankungen zu verwechseln. Es gibt viele kulturell bedingte Gründe, weshalb Diagnosen zunehmen. Vielen Eltern gibt beispielsweise eine ADHS-Diagnose die beruhigende Gewissheit, dass die Verhaltensprobleme ihres Kindes nicht ihre Schuld sind. Manchmal ist eine Diagnose mit einem Anspruch auf Ressourcen verbunden. Und manchmal verleiht sie individueller Verzweiflung einen Sinn. Wenn Menschen darüber sprechen, dass bei ihnen eine psychische Erkrankung diagnostiziert wurde, machen sie nicht so sehr Aussagen über ihre medizinischen Probleme, sondern eher darüber, wer sie als Person sind.

Der Psycho-Alarmismus tut denjenigen keinen Gefallen, die wirklich an einer psychischen Erkrankung leiden. Es gibt eine echte Krise, aber sie hat wenig mit den angeblich beispiellosen Problemen der Jugend zu tun. Der echte Skandal besteht darin, dass die Panikmache um die geistige Gesundheit unsere Aufmerksamkeit von der Misere ablenkt, der psychisch Kranke ausgesetzt sind, die wirklich Hilfe brauchen.