15.12.2016

Transgender-Hype treibt seltsame Blüten

Essay von Naomi Firsht

Titelbild

Foto: Ben Tavener via Flickr / CC BY 2.0

Geschlechtsangleichende medizinische Eingriffe können befreiend sein. Doch der aktuelle Trans-Aktivismus bläht das Problem auf und lockt Verwirrte an.

Nachdem der ehemalige Olympia-Sieger Bruce Jenner 2015 auf der Titelseite von Vanity Fair seine Geschlechtsumwandlung bekannt gab, brach er einen Weltrekord im Guinnessbuch. Es gelang ihm, binnen vier Stunden eine Millionen neuer Twitter-Follower zu gewinnen. Schlagzeilen quer durch die USA und Großbritannien kündeten von seinem/ihrem Mut. Viele glaubten, dass dieses Ereignis eine neue, progressivere Ära der Akzeptanz von Transgender-Personen in der westlichen Welt einläutete.

Jedoch hat der Begriff ‚Transgender‘ schon vor der Offenbarung Bruces/Caitlins an Popularität und gesellschaftlicher Relevanz gewonnen. Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass man etwas von dem Thema in den Medien hört. In den USA gab es bereits Rechtsstreitigkeiten über die Frage, welche Toilette Transgender-Personen benutzen dürfen. In Großbritannien forderte die Stadtverwaltung von Brighton und Hove Eltern auf, dass bevorzugte Geschlecht ihrer 4-jährigen Kinder auf dem Anmeldeformular für die Grundschule anzugeben. Im September wurden Studienanfänger an einigen Unis dazu eingeladen, Namensschilder mit ihrem bevorzugten Personalpronomen auszufüllen. Facebook bietet mittlerweile über 50 verschiedene Geschlechtsoptionen an und darüber hinaus die Möglichkeit das Feld individuell auszufüllen.

Jenner sagte nach ihrer Geschlechtsumwandlung, sie habe sich immer schon weiblich gefühlt und das habe ihr Angst gemacht. Der Fall Jenner, wo eine biologisch männliche Person beschlossen hat, als Frau zu leben, nachdem sie sich einigen medizinischen Eingriffen unterzogen hat, ist nach heutigen Standards ein eher traditioneller Transgender-Fall. Heutzutage dürfen Kinder ihr bevorzugtes Geschlecht auswählen, die junge Generation fordert besondere Pronomen für ihre eigene, persönliche Geschlechtsidentität, ja, das Thema ‚Transgender‘ ist sehr kompliziert geworden.

„Facebook bietet mittlerweile über 50 verschiedene Geschlechtsoptionen an“

Das Oxford English Dictionary definiert Transgender als Bezeichnung für eine Person, deren persönliche Identität und Geschlechtsidentität nicht mit dem anatomischen Geschlecht übereinstimmt, mit dem sie geboren wurde. Transgender ist eine relativ neue Bezeichnung. Nach Angaben des Transaktivisten und Professors für Gleichstellungsrecht, Stephen Whittle, wurde der Begriff „Transvestit“ erstmals 1910 von dem deutschen Sexualforscher Magnus Hirschfeld gebraucht. Hirschfeld gründete etwas später das Institut für Sexualwissenschaften in Berlin, in dem die ersten Geschlechtsumwandlungen vollzogen wurden. Die Bezeichnung „transsexuell“ wurde erst 1949 geprägt, „transgender“ 1971 und „trans“, ein eher britischer Begriff, wurde erst ab 1996 gebräuchlich.

Geschichte der Geschlechtsumwandlungen

Die erste Geschlechtsumwandlung soll 1931 in Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaften durchgeführt worden sein. Allgemein bekannt wurde diese Prozedur aber erst 20 Jahre später, durch Christine (George) Jorgensen. Die Amerikanerin reiste 1952 nach Dänemark, um sich einer geschlechtsumwandelnden Operation zu unterziehen. Der Endokrinologe Harry Benjamin begann 1954, nach Jorgensens Eingriff, den Begriff „Transsexualität“ zu verwenden, um ein Krankheitsbild zu beschreiben, das sich durch eine Verwirrung von anatomischen Geschlecht und Geschlechterrolle auszeichnet.

Die ganzen 1960er Jahre hindurch blieben Transsexualität und die klinische Antwort darauf eine strittige Angelegenheit. Medizinischen Fachkräften in den USA widerstrebte die Vorstellung, Eingriffe zur Geschlechtsumwandlung anzubieten. Eine Umfrage von 1965 zeigte, dass nur drei Prozent der amerikanischen Chirurgen eine Anfrage für eine Geschlechtsumwandlung ernsthaft prüfen würden. Dennoch wurden bis in die frühen 1980er Jahre tausende solcher Operationen durchgeführt.

In den 1970er Jahren wurde das Hopkins Hospital an der John Hopkins Universität in Baltimore die bekannteste Einrichtung für geschlechtsverändernde Operationen. Geleitet wurde es von dem Psychologen John Money, dem Psychiater Eugene Meyer und dem plastischen Chirurgen Milton Edgerton, die die sogenannte „Single-theme“-Methode benutzten, um Transsexualität zu diagnostizieren. Die Methode bestand aus der einfachen Frage, ob der Patient stark davon überzeugt war, dem anderen Geschlecht anzugehören.

„Zu den Spätfolgen gehören medizinische Komplikationen und Selbsttötungsversuche“

Als die Einweisungen in den späten 1970ern Jahren zunahmen, traten auch einige negative Spätfolgen der geschlechtsverändernden Operationen hervor. Dazu gehörten medizinische Komplikationen, Anfragen, den Eingriff rückgängig zu machen, sowie Selbsttötungsversuche. Zudem barg die selbstdiagnostische „Single-theme“-Methode die Gefahr, dass Patienten bereits wussten, was sie zu sagen hatten, um die Operation zu erhalten. 

1979 ergab eine Studie am Hopkins Hospital, dass Patienten, die eine Geschlechtsumwandlung erhalten hatten, sich nicht besser in die Gesellschaft einfügten als eine nicht-operierte Vergleichsgruppe. Daher wurden die Geschlechtsumwandlungen schließlich eingestellt. Meyer teilte der New York Times 1979 folgendes mit: „Ich persönlich denke, dass eine Operation keine angemessene Behandlung für eine psychiatrische Störung ist. Es ist offensichtlich, dass diese Patienten schwerwiegende psychologische Probleme haben, die mit einer Operation nicht einfach verschwinden.“ Während sich Ärzte und Kommentatoren stritten, ob medizinische Eingriffe dem Patienten zugutekämen, war für einige Patienten die Entscheidung für die OP eine wahre Rettungsleine.

Die Komponistin und Elektronikmusikerin Wendy Carlos (geboren als Walter), war eine der bekanntesten Transgender-Fälle der 1970er Jahre. 1979 enthüllte sie in einem Interview mit dem Playboy, dass sie sich einer geschlechtsangleichenden Operation unterzogen hatte. Bereits im Mai 1969, vor ihrer Hormontherapie Mitte des folgenden Jahrzehnts und der Geschlechtsumwandlung, hatte sie sich entschieden, als Frau zu leben. In dem Interview lehnte Carlos ab, als transsexuell bezeichnet zu werden: „Nach den meisten Definitionen von Transsexualität handelt es sich um eine Person, die die körperlichen Merkmale eines Geschlechts trägt, sich jedoch mit dem anderen, entgegensetzten, Geschlecht identifiziert. Diese Person strebt eine Operation an, um diese Identifikation zu vervollständigen. Obwohl ich als Mann zur Welt gekommen bin, fühlte ich mich vom ersten Tag an als Frau. Schließlich wurde der Konflikt so belastend, dass ich den äußersten Schritt wagen musste: Körperlich eine Frau zu werden, wie ich sie psychisch schon lange war. Nebenbei bemerkt wünschte ich, das Wort transsexuell wäre nicht so geläufig geworden. Transgender ist da eine bessere Beschreibung, weil Sexualität an sich nur ein Faktor in einem Spektrum von Gefühlen und Bedürfnissen ist, die mich zu diesem Schritt motiviert haben.“

„Geschlechtsumwandlungen haben sich von 2005 bis 2012 fast verdreifacht“

Im Verlauf des Interviews weist Carlos wiederholt auf ihre angeborene Wahrnehmung von sich als Frau, die in einem männlichen Körper gefangen ist, hin. „Ich war ungefähr fünf oder sechs“, sagt sie, „und ich erinnere mich, dass ich überzeugt davon war, ein kleines Mädchen zu sein […] Ich habe mich gefühlt, als ob die Natur einen schlimmen Fehler gemacht hätte […] Ich fühlte mich immer dann als Frau, wenn ich eine Frau mit ähnlichem Körperbau und Aussehen sah. Das war so schmerzhaft, dass ich für lange Zeit nicht klar denken oder funktionieren konnte. Ich fühle mich, als wäre der innerste Teil von mir immer schon eine Frau gewesen, somit habe ich mir einfach nur ein passendes körperliches Gewand angelegt.“

Für Carlos war der Eingriff unausweichlich: „Es war eine Korrekturoperation […] Es war etwas, das ich tun musste“. Auf die Frage, was passiert wäre, wenn sie die Operation nicht gehabt hätte, antwortete sie geradeheraus: „Ich wäre tot.“ Der medizinische Eingriff war für Carlos entscheidend, um die Person zu werden, die sie die ganze Zeit schon war. Bemerkenswerterweise merkte Carlos am Ende des Interviews an, dass sie nicht als Fürsprecherin dieses Anliegens betrachtet werden wolle, weil sie denke, dass ihre Disposition sehr selten sei.

Transgender in westlichen Gesellschaften

Heutzutage ist die Transgender-Disposition keine Seltenheit mehr. Der Gender Identity Research and Education Society‘ (GIRES) zufolge sehen sich ungefähr 650.000 Personen, also ein Prozent der Gesamtbevölkerung Großbritanniens, nicht im Einklang mit ihrem biologischen Geschlecht. Die Zahl der Personen, die im Jahr 2014 aufgrund einer Geschlechter-Inkongruenz medizinische Beratung in Anspruch nahmen, hat sich im Vergleich zu 1998 mehr als versechsfacht. Nach Angaben der Zeitung Guardian sind ärztliche Überweisungen an die britischen Geschlechtsidentitätskliniken enorm gestiegen, an einigen sogar um mehrere hundert Prozent. In Deutschland hat sich die Zahl der Patienten, die sich einer geschlechtsumwandelnden Operation unterzogen haben, im Zeitraum von 2005 bis 2012 fast verdreifacht. Einer US-amerikanischen Studie zufolge, die von der Human Rights Campaign (HRC) in Auftrag gegeben wurde, kannten 2014 17 Prozent der Befragten eine Transgender-Person, während es 2016 bereits 35 Prozent waren.

Der Verbreitung von jungen Transgender-Personen ist besonders auffällig. Nach Angaben der HRC kannten 2016 zwölf Prozent der Befragten eine Transgender-Person unter 18 Jahren. Das australische Melbourne Royal Children’s Hospital behandelte letztes Jahr um die 200 Transkinder und -jugendliche. 2003 gab es nur einen solchen Patienten. Der britische Tavistock and Portman Gender Identity Development Service‘ (GIDS) unterstützt Kinder und Jugendliche, die Schwierigkeiten mit der Entwicklung ihrer Geschlechtsidentität haben, und deren Familien. Die Überweisungen von unter 18-Jährigen an den GIDS haben sich seit 2014 in etwa verdoppelt. Das jüngste Kind war erst drei Jahre alt.

„Das jüngste Kind war erst drei Jahre alt“

Wie werden diese Kinder behandelt, die vermeintlich an einer Geschlechtsidentitätsstörung leiden? Die Tavistock Clinic in London gibt uns eine gute Vorstellung davon: Neben Psychotherapie bietet sie Kindern und Jugendlichen in einigen Fällen auch eine Hormontherapie an. Für die noch nicht volljährigen Patienten bedeutet dies die Einnahme von Hormonblockern, um die Pubertät aufzuschieben (die Effekte sind reversibel), oder (ab 16 Jahren) eine Hormonersatztherapie. Die Hormonersatztherapie besteht darin, Hormone des Wunschgeschlechts zu verabreichen (die Effekte sind nur teilweise reversibel).

Die Leiterin der Psychologieabteilung des GIDS, Dr. Bernadette Wren, erklärte sich bereit, mit mir über das Thema zu sprechen. Ich habe sie gefragt, warum ihrer Meinung nach die Transgender-Disposition bei jungen Menschen in den letzten Jahren exponentiell angestiegen ist: „Wir denken nicht, dass wir mit Sicherheit eine Aussage über das Warum treffen können“, sagt sie. „Wir versuchen, wie viele andere Institutionen weltweit, das Phänomen zu verstehen. Es gibt viele Spekulationen zu diesem Thema und denen könnte ich mich anschließen. Aber meine Aufgabe hier besteht darin, zu versuchen, es etwas fundierter zu verstehen.“

„Die Entwicklung der Geschlechtsidentität ist ein Prozess, der sich über mehrere Jahre erstreckt. Nichtsdestotrotz gibt es eine Nachfrage nach körperlicher Behandlung bei sehr jungen Menschen. Deshalb versuchen wir irgendwie, die Balance zu halten zwischen dem jungen Patienten, der nicht ganz versteht, welche Komplikationen mit körperlichen Eingriffen in so einem jungen Alter verbunden sind, und dem Bewusstsein, das wir die Behandlung nicht ewig aufschieben können, nur weil uns nicht 100-prozentig klar ist, was los ist.“

Wren erklärt, dass sich die Klinik mit einer Spannbreite von Geschlechtsidentitätsproblemen beschäftigt, die von Kindern, die verwirrt sind, ob sie ein Junge oder ein Mädchen sind, bis zu anderen Patienten reicht, die sich sicher sind, dass ihre Geschlechtsidentität nicht ihrem angeborenen biologischen Geschlecht entspricht.

„Einige fordern eine dritte Geschlechtsidentität, die nicht in das binäre Schema passt“

„Genderdysphorie ist kein einheitliches Krankheitsbild“, erklärt Wren. „Wie Menschen ihre Geschlechtsidentität und ihre Beziehung zum eigenen Körper erfahren, ist enorm vielfältig. Wir versuchen herauszufinden, wie die Patienten sich selbst erfahren: ihr Leidensgrad, ihre Anpassungsfähigkeit, die Beharrlichkeit dieser Gefühle, ob ihr Leiden mehr mit ihrem Körper oder mehr mit der sozialen Rolle zusammenhängt. Anschließend versuchen wir gemeinsam mit den Patienten herauszufinden, welche Handlungsmöglichkeiten es für sie gibt, von denen der medizinische Eingriff nur eine ist. Nehmen wir an, die soziale Rolle eines Patienten und die daran geknüpften Erwartungen bereiten ihm Leid; dann besteht eines der Gespräche, die wir führen, darin, ihm die verschiedenen Spielarten, ein Mädchen oder ein Junge zu sein, aufzuzeigen.“

Im Vergleich zu den Gesamtüberweisungen an die Tavistock Clinic ist die Zahl der Patienten, bei denen eine Hormontherapie begonnen wird, relativ gering: 2015/2016 waren es 488 Patienten (von 1419 Gesamtüberweisungen). Obwohl medizinische Überweisungen an Kliniken, die sich mit Gender Dysphorie beschäftigen, zunehmen, muss sich eine Transgender-Person heutzutage keinen medizinischen Eingriffen unterziehen, um ihre Geschlechtsidentität gesetzlich ändern zu können. In Großbritannien kann eine Transgender-Person seit dem Gender Recognition Act von 2004, ein Zertfikat beantragen, um gesetzlich ihr bevorzugtes soziales Geschlecht annehmen zu können. Ein Ausschuss entscheidet darüber. Obwohl Bewerber ihre Diagnose (Geschlechtsidentitätsstörung) nachweisen müssen, sind sie keinesfalls verpflichtet, sich medizinischen Eingriffen wie einer Operation oder einer Hormonbehandlung zu unterziehen. In Deutschland kippte das Bundesverfassungsgericht 2011 den ‚OP-Zwang‘. Individuen mit einer medizinisch feststellbaren „transsexuellen Prägung“ können seitdem ihr rechtliches Geschlecht ändern lassen, ohne sich operativen Geschlechtsangleichungsmaßnahmen unterziehen zu müssen.

Die formale Anerkennung der selbstgewählten Geschlechtsidentität unabhängig von der Durchführung eines medizinischen Eingriffs war eine wichtige Entwicklung für Transgender-Personen. Viele argumentieren jedoch, dass Gesetzgebung wie der Gender Recognition Act Personen ausschließe, deren Geschlechtsidentität nicht den Kategorien „männlich“ oder „weiblich“ zuzuordnen ist. Einige fordern eine dritte Geschlechtsidentität, die nicht in das binäre Schema passt. In Schweden wurde beispielsweise das gender-neutrale Pronomen ‚hen‘ ins Wörterbuch aufgenommen. Das Oxford English Dictionary nahm 2015 die genderneutrale Anrede ‚Mx‘ auf. Trotz allem endet der Tatendrang bei drei Geschlechtern noch nicht: Wir sind angehalten, uns Geschlecht und Geschlechtsidentität als ein Spektrum vorzustellen und nicht als ein binäres Schema. Transgender-Personen sind demnach als ein oder mehrere Punkte dieses Spektrums anzusehen. Folglich wird der Begriff „nicht binär“ verwendet, um Personen zu bezeichnen, die sich irgendwo in diesem Spektrum wiederfinden.

„Manche Studienanfänger wollen mit Fantasiebegriffen angesprochen werden“

Bezüglich des Spektrums von Geschlechtsidentitäten und ihrer Verbindung zu Transgender herrscht Uneinigkeit. Der britischen Stiftung LGBT Youth zufolge ist Transgender ein Sammelbegriff für jene, deren gelebte Geschlechtsidentität sich von dem Geschlecht, dass ihnen von Geburt an zugewiesen wurde, unterscheidet und sich im Konflikt mit gesellschaftlichen Normen und Erwartungen befindet. Unter den Sammelbegriff Transgender fallen transsexuelle Personen, nicht-binäre Geschlechtsidentitäten sowie Personen die dauerhaft oder gelegentlich Kleidung des anderen Geschlechts tragen (Cross-Dressing). Doch nicht nach jeder Definition sind nicht-binäre Personen zwangsläufig Transgender.. Nach der Website Nonbinary.org schließt der Sammelbegriff Transgender zwar Menschen mit nicht-binärer Geschlechtsidentität ein, jedoch bezeichnen sich nicht alle nicht-binären Personen selbst als Transgender. Der Begriff Transgender ist so diffus, dass er nahezu bedeutungslos ist.

Ein Klima der Verwirrung

Nirgendwo hat der Transgender-Diskurs eine größere Wirkung entfaltet als an angelsächsischen Universitäten. Studienanfänger tragen Anstecker mit Pronomen, um anderen ihre bevorzugte Anrede mitzuteilen. Manche möchten gerne mit Pronomen im Plural angesprochen werden, so wie „ihr“ oder „sie“. Andere wollen mit Fantasiebegriffen angesprochen werden, die die üblichen Pronomen ersetzen sollen.

Jordan Peterson, Psychologieprofessor an der Universität Toronto, geriet kürzlich wegen seiner Zurückweisung der von Studenten präferierten Pronomen unter Beschuss. „Die Mehrheit der Menschen, die entweder ein männliches oder weibliches biologisches Geschlecht haben, haben auch eine weibliche oder männliche Geschlechtsidentität, einen männlichen oder weiblichen Geschlechtsausdruck und sind heterosexuell“, erklärt er. „Somit entsprechen 98 Prozent der Bevölkerung diesen vier Dimensionen auf die übliche Weise. Daher variieren sie nicht unabhängig voneinander. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Ausnahmen gibt. Jede Regel hat Ausnahmen. Die Transgender-Community selbst macht sich für die Vorstellung stark, dass die Geschlechtsidentität mit biologischen Faktoren zusammenhängt. Sie sagt, dass man ein Mann sein kann, der in einem weiblichen Körper geboren wurde. Im Umkehrschluss bedeutet das auch, das Geschlechtsidentität biologisch determiniert ist; wie sonst könnte man ein Mann sein, der in einem weiblichen Körper geboren wurde?“

Peterson fährt fort: „Geschlechtsidentität ist kein Spektrum. Spektrum ist in diesem Zusammenhang das falsche Wort. Wenn überhaupt handelt es sich um eine leicht abgewandelte bimodale Verteilung. Es gibt zwei Pole, männlich und weiblich und nahezu jeder lässt sich einem dieser Pole zuordnen. Es gibt zwar feminine Männer und maskuline Frauen, jedoch sind die in der Minderheit. Vielleicht gibt es ein paar wenige Leute in der Mitte dieser Pole, die sich nicht sicher sind, welchem sie zuzuordnen sind, aber das ist eine winzige, winzige Minderheit.“

„Wir können uns auf eine Epidemie irrtümlich durchgeführter Geschlechtsumwandlungen gefasst machen“

Was verbirgt sich seiner Meinung hinter dem Aufstieg von Transgender und der damit verbundenen Forderung nach weiteren Pronomen? „Es ist ein schneller Weg zu Identität, Privilegien und einem besonderen Status“, meint Peterson. „Es gibt eine Person, die sich aussuchen kann, wie sie angesprochen wird. Das ist das kanadische Staatsoberhaupt, Königin Elisabeth II. Na gut, damit kann ich leben, dass die Königin sich ein eigenes Pronomen aussucht. Aber nur weil man eine eigene Anrede fordert, wird man nicht zur Königin. Das ist eine unverdiente Auszeichnung.“

Nach Peterson wird dieser aktuelle Trend weitreichende Folgen für die Gesellschaft haben: „Auf jede Person, die man ruhigstellt, indem man ihre Geschlechtsidentitätskonfusion berücksichtigt oder unterstützt, kommen 50 Personen, die man damit so unglaublich verwirrt, dass man es selbst nicht glauben würde. Ich denke, wir können uns darauf gefasst machen, von einer Epidemie irrtümlich durchgeführter Geschlechtsumwandlungen überrollt zu werden. […] Vielleicht betrifft das ungefähr fünf Prozent der Bevölkerung, denen nie jemand Aufmerksamkeit geschenkt hat. Diese Menschen haben weder eine Identität noch einen Sinn ihrer selbst, weil sie ihr Selbst nicht zu artikulieren wissen. Sie haben keinen Platz in der Gesellschaft und suchen natürlich nach Gründen und Lösungen. Sie sind so verzweifelt, diese zu finden, dass sie jede Lösung nehmen würden. Das könnte sogar eine radikale körperliche Umwandlung einschließen. Damit will ich nicht sagen, jede Transgender-Person sei verwirrt. Was ich sagen will, ist, dass eine Vielzahl verwirrter Menschen nun denken wird, sie seien Transgender. Das wird schlimme Konsequenzen haben, vor allem für sie selbst.“

Das Thema Transgender wurde sicherlich mit den besten Absichten in den Mittelpunkt des öffentlichen Bewusstseins gerückt. Doch wir wissen alle, dass der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist. Vielen Transgender-Personen hat die medizinische Behandlung zu einem glücklichen Leben verholfen. Jedoch sind die neuesten Entwicklungen besorgniserregend: Die Überweisungen an Geschlechtsidentitätskliniken sind in die Höhe geschnellt. Eltern sehen sich mit der Frage konfrontiert, ob sie ihrem Kind erlauben sollten, sich körperverändernden Behandlungen zu unterziehen. Fantasiepronomen werden rechtlich durchgesetzt (beispielsweise müssen Unternehmen in New York Strafen zahlen, wenn sie keine Transgender-Pronomen benutzen). Wir sollten uns fragen, welche Konsequenzen mit dem Eintreten für Transgender verbunden sind. Säht ein fehlgeleiteter Glaube, benachteiligten Menschen zu helfen, bloß Verwirrung und Angst in der Gesellschaft?