24.07.2015

Sex und falsche Identitäten

Essay von Josie Appleton

Menschen stecken sich zunehmend selbst in bestimmte Schubladen. Beliebt sind sexuelle Kategorien wie „Bi“, „Trans“, „Top“ oder „Bottom“. Die Schublade beeinflusst zu sehr, wer wir sind, dem sollten wir uns verweigern

„Bist Du ein Top oder ein Bottom?“ lautet eine der ersten Fragen, die sich schwule Männer gegenseitig stellen. [1] Eine persönliche Vorliebe beim Sex wird zum dem, was man ist: Oben oder Unten. Die Frage nach der subjektiven Vorliebe im Schlafzimmer verhärtet sich zu unterschiedlichen Kategorien von Personen, oder, wie es ein schwuler Mann ausdrückte, zu „zwei vollkommen unterschiedliche Arten von schwulen Homo sapiens“.

Ähnliches spielt sich in vielen anderen Lebensbereichen ab. Tatsächlich sind es solche stereotypen Identitätskategorien, die zu einem großen Teil die Struktur des gesellschaftlichen Lebens vorgeben. Diese Kategorien formen die persönliche Identität, sie gruppieren Personen und strukturieren ihre Beziehungen sowohl zueinander als auch zu anderen Gruppen.

Mit dem Niedergang der politischen Parteien und Vereine erwarteten Gesellschaftstheoretiker ein Gesellschaftsleben ohne Struktur. Der britische Philosoph Zygmund Bauman [2] sprach von der endlosen Flüchtigkeit des Lebens: Menschen würden sich in befristete und strukturlose Verbindungen zu anderen begeben, die von ihm beschriebene „flüchtige Moderne“ ist form- und substanzlos. Der Soziologe Jean Baudrillard [3] stellte sich die post-politische Gesellschaft als „Masse“ vor: ein schweigender, ausdrucksloser und unbeweglicher Klumpen, in dem jegliche Bedeutung verschwindet.

„Es fühlt sich so an, als würde es mich in etwas verwandeln“

Doch so ist es nicht gekommen. Vielmehr erscheint eine neue, auf Kategorien basierende Gesellschaftsstruktur. Die Gesellschaft wird verschachtelt, jede Kategorie wird unterkategorisiert. Eine Person ist männlich/weiblich, homo/hetero/bi/BDSM, Top/Bottom, flexibel Top/Bottom und so weiter.

Diese Kategorien haben eine rigide, kastenartige Qualität. Selbst wenn man sich aussucht, homo oder hetero zu sein, Muslim oder Nicht-Muslim – die Kategorie wird ein Eigenleben entwickeln und scheint den Menschen zu formen. Eine Studie über die Beziehungen zwischen Tops und Bottoms zitiert schwule Männer wie folgt: „Irgendwie entwickelte sich dieses Bild von mir als ein sehr aggressiver Bottom“, „Es gibt da eine Top-Mentalität. Ich hasse es, das zu sagen, aber ich bin ein Bottom […]. Ich will nicht auf diese Weise identifiziert werden. Es fühlt sich so an, als würde es mich von Kopf bis Fuß in etwas verwandeln.“ [4]

Hat man eine Schublade gewählt, stellt man fest, dass die Schublade „mich in etwas verwandelt“. Sie nimmt etwas von der Individualität, kreiert den Stereotyp einer Person und bestimmt die Beziehungen zu anderen entlang stereotyper Bahnen. Ebenso wie die alten Gesellschaftsstrukturen der Kaste oder des Standes wird die Identitätskategorie als etwas Fremdes, von außen Kommendes empfunden, das den Menschen beherrscht.

Das unterscheidet sich grundlegend von der Beziehung eines Individuums zu politischen Parteien oder Vereinen, denen es angehört. Die subjektiven Interessen der Parteimitglieder werden in gesellschaftliche Formen kanalisiert und von ihnen strukturiert. Das Individuum ist Teil des lebenden Körpers, den der Verein darstellt, man bildet ihn und wird von ihm gebildet. In einem freiwilligen Zusammenschluss sind das Individuum und die Gruppe in einer konstanten Beziehung, sie formen sich gegenseitig.

Die Identitätskategorie wirkt hingegen mehr wie eine Schublade: eine externe Form, in der die Individuen als getrennte Dinge liegen. Diese gesellschaftliche Form beruht nicht auf dynamischen Beziehungen zwischen Individuen, sondern auf einer gemeinsamen Eigenschaft, die sie besitzen: einem Genus. Diese Kategorien scheinen für das Individuum etwas sehr Privates und Persönliches zu sein – doch in Wahrheit sind sie verknöchert und verhärtet und übernehmen das Innenleben.

„Man fängt an, zu einer Schublade zu werden“

Wenn man Teil einer Schublade ist, dann verschwindet das persönliche und subjektive Leben. Man fängt an, zu seiner Schublade zu werden, und man bezieht sich nicht als man selbst auf andere, sondern im Namen der Schublade, in die man sich gesteckt hat. Es ist bezeichnend, wie feindselig sich unterschiedliche Identitätsgruppen gegenüberstehen. Die schwul-lesbische-bi-trans-Gemeinschaft verstrickt sich in Gezänk zwischen den unterschiedlichen Sektionen. Sie streiten um die Vormachtstellung und darüber, wer bei einer bestimmten Initiative dabei sein darf und wer nicht. Das geht so weit, dass weibliche Transsexuelle von Lesben erwarten, als Sexualpartner akzeptiert zu werden [5], und Lesben andererseits ihre „sicheren Räume“ der Damentoiletten gegen Trans-Invasoren verteidigen.

Die Frage danach, wer Sex mit wem hat, oder wer wessen Toiletten benutzt, nimmt die merkwürdige Form einer Verhandlung zwischen Stämmen an. Das ist ganz so, als ginge es beim Sex wieder um Endogamie und Exogamie, also ob man lediglich innerhalb oder auch außerhalb des Stammes heiraten darf. Es soll sogar eine gewisse Feindschaft zwischen „Tops“ und „Bottoms“ geben. [6]

Diese Feindseligkeit hat im Vergleich zu sozialen Gegensätzen in der Vergangenheit, wie jenen zwischen unterschiedlichen Berufen, Klassen oder religiösen Sekten, eine andere Qualität. In diesen Fällen war die Gegnerschaft eine Konsequenz des Lebens in der Gemeinschaft – darin spiegelte sich, in welchem Maß die Interessen der Gemeinschaft mit denen anderer in Konflikt gerieten. Dagegen mangelt es den heutigen Identitätskategorien an wirklichem Innenleben und gesellschaftlicher Existenz: Sie sind keine Vereinigung, sondern nur eine Versammlung von Individuen. Eine Kategorie erwacht gewissermaßen nur durch den Konflikt mit gegensätzlichen Kategorien zum Leben. Was jemand ist, wird demnach vornehmlich durch den Konflikt definiert, der sich gegen das richtet, was man nicht ist.

„Die Menschen erscheinen wie Gefangene ihrer Etiketten“

Eine Person ist zunehmend nur noch wirklich „Trans“ oder „Moslem“, wenn sie sich über einen „Mangel an Trans-Repräsentation“ oder Islamophobie beschwert. Nur im Augenblick der Opposition wird eine kategoriale Identität aufgestellt, wenn auch auf eine flache und stereotype Weise. Offenbar sucht man Konflikte zum Zwecke der Selbstkonstitution.

Das erklärt, warum sich immerzu gerade die Leute beschweren, die so gut wie nichts haben, worüber sie sich beschweren könnten. Die Menschen haben die Möglichkeit, der zu sein, der sie sein wollen, sie können lieben, wen sie wollen und der Religion ihrer Wahl folgen – dennoch erscheinen sie wie Gefangene ihrer Etiketten, eingeschlossen in Beziehungen gegenseitiger Feindschaft mit anderen Etiketten.

Der wahre Kampf findet nun nicht zwischen absurden Identitätskategorien statt, sondern gegen die Kategorien. „Wir dürfen es nicht zulassen, dass diese Titel uns tragen“, schreibt ein schwuler Mann [7], ein anderer nennt die Einteilungen „doof“[8]: „Was ist denn mit der Liebe geschehen, mit der Chemie, mit dem Verlieben in einen anderen Menschen?“ Dieser Text versteht sich als Aufruf, man selbst zu sein und ernsthafte Beziehungen und Vereinigungen mit anderen einzugehen, als Aufruf zum Kampf gegen die Stereotypen und Schubladen der gesellschaftlichen Identität. Der Sieg wäre eine Erlösung sowohl des Einzelnen als auch der Gemeinschaft, und nicht zuletzt der Romantik.