01.01.1999

“Es war dieses Bild, das die Welt in Alarmbereitschaft versetzte” - Penny Marshall (ITN)

Von Thomas Deichmann

Ein Bild ging um die Welt, und es war ein falsches Bild vom Bosnienkrieg. Trotz der Falschheit hat es mächtige Regierungen und internationale Organisationen bewegt und war sogar Beweismittel im ersten Kriegsverbrecherprozess in Den Haag. Thomas Deichmann über das Mediensymbol des Bosnienkrieges: Die Aufnahme eines abgemagerten bosnischen Muslimen hinter Stacheldraht war eine Täuschung.

Es dauerte einige Tage, bis ich selbst daran glauben wollte: Das wohl bekannteste und einflussreichste Bild, eigentlich das Symbol des Bosnien-Kriegs schlechthin, war eine Täuschung. Es wurde am 5. August 1992 von einem britischen Fernsehteam aufgenommen: Dem Team von Penny Marshall von ITN und Ian Williams von Channel 4 in Begleitung des Reporters Ed Vulliamy vom Guardian. Ein abgemagerter Mensch in einer Gruppe von Muslimen in der sengenden Hitze mit nacktem Oberkörper hinter Stacheldrahtzaun, Fikret Alic, ein bosnischer Muslim in einem der berüchtigten Lager der bosnischen Serben in Trnopolje. "The Proof" – der Beweis – schrieb die Daily Mailzwei Tage nach dieser gruseligen Entdeckung in dicken Lettern über die ganzseitige Ablichtung des Bildes: "Das sind Szenen wie die in schwarz und weiß flimmernden Bilder aus fünfzig Jahre alten Filmen über Konzentrationslager der Nazis." Weltweit wurde die Geschichte in millionenfacher Auflage reproduziert. Sie flimmert noch heute über die Bildschirme, findet sich in etlichen Büchern und offiziellen Berichten. Das Bild ist ein Dokument der Zeitgeschichte geworden: Ein angeblicher Beweis für die Existenz von Konzentrationslagern in Bosnien fünfzig Jahre nach Ende der Nazidiktatur in Deutschland.

Abb. 1: Internationale Berichterstattung über das Lager in Trnopolje

Kleines Detail

Die britischen Journalisten erhielten für ihre Berichterstattung über die Lager Omarska und Trnopolje hoch dotierte Preise. Dass an der Korrektheit des Stacheldrahtbildes mit Fikret Alic in Trnopolje nicht zu zweifeln sei und dass sich Penny Marshall, ihr ITN-Kameramann Jeremy Irvin, Ian Williams und nicht zuletzt der Printjournalist Ed Vulliamy, der die Reise in seinem Buch Seasons in Hell eindrucksvoll nacherzählte, der Aufklärung von grausigen Vorgängen in Bosnien wirklich verdient gemacht hätten, dachte auch ich bis November 1996 (Seasons in Hell. Understanding Bosnia’s War, Simon & Schuster, London 1994). Diese Meinung musste ich jedoch revidieren.

Im Rahmen von Untersuchungen im Auftrag der niederländischen Anwaltskanzlei Wladimiroff & Spong für die Verteidigung des vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal angeklagten Dusko Tadic sichtete ich Presseartikel und auch Videomaterial von Penny Marshall, das im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. Das Bild von Fikret Alic hinter dem Stacheldraht war in den Zeitungen immer wieder zu finden. Meine Aufgabe für die Kanzlei war zunächst einzig und allein, einen inhaltlich neutralen und sachlichen Bericht zu verfassen und später im Gerichtsaal darüber zu referieren, wie oft Bilder des Angeklagten Tadic in den deutschen Medien gezeigt wurden. Meine Frau stieß mich eines abends auf ein kleines Detail, dem ich anfangs kaum Beachtung schenkte. Nach Fertigstellung meines Auftrags und meiner Expertenaussage in Den Haag widmete ich mich noch einmal den ITN-Aufnahmen.

Wenn es sich bei der Aufnahme von Fikret Alic um ein Bild von Insassen eines mit Stacheldrahtzaun umgebenen Lagers handelte, warum war der Stacheldraht an die mächtigen Pfosten von der Seite angebracht, auf der sich auch die Lagerinsassen befanden? Penny Marshall stand doch angeblich außerhalb dieses Lagers. Als studierter Bauingenieur mit praktischer Berufserfahrung auch im Gärtnereibetrieb dachte ich sofort, das ist unüblich. Zäune werden normalerweise außen an den Pfosten befestigt, ein Gelände und sich darauf aufhaltende Personen werden somit eingezäunt. Die Bestätigung hierfür fand ich noch einmal bei einem Spaziergang durch Schrebergärten in Frankfurt und von meinem Bruder, der als Gartenbautechniker arbeitet.

Demzufolge waren nicht die Lagerinsassen, sondern das britische Journalistenteam von einem Stacheldrahtzaun umgeben, ging es mir durch den Kopf, doch möglicherweise wurde der Zaun in Trnopolje von Laien aufgestellt und der Stacheldraht an der falschen Seite befestigt. Viele westliche Journalisten hatten nach dem Besuch von Penny Marshall das Lager aufgesucht, und keiner hatte Zweifel am berühmten Zaunbild geäußert. Nur Peter Brock, ein Journalist aus den USA, hatte einmal den Inhalt des Bildes in Frage gestellt und behauptet, bei der ausgemergelten Person handele es sich nicht um einen Muslimen, sondern einen inhaftierten Serben ("Dateline Yugoslavia: The Partisan Press", in: Foreign Policy, Dezember 1993; s.a. Weltwoche, 20.1.94). Diese Behauptung war falsch und basierte laut Brock auf einer Verwechslung (siehe "Verwirrung um das ITN-Bild" am Ende dieses Artikels). Alic hat die Torturen des Krieges überstanden und lebt heute als Flüchtling in Westeuropa. Aber anscheinend führte die aufgeregte Debatte über den "Meutenjournalismus"-Artikel von Brock dazu, dass anschließend niemand mehr auch nur auf die Idee kam, die Echtheit des Stacheldrahtbildes anzuzweifeln. So erging es zunächst auch mir, der hinsichtlich Medienmanipulationen einiges gewöhnt war.

Unglaubwürdiger Zeuge

Bei einem Gespräch mit dem Tadic-Verteidiger in Den Haag, Prof. Mischa Wladimiroff, wurden meine Vermutungen bestätigt. Bei Recherchen vor Ort hatten sich Details des von bosnischen Behörden zur Falschaussage gezwungenen und überführten Hauptbelastungszeugen Dragan Opacic als fragwürdig herausgestellt. Opacic hatte im Zeugenstand von der Stacheldrahteinzäunung des Lagers Trnopolje berichtet und den Zaunverlauf in eine Skizze gezeichnet. Wladimiroff sprach mit Augenzeugen, untersuchte die Umgebung und schlussfolgerte, dass auch mit dem Bild von Penny Marshall wie mit vielen anderen Aussagen Opacics etwas faul sein könnte. Einen Stacheldrahtzaun hatte es Wladimiroffs Untersuchungen zufolge nur in einem relativ kleinen Bereich gegeben, der sich in unmittelbarer Nachbarschaft des eigentlichen Lagergeländes befand. Auf diesem benachbarten Grundstück befand sich eine Scheune und ein Elektrohäuschen. Daran angrenzend befand sich das eigentliche Lagergelände: Eine Schule, eine Art Bürgerhaus, genannt "Dom", mit Sporthalle und medizinischem Versorgungszentrum und einem großen Freigelände mit Sportanlagen. Wäre Opacic nicht vorzeitig durch eine Gegenüberstellung mit seinem angeblich verstorbenen Vater der Lüge überführt worden, hätte Wladimiroff auch dieses Zaundetail im Gerichtssaal angesprochen, und möglicherweise wäre die ITN-Aufnahme von Fikret Alic schon im Herbst 1996 zur Sprache gekommen.

Journalisten hinter Stacheldraht

Mit einem etwas mulmigen Gefühl im Bauch, immer noch gehörigen Zweifeln an der Richtigkeit meiner Vermutung und der Befürchtung, möglicherweise umsonst eine Reise nach Bosnien aus eigener Tasche zu finanzieren, machte ich mich kurz nach dem Gespräch mit Wladimiroff auf den Weg. Alle meine Vermutungen fand ich nur wenige Tage später bestätigt. Meine Recherchen, die auch die Einsicht des unbearbeiteten Filmmaterials der ITN-Crew beinhalteten, ergaben, dass nicht die gefilmten Lagerinsassen und in ihrer Mitte Fikret Alic von einem Stacheldrahtzaun umgeben waren, sondern die britischen Journalisten, die aus einem so umzäunten Grundstück heraus über den Zaun hinweg in das Lagergelände hinein filmten.

Hiervon hätte ich nie zu träumen gewagt. Die Reporter lieferten mit ihrer Aufnahme, ohne es auszusprechen, indirekt auch die Interpretation, dass es sich hier um ein KZ handelte, das mit einem der deutschen Nazis vergleichbar war. Diese Interpretation wurde von anderen Journalisten weltweit und sehr explizit übernommenen. In einem Artikel im Independent anlässlich des ersten Jahrestags der Aufnahmen von Fikret Alic in Trnopolje beschrieb Frederick Baker die Bedeutung der Bilder: "Die Kamera schwenkt auf den knochigen Torso des Gefangenen. Es ist ein Bild der Hungersnot, aber wenn wir den Stacheldraht vor seinem Brustkorb sehen, ist es ein Bild des Holocaust und der Konzentrationslager" (5.8.93).

Ebenso wenig hätte ich davon zu träumen gewagt, wie selbstbewusst Marshall, Williams und Vulliamy nach ihrer Reise mit der Stacheldrahtaufnahme hofierten, ohne ein Sterbenswörtchen darüber zu verlieren, wie sie diesen Scoop produzierten. Doch dazu später.

Von London nach Trnopolje

Das britische Journalistenteam war Ende Juli 1992 von London aus auf Einladung des damaligen Präsidenten der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, zunächst nach Belgrad geflogen, anschließend nach Pale und von dort weiter nach Prijedor gefahren, von wo aus sie am 5. August Omarska und Trnopolje besuchten. Karadzic hatte Ende Juli in London an einer internationalen Konferenz teilgenommen. Etwa zeitgleich gab es auch die ersten Berichte von Journalisten über Internierungslager der Serben in Bosnien. Roy Gutman schrieb am 19. Juli 1992 in Newsday über den Besuch eines solchen Lagers in Manjaca. Der Photograph André Kaiser hatte ihn nach Manjaca begleitet, und seine Bilder von kahl geschorenen Gefangenen gingen um die Welt. Am 29. Juli schrieb Maggie O’Kane in einem Artikel im Guardian über Augenzeugenberichte, denen zufolge vertriebene Muslime in voll gestopften Viehwaggons vom Bahnhof Trnopolje abtransportiert worden waren. Am 2. August lancierte schließlich Roy Gutman in Newsday seinen "Todeslager"-Artikel, der sich mit dem Lager Omarska beschäftigte. Gutmans Artikel beruhte wie auch der von O’Kane auf dürftigen Zeugenaussagen.

Karadzic wurde vor seiner Abreise aus London von leitenden Redakteuren von ITN und vom Guardian auf diese Lager angesprochen. Er stritt deren Existenz ab, willigte aber nach einigen Überredungskünsten recht spontan ein, einem Journalistenteam den Besuch dieser Orte zu gestatten.

Am 28. Juli trafen Vulliamy, Marshall und Williams mit ihrer TV-Crew in Belgrad ein, wo sie zunächst einige Tage an der Weiterreise nach Bosnien gehindert wurden. Im Gepäck hatten sie ein Papier der bosnischen Regierung, auf dem "Konzentrationslager" der Serben aufgelistet waren. Um die Zeit zu überbrücken, besuchten die Reporter von Belgrad aus zwei solcher Orte in Loznica und Subotica. Sie erhielten die Erlaubnis, dort zu drehen und stellten fest, dass es sich um einfache Flüchtlingslager handelte, in denen teils auch Serben untergebracht waren und in denen es Flüchtlingen den Umständen entsprechend aber doch unerwartet gut ging. Von KZs konnte keine Rede sein. Am 3. August flogen sie dann nach Pale, wo es zu einem kurzen Zusammentreffen mit Karadzic kam, der auf Drängen der Journalisten den ungehinderten Zugang zu den Lagern Omarska und Trnopolje per Telefon arrangierte. Eine kurze Visite eines Gefängnisses in der Nähe von Pale auf Einladung Karadzics brachte erneut keine Bestätigung für die Existenz der vermuteten "Todeslager".

Von Pale aus ging es am nächsten Tag nach Banja Luka und am darauf folgenden, dem 5. August, nach Prijedor. Nach einem Gespräch mit Major Milovan Milutinovic, den Militär- und Polizeibefehlshabern Milan Kovacevic und Simo Drljaca wurden die Journalisten in Begleitung einer Militäreskorte nach Omarska und Trnopolje gebracht. Das Ende der Reise nahte, und zwischenzeitlich war die Anspannung im Reporterteam gewachsen. Der Artikel von Roy Gutman über das "Todeslager" Omarska war erschienen und die Erwartungshaltung der Redaktionen in London gewaltig. Penny Marshall schrieb nach der Rückkehr in einem Artikel für die Sunday Times, dass sie und Williams von den Chefredakteuren von ITN und Channel 4 die Order erhalten hatten, nichts zu senden, bevor sie die Geschichte über die Lager im Kasten hatten (16.8.92).

Der Besuch des Lagers Omarska auf dem Gelände eines Bergbaubetriebes war für das Reporterteam eine bedrückende Erfahrung, aber auch eine Enttäuschung: Lagerinsassen, die von Wärtern mit Schnellfeuerwaffen im Anschlag bewacht und im Laufschritt über einen Hof geführt wurden, und ausgehungerte Menschen, die offensichtlich eingeschüchtert waren und nicht mit den Journalisten sprechen wollten, weil sie um ihr Leben fürchteten. Dennoch, die Aufnahmen, die sie machten, waren "nicht schockierend", waren "nicht der Beweis für Folter und Mord", kommentierte auch Monika Gras in ihrer Südwestfunk-Reportage "Omarska – Das Todeslager" die Bilder von ITN und Channel 4.

Marshall und Williams waren verärgert, weil ihnen trotz des Versprechens von Karadzic nicht erlaubt wurde, alle Gebäude zu betreten und sie das Gefühl hatten, an der Nase herumgeführt zu werden. Nach einem erfolglosen Wortduell mit den Militärs und einem Abschlusskommentar von Williams vor laufender Kamera machten sie sich auf den Weg zur letzten Station ihrer Reise: Trnopolje, nur wenige Kilometer von Omarska entfernt und in unmittelbarer Nachbarschaft der Ortschaft Kozarac, die im Mai 1992 von serbischen Einheiten fast vollständig zerstört und ihre muslimischen Bewohner zu Tausenden ermordet oder vertrieben wurden.

Passendes Bildmaterial

In Trnopolje nutzten die Reporter die letzte ihnen gebotene Chance, das filmen und später senden zu können, was man von ihnen erwartete und auf das sie allem Anschein nach selbst auch so erpicht waren: Bilder von Muslimen, eingepfercht wie Vieh hinter Stacheldrahtzaun. Gutmans Bezeichnung von Omarska als "Todeslager" und O’Kane’s Wiedergabe von Augenzeugenberichten über den Abtransport von Muslimen in voll gestopften Viehwaggons hatten bereits die symbolische Verbindung mit Konzentrationslagern der Nazis geliefert. Serben galten nach Saddam Hussein als die neuen Nazis. Marshall und Williams lieferten für diese These erstmals das passende Bildmaterial.

Das Team näherte sich im Konvoi von Süden her Trnopolje. Die Reporter konnten sich auf dem gesamten Gelände umschauen. Sie filmten im Schulgebäude, das mit Matratzen und notdürftigen Schlafplätzen überfüllt war, im Bürgerhaus, wo sich das gleiche Bild zeigte, und im Außenbereich, wo sich wegen der unerträglichen Hitze in den Gebäuden mehrere Hundert Menschen aufhielten und nach Schatten suchten. Am gleichen Tag, als die Reporter eintrafen, war eine große Gruppe von Muslimen aus dem Lager Keraterm vor Prijedor gebracht worden, die nun im Freien auf ihre Registrierung und die Zuweisung von Lebensmitteln und Schlafplätzen warteten.

Vom mehrstündigen Bildmaterial, das aufgenommen und tags darauf in Budapest bearbeitet, nach London gesendet und dort am Abend ausgestrahlt wurde, fanden sich Ausschnitte vom Besuch in Omarska und Aufnahmen von Gesprächen der Journalisten durch den Stacheldrahtzaun hindurch mit Muslimen, darunter zuvorderst Fikret Alic.

Diese Aufnahmen, die den Eindruck erweckten, das Lager sei von Stacheldraht umgeben, kamen zustande, indem Marshall und ihr Kameramann Irvin von einer Straßengabelung von Süden her ein mit Stacheldrahtzaun umgebenes Grundstück betraten. Auf diesem befand sich eine Art Garagenverschlag, daneben ein Transformatorhäuschen an der Südseite und eine Art gemauerte Scheune in der Mitte. Dort gab es vor dem Krieg Agrargüter wie Samen und anderes Gartenbaumaterial zu kaufen. Auf dem Gelände und in der Scheune waren früher auch Traktoren und anderes Baugerät untergebracht. Um all dieses Material vor Diebstahl zu schützen, wurde lange vor dem Krieg das etwa 500 Quadratmeter große Grundstück eingezäunt. Von der Straße in Richtung Kozarac her gab es ein großes Tor zur Ein- und Ausfahrt. Bis auf den Garagenverschlag stehen all diese Gebäude noch heute. So auch die mächtigen Stahlpfosten um das Gelände, an denen der Stacheldrahtzaun befestigt war. An der Westseite sind noch Reste des Stacheldrahts vorhanden.

Als Marshall, Williams und Vulliamy dieses Grundstück betraten, war der Stacheldrahtzaun bereits an einigen Stellen eingerissen. Die Reporter gingen nicht durch das geöffnete große Tor auf der Ostseite, sondern sie betraten es von Süden her an einer Stelle, wo der Zaun offen war.

Sie passierten das Trafohäuschen, die Scheune und näherten sich dem Stacheldrahtzaun an der Nordseite, wo sich rasch Neugierige versammelten, die über die Ankunft der Journalisten überrascht waren. Vom Innenbereich dieses Grundstücks wurden die berühmten Aufnahmen von Fikret Alic gemacht, die seither als zeitgeschichtliches Dokument und angeblicher Beweis für die Existenz von KZs in Bosnien galten. Auch der Hintergrund im Alic-Bild verrät eindeutig, von wo aus der Schnappschuss gemacht wurde.

Abb. 2: Lageplan vom Lager Trnopolje, basierend auf einer US-Satellitenaufnahme vom 2. August 1992, drei Tage vor dem Besuch der britischen Journalisten. Hinter der Schule und dem Bürgerhaus sind Schutzhütten zu erkennen ("Shelters"). Alle Erklärungen in deutscher Sprache sowie der ungefähre Verlauf der Zäune wurden von Thomas Deichmann ergänzt. Sie beziehen sich auf die Situation im Lager am 5. August 1992.

Abgemagerte Gestalten

Das Original-Filmmaterial von Kameramann Jeremy Irvin verrät zudem, auf welche Einstellungen die Reporter aus waren. Irvin zoomte von verschiedenen Positionen aus durch den Zaun hindurch, von außen und von innen, stellte mal den Maschendraht, mal den Stacheldraht und dann wieder den Hintergrund scharf, wohl mit einer Vorahnung dessen, welche gewaltigen Bilder er von diesem Ort mit nach Hause nehmen könnte. Das Kameraauge war auch stets auf der Suche nach möglichst abgemagerten Menschen. Fikret Alic, der am 17. August 1992 auch auf der Titelseite der Time erschien, und eine andere ausgemergelte Gestalt, die am gleichen Tag in Newsweekabgebildet wurde (es soll sich hierbei um einen Muslimen namens Ilijas Garibovic gehandelt haben), boten das passende Profil. Die überwiegende Mehrheit der Flüchtlinge war zwar von den Kriegsmonaten gezeichnet, ihre Statur war mit der von Alic und einigen wenigen anderen, die aussahen wie er, in keinster Weise vergleichbar. Zigaretten wurden über den Zaun gegeben und die Rangeleien um das bisschen Tabak gefilmt.

Penny Marshall schrieb in ihrem Artikel für die Sunday Times: "Jeremy Irvin, unser Kameramann, wusste, dass er mit starken Bildern aus Prijedor zurückgekehrt war. Aber erst als wir die Aufnahmen in unserem kleinen Filmstudio in Budapest betrachteten, begannen wir, ihre Wirkung zu erahnen." Ed Vulliamy fasste diese Wirkung in seinem Buch Seasons in Hell zusammen: "Mit seinem Rippenkäfig hinter dem Stacheldrahtzaun von Trnopolje wurde Alic zur symbolischen Figur des Krieges, auf jedem Magazinumschlag und Fernsehbildschirm der Welt" (S.202). Der Auslandsredakteur von ITN, Mike Jeremy, bezeichnete die Aufnahme als das "Schlüsselbild des Krieges im früheren Jugoslawien" (Independent, 5.8.93).

Maschendraht für Hühnerhaltung

Als ich Trnopolje im letzten Dezember mehrere Tage besuchte, sprach ich auch mit Dorfbewohnern, die das Gelände von früher her kannten. Familie Baltic lebt schon lange in Trnopolje, etwa 15 Minuten vom Schulgelände entfernt. Vater Momcilo hat von der Umwandlung der Schule in ein Flüchtlingscamp erst spät mitbekommen, als er vom Militärdienst zurückkam. Sein 17-jähriger Sohn Dragan ging bis etwa April 1992 in Trnopolje zur Schule und absolvierte dort die siebte Klasse. "Außer im vorderen Kreuzungsbereich, um diese Art Scheune herum, hat es nirgends einen Stacheldrahtzaun gegeben", erklärte er mir. Seine Schwester Dragana ist 19 Jahre alt und arbeitet heute im Flüchtlingszentrum in der Schule. Die Hälfte des Gebäudes wird seit einigen Monaten wieder für den Schulbetrieb benutzt, die andere Hälfte wurde für vertriebene Serben aus Bihac, Sanski Most, Kljuc und Petrovac hergerichtet. Dragana bestätigte ihren Bruder und fügte hinzu, dass es auch im vorderen Bereich, an der Straße in Richtung Kozarac, einen kleinen Zaun gab. Auf Höhe der Schule war dies ein etwa ein Meter hoher, teilweise unterbrochener Metallzaun mit einem großen Tor im Eingangsbereich. Dieser Zaun wurde auch um das Schulgebäude herumgeführt. Er diente dazu, Kinder daran zu hindern, auf die Straße zu laufen.

Er steht noch heute und ist auch auf den ITN-Bändern zu sehen. Flüchtlinge lehnen daran, und an anderer Stelle springen sie von der Straße aus darüber, um ins Innere des Schulgeländes zu gelangen. Dragana erinnerte sich auch daran, dass es im vorderen Straßenbereich bis etwa in Höhe des Bürgerhauses anschließend an den Stacheldrahtzaun auch schon vor dem Krieg einen kleinen, etwa ein Meter zwanzig hohen Maschendrahtzaun gab, "wie man ihn für die Hühnerhaltung verwendet". Auch dieser Maschendraht ist auf dem ITN-Filmmaterial deutlich zu erkennen.

Pero Curguz traf ich in seinem Büro in Prijedor. Er lebte in Rudnik Ljublja, bis das Dorf im Mai 1992 von muslimischen Einheiten eingenommen wurde. Er leitet das regionale Rote Kreuz, war während des Betriebs des Flüchtlingszentrums in Trnopolje stationiert und wurde im August 1992 auch vom britischen Reporterteam interviewt. Er erklärte damals, die Menschen seien freiwillig auf das Gelände gekommen, um Schutz zu suchen. Er berichtete mir, dass zu keiner Zeit des Lagerbetriebs irgendein Zaun aufgestellt wurde. Im Gegenteil: Als andere Lager in Keraterm und Omarska geschlossen wurden, sei Trnopolje überfüllt gewesen. Bis zu 7500 Menschen seien dort gleichzeitig untergebracht worden. Die Flüchtlinge hätten sich alles an Baumaterialien genommen und auch die Zäune in der Umgebung eingerissen, um sich Zelte und kleine Schutzhütten zu bauen. Als die Zäune noch standen, hätten sie keine besondere Bedeutung für die Absteckung des Lagergeländes oder die Internierung von Gefangenen gehabt, sondern, wenn überhaupt, dann "hatten sie wie die Wärter eine gewisse Schutzfunktion". Curguz insistierte, dass es sich nicht um ein Internierungs- oder Gefangenenlager gehandelt habe, sondern ein Sammelzentrum für vertriebene Muslime. Von allen Befragten wurde mir bestätigt, dass die Flüchtlinge das Gelände fast jederzeit verlassen konnten. Auch in den Wohnhäusern nördlich des Schulgebäudes waren muslimische Flüchtlinge untergebracht.

Auch dem Filmmaterial von ITN, das nur in Teilen ausgestrahlt wurde, ist zu entnehmen, dass das große Gelände, auf dem sich die Flüchtlinge aufhielten (hinter und vor der Schule und dem Bürgerhaus und dazwischen), zum Zeitpunkt der Aufnahmen nicht mit Stacheldraht umzäunt war. Man sieht ebenso deutlich, dass sich die Menschen frei auf der Straße und auf dem Gelände bewegten und einige sich bereits kleine Schutzzelte errichtet hatten. Auch auf dem mit Stacheldraht eingezäunten Grundstück sieht man im Film eine Gruppe von etwa 15 Personen, darunter Frauen und Kinder, unter einem Baum im Schatten sitzen. Der Zugang zu diesem Gelände war wie für Penny Marshall auch für Flüchtlinge möglich. Würde also jemand die Behauptung aufstellen, diese Gruppe von 15 Personen sei, weil sie sich auf diesem Grundstück befand, hinter Stacheldraht eingesperrt gewesen, wäre dies genauso eine Fehlinformation wie der Hinweis, das gesamte Lager sei mit Stacheldraht eingezäunt gewesen.

Aufnahmen des ITN-Kameramannes von der Rückseite des Gesamtareals, also von Westen her, zeigen noch einmal deutlich, dass es nur eine Möglichkeit gibt, wie die Stacheldrahtbilder zustande gekommen sein konnten. In einer weiteren Bandsequenz sieht man die am selben Tag eingetroffene Gruppe von jungen Männern aus Keraterm aus einer anderen Perspektive. Der Kameramann stand nicht mehr im Stacheldrahtgelände, sondern etwa 20 Meter westlich daneben. Die Flüchtlinge standen zum Zeitpunkt der Aufnahme dort vereinzelt herum und später in einer Schlange, beide Mal hinter einem weiteren niedrigen Maschendrahtzaun, der sich an das Grundstück mit Stacheldraht anschloss und allem Anschein nach bis zur hinteren Ecke der Sporthalle im Bürgerhaus reichte. Sie warteten dort auf ihre Registrierung und auf weitere Anweisungen des Lagerkommandanten, erklärte mir Igor, ein ehemaliger Wärter im Lager.

Enttäuschung und Resignation

Als ich meinen Gesprächspartnern in Trnopolje nach der Befragung das Bild mit Fikret Alic hinter Stacheldraht zeigte, war die Reaktion immer die gleiche: Wut, Enttäuschung und mitunter Resignation, hatte man doch gehofft, von westlichen Journalisten fair behandelt zu werden und sie deshalb sehr freundlich empfangen.

Veljko Grmusa wurde mit seiner Familie aus Bosanska Bojna in der Nähe von Velika Kladusa vertrieben und in ein Haus eines vertriebenen Muslimen in Trnopolje eingewiesen. Mitte August arbeitete er für einige Tage als Wärter im Flüchtlingszentrum, bevor er an die Front geschickt wurde. Er kannte wie die meisten Befragten das Bild von Fikret Alic, zeigte sich erleichtert, als ich ihm erzählte, dass Alic den Krieg überlebt hatte, äußerte sich aber verärgert über die Aufnahme. Seine Frau Milica erzählte mir, dass sie während des Krieges im Auftrag der Kommunalverwaltung im Lager aushalf: "Wir wollten den Journalisten damals helfen, wir hatten ja keine Ahnung, wie die westlichen Zeitungen arbeiten. Später haben wir dann die Anweisung erhalten, nicht mehr mit Reportern zu sprechen, wenn sie keine spezielle Erlaubnis vorweisen konnten."

Misa Radulovic, heute 68 Jahre alt, früher Lehrer in Kozarac und Trnopolje, traf ich in Kozarac in der Bar von Mladen Tadic, dem Bruder des in Den Haag angeklagten Dusko. Radulovic geht am Krückstock, ist fast blind und erscheint wie ein Greis. Er wurde wie alle anderen wehrfähigen Männer ins Militär eingezogen und war drei Tage als Lagerwärter in Trnopolje stationiert. "Wir haben die Muslime vor extremistischen Serben geschützt, die Rache nehmen wollten", erklärte er mir seine Aufgabe im Lager. "Die Leute konnten das Lager ohne Papiere verlassen, aber das war gefährlich. Einen Stacheldrahtzaun hat es nur hier an der Ecke um die Scheune, dieser kleinen Verkaufsstelle für Agrargüter mit dem Elektrohäuschen, gegeben", fuhr er fort. Er berichtete mir auch darüber, dass nach dem Besuch des britischen Reporterteams, das er selbst aber nicht gesehen hatte, zahlreiche weitere westliche Journalisten das Lager besuchten: "Die meisten wollten immer nur dieses vordere Grundstück sehen und die am meisten abgemagerten Gestalten fotografieren. Ich habe mich einmal mit einem Journalisten gestritten und ihn aufgefordert, woanders seine Aufnahmen zu machen, z.B. im Schulgebäude. Aber er wollte gar nicht rein."

Umgang mit dem Welt-Scoop

Wie man wohl mit einem solchen Scoop als Reporter noch ruhig schlafen könne, fragte ich mich und nahm mir noch einmal die späteren Artikel und Kommentare von Marshall und Vulliamy vor. Marshall schrieb einen großen Reisebericht für die Sunday Times am 16. August 1992. Ed Vulliamy hatte seine Reportage bereits einen Tag nach dem Besuch Trnopoljes fertig gestellt. Sein Artikel erschien am 7. August im Guardian, wenige Stunden nachdem die ITN-Bilder erstmals am Abend des 6. August ausgestrahlt wurden. Auffällig ist, dass Vulliamy, der bei der Fertigstellung seines Textes den ITN-Fernsehbeitrag vermutlich noch nicht gesehen hatte, kein Wort über einen Stacheldrahtzaun verlor und zudem auch korrekt festhielt, dass Trnopolje nicht als Konzentrationslager bezeichnet werden dürfe. Seine recht ausgewogene und objektive Darstellung der Situation im Lager beinhaltete auch die Wiedergabe von Gesprächen mit vertriebenen Muslimen, die ihm berichtet hatten, daß keine Gewalt gegen sie angewendet wurde, daß der Platz ihnen eine gewisse Sicherheit bot und sie ansonsten nicht wussten, wohin sie gehen sollten. Vulliamy berichtete über ein Gespräch mit einem jungen Soldaten und Lagerwärter namens Igor, der dem Reporter seinen alten Freund Azmir, einen ehemaligen Fußballspieler, auf der anderen Seite eines Zaunes vorstellte. Mit Igor traf auch ich am letzten Tag meiner Reise zusammen.

Der Tonfall des Guardian-Reporters bei der Beschreibung seiner Eindrücke von Trnopolje sollte sich aber bis zur Herausgabe seines Buches Seasons in Hell 1994 drastisch ändern. Anscheinend beflügelt von der positiven Resonanz auf die Lagergeschichten im August 1992 änderte er einige Passagen, und der Stacheldraht, den er in seinem ersten Artikel nicht einmal für erwähnenswert hielt, bekam auf einmal eine zentrale Bedeutung. Die Anreise mit dem PKW und die ersten Eindrücke beschrieb er nun in seinem Buch wie folgt: "Noch mehr schmutzige Wege, noch mehr abgebrannte Dörfer und letztlich etwas, was früher eine Schule war und ein weiterer erschreckender Unglücksort: ein überfülltes Lagergelände, umgeben mit Stacheldrahtzaun" (S.104).

Inar Gnoric, eine bosnische Muslimin, unterhielt sich mit Vulliamy in Trnopolje und erzählte ihm, dass sie aus Sicherheitsgründen freiwillig gekommen war. Im Guardian-Artikel wurde sie von Vulliamy mit den Worten zitiert: "Die Verhältnisse hier sind sehr hart. Aber es gab schreckliche Kämpfe und wir hatten nichts zu essen. Hier ist es sicherer, aber wir wissen nicht, welchen Status wir haben. Wir sind Flüchtlinge, aber es gibt Wärter und den Drahtzaun." Welchen Zaun sie auch immer gemeint haben mag: In Vulliamys Buch findet sich das Zitat in etwas abgewandelter Form, am Ende spricht Gnoric plötzlich von einem Stacheldrahtzaun.

Auch die Beschreibung des Zusammentreffens mit dem jungen serbischen Soldaten Igor, der sich bei meinen Nachforschungen als Sohn von Pero Curguz, dem Leiter des regionalen Roten Kreuzes, herausstellte, fiel in Seasons in Hell auf einmal ganz anders aus. Igor, der mittlerweile nicht mehr in der "Serbischen Republik" in Bosnien-Herzegowina lebt, war bei unserem Treffen sehr hilfsbereit und offen und machte alles andere als einen unehrlichen oder künstlichen Eindruck. Von ihm erhielt ich die detailliertesten und ehrlichsten Beschreibungen über das, was in Trnopolje vor sich ging – auch über Dinge, über die ansonsten nur wenige sprechen wollten. Igor, der im Januar 1997 seinen 24. Geburtstag feiert und sich von mir eine Tafel Nestle-Vollmilchschokolade wünschte, wurde 1991 zum Militärdienst eingezogen. Er war während des Krieges zunächst in Knin stationiert und hatte sich dort mit einem kenianischen Blauhelmsoldaten angefreundet, der ihm Englischunterricht gab. Igor überreichte mir ein Erinnerungsphoto mit den beiden in Militäruniform. Am 20. Juli 1992 kam Igor aus Knin zurück und fand seine Eltern in Prijedor. Vor dem Krieg hatte er eine muslimische Freundin, die er nun aber nicht mehr sehen konnte. Etwa zehn Tage nach seiner Ankunft wurde er ins Lager Trnopolje geschickt, um dort als Leibwächter des Kommandanten Slobodan Kuruzovic seinen Militärdienst fortzusetzen. Mit ihm waren zwei weitere junge Männer, die Zwillingsbrüder Radenko und Dubravko Balaban, mit diesem Job beauftragt.

Die Szene, die in Vulliamys Artikel und in seinem Buch beschrieben wird – Igor stellt dem Reporter seine beiden Freunde namens Azmir vor, einer von beiden der Fußballspieler –, wurde auch mit der Kamera festgehalten. Der ehemalige Fußballspieler, Azmir Causevic, stammte aus Hambarine, wie mir Igor erzählte, und lebt heute wahrscheinlich als Flüchtling im Ausland. Zwischen Igor und Azmir stand nur der kurze, etwa einen Meter hohe Metallzaun. Das ist auf dem Videoband deutlich zu sehen. Azmir und Igor lachten sich zu, gaben sich die Hand und sprachen miteinander – eine Szene, die das traurige Schicksal vieler Freundschaften in Bosnien zum Ausdruck bringt. Nachdem Vulliamy diese Begegnung zweier alter Freunde in seinem Artikel noch sehr vorurteilsfrei beschrieb, wurde Igor im Buch zwei Jahre später als junger Soldat vorgestellt, der nur noch vorgab, "freundlich zu sein" und der Azmir auf einmal angeblich "durch den Zaun hindurch" vorstellte (S.106). Solche Details wurden von Vulliamy fürs Buch ein wenig umgeschrieben.

Wachsendes Selbstvertrauen

Ein im Laufe der Monate wachsendes Selbstvertrauen im Umgang mit dem Stacheldrahtbild ließ sich auch bei Penny Marshall beobachten. Ihr Artikel für die Sunday Timeswirkte stellenweise wie eine Rechtfertigung und Entschuldigung, so, als sei ihr der Trubel um die besagten Bilder unangenehm gewesen. Sie verwies auf ihren Kameramann Jeremy Irvin, der die Aufnahmen gemacht hatte und auf ihren Chefredakteur, der ihr die Order gegeben hatte, nichts außer einer Lagergeschichte zu senden und der bereit war, das Risiko des Unternehmens zu tragen: "Es ist eine merkwürdige Erfahrung für einen Reporter, der gerade einmal fünf Jahre Berufserfahrung bei Wimbledon News vorzuweisen hat, sich in der Situation vorzufinden, Anerkennung für einen Welt-Scoop zu bekommen. Das ist in gewisser Weise peinlich. Es braucht eine Menge Leute, um eine Fernsehgeschichte zu machen, einen Produzenten, einen Kameramann, einen Tontechniker, einen Bandtechniker, sogar Fahrer und andere Assistenten."

Marshall schrieb auch, dass die Serben, mit denen sie zu tun hatte, sich immer sehr freundlich verhielten. Sie erzählte in ihrem Artikel vor allem über das Zusammentreffen mit dem muslimischen Arzt Dr. Idriz Merdzanic im medizinischen Zentrum im Bürgerhaus im Lagerbereich Trnopolje. Er gab ihr beim ersten Besuch am 5. August 1992 versteckte Hinweise auf Misshandlungen und überreichte ihr in einem unbeobachteten Moment einen unentwickelten Film mit Aufnahmen von männlichen Oberkörpern, die mit blauen, blutunterlaufenen Flecken übersät waren. Abzüge dieser Aufnahmen wurden am 7. August 1992 erstmals in Daily Mail veröffentlicht. Marshall besuchte den Arzt wenige Tage später erneut, um sich nach seinem Wohlbefinden zu erkunden. Wenige Minuten zuvor war, ihren eigenen Angaben zufolge, zum ersten Mal ein Team des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) in Trnopolje eingetroffen – laut IKRK in Genf war das der 11. August 1992.

Marshall erwähnte in ihrem ersten Artikel entgegen Vulliamy den Stacheldrahtzaun. Sie schrieb über den ersten Lagerbesuch schlicht: "Draußen gab es Stacheldraht", ohne weiter darauf einzugehen. Ihre Eindrücke beim zweiten Besuch hielt sie im gleichen Artikel wie folgt fest: "Draußen hatte sich das Lager in der Woche seit unserem ersten Bericht verändert. Der Stacheldrahtzaun war entfernt worden und die Serben hatten den Gefangenen Material überlassen, um sich Schutzhütten zu bauen."

Das potentielle Problem und die Schwachstelle ihrer Reportage, der Stacheldrahtzaun, war somit erst einmal verschwunden. Doch Marshall hatte die Wahrheit geschrieben, denn die Zäune, die ihr Kameramann beim ersten Besuch filmte, wurden tatsächlich bis zu ihrer Rückkehr fast alle entfernt. Das konnte ich ihrem Filmmaterial entnehmen, das sie vom zweiten Besuch am 11. August mit nach Hause brachte. Stehen blieb lediglich der niedrige Metallzaun um das Schulgebäude, einige kurze Zaunpfosten im Bereich der Straße und die mächtigen Metallpfosten um das besagte Grundstück, an denen der Stacheldrahtzaun früher befestigt war. An der Westseite dieses Grundstücks, wo sich Gestrüpp am Zaun hochrankt, blieben bis heute Reste des Stacheldrahts hängen.

Penny Marshall hatte in ihrem Artikel bewusst oder unbewusst offen gelassen, wo genau sich der nun eingerissene Stacheldrahtzaun, den es bei ihrem ersten Besuch "draußen" gab, befunden hatte. Ed Vulliamy schrieb in seinem Buch: "Vier Tage nach unserem Besuch in Trnopolje wurde der Zaun entfernt..." (S.113). Auch er ließ so das in der Öffentlichkeit verankerte Bild, das gesamte Gelände sei von Stacheldraht eingezäunt gewesen, unangetastet.

Sensationalismus-Vorwurf

In einem Artikel im Independent vom 5. August 1993 wurde Marshall zitiert, wie sie auf den Vorwurf, ihr Bericht sei sensationalistisch gewesen, reagierte: "Ich weise diesen Vorwurf vollständig zurück... Ich habe Wärter gezeigt – bosnisch-serbische Wärter –, wie sie die Gefangenen mit Essen versorgten. Ich habe ein kleines muslimisches Kind gezeigt, das aus eigenen Stücken gekommen war. Ich habe sie nicht Todeslager genannt. Ich war unglaublich vorsichtig, aber immer wieder sehen wir, wie dieses eine Bild benutzt wird." Würde man das Detail übersehen, dass es nie einen Stacheldrahtzaun um das Lager gab und nicht die Gefilmten, sondern Marshall und ihr Team bei den Aufnahmen von einem solchen umgeben waren, wäre hiergegen nichts einzuwenden. Übersieht man es aber nicht, erscheint diese Aussage fast zynisch.

In einem Gespräch mit der deutschen Filmemacherin Monika Gras, das in der Sendung "Kozarac – Ethnisch gesäubert" am 11. Oktober 1993 vom Südwestfunk ausgestrahlt wurde, faßte Marshall noch einmal selbstbewusst zusammen: "Es war dieses Bild von diesem Stacheldraht, und diese ausgemergelten Männer, das Alarmglocken in ganz Europa läuten ließ. Ich glaube, wäre der Bericht ohne dieses Bild vermittelt worden, wäre die Wirkung längst nicht so stark gewesen, obwohl sich nichts an den Fakten geändert hätte."

In diesem Gespräch beschrieb Marshall dann auch die im ersten Artikel zunächst als freundliche Menschen vorgestellten Serben eher als einfältige Gestalten, die nicht mit westlicher Presse umzugehen wussten: "Es handelte sich um einen PR-Fehler auf Seiten der Serben."

Störend an Marshalls, Williams’ und Vulliamys Verhalten ist vor allem, dass sie bis heute kein Wort darüber verloren haben, wie das Symbol des Bosnien-Kriegs, das Bild von Fikret Alic hinter Stacheldraht, zustande kam. Ihre Hoffnung war allem Anschein nach, das lassen zumindest ihre Reaktionen vermuten, dass Gras über die Sache wachse. Nicht nur Prinzipien professionellen Journalismus’, sondern elementare menschliche Züge wie Fairness und Ehrlichkeit hätten sie eigentlich dazu bewegen sollen, ein klärendes Wort zu sprechen.

Journalistische Standards

Marshall und ihre Kollegen setzen mit ihrer Reportage gewisse Standards für investigativen Journalismus auf dem Balkan, an denen sich andere orientierten. Es gab nur wenige kritische Stimmen ob der vermeintlich sensationellen Enthüllungen der britischen Reporter.

So warnte Patrick Cockburn in einem Artikel im Independent on Sunday vom 9. August 1992, ohne die brutalen Zustände in Lagern in Bosnien herunterspielen zu wollen: "Es sollte aber auch gesagt werden, dass es bisher nur sehr begrenzte Beweise dafür gibt, daß diese Lager, um die es geht, Teil einer rassistischen Politik der Massenausrottung von bosnischen Muslimen und Kroaten sind, die Vergleiche mit Hitlers Endlösung zulassen würde."

So bedacht wie Cockburn reagierten nur wenige Journalisten. Die Mehrzahl schrieb fortan von serbischen KZs und scherte sich um die Indizienlage nur wenig. Auch in Büchern erhielten die Stacheldrahtgeschichte und der Trnopolje-KZ-Vergleich Einzug. "Als die ersten Journalisten einige Tage zuvor eintrafen, war der Ort von Stacheldraht umgeben und es gab kein Begrüßungsschild", schrieb z.B. Peter Maass in Love thy neighbours: A story of war über seinen Besuch Trnopoljes im Spätsommer 1992 (Papermac, London 1996, S.41). Es schien auch ihm sehr wichtig, das Bild abgemagerter Lagerinsassen und den Vergleich mit deutschen KZs aufzugreifen: "Ich hatte nie geglaubt, dass ich einmal ein wandelndes Skelett sehen würde. Doch in Trnopolje geschah es. Ich lief durch das Tor und konnte nicht glauben, was ich sah. Dort, direkt mir gegenüber, waren Männer, die aussahen wie Überlebende aus Auschwitz" (ebd.).

Ohne Zweifel waren die meisten Flüchtlinge in Trnopolje unterernährt – eine Folge der allgemeinen Lebensmittelknappheit während des Krieges. Das darf nicht in Abrede gestellt werden. Das IKRK war ab 26. August 1992 regelmäßig in Trnopolje zugegen, erreichte eine effizientere Lebensmittelversorgung und begann ein wissenschaftlich ausgearbeitetes Ernährungsprogramm mit Mineralien und anderen Grundstoffen für besonders bedürftige Patienten.

Vergleiche mit der Situation im KZ Auschwitz sind jedoch an den Haaren herbeigezogen. Marshall und ihr Team hatten aber nicht nur einen Welt-Scoop fabriziert, sondern durch ihre indirekt mitgelieferte Interpretation auch ein falsches Bild des Ortes Trnopolje entworfen, das nur schwer zu revidieren war.

Brutalisierung des Krieges

Meine Nachforschungen ließen mich völlig unvoreingenommen zu dem Schluss kommen, dass die Bezeichnung dieses Ortes als Internierungs-, Gefangenen-, oder gar Konzentrationslager in dem Sinne, dass dort Menschen als Teil eines groß angelegten rassistischen Aggressionsplanes einkaserniert, getötet, gefoltert, misshandelt und vergewaltigt wurden, jeglicher Grundlage entbehrt. Zweifelsohne kam es auch in Trnopolje zu Übergriffen auf Zivilisten. Doch so befremdlich es sich anhören mag: Hätte es dieses Sammelzentrum für Vertriebene zum Zeitpunkt einer unvorstellbaren Brutalisierung des Krieges zwischen Serben und Muslimen und den bereitgestellten Schutz durch bosnisch-serbische Soldaten nicht gegeben, hätten wohl weit mehr schutzlose muslimische Zivilisten ihr Leben verloren.

Das Sammelzentrum Trnopolje entstand nicht durch eine Order von oben, sondern spontan im Zuge der Eskalation des Konflikts in der Region Prijedor im Mai 1992. Der Zerfall der zivilen Ordnung und die Außerkraftsetzung aller humanen Normen bei Ausbruch des Krieges hatte zur Folge, dass reaktionäre Kräfte auf serbischer wie muslimischer Seite über Nacht Macht erringen konnten und mit ihren Brandschatzungen und Vertreibungen begannen. Inwieweit dies von oberster Stelle befohlen oder geduldet wurde, bedarf der weiteren Klärung. Fest steht jedoch, dass die Gegend um Kozarac, einer dörflichen und seit langem geistig und wirtschaftlich stagnierenden Region, zu einem ersten Brennpunkt dieser Konflikte wurde.

Mladen Tadic erzählte mir, dass sich ihm ein Bild des Grauens bot, als er im Mai 1992 aus München in seine Heimatstadt reiste: "Viele unschuldige Menschen wurden umgebracht. Im August lagen immer noch überall Leichen herum. Kozarac hatte etwa 20.000 Einwohner in einem Umkreis von rund fünf Kilometern. Ich habe gehört, dass mehrere Tausend Muslime getötet wurden." Auf die Frage, warum gerade Kozarac, das heute ein Bild der totalen Zerstörung bietet, antwortete er: "Bereits im Zweiten Weltkrieg war Kozarac eine extreme Stadt. Im Jahre 1941 haben die Muslime die Serben in Kozarac abgeschlachtet. Das, was im aktuellen Krieg passiert ist, war wie ein Rachefeldzug extremistischer Serben. Die Einwohner in Kozarac waren aber eher liberal eingestellt. Es waren extremistische Serben und Muslime aus anderen Dörfern und Städten, die sich hier bekämpft haben."

In einer Nacht im Mai 1992 wurde Kozarac von serbischen Kämpfern erobert, Muslime ermordet, ihre Häuser zerstört und die Überlebenden die Straße hinunter nach Trnopolje getrieben. Auf dem Gelände der Schule suchte der Flüchtlingstreck Zuflucht. Später wurden Wachposten aufgestellt, um die Vertriebenen, die bald auch aus anderen Dörfern eintrafen – teilweise aus eigenen Stücken, teilweise mit Bussen gebracht –, vor Übergriffen zu schützen. Serbische Extremisten hatten sich in Banden zusammengerottet und zogen plündernd durch die Gegend. Eine berüchtigte Bande in dieser Zeit war "El Manijakos". Ein ehemaliger serbischer Wärter aus Trnopolje, der anonym bleiben wollte, berichtete mir, dass diese Bande auch einmal nachts ins Lager einfiel und Frauen vergewaltigt wurden. Als die "Nacht der Panzerfahrer" wurde dieser Vorfall bereits in einigen Artikeln und Fernsehdokumentationen beschrieben.

Doch auch von muslimischer Seite drohte den Flüchtlingen in Trnopolje Gefahr. Viele Männer im wehrfähigen Alter suchten Zuflucht, um sich einer Mobilisierung für die reguläre Armee oder einer der extremistischen Banden zu entziehen. Nach der Eroberung Kozaracs versteckten sich zahlreiche muslimische Kämpfer, die serbische Zivilisten aus anderen Dörfern vertrieben und mit ihnen nicht minder zimperlich umsprangen, in den bewaldeten Bergen. Sie versuchten, auch Saboteure ins Lager Trnopolje einzuschmuggeln, um Unruhe zu stiften, was jedoch in mindestens einem Fall, von dem mir Igor erzählte, aufflog, weil die muslimischen Zivilisten in Trnopolje aus dem Krieg herausgehalten werden wollten.

Die muslimische Kampfeinheit unter Führung von Suljo Kusuran war bekannt für ihre aggressiven Feldzüge. Kusuran hatte, wie mir eine ältere Frau in Trnopolje erzählte, zu Beginn des Krieges den serbischen Soldaten Igor Gnesevic umgebracht. Das sorgte deshalb für Aufregung, weil dessen Bruder Duca das militärische Sonderkommando mit dem Namen seines getöteten Vorgängers "Zoran Karlica" anführte. Diese Einheit hatte im Mai 1992 den Versuch muslimischer Truppen, den Radiosender in Prijedor einzunehmen, abgewehrt. In diesen Tagen im Mai ergab so eins das andere, und der Konflikt eskalierte. Es kam zu furchtbaren Exzessen. Die Serben gewannen die Oberhand, und das Flüchtlingszentrum Trnopolje ist im Zuge dieser Entwicklungen entstanden.

Im Lager Trnopolje selbst war das Leben aber auch nicht absolut sicher, was der Überfall von "El Manijacos" und die von Penny Marshall mitgebrachten Bilder von Dr. Idriz Merdzanic zeigten. Auch wenn die überwiegende Mehrheit der Wärter – in der Regel wenige Tage zuvor mobilisierte Zivilisten, Bauern aus der Umgebung und serbische Flüchtlinge aus anderen Regionen – und die kontinuierlich anwesenden Vertreter des Roten Kreuzes unter Leitung von Pero Curguz versuchten, die Menschen, bei denen es sich oft um alte Bekannte und Freunde handelte, zu schützen und zu versorgen, gab es auch hier schwarze Schafe, von denen eine permanente Bedrohung ausging. Der serbische Soldat Dragoje Cavic, der sich oft auf dem Lagergelände aufhielt, war ein solcher Zeitgenosse. Er drohte muslimischen Frauen, ihre Kinder zu misshandeln, wenn er sie nicht vergewaltigen dürfe. Als dies an einem Morgen dem Lagerkommandanten Slobodan Kuruzovic gemeldet wurde, so berichtete mir Igor Curguz, wurde Cavic versetzt. Einige Wochen später tötete er bei einer Schießerei in Trnopolje zwei serbische Polizisten, einen Soldaten und eine serbische Familie, woraufhin er festgenommen und zur Todesstrafe verurteilt wurde. Unbeliebt, auch bei vielen Serben, war auch Slavko Puhalic, der als Polizeivertreter aus Prijedor einige Wochen in Trnopolje stationiert war. Er galt als Alkoholiker und wurde möglicherweise sogar deshalb versetzt, erzählte mir wiederum die ältere Dame.

Lebensbedrohlich war es für Menschen, die das Lager verließen. Es gibt mehrere Berichte, dass Flüchtlinge, die ihre Äcker und Häuser aufsuchten in der Hoffnung, dort Lebensmittel und andere Habseligkeiten zu finden, nicht mehr nach Trnopolje zurückkamen. Mladen Tadic hatte davon gehört, dass eine kleine Gruppe muslimischer Männer aus dem Lager, die eines Tages in Kozarac auftauchten, von Extremisten ermordet wurde.

Alte Bekannte

Die unmenschlichen Zustände während des Krieges erscheinen für Beobachter in Westeuropa schwer nachvollziehbar, und die Existenz solcher Zentren wie Trnopolje, in denen Menschen unter erbärmlichen Bedingungen lebten, zurecht als eine Zumutung und Qual. Doch in Zeiten des Krieges sind zivile Normen nicht mehr gültig, und unter Berücksichtigung dieser Umstände kann festgehalten werden, dass in Trnopolje, dank der Organisation und Mithilfe aller, das Leben relativ geordnet ablief und sicher war. Pero Curguz erzählte mir, dass die Flüchtlinge sich gegenseitig aushalfen, wo sie nur konnten und dass sein Team sie nach bestmöglichen Kräften unterstützte. Er selbst habe, als er zum ersten Mal ins Lager kam, viele alte Bekannte getroffen, denen er zu helfen versuchte.

So erging es auch Misa Radulovic, dem früheren Lehrer, der mir Namen von alten Nachbarn und Freunden nannte –Menschen, die er im Lager fand und um deren Wohlergehen er sich sorgte: Husein und Osman Mujagic, Abid Armautovic und Fikret Hidic. Mladen Tadic versuchte in Trnopolje, seinen alten Nachbarn von gegenüber zu finden – den Frisör Refko Fazilic aus Kozarac. Als er Mitte August zweimal ins Flüchtlingszentrum fuhr, konnte er ihn jedoch dort in der Menschenmasse nicht finden. Später erhielt er die Information, dass Fazilic sich in Travnik aufhielt.

Veljko Grmusa zeigte mir die Stelle, wo zur Verpflegung der Wärter und Flüchtlinge Vieh gehalten und später geschlachtet wurde. Ein Schlachtermeister sei hierfür ins Lager gekommen. Auf die Frage, wie die Verpflegung in Trnopolje organisiert worden sei, berichtete mir auch Misa Radulovic hiervon. Wegen der allgemeinen Lebensmittelknappheit sei Fleisch aber eher die Ausnahme gewesen. Bei dem Schlachtermeister soll es sich um Rifet Balic aus Kozarac gehandelt haben.

Übertreibungen statt Wahrheitsfindung

Die Zustände im Flüchtlingslager Trnopolje zu übertreiben, wie es von vielen Journalisten in Anlehnung an das Stacheldrahtbild von Penny Marshall getan wurde, und sogar Parallelen mit Auschwitz zu ziehen, ist aus journalistischer Sicht unprofessionell und zeugt im Grunde von Menschenverachtung. Vor allem trat in solchen Reportagen immer wieder die Unfähigkeit zutage, zwischen elitären und brutalst agierenden politischen und militärischen Machthabern sowie brandschatzenden Banden auf der einen Seite und der Zivilbevölkerung und normalen Soldaten, die an Massakern, Vergewaltigungen und Folter kein Interesse hatten, auf der anderen Seite zu differenzieren. Pauschal wurden die Serben als Barbaren gebrandmarkt und mit immer neuen Stilblüten ihre Dämonisierung entworfen. Meldungen vom neutralen IKRK, dass von allen Kriegsparteien Vertreibungen durchgeführt und Lager betrieben wurden, fanden kaum Beachtung. Stattdessen zirkulierten z. B. Horrorartikel, vor jedem Haus in Trnopolje befände sich ein Massengrab mit bis zu zwanzig Leichen. Beliebt waren Vergleiche mit den deutschen Nazis und die Arbeit mit Augenzeugen, die, nach langer Tortur und der Erfahrung von Vertreibung und Tod, häufig dazu bereit waren, ihren Hass gegen die Kriegsgegner zum Ausdruck zu bringen.

Die von den offiziellen Kriegsparteien wie von vielen westlichen Reportern betriebene Verurteilung des "Feindes" hat letztlich erheblich dazu beigetragen, dass auch die Beziehungen zwischen den im Ausland lebenden Bevölkerungsgruppen nachhaltig vergiftet wurden. Als Beitrag zur Befriedung des Konflikts können entsprechende Artikel sicher nicht verstanden werden.

Das Stacheldrahtbild mit Fikret Alic trug dazu bei, dass eine sachliche und wirklichkeitsnahe Aufarbeitung des Krieges, die auch im Sinne der Menschen auf dem Balkan gewesen wäre, von Anfang an behindert wurde. Der Run nach dem nächsten Scoop ersetzte das Bemühen um Aufklärung und Wahrheitsfindung. Wer es wagte, den Vergleich der serbischen Lager mit KZs der Nazis in Frage zu stellen, wurde überhört oder mit Unterstellungen, für die Serben Partei ergreifen zu wollen, zugeschüttet.

In einigen Artikeln und offiziellen Dokumenten wurde darauf hingewiesen, dass Trnopolje kein Gefangenen- oder Internierungs-, sondern ein Flüchtlingslager war. Am allgemeinen KZ-Bild vermochten diese Texte jedoch wenig ändern. Paddy Ashdown, damals Vorsitzender der Liberalen Partei Großbritanniens, besuchte wenige Tage nach dem Journalistenteam mit Penny Marshall die Lager Manjaca und Trnopolje und beschrieb in einem Artikel im Independent am 13. August 1992 seine Eindrücke über Trnopolje folgendermaßen: "Sie haben sich hier niedergelassen, weil sie nirgendwo sonst hingehen können. Ihre Häuser wurden abgebrannt, und ihr Leben war bedroht. Muslimische Extremisten üben Druck auf die Männer aus, den Guerillabanden beizutreten. Sie sind deshalb zu ihrer eigenen Sicherheit hergekommen. Aber kürzlich wurde das unbewachte Lager nachts von serbischen Extremisten überfallen. Sie haben sie geschlagen, ihnen geraubt, was sie noch hatten und angeblich auch Frauen vergewaltigt. Jetzt ist die Situation besser." Selbst in Berichten des US State Departments wurde mehrfach darauf hingewiesen, dass das Lager in Trnopolje für Tausende von schutzlosen Muslimen ein Zufluchtsort war. Sir John Thomson, seinerzeit Leiter einer KSZE-Untersuchungskommission, warnte Anfang September 1992 vor voreiligen Schlüssen: "Ich habe den Eindruck, dass einige der Gefangenen nicht sehr weit kämen, wenn einige der Lager einfach so geöffnet würden. Es gäbe einige Gräber in der Nähe" (Guardian, 5.9.92).

Er verwies hier auf eine bedenkliche Dynamik, die durch die Lagerberichte von Marshall und anderen in Gang gesetzt und später vor allem vom IKRK kritisiert wurde: Internationale Appelle an die bosnischen Serben, den Lagerbetrieb einzustellen, zeigten rasch Wirkung. Omarska wurde bereits im August geschlossen, ein Großteil der Gefangenen von dort wie auch Tausende weiterer Muslime aus Keraterm und Manjaca wurde nach Trnopolje gebracht, das innerhalb weniger Tage von einem Flüchtlings- zu einem Durchgangslager wurde.

Von Trnopolje aus wurden etliche Tausend muslimische Flüchtlinge ins Ausland gebracht. Am 1. Oktober 1992 startete der erste große IKRK-Konvoi mit 1560 Menschen ins kroatische Karlovac. Das immer um absolute Neutralität bemühte IKRK monierte, durch die internationale Aufregung nach den ITN-Berichten sei jegliche Chance vertan worden, eine Lösung anzustreben, die es ermöglichen würde, dass Muslime längerfristig in der Region bleiben können. Die Politik der "ethnischen Säuberung" habe durch die Fernseh- und Presseberichte eine bedenkliche Dynamik erhalten.

Nicht nur in dieser Hinsicht ist die ITN-Reportage ein brisantes Beispiel dafür, welchen Einfluss Medienberichte auf den Ebenen internationaler Diplomatie und Militärpolitik mitunter haben können. Auch eine Welle verschärfter Repressionen gegen die bosnischen Serben von Seiten der internationalen Staatengemeinschaft bis hin zur Androhung von Militärschlägen waren die Folge.

Aufgeschreckt vom Stacheldrahtbild rief der britische Premierminister John Major über Nacht seine engsten Vertrauten aus dem Urlaub zurück und hielt eine Notsitzung ab. Kurz darauf beschloss die Regierung in London, eigene Soldaten zur Befriedung des Konflikts zur Verfügung zu stellen. In den USA waren es der Kandidat für das Präsidentenamt Bill Clinton und sein Berater Al Gore, die mit beständigen Hinweisen auf die ITN-Aufnahmen die Initiative im Wahlkampf ergriffen und Militäraktionen gegen die Serben forderten. In Brüssel forcierte ein Beraterstab der NATO die Planungen einer Militärintervention auf dem Balkan. Das Stacheldrahtbild von Penny Marshall war sicher nicht der alleinige Auslöser für eine neue Dynamik westlicher Initiativen. Aber es hat einen Stein ins Rollen gebracht und andere mitgerissen.

Rüstzeug fürs Tribunal

Auch für die Arbeit des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag sollte der Bericht von Penny Marshall einige Monate später große Bedeutung erhalten. Als Grundlage für spätere Tribunalsermittlungen gegen mutmaßliche Kriegsverbrecher wurde der damalige UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali am 20. Oktober 1992 vom Sicherheitsrat mit Resolution 780 beauftragt, eine Expertenkommission einzurichten. Die Arbeit dieser Kommission begann einen Monat später unter der Leitung von Frits Karlshoven, und sie wurde von seinem Nachfolger Cherif Bassiouni mit der Fertigstellung eines umfangreichen Abschlussberichts im Sommer 1994 beendet. Die Expertenkommission hatte eigene Nachforschungen vor Ort angestellt, vor allem aber Untersuchungsergebnisse von staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen sowie Medienberichte ausgewertet. Der Bassiouni-Bericht diente den Tribunalsermittlern seitdem als Rüstzeug für eigene Untersuchungen.

Der Stacheldrahtzaun in Trnopolje wurde an zahlreichen Stellen des Dokuments erwähnt. Mal heißt es, nur die zentralen öffentlichen Gebäude seien von Stacheldraht umgeben gewesen (Annex VIII, 1954.), an anderer Stelle wird beschrieben, dass der Stacheldrahtzaun, der zudem von Wärtern mit Hunden bewacht worden sein soll (ebd., 1960.), nach dem Besuch eines Journalistenteams Anfang August eingerissen wurde (ebd., 1963., 1977.), um ihn dann, nach deren Abreise, wieder aufzubauen (ebd., 3034/). "Während berichtet wurde, das Lager sei mit Stacheldraht eingezäunt gewesen, ist es unklar, ob dieser Zaun das gesamte Lagergelände oder die einzelnen Gebäude umspannte", wurde unter Punkt 1963 festgehalten. Offensichtlich herrschte bei den Mitgliedern der Expertenkommission keine Klarheit über die Platzierung dieses Zaunes, obwohl eine Besichtigung des Ortes und eine genaue Analyse der ITN-Bilder rasch Abhilfe geschaffen hätten. Untersucht man die Stellen im Bassiouni-Bericht, die sich mit dem Stacheldraht befassen, fällt auf, dass sich einige Quellen bis zu den ITN-Aufnahmen zurückverfolgen lassen.

In anderen Kapiteln wird Trnopolje recht zutreffend als Flüchtlingslager beschrieben, in das sich schutzlose Muslime, überwiegend Frauen, Ältere und Kinder, eingefunden hatten, das sie aber auch wieder verlassen konnten und das ihnen einen gewissen Schutz bot.

Doch der gesamte Bericht strotzt von Widersprüchen und Ungenauigkeiten, sodass es kaum vorstellbar ist, wie dieses Dokument als Grundlage für Strafprozesse in Den Haag dienen kann. In Annex V, "The Prijedor Report", wird im Widerspruch zu Annex VIII, "Prison Camps", zweifelsfrei festgehalten: "Das Lager war mit Stacheldraht umgeben, und einige Lagerwärter beobachteten die Insassen" (464.). Als Quelle ist in diesem Kapitel des Abschlussberichts mehrmals Ed Vulliamys Buch Seasons in Hell aufgeführt. Im gleichen Kapitel findet man auch die als tendenziös zu bezeichnende Beschreibung Trnopoljes als serbisches KZ: "Obwohl es sich bei Trnopolje nicht um ein Todeslager wie Omarska oder Keraterm gehandelt hat, ist die Bezeichnung Trnopoljes als ‘Konzentrationslager’ letztlich berechtigt angesichts des dortigen Regimes" (485.).

Beweismittel gegen Tadic

Beim ersten Prozess des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag gegen den bosnischen Serben Dusko Tadic spielte der Stacheldrahtzaun keine unbedeutende Rolle. Tadic war vom Zeugen "L" – später bekannt als Dragan Opacic und überführt, von der Polizei in Sarajevo zur Falschaussage gezwungen worden zu sein – beschuldigt, im Lager Trnopolje als leitender Funktionär an zahlreichen Morden und Vergewaltigungen teilgenommen zu haben. Alle konkreten Anklagepunkte gegen Tadic hinsichtlich Trnopolje wurden Ende Oktober 1996 fallen gelassen, weil es sich bei Opacic um den einzigen diesbezüglichen Belastungszeugen drehte.

Opacic hatte erst am 15. August 1996 im Gerichtssaal in Den Haag auf eine Skizze gezeichnet, wie der Stacheldrahtzaun angeblich das gesamte Lagergelände einzäunte. Er bejahte ausdrücklich die Frage des Verteidigeranwalts Stephen Kay, ob der Stacheldrahtzaun um das gesamte Lager herumreichte. Bereits zuvor hatten andere Zeugen der Anklage vom Stacheldrahtzaun gesprochen.

Das Filmmaterial von Penny Marshall wurde als Beweisstück der Anklage im Gerichtssaal vorgeführt.

Dr. Azra Blazevic bezeugte am 13. Juni 1996, ein Stacheldrahtzaun sei Ende Juli 1992, wenige Tage vor Ankunft der Gefangenen aus den Lagern Keraterm und Omarska aufgestellt und kurz nach ihrer Ankunft wieder entfernt worden. Sulejman Besic, ein bosnischer Muslim aus der Region Kozarac, ist neben Fikret Alic auf dem berühmten Stacheldrahtbild zu erkennen. Er sagte am 21. Juni 1996 in Den Haag zu Trnopolje aus, und auch er erwähnte den Stacheldraht in seiner Schilderung der Zustände im Lager.

Auch Ed Vulliamy wurde von der Anklage in den Zeugenstand geladen. Am 6. und 7. Juni 1996 gab er seine Eindrücke über verschiedene Aspekte des Balkankriegs zu Protokoll. Trnopolje wurde wegen des zu diesem Zeitpunkt noch bestehenden Anklagepunkts gegen Tadic ausführlich behandelt. Wie in seinem Buch beschrieb Vulliamy die damalige Reise des britischen Reporterteams und die Zustände in Trnopolje, das er als Flüchtlings- und Durchgangslager bezeichnete. Seine Ausführungen wurden über weite Strecken vom Abspielen der Videobänder von ITN begleitet. Als sich Vulliamy bei seiner Aussage der Stelle mit dem Stacheldraht und Fikret Alic näherte, bat er die Richter darum, das Videogerät abschalten zu lassen. Die Ankunft in Trnopolje und die Begegnung mit den Flüchtlingen hinter Stacheldraht beschrieb er lieber aus dem Kopf wie folgt: "Ich weiß nicht, wer darüber mehr verblüfft war, die anderen zu sehen. Wir, die wir die Leute hinter dem Stacheldrahtzaun erblickten oder sie, die eine Gruppe von Leuten mit Notebooks und Kameras aus dem Bus steigen sahen. Wir liefen ihnen über ein Stück Land entgegen. Wir haben einigen von ihnen die Hände geschüttelt. Das war verwirrend. Ich beschreibe, wer hinter dem Zaun war, lieber mit abgeschaltetem Video, weil ich es besser kann, wenn ich nicht versuche, den Bildverlauf zu kommentieren."

Warum Vulliamy gerade diese eindrucksvollen Szenen zunächst nicht vorgeführt sehen wollte, schoss es mir durch den Kopf. Nachdem ich die Lager- und Zaungeschichte und Vulliamys frühere Ausführungen intensiv studiert hatte, war meine persönliche, spontane Idee, dass er es möglicherweise auch deshalb getan haben könnte, um Rückfragen über den Stacheldraht zu vermeiden.

Wäre der Hauptbelastungszeuge Dragan Opacic nicht vorzeitig der Lüge überführt worden, hätte Tadics Verteidiger Mischa Wladimiroff den Stacheldrahtzaun zur Sprache gebracht und Opacic ins Kreuzverhör genommen. Möglicherweise wäre schon dann die ganze Geschichte aufgeflogen.

Die Krönung dieser ganzen ITN-Geschichte offerierte mir Professor Wladimiroff in seiner Anwaltskanzlei in Den Haag. Er erzählte mir, dass er Dragan Opacic einen Tag nach seiner Entlarvung als Lügner interviewte und mit ihm über die exakten Motive und Hintergründe seiner Falschaussage sprach. Opacic berichtete, dass ihm in Polizeigewahrsam in Sarajevo Videoaufnahmen von Dusko Tadic und von Trnopolje, das er nur flüchtig von früher her kannte, vorgeführt wurden. Darunter sei auch das Filmmaterial von ITN mit dem Stacheldrahtzaun gewesen.

Verwirrung um das ITN-Bild

Das ITN-Bild des ausgehungerten Menschen hinter Stacheldraht war bereits einmal Bestandteil einer Kontroverse. Der US-Journalist Peter Brock hatte in einem Artikel in Foreign Policy, in dem er die westliche Berichterstattung über den Balkankonflikt wegen ihrer einseitigen Parteinahme gegen die Serben scharf kritisierte, geschrieben, es handele sich bei der abgebildeten Person nicht um einen Muslimen (Spring 1994). Der Artikel wurde einen Monat später in der Züricher Weltwoche und dann auch in Konkret aus Hamburg nachgedruckt. Brock behauptete, die Person auf der Titelseite der Time vom 17. August 1992 sei in Wirklichkeit ein Serbe.

Doch Brock hatte unrecht, was kurze Zeit später festgestellt wurde. Die abgebildete Person wurde als der Muslim Fikret Alic identifiziert. Auch Nachforschungen derTime-Redaktion bestätigten dies. Brock erklärte daraufhin, es habe sich um eine Verwechslung gehandelt: Nicht Time, sondern Newsweek habe den Serben abgebildet. In den späteren Veröffentlichungen seines Textes schrieb er:

"Am 17. August 1992 veröffentlichte Newsweek das Bild eines zum Skelett abgemagerten Mannes, der in der Fotolegende als Gefangener 'in einem serbischen Lager in Trnopolje' vorgestellt wurde. Der Kontext, in dem das Foto erschien, erweckte den Eindruck, als handele es sich bei dem Abgebildeten um einen Muslim. In Wirklichkeit war er ein Serbe: Slobodan Konjevic, 37, der zusammen mit seinem Bruder Zoran wegen Plünderung festgenommen worden war. Konjevic, dramatisch ausgemergelt wirkend, war seit zehn Jahren tuberkulosekrank; das sagte seine Schwester in Wien, die ihre beiden Brüder auf dem Bild identifizierte." (in: Klaus Bittermann (Hg.): Serbien muß sterbien. Wahrheit und Lüge im jugoslawischen Bürgerkrieg, Edition Tiamat, Berlin 1994, S.16f)

Es dauerte nicht lange, bis auch über diese Behauptung Brocks Zweifel geäußert wurden. Von der "Gesellschaft für bedrohte Völker" (GfbV) in Göttingen wurde die Newsweek-Person aufgespürt, und in einer Zeitschrift des Vereins ein Foto von ihr abgebildet. Die GfbV schrieb, dass auch die Person in Newsweek ein Muslim war: Ilijas Garibovic, der heute in der Schweiz lebt. Peter Brock, der diese Meldung persönlich überprüfen wollte, versuchte, während eines Europa-Aufenthalts Garibovic in der Schweiz zu treffen. Seinen Informationen zufolge gelang ihm das jedoch nicht.

aus: Novo, Nr.26, Januar/Februar 1996, S.16-25

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