06.03.2019

Nein zum Zucker essen, ja zum Schafe reißen

Von Christoph Lövenich

Titelbild

Foto: Olaf Kosinsky via Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0

Die „heute-show“ des ZDF um Moderator Oliver Welke verkommt immer mehr zum Sprachrohr der Mainstream-Empörten, das selektiv Verbote fordert statt kritische Satire zu betreiben.

Die „heute-show“ des ZDF gilt offiziell als Comedy- und Satiresendung, die seit fast zehn Jahren bestehende Sendung entwickelt sich aber zunehmend zu einem Kampagnen-Lautsprecher und einer Wochenend-Predigt für die Gläubigen der Gutmenschen-Religion.

Insbesondere beklagen Oliver Welke und die seinen regelmäßig, staatliche Regulierung sei zu lasch und es müsse endlich noch viel mehr verboten und eingeschränkt werden. Gegen den bösen Zucker, gegen Alkohol und Tabak, gegen Glyphosat, gegen Waffen, gegen motorisierte Individualmobilität usw. So auch wieder in der aktuellen Sendung vom letzten Freitag. Der satirische-komödiantische Teil ohne mahnende politische Handlungsanweisungen beschränkte sich auf einen Beitrag zum Europaparteitag der Linkspartei in Bonn und auf den ersten Teil Anfang eines Beitrags zum US-Präsidenten, zusammen höchstens ein Fünftel der Netto-Sendungslänge. Alles andere fiel unter die Kategorie Stimmungsmache, nur teilweise in humoristisches Gewand gehüllt.

Das Thema Trump glitt in das gewohnte Bashing ab (seine Wähler sind dumm und er soll zurücktreten). „Wer gegen Trump ist und für Transgendertoiletten, der muss wohl auch die Verbreitung der Wölfe in Mitteleuropa befürworten“, durfte ich vor einiger Zeit schon mal feststellen. Die politische korrekte Aufregung über Annegret Kramp-Karrenbauers Büttenreden-Gag in Sachen WCs für sitzpinkelnde Männer ereignete sich erst später und war nicht Thema der „heute-show“, aber zu den Wölfen kommen wir gleich noch.

„Viele Sichtweisen werden in Welkes Filterblase längst nicht mehr hinterfragt.“

Aber zunächst die auf den Sendungsbeitrag über Missbrauch in der römischen-katholischen Kirche folgende Empörung über „Ministerinnen, die keinen Bock haben, sich mit der Industrie anzulegen.“ Nämlich Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) und Julia Klöckner (CDU) vom Ernährungsressort. Die setzen Wirtschaftsunternehmen nämlich nur mit Vereinbarungen unter Druck, ohne mit dem Bannhammer des Gesetzes hart genug zuzuschlagen. Bei Schulze ging es um den Gipfel gegen Kunststoffverpackungen, was vor allem relevant findet, wer die „Wegwerf-“ und Konsumgesellschaft sowie die industrielle Massenproduktion gerne geißelt. Der ökologische und ökonomische Nutzen von anderen Verpackungsarten ist oft mehr als zweifelhaft.

Klöckner kam gleich mehrfach hintereinander an die Reihe: Beim Ernährungsthema Zucker, dem Agrarthema Tierwohllabel und dem Verbraucherthema Lebemsmittelentsorgung. Unablässig ruft Welke nach der unerbittlichen Hand der Obrigkeit, am schärfsten beim Süßen: „In England werden Getränke mit Zuckerzusatz besteuert“, „Warum ist Zucker in Babynahrung bei uns immer noch erlaubt?“, „Und warum haben wir keine für alle verbindliche Lebensmittelampel?“. Warum regst du dich so auf, Mann?“, möchte man entgegnen. Sind süße Getränke und Speisen etwa vergleichbar mit sexuellem Missbrauch? Ist es ein Skandal, dass die Lebensmittelwirtschaft schmackhafte und gehaltvolle Produkte herstellt? Informationen und Argumente liefert die „heute-show“ hierzu nicht, denn solche Sichtweisen und Forderungen werden in Welkes Filterblase und den Echo-Kammern der öffentlich-rechtliche Sendeanstalten längst nicht mehr hinterfragt. Obwohl sich durchaus kritisch beleuchten ließe, warum die Regierung, ob nun durch „freiwillige“ Erpressung oder durch staatlichen Zwang, die Rezepturen von Lebensmitteln immer weiter verhunzen möchte?

„Weder Zuckersteuer noch Lebensmittelampel würden dazu führen, dass der ‚heute-show‘-Moderator zur nächsten Staffel abgemagert erscheint.“

„Da muss man sich auch mal kritisch an die eigene Nase fassen“, fährt Welke fort, womit er allerdings nicht die einseitige Sicht der „heute-show“-Redaktion meint, sondern Verbraucher, die Essen wegwerfen. Man könnte stattdessen die amtliche Kampagne „Zu gut für die Tonne“ in Frage stellen. Nicht aber in der „heute-show“. Die kritisiert zwar am Beispiel einer Ministeriums-App, das Verbraucher „offenbar für komplette Vollidioten“ gehalten werden, aber wie behandeln Welke und sein Team denn die Konsumenten? Als (nicht besonders mündige) Opfer irgendwelcher Industrien und Lobbys, die vom Staat vorgeschrieben bekommen müssen, dass sie bestimmte Werbung nicht sehen dürfen, und welche Nahrungsmittel sie zu sich zu nehmen haben. Der Marktmechanismus von Angebot und Nachfrage erschließt sich denen offenbar nicht, die es sich selbst von Zwangsgebühren gut gehen lassen. Weder Zuckersteuer noch Lebensmittelampel würden dazu führen, dass der „heute-show“-Moderator zur nächsten Staffel abgemagert erscheint.

Der Schaum vor Welkes Mund angesichts mangelnden staatlichen Durchgreifens verschwindet plötzlich, als das Thema Wölfe zur Sprache kommt. Denn die – siehe oben – sind Lieblinge des Zeitgeistes. „Diese ganze Wolfspanikmache“ sei schließlich das Ergebnis einer „total hysterischen Debatte“, welche man dringend „versachlichen“ muss. Der Wolf isst seine Schafe nun mal nicht mit Messer und Gabel und außerdem ist doch genug Steuergeld da, um Weidezäune zu subventionieren. Die Schuldigen für die irrationale „Wolfsangst“ sind schnell ausgemacht: FDP, AfD, und die Bild-Zeitung. Für die AfD, im Beitrag dargestellt durch die fiktive Figur eines braun gewandeten ostdeutschen Hobbyjägers, sei „der Wolf jetzt quasi der neue Flüchtling“. Wohl eher für den Wohldenkenden, der auch bei der Wolfszuwanderung zu einer unreflektierten Willkommenskultur neigt, möchte man meinen.

Man könnte beim Schauen der „heute-show“ durchaus Bullshit-Bingo spielen und während der jeweiligen Sendung ankreuzen, welche gängigen, ewiggleichen Denkmuster immer wieder Revue passieren, welche üblichen Verdächtigen mal wieder gebasht und welche Verbote nun wieder gefordert werden. Unterhaltungswert hat das Format aber nur für Leute, die solchen Kampagnen-Aktivismus für humoristische Kunst halten. Dann lieber nach echten Satire-Perlen Ausschau halten, wie es sie sogar im Abgabenrundfunk gelegentlich gibt, etwa in Dieter Nuhrs ARD-Reihe, wo vor einigen Wochen der Moderator und die Österreicherin Lisa Eckhart Diesel-Hysterie, Tempolimit, Gesundheitswahn und Ökospießer aufgespießt haben.