19.09.2014

Der Wolf ist dem Menschen ein Wolf

Essay von Andreas Müller

Titelbild

Foto: Gunnar Ries via WikiCommons / CC BY-SA 2.5

Der Wolf ist zurück in Deutschland. Verschiedene Gesetze und Richtlinien garantieren die fortschreitende Vermehrung des wilden Raubtiers. Andreas Müller fragt, warum man ein Interesse daran haben sollte, sich über Raubtiere in unseren Wäldern zu sorgen

„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher“, sagte einst Albert Einstein. Tierschützer haben sich noch einen weiteren Ausspruch des berühmten Wissenschaftlers zu Herzen genommen: „Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt.“ Aus dem gefährlichen, Schafe reißenden, arglosen Wanderern auflauernden Raubtier Wolf ist in den letzten Jahrzehnten ein handzahmes Plüschtier geworden, das selbstverständlich frei herumlaufen darf. Da sich Tiere nicht kulturell weiterentwickeln, sondern instinktiv handeln, kann das nicht daran liegen, dass sich am Wolf selbst irgendetwas verändert hätte.

„Aus dem gefährlichen Raubtier Wolf ist ein handzahmes Plüschtier geworden, das selbstverständlich frei herumlaufen darf.“

Die Europäische Union und der deutsche Gesetzgeber haben sich wieder einmal selbst übertroffen, was Gesetze und Regulierungen angeht – diesmal zum Schutz wilder Raubtiere vor dem Menschen. Der Wolf wird geschützt durch die sogenannte Berner Konvention, durch die europäische Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie und durch das Bundesnaturschutzgesetz. Im Endeffekt bedeutet das Erhaltungs-, Überwachungs-, Schutz-, und Berichtspflichten sowie die Strafbarkeit der ungenehmigten Wolfstötung. Wer ohne artgerechte Genehmigung in Deutschland Wölfe tötet, auf den lauert zwar kein Wolf mehr, aber dafür eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren. 1

Ungefähr 100 Jahre lang gab es so gut wie keine Wölfe in Deutschland. Im Jahr 2000 wurde erstmals wieder die erfolgreiche Fortpflanzung eines Wolfes hierzulande nachgewiesen. Seitdem steigt der Bestand rapide an. In Niedersachen gibt es zum Beispiel inzwischen fünf Rudel und ein Wolfspaar. Das Paar und ganze vier der fünf Wolfsrudel wurden erstmals im Zeitraum von 2013 bis 2014 beobachtet. 2 Insgesamt gibt es schon über 35 Wolfsrudel und -paare in der Bundesrepublik. 3 Alles kein Grund zur Sorge – sagen Tierschützer sowie eine Reihe von Medien, die deren Position als objektive Wahrheit übernommen haben.

Besonders vernarrt in frei wandelnde Raubtiere gibt sich die n-tv-Website. Dort liest man etwa folgende Schlagzeilen: „Wolf wurde zum ‚besten Freund des Menschen“ 4, „Artensterben vorerst gestoppt. Europäische Wildtiere vermehren sich wieder“ 5 und nicht zuletzt: „Was tun gegen die Angst? Braunbär, Luchs und Wolf kommen zurück“ 6. Was tun gegen die Angst? Wie wäre es mit: Was tun gegen Braunbär, Luchs und Wolf?

„Die Wölfe sind eher noch gefährlicher als in den Märchen.“

Unsere Furcht vor Wölfen sei eine irrationale Furcht, wie einst unsere Furcht vor Hexen und Riesen. Die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe schreibt etwa auf ihrer Website: „In Märchen und Sagen erschien der Wolf als Verkörperung des Bösen schlechthin. Es entstand das Märchen vom ‚bösen Wolf‘, das bis in die heutige Zeit geglaubt wird.“ 7 Zunächst mag es dem unbedarften Beobachter so erscheinen, dass Wölfe immerhin existieren und Hexen nicht. Somit kann die Furcht vor Wölfen nicht auf einer Ebene mit der Furcht vor fiktiven Märchenfiguren liegen. Die Wölfe lässt die Debatte ohnehin unbeeindruckt. Sie tun das, was sie schon immer getan haben: Unsere Nutztiere töten und fressen. „Der Wolf reißt mehr als sieben Geißlein“ ist etwa ein Bericht des NDR betitelt. 8 Die Wölfe sind also eher noch gefährlicher als in den Märchen.

Die Ergebnisse des Wolfs-Monitorings – der Überwachung von Wölfen durch verschiedene Organisationen, verwaltet durch die Bundesländer – laufen im Kontaktbüro „Wolfsregion Lausitz“ im sächsischen Rietschen zusammen. Das Büro gibt jährlich statistische Berichte über Wölfe in Deutschland heraus. 2013 rissen Wölfe demnach bei 21 Übergriffen bundesweit 56 Schafe und Ziegen. Insgesamt töteten Wölfe laut dem Wildtiermanagement Niedersachsen in Deutschland im Jahr 2013 68 Nutztiere. Zum Vergleich: 2012 waren es nur 29 tote Nutztiere. 9 Im August 2014 wurde bestätigt, dass Wölfe zwei Rinder in Niedersachsen getötet hatten. Der betroffene Landwirt Andreas Müller (keine Verwandtschaft) sagte dazu: „Ich bin dagegen, dass Wölfe hier frei rumlaufen. Es gibt ja genug Gründe, warum wir die Tiere hier früher vertrieben haben.“ 10 Könnte man jedenfalls meinen.

Statt Raubtiere in Deutschland auf Zoos zu begrenzen, lassen sich die Steuerzahler den Schaden, den Wölfe in freier Wildbahn verursachen, immer mehr kosten. In Niedersachen alleine wurden in den Jahren 2013 und 2014 11.000 Euro zur Entschädigung betroffener Landwirte zur Verfügung gestellt. 50.000 Euro sind insgesamt für 2014 vorgesehen. Mit der Zahl der Tiere steigt die nötige Entschädigungssumme, für die der Steuerzahler aufkommen muss. Der Wert, den Wölfe haben, vor denen man sich beim Spaziergang mit der Familie im Wald fürchten muss, ist eben nicht in Geld alleine zu bemessen.

„In Zukunft wird es also immer wichtiger sein, dass jeder Bürger genau weiß, wie er sich gegenüber wilden Raubtieren zu verhalten hat.“

Beim Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) sind die Tierpathologin Claudia Szentiks sowie ihre Kollegen für das „Wolfo-Fon“ zuständig. Dabei handelt es sich um ein Handy, über das in Deutschland gefundene Wolfskadaver gemeldet werden können. Die Bevölkerung soll sich auf keinen Fall vor dem Wolf fürchten, betont Frau Szentiks. „Wer einen trifft, sollte laut reden und sich bewegen – dann nimmt das Tier Reißaus.“ 11 In Zukunft wird es also immer wichtiger sein, dass jeder Bürger genau weiß, wie er sich gegenüber wilden Raubtieren zu verhalten hat. Wehe dem, der sich nicht auskennt.

Derweil sind viele Tierschützer heillos überfordert mit der Tatsache, dass Raubtiere andere Tiere fressen. Mitte August ertönte in Brandenburg ein empörter Aufschrei über einen erschossenen und geköpften Wolf. Matthias Freude, der Chef des Landesumweltamts Brandenburg, verurteilte jene Tötung des Raubtiers in Lieberose (Dahme-Spreewald) aufs Schärfste: „So etwas Verwerfliches habe ich selten gesehen, da steckt so viel Bösartigkeit dahinter.“ 12 Reißen Wölfe 68 Nutztiere in Stücke, dann geht das in Ordnung. Dafür kommt der Steuerzahler auf. Wenn ein Mensch ein Raubtier tötet, ist er ein böser Bube.

„Die Deutschen lassen sich nicht nur von Wölfen alles gefallen, sondern auch von Tierschützern.“

„Die Natur ist rot an Zähnen und Klauen“, stellte der Philosoph Thomas Hobbes einst fest. Neu ist die Idee, dass dies für den Menschen kein Problem darstellt. Die Natur soll uns gar moralisch überlegen sein, denn der Mensch ist schlimmer als jedes Raubtier. Also wäre es offenbar am besten, wenn der Mensch die Natur nicht mehr für seine Zwecke nutzt, bis hin zur Forderung, dass er sich nicht mehr gegen Raubtiere verteidigen darf. Thomas Hobbes schrieb außerdem, dass jeder Mensch dem anderen Menschen ein Wolf sei. Das glaubt man heute bereitwillig. Dass der Wolf dem Menschen ein Wolf ist, daran glaubt hingegen kaum jemand mehr.

Die Deutschen lassen sich nicht nur von Wölfen alles gefallen, sondern auch von Tierschützern. Jede noch so verrückte Forderung wird in Gesetzesform gegossen. Und fast alle machen mit. Doch, um mit einem letzten Zitat von Albert Einstein abzuschließen: „Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein.“ Und wird dann vielleicht vom Wolf gerissen.