06.06.2012

Kinderteller für alle Aigners Ratschläge „für die Tonne“

Kommentar von Christoph Lövenich

Mit fragwürdigen Argumenten möchte die Kampagne des Bundesministeriums für Ernährung „Zu gut für die Tonne“ für die angeblich maßlose Verschwendung durch weggeworfene Lebensmittel sensibilisieren.Der Autor meint, sie entmündigt dabei die Bürger und stempelt sie zu Sündenböcken ab

Als das Bundesernährungsministerium 1949 aus der Taufe gehoben wurde, hatten sich die vorangegangenen Hungerjahre tief bei den Deutschen eingeprägt und die Phase des Wirtschaftswunders begann nicht zufällig mit der „Fresswelle“, mit der Befriedigung der Grundbedürfnisse, mit reichlich Speis und Trank, mit üppigen Mahlzeiten, die für die erlittenen Entbehrungen entschädigten. Heute hingegen backt man im Ministerium ganz kleine Brötchen. Ministerin Ilse Aigner (CSU)  verkündete letzte Woche im Rahmen einer gemeinsamen Kampagne mit dem Hotel- und Gaststättenverband: „Dass zu viele wertvolle Lebensmittel auf dem Müll landen,  liegt oft auch an den Portionsgrößen. […] Leider müssen Erwachsene oft den Kinder- oder Seniorenteller bestellen, wenn sie eine kleinere Portion wünschen.“ Offenbar haben wir alle seit Generationen fehl daran getan, die Essenmenge nach unserem Appetit, unserem Sättigungsgefühl und unseren Essgewohnheiten zu bemessen, statt uns vom zuständigen Ministerium dabei leiten zu lassen. In der ZDF-Satiresendung „Heute Show“ fragte Titanic-Mann Martin Sonneborn die Beteiligten beim Presseevent hierzu folgerichtig, ob nach dieser „Tellerkontrolle“ demnächst auch eine Regulierung des Stuhlganges durch die Bundesregierung angedacht sei und ob die Gastronomen den Speisegästen lieber zwei kleinere Portionen für einen insgesamt höheren Preis andrehen möchten.

Der neuerliche Vorstoß aus dem Hause Aigner gehört zur Kampagne „Zu gut für die Tonne!“,  die sich der angeblich maßlosen Verschwendung durch weggeworfene Lebensmittel annimmt. 82 Kilogramm davon entsorge jeder Deutsche durchschnittlich pro Jahr im Müll, heißt es in empörtem Ton, und deshalb sollen die Bundesbürger den richtigen Umgang mit ihrer Ernährung „vom Einkauf über die richtige Lagerung bis hin zur Verarbeitung in der Küche“ erst einmal auf einer Website des Bundesministeriums erlernen. Ganz davon abgesehen,  dass die Deutschen offenbar Müll relativ effizient vermeiden (das Europaparlament geht nämlich von 179 Kilo Nahrungsmüll pro EU-Bürger aus,  also mehr als dem Doppelten), führt eine solche Darstellung der zugrundeliegenden Regierungsstudie in die Irre. 35 Prozent der Abfälle entstehen bei der Zubereitung, so z.B.  Knochen, Bananen- und Kartoffelschalen (die übrigens ausdrücklich als essbar angepriesen werden). Apfelschalen wiederum fallen wie Brotrinden in die Kategorie der „teilweise vermeidbaren“ 18 Prozent an Abfällen, so dass auch nach den Schätzungen dieser Untersuchung nur rund 38 Kilogramm als uneingeschränkt vermeidbar eingestuft werden können, einschließlich übrigens der gar nicht weggeworfenen, sondern an Haustiere verfütterten Reste (s. dazu auch hier). Außerdem geht es ja um vielseitig verwertbare Bioabfälle. Man jongliert also bewusst mit Zahlen, um ein vermeintliches Problem hochzustilisieren.

Das alles hindert freilich die ‚große‘ – in Wahrheit kleinkarierte – Politik nicht daran, dies zum Gegenstand einer Kampagne mit allem Drum und Dran zu machen, bei der viel Geld zum Fenster hinausgeworfen wird. Der frühere Parteivorsitzende von Ernährungsministerin Aigner, Franz Josef Strauß, hatte einst im Bundestag den staatlichen Schuldenberg auf legendäre Weise in Maßen und Gewichten erfasst und die Anzahl der zur Beförderung der Geldscheine erforderlichen Güterzüge errechnet. Dass die CSU-Kabinettsfrau jüngst als schlechte Kopie die Schlange von LKWs beziffert hat, die die Lebensmittelabfälle transportieren könnten, zeigt ein generelles Problem der Politik auf: Man ist von kantigem Format zur kleinlichen, und auch noch irreführenden, Erbsenzählerei degeneriert.

  Das Europaparlament,  schon seit langem Hort der absurden Überregulierer, möchte am liebsten 2014 zum „Europäischen Jahr der Lebensmittelverschwendung“ ernennen – und erkennt in seiner Verkrampfung wohl nicht einmal das Missverständliche dieser Bezeichnung.  Den Verbrauchern wird dabei z.B. unterstellt, nicht kompetent mit Mindesthaltbarkeitsdaten umgehen zu können.

Aber zurück zur aktuellen Forderung nach kleineren Portionen. Ein staatlich finanziertes „Ernährungszentrum“ in den Niederlanden verlangte zeitgleichdas Verbot von großen Verpackungen in Supermärkten und XXL-Portionen in Schnellimbissen. Zur Begründung wurde allerdings nicht das vermeintliche Abfallproblem angeführt, sondern das Körpergewicht der Essenden. Der sich gegen den Wohlstandsbauch richtende Sanitarismus könnte auch bei Bundesministerin Aigner und ihrer Behörde – in Tradition der Antidickenkampagnen von Vorvorgängerin Renate Künast – den Ausschlag gegeben haben, sich nun dieses Teilbereichs  zuzuwenden.

Entsprechend hat sich dieser Tage wiederholt auch der als aggressiver Verbotspolitiker bekannte New Yorker Bürgermeister Bloomberg (s. z.B. hier)  positioniert, nämlich durch seine Ankündigungeines Ausschankverbots für große Flaschen und Becher mit Softdrinks.  Konsumenten im Big Apple wären dann also genötigt, mehrere kleine Behälter zu erwerben statt eines großen. Ebenfalls zur Konsumdrosselung beitragen soll bei Zigaretten ausgerechnet die genau gegenteilige Maßnahme, nämlich die seit Jahren geltende Mindestpackungsgröße von 19 in Deutschland. Man braucht kein Prophet zu sein, um zu prognostizieren, dass weder der eine noch der andere Plan aufgehen wird.

Alle diese Verbote entmündigen Menschen, stempeln sie einseitig als Sündenböcke für tatsächliche oder – meist – vermeintliche Probleme ab und leisten keinen konstruktiven, nach vorne gerichteten Beitrag zur Bewältigung irgendwelcher relevanten Herausforderungen. So mancher ungenießbare Regulierungsmüll gehört schlicht und einfach in die Tonne gekloppt.