13.10.2017

Unterzuckerte Satire

Von Detlef Brendel

Titelbild

Foto: WerbeFabrik via Pixabay / CC0

Die „heute-show“ im ZDF warnt vor Zucker und fordert die Lebensmittelampel. Oliver Welke geht dabei dem Zeitgeist auf den Leim.

Die Freiheit, durch Ironie, Spott und Überzeichnung Zustände anzuprangern, ist notwendige Voraussetzung der Satire. Kritik durch scharfen Witz zu formulieren und die Lächerlichkeit als Stilmittel der Botschaft zu nutzen, zeichnet die geistvolle Satire aus. Aber geistvoll muss sie sein, um als gut zu gelten.

Der satirische Statusbericht der wöchentlichen „heute-show“, lei­denschaftlich von Oliver Welke und seinem Team präsentiert, darf sicher zu den guten Beispielen dieser Mischung aus Kunst­form und kritischem Journalismus gezählt werden. Die Macher der Show bewegen sich trittsicher auf dem schmalen Grad der satirischen Auseinandersetzung mit aktuellen Themen. Hier lässt sich lernen, wie es geht. Hier lässt sich aber auch lernen, wie man kläglich versagen kann, wenn der Zeitgeist Themen prägt, deren sachlicher Hintergrund nicht recherchiert wird, weil durch populistische Parolen leicht der gewünschte Applaus zu erzielen ist. Satire kann schnell zu einem Klamauk im Sinne der niveaulosen Komik degenerieren, wenn mit zustimmungsfähi­gen Phrasen für die Galerie gespielt wird.

Die „heute-show“ am vergangenen Freitag hatte sich u.a. das Thema Lobbyismus vorgenommen. Arbeitsökonomisch lässt sich das am einfachsten lösen, wenn landläufig bekannte Vorurteile und seit Jahren mantraartig wiederholte Behauptungen vermengt werden, um daraus eine publikumsfreundliche Lachnummer zu kreieren. Der sicher zu erzielende Applaus erschlägt das kritisch reflek­tierende Hirn.

„Als Sportjournalist sollte Welke die Bedeutung von Sportgetränken kennen.“

Nachdem man sich in den vergangenen Monaten mit Alkohol- und Tabakwerbung beschäftigt hatte, kam nun der Zucker an die Reihe. Die süße Verführung funktioniert im­mer. Aus dem Baukasten der Anti-Zucker-Argumente kann man sich frei bedienen. Eine in den 1960er Jahren angeblich gekaufte Zuckerstudie soll für Übergewicht das Fett in der Nah­rung verantwortlich gemacht haben. War das die aktuellste wissenschaftliche Erkenntnis der letzten fast 60 Jahre? Deshalb wurde dann das Fett in den Produkten, so die naive Vorstellung der Show-Ernährungsexperten, reduziert und durch Zucker ersetzt.

Wann kommt die Lebensmittel-Ampel, um den in den Nahrungsmitteln böswillig versteckten Zucker transpa­rent zu machen, fragt Welke. Rot ist offenbar informativer als Nährwertangaben in Milligramm. Wenn auch noch die Wirtschaftliche Vereinigung Zucker mit einem Cartoon informiert, dass intensiver Sport wegen des kalorischen Mehrumsatzes im Körper die Zufuhr von Zu­cker durch ein geeignetes Getränk erfordert, wird daraus ein Lacher. Als regelmäßiger Sportjournalist im TV sollte Welke wissen, welche Bedeutung diese energiereichen Getränke für Sportler tat­sächlich haben.

Aber Tatsachen kann man auch ausblenden. So wird dann zur allgemeinen Belustigung eine Fortsetzung des Cartoons gezeichnet. Protagonist Peter treibt keinen Sport mehr und trinkt stattdessen nur noch literweise Sportgetränke. Ohne sportlich begründeten Mehrumsatz hat das die zu erwartenden Folgen. Reichliche Kalorienzufuhr ohne Verbrauch bei ruhigem Sitzen auf dem Sofa hält nicht unbedingt schlank. Für diese Erkenntnis hätten wir (den sitzenden) Herrn Welke wirklich nicht gebraucht.

„Welke will den mündigen Verbraucher ad absurdum führen.“

In seiner Anmoderation lehnt Welke den „Nanny-Staat“ ab und appelliert an den mündigen Verbraucher, den er dann aber mit gezielten Attacken auf die Lachmuskeln ad absurdum führen will. Er und sein Team reihen sich mit Vorurteilen und Behauptungen, die in der Sache unreflektiert, im Ziel dagegen reflektiert und scharf kalkuliert sind, in die Phalanx derjenigen „Ernährungsaufklärer“ ein, die paternalistische Initiativen fordern. So trägt eine Sendung mit kritischem Anspruch zum Einheitsbrei einer Nahrungsmittel-Agitation bei, die den Verbraucher nicht informiert, sondern irritiert.

Zucker-Bashing funktioniert derzeit immer. Da muss man das Hirn nicht groß bemühen. In dem Zusammenhang: Zucker, genauer Glukose, ist der wichtigste Energielieferant für die grauen Zellen im Gehirn. Vor der nächsten Sendung, so der Wunsch eines gute Satire schätzenden Kommentators, bitte ein Sportgetränk nehmen.