03.07.2026

Selbstjustiz und Kunstfreiheit

Von Christoph Lövenich

Titelbild

Foto: Morgan4uall via Pixabay / CC0

„Citizen Vigilante“ soll in Deutschland durch Zensur vom Markt gedrängt werden. Uwe Bolls neuer Film erregt Anstoß, weil er Migrantenkriminalität und den Unmut darüber thematisiert. (Achtung: Spoiler)

Recht und Gerechtigkeit sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe, wie auch vielen juristischen Laien bewusst sein dürfte. Das Recht verkörpert ein Interpol-Beamter, die Gerechtigkeit ein einsamer Rächer namens Sanders. Wie gerecht sie ihren jeweiligen Aufgaben werden, steht auf einem anderen Blatt. Bei den beiden handelt es sich um die Hauptfiguren des neuen Films „Citizen Vigilante“, der einige Aufmerksamkeit erregt.

Das englischsprachige Werk des Regisseurs Dr. Uwe Boll verdankt diesen Hype nicht zuletzt Bemühungen von deutscher Seite, es ins Abseits zu stellen. Die FSK, die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, verweigert dem Film die Alterskennzeichnung. „Keine Kennzeichnung“ bedeutet zwar kein förmliches Verbot von „Citizen Vigilante“ in Deutschland, nimmt ihm aber de facto den Markt. Gegenüber einer Freigabe ab 18 bestehen die Nachteile, dass DVDs und Blue-Rays nicht einfach so in Geschäften ausliegen können, dass auch Streamingdienste einen solchen Film nicht in ihr Angebot aufnehmen und Kinos sich scheuen, ihn zu zeigen.

Mittels der Behauptung einer Jugendgefährdung wird hierzulande nämlich auch beschränkt, was Erwachsene konsumieren dürfen. In Deutschland besteht bei Filmen und Computerspielen ein Zensursystem, das in westlichen Ländern seinesgleichen nicht kennt. Offiziell darf das natürlich nicht „Zensur“ heißen, die findet nach Art. 5 Abs. 1 S. 3 GG bekanntlich nicht statt.

Die FSK verweist auf „Gewalt im Rahmen als Selbstjustiz“ als Grund für die verweigerte Kennzeichnung. Regisseur Boll zufolge habe die Organisation ihm gegenüber allerdings auch davon gesprochen, dass der Film zur Gewalt gegen Migranten aufrufen könne. Nun, Brutalität findet sich stärker in der „John-Wick“-Filmreihe, und Selbstjustizfilme haben eine lange Tradition, von Charles Bronson in „Ein Mann sieht rot“ über Michael Douglas in „Falling Down – Ein ganz normaler Tag“ bis zur „Equalizer“-Filmreihe in jüngerer Zeit. Nicht nur Boll selbst sieht deshalb politische Motive am Werk.

„Westeuropäische Zustände, die viele umtreiben. Grooming Gangs, harte Multikulti-Realität, offizielle Relativierung der Missstände.“

In „Citizen Vigilante“ verübt nämlich der Amerikaner Sanders Selbstjustiz an Kriminellen teils migrantischer Herkunft und an Richtern, die diese laufen lassen. Inspiriert hatten Boll insbesondere der Hamburger Stadtpark-Fall, wo neun (Gruppen-)Vergewaltiger einer 15-Jährigen vor dem örtlichen Landgericht mit milden Strafen davonkamen und die Reaktionen darauf, wie etwa die Kritik an der betreffenden Vorsitzenden Richterin. Während die Täter – darunter Araber und ein Afghane – auf Bewährung freikamen, musste eine junge Frau für ein Wochenende in Arrest, weil sie einen der Täter deswegen auf WhatsApp beleidigt hatte.

Westeuropäische Zustände, die viele umtreiben. Grooming Gangs, harte Multikulti-Realität, offizielle Relativierung der Missstände. Manche sehen daher im Wehrbürger Sanders einen Leinwandhelden, der gerechte Rache übt. Und wundern sich dann, warum er auch einen Unschuldigen aus dem Leben befördert. Oder fragen sich, ob denn das Massaker an einer Polizei-Sonderheit notwendig war. Oder äußern als Konservative Unmut, dass die Figur eine Prostituierte aufsucht.

Boll und sein Schaffen

Auch wenn Boll seinen Film „den Tausend Vergewaltigungs- und Mordopfern, die unser Rechtssystem im Stich gelassen hat“ widmet und den Protagonisten am Ende sagen lässt „Ich mache das für euch, bis ihr lernt, das für euch selbst zu tun“, sollte man den Film in seiner Botschaft nicht missverstehen. Dabei hilft, das Werk und die Person des Regisseurs zu kennen.

Der promovierte Literaturwissenschaftler Uwe Boll (61) hat bisher mehrere Dutzend Filme gedreht, war in den 1990ern für die Produktionsfirma Taunusfilm, eine Tochtergesellschaft des Hessischen Rundfunks, tätig. Seit einem Vierteljahrhundert produziert er vor allem englischsprachige Filme für den Weltmarkt. International bekannt wurde der aus dem Bergischen Land stammende Rheinländer mit Computerspielverfilmungen wie „House of the Dead“, „Alone in the Dark“ und „BloodRayne“ (dreiteilige Reihe). Die Unzufriedenheit vieler Gamer mit diesen Produkten brachte ihm den Ruf des „schlechtesten Regisseurs der Welt“ ein. Welche Art Filme man denn auf der Grundlage drittklassiger Spiele erwarte, fragte er mal zurück. Boll führt Regie, schreibt Drehbücher und vertreibt auch Filme Dritter. In erster Linie agiert er als Unternehmer mit spitzem Rechenstift, so dass sein Schaffen in die Kategorie der B-Movies fällt – mal mehr, mal weniger von billiger Machart.

Vor 20 Jahren lud Boll einige seiner Kritiker zu einem öffentlichen Boxkampf ein, und legte sie – dank seiner Vorerfahrung in dieser Sportart – auf die Matte. Passenderweise drehte er 2010 das Biopic „Max Schmeling“ mit dem schauspielerisch limitierten, aber in den Boxszenen glänzenden Henry Maske. Das Werk wurde sogar im behördlichen Rundfunk hierzulande gezeigt, allerdings zu später Uhrzeit. Sonst gilt der Independent-Filmemacher als enfant terrible, der an Hollywood viel kritisiert und an der deutschen staatlichen Filmförderung, die zusammen mit den Staatssendern den freien Markt so gut wie komplett ersetzt hat, kein gutes Haar lässt.

Das Boll‘sche Œuvre reicht von zahlreichen Werken, in denen er Amokläufe thematisiert, über einen Vietnamskriegsstreifen bis hin einer schrägen Komödie wie „Postal“. Es umfasst aber auch einen Film wie „Darfur“, in dem er das Abschlachten ganzer ethnischer Gruppen und Kriegsverbrechen durch arabische Moslems im Sudan behandelt (unter Einsatz echter Opfer als Schauspieler) – und der teils unter Mitwirkung von Anmesty International aufgeführt wurde. Beim dritten „BloodRayne“-Film nutzte Boll das Set und die vorhandene Infrastruktur, um gleichzeitig das trashige „Blubberella“ zu drehen – aber auch „Auschwitz“ über das Grauen des KZ-Alltags. Es gelang ihm öfters, namhafte Stars wie Ben Kingsley, Jason Statham oder Christian Slater für seine Produktionen zu gewinnen. Auch im Ausland nicht ganz unbekannte deutsche Schauspieler wie Jürgen Prochnow, Til Schweiger oder Udo Kier arbeiteten schon unter seiner Regie. Die Kritik rümpft jedoch regelmäßig die Nase, so auch über „Hanau“, als ausgerechnet der ‚umstrittene‘ Filmemacher den tödlichen Anschlag verfilmte. Meist stehen Action und Gewalt im Mittelpunkt seines Schaffens.

„Inzwischen vertritt Boll die Auffassung, dass ausländische Straftäter sehr zügig abgeschoben werden müssten und über diese Thematik kein Mantel des Schweigens mehr gelegt werden dürfe.“

Als lautstarker Gegner der hiesigen staatlichen Filmfinanzierung, als früher lange vor allem in Kanada wohnhafter unabhängiger Unternehmer, und als Type, die habituell eher an einen rheinischen Stammtisch passt als auf eine Berliner Filmbranchenparty, gilt der Regisseur schon lange als Außenseiter. Von seinen politischen Ansichten her eckte er in der Vergangenheit weniger an: Filmische Amokläufe gegen Reiche und Wall-Street-Banker hätten die Linken gefeiert, so Boll. 2017 befand er sich noch auf dem Klimatentrip und forderte z.B. ein Verbrennerverbot. 2019 engagierte er sich kurzzeitig in einer obskuren Kleinpartei. Auch wenn ihm ein Medium unterstellt, er habe schon in seinen Erstling von 1991 „rechtspopulistische Gags“ eingebaut, zeigt sich in den letzten Jahren eine Entwicklung. Anfang 2025 begann er, auf Tichys Einblick Kolumnen zu verfassen, und brachte im gleichen Jahr seinen Film „Run“ heraus, in dem die Probleme zur Geltung kommen, die das Anlanden von Flüchtlingen auf europäischen Mittelmeerinseln mit sich bringt.

Inzwischen vertritt Boll die Auffassung, dass ausländische Straftäter sehr zügig abgeschoben werden müssten und über diese Thematik kein Mantel des Schweigens mehr gelegt werden dürfe. Von „Tatort“-Folgen, in denen Afghanen unschuldig sind und der „weiße Zahnarzt“ der Vergewaltigung schuldig, habe er die „Schnauze voll“. Um Deutschland zu retten, auch auf anderen Gebieten, rät der frühere SPD-Wähler inzwischen zum Kreuz bei der AfD, sofern man überhaupt zur Urne gehe. Das Anliegen von „Citizen Vigilante“ sei kein rechtes, sondern „logisch und wichtig“. Dass er nun nicht mehr „nur der schlechteste Regisseur der Welt, sondern natürlich auch ein rechtsradikales Schwein“ sei, ficht ihn nicht an. Er geht unbeirrt seinen Weg – „gegen den Trend und vor allen Dingen auch gegen den Willen des Mainstreams“.

Aufruf zur Selbstjustiz?

Was nun soll das Anliegen des Films sein? Will der Regisseur das Publikum anstacheln, es dem Wehrbürger Sanders gleich zu tun und das Recht in die eigene Hand zu nehmen? Boll sieht sich vielmehr als Mahner, der davor warnen will, dass solche Zustände entstehen, wenn Staat und Politik der Probleme nicht Herr werden und weiter auf falschem Kurs segeln. „Das soll so nicht passieren, aber wenn man eben immer so weiter macht, dann muss man sich nicht wundern, dass es passiert“, befürchtet er. Mit anderen Worten aus seinem Mund: „So kann’s enden, wenn man eben Probleme nicht löst.“

Der von Armie Hammer dargestellte Sanders gibt denn auch keine leuchtende Identifikationsfigur ab. Als Besetzung für die Rolle passt Hammer wie die Faust aufs Auge: Seine Hollywood-Karriere – mit siebenstelligem Honorar pro Film – kam 2021 an ein Ende, nachdem ihn mehrere Frauen mit bösen Anschuldigungen überhäuft hatten, vom Vorwurf einer Vergewaltigung bis hin zu dem kannibalistischer Phantasien. Die Ermittlungen wurden zwar mangels hinreichenden Tatverdachts samt und sonders eingestellt, der Karriereknick aber blieb. Ähnlich wie bei Johnny Depp, an dessen Seite Hammer mal eine Hauptrolle spielte. So war Hammer für ein Comeback günstig zu haben.

Finanzielle Erwägungen spielten auch eine Rolle bei der Wahl Zagrebs als Drehort für „Citizen Vigilante“. Uwe Boll hatte dort schon gedreht und verfügte über die entsprechenden Kontakte, man braucht weniger Genehmigungen als hierzulande, und als generische europäische Stadt tauge die kroatische Metropole eher als stärker osteuropäische Kulissen in Rumänien und Bulgarien. Künstlerisch – wenn auch nicht unbedingt intendiert – entsteht so ein interessanter Verfremdungseffekt: Ein Phänomen, das vor allem Westeuropa beschäftigt – Kriminalität durch Zuwanderung aus bestimmten Kulturkreisen und der lasche Umgang damit – ereignet sich im Film an Orten, an denen es in der Realität viel weniger vorkommt.

„Schon Goethes ‚Die Leiden des jungen Werthers‘ wurde seinerzeit mancherorts verboten.“

An einer Stelle des Films, beim Gespräch Sanders‘ mit einer islamischen Familie, kommt – etwas holzschnittartig – zur Sprache, dass gewisse religiöse Geschlechtervorstellungen Vergewaltigungen begünstigen können. Der Vigilante äußert dann seine Vermutung, dass nicht die Besten aus den entsprechenden Ländern nach Europa ‚geflüchtet‘ seien. Vielleicht eine naive Einschätzung. Jedenfalls regt sie zum Nachdenken an, genau wie die Reaktion der Bevölkerung und mehrerer Opfer auf das blutige Tun des Vergelters. Wenn man das Gefühl hat, nur solches Vorgehen verschaffe den Opfern und der Gesellschaft Genugtuung, dann liegt in der Tat etwas im Argen.

Dass das Schauen des Films ‚Nachahmungstäter‘ hervorrufen könnte, scheint weit hergeholt. Als Zensurmotiv allerdings nichts Neues. Schon Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ wurde seinerzeit mancherorts verboten, so etwa in Leipzig, da es zur Selbsttötung verführe. 1982 verbrannten christliche Teenager in einer amerikanischen Kirche Schallplatten wegen angeblicher satanischer Botschaften beim Rückwärtsabspielen der Tonträger.

In ähnlichen Gefilden bewegt sich die FSK mit ihren Nicht-Kennzeichnungen. Wiewohl formal privat bei der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft (SPIO), einem eingetragenen Verein, angesiedelt, vollzieht sie hier eine vom Staat zugewiesene Aufgabe nach Jugendschutzgesetz. Für Produzenten wie Boll kann von Freiwilligkeit keine Rede sein, sie sind für den deutschen Markt gezwungen, sich den Urteilen der FSK-Gremien zu unterwerfen. Zweimal schon haben diese Gremien „Citizen Vigilante“ die Alterskennung verweigert, nächste Woche findet eine Art Berufungstermin statt, bei dem der Regisseur selbst anwesend sein will. Neben Interview- und Diskussionsfreude zeichnet den Filmemacher auch Kampfesgeist aus. Allerdings wäre er als Geschäftsmann durchaus bereit, dem Film ein Vorwort voranzustellen, in dem er sich von Rassismus und Gewalt distanziert.

„Am spektakulärsten hat sich das Einwirken Elon Musks ausgewirkt, der dafür sorgte, dass der Film in voller Länge auf seiner Plattform abrufbar war.“

Es bedeutet schließlich einen Unterschied, ob man selbst Gewalt ausübt oder sie nur künstlerisch verarbeitet. In Bolls Filmen sind schon ein US-Präsident und Britney Spears ums Leben gekommen, auch sich selbst hat er nicht ausgespart. Das unterfällt alles der Kunstfreiheit. Übrigens hatte er mit der FSK auch in der Vergangenheit schon negative Erfahrungen gemacht: Schnitte wurden erzwungen, um bestimmte Alterskennzeichnungen zu erreichen, es wurden ihm auch schon welche verweigert. Das hat auch mit der Rechtslage zu tun, die – wie angesprochen – auch für Erwachsene freigegebene Filme unterschiedlich behandelt. „Die Aufgabe der FSK kann es ja nicht sein, nach Geschmack zu urteilen“, kritisiert Medienexperte Holger Kreymeier von Massengeschmack.TV. „Wenn ein Film als ‚jugendgefährdend‘ eingestuft wird, dann soll er eben ab 18 Jahren freigegeben werden, so wie es andere Länder wie Österreich eben auch handhaben.“

Musk statt FSK

Hätte er statt dunkelhäutiger Täter „sechs Neonazis als Vergewaltiger genommen, die eine 15-jährige Migrantin vergewaltigen“, vermutet Boll, „dann hätte ich eine FSK ab 16 Jahren erhalten.“ Damit wäre er vielleicht auch „bei Dunja Hayali schon der Kinotipp der Woche gewesen“ und „bei der nächsten Berlinale der Eröffnungsfilm“, ergänzt er augenzwinkernd. Der Regisseur wünscht sich, dass neben von Verbänden nominierten Prüfern auch junge „Leute von der Straße“ bei der FSK mitzuentscheiden hätten, wie etwa Pizzabäcker und Automechaniker.

Deutsche Realitätsunterdrückung funktioniert aber nicht unbedingt im Ausland. Im Gegenteil, der Bann durch die deutsche FSK hat weltweit Wellen geschlagen und „Citizen Vigilante“ einige Publicity verschafft. Am spektakulärsten hat sich das Einwirken des Twitter/X-Eigners Elon Musk ausgewirkt, der dafür sorgte, dass der Film in voller Länge auf seiner Plattform abrufbar war, für 48 Stunden. Das katapultierte das Boll-Werk bei Streamingdiensten wie Amazon und Apple weit nach oben in den Charts. Eine deutsche Synchronfassung kann man bereits bestellen – in Österreich. „So viel Aufmerksamkeit würde der Film niemals erhalten, hätte ihn das Gremium mit einer Freigabe einfach durchgewinkt“, bemerkt die NZZ zurecht.

„Citizen Vigilante“ sollte übrigens „The Dark Knight“ heißen. Dass Boll dies wegen Namensgleichheit mit dem zweiten Teil von Christopher Nolans Batman-Trilogie untersagt wurde, war zu erwarten. Aber Vigilantes sind sowohl die Fledermaus als auch Sanders, der Batman nach Art des Hauses Boll. Muss nicht jedem gefallen, sollte aber jeder schauen können. Mit Boll gesprochen: „Jeder muss ja sehen, was er guckt.“

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