06.05.2015

„In Deutschland bekommt man ständig Ärger“

Interview mit Uwe Boll

In Deutschland schränkt die Altersfreigabe bei Filmen sogar das Recht Volljähriger ein, alles zu sehen, was sie wollen. Der international erfolgreiche und umstrittene Independent-Filmemacher Uwe Boll berichtet im Interview von seinen bizarren Erfahrungen mit der deutschen FSK

NovoArgumente: Herr Dr. Boll, Sie drehen und schreiben Filme, produzieren und vertreiben sie auch. In welcher Form sind Sie als Filmschaffender von Zensur betroffen?

Uwe Boll: Wir finden bei Filmen, die weltweit ausgewertet werden, verschiedene Arten der Zensur vor. China z.B. praktiziert politische Zensur, aber auch ganz Absurdes: So sind keine Vampire oder Zombies in China erlaubt. Gibt es Geister? Dann wird der Film in China gleich abgeschossen. Dann besteht die Art von Zensur wie in Deutschland, die von Kontrollgremien wie der FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) gesteuert wird, wo auf den Inhalt im Hinblick auf Pornographie, Gewaltdarstellungen usw. geschaut wird.

Es ist natürlich ärgerlich, dass gerade in Deutschland „Ab 18“ nicht das Ende der Fahnenstange bedeutet. Man kann also, wenn man über 18 ist, nicht alles sehen – im Gegensatz etwa zu Skandinavien. Dort herrscht keine weitergehende Zensur insofern, dass ein Film gar nicht mehr öffentlich vorgeführt oder verkauft werden darf. Gerade wenn man im Horrorfilmbereich unterwegs ist – wir haben ja viele Filme anderer im Weltvertrieb – bekommt man in Deutschland ständig Ärger. Wir erhalten von der FSK immer wieder noch nicht einmal die „Keine Jugendfreigabe (KJ)“, sondern überhaupt keine Freigabe.

„Die FSK war der Meinung, es könne nicht sein, dass der ‚Böse‘ davonkommt.“

Eine deutsche Sonderregelung, die auch für Computerspiele gilt. Normalerweise würde man annehmen, dass „Keine Jugendfreigabe“ Erwachsene nicht weiter betrifft. Wenn aber einer Ihrer Filme die „KJ“ nicht erhält, hat das Konsequenzen.

Der Film darf im Endeffekt nicht mehr in Deutschland aufgeführt werden und wird dementsprechend auch nicht verkauft. Im DVD-Bereich werden Mediamarkt und ähnliche Händler den Film nicht mehr anbieten. In der Folge kommt es immer zu den klassischen Re-Importen aus den Benelux-Ländern oder aus Österreich, die nicht so pingelig sind wie die Deutschen, wo nämlich deutlich härtere Ware veröffentlicht werden kann. Was in Deutschland mit der FSK abläuft, ist kindisch. Wir alle werden heutzutage doch über die Medien – übers Internet vor allem – nonstop mit allem Möglichen konfrontiert, von Hardcore-Pornos bis hin zu Enthauptungen der ISIS, die man sich in Zeitlupe anschauen kann. Da ist es doch vollkommen idiotisch, wenn bei irgendeinem Horrorfilm – wo man weiß, dass es hier um Effekte mit Pappmaché, Gummi und Masken geht – eine Behörde in Deutschland allen Ernstes sagt: Wir wollen nicht, dass überhaupt jemand diesen Film, so wie er gemacht ist, jemals sieht. Das ist schlimm.

Und meine eigenen Erfahrungen in Deutschland gehen noch weiter, siehe meinen Film Rampage. Da hatte die Zensur überhaupt nichts mit Gewalt zu tun, sondern die FSK war der Meinung, es könne nicht sein, dass der „Böse“ davonkommt. Aus diesem Grund bekamen wir keine „KJ“, bevor wir das Ende nicht zumindest noch mit einer Texttafel angereichert hatten, dass der Täter von der Polizei geschnappt wurde. Vollkommen abstrus, das war politische Zensur.

Bei Rampage nimmt der Zuschauer der deutschen Version ein anderes Ende, nämlich den verhafteten Täter, wahr. Der erscheint aber in Rampage 2 – Capital Punishment wieder, als wäre nichts gewesen.

Rampage 2 fing damit an, dass er sich seit über einem Jahr auf der Flucht befindet, weil er eben nicht geschnappt wurde. Bei meiner Kinotour in Deutschland kam dann Verwirrung bei manchen auf, die gefragt haben, wie er aus dem Gefängnis entkommen konnte. Und ich habe dann bei den Filmvorstellungen geantwortet: Weil er gar nicht im Gefängnis war. Das war eine reine Auflage, um den Film überhaupt noch zeigen zu dürfen. Zum Glück entstand die „Black Edition“ – aus den Benelux-Ländern und ungeschnitten. [1] Aber das bekommen nur die Leute mit, die sich darüber im Internet informieren; diejenigen, die ihre DVDs auswählen, indem sie bei Saturn oder anderen Händlern durch die Gänge gehen, haben davon nichts erfahren.

„Wenn man Glück hat, bekommt man eine Freigabe“

Musste der Täter bei Rampage 2 – entgegen der Filmhandlung – auf deutsche Veranlassung wiederum gefasst werden?

Nein, der Film ist ab 16 freigegeben. Das zeigt mir, dass bei der FSK keine Kontinuität besteht. Es gibt ganz verschiedene Testgruppen, die dort sitzen und sich Filme angucken. Wenn man Glück hat und die richtige Zusammensetzung der Testgruppe, bekommt man eine Freigabe ab 16 – und dafür wird dann ein anderer Film auf den Index gesetzt. BloodRayne II: Deliverance – der im Wilden Westen spielt – war der harmloseste der BloodRayne-Filme. Der erste und der dritte waren bedeutend blutiger – mit Körper zerschneiden, Kopf abhacken usw. Und ausgerechnet BloodRayne II, wie gesagt der harmloseste, ist auf dem Index gelandet, die beiden anderen haben eine „KJ“ erhalten.

 


Bei Ihrem Film Postal ereignete sich eine besondere Geschichte zu seiner Freigabe.

Bei der Testvorführung war gerade eine Schulklasse mit dabei. Die Schüler haben sich totgelacht, und deshalb gab es eine Freigabe ab 16. Vorher war ich bei Postal absolut von einer Freigabe ab 18 oder „KJ“ ausgegangen. Der Film zeigt in einer Szene einen splitternackten Mann und insgesamt ging alles über das Normalmaß hinaus. Gewaltmäßig hielt es sich mit ein paar Explosionen und Schießereien in Grenzen, aber bei dem politischen Inhalt – mit den Selbstmordattentaten und Witzen über Auschwitz – hätte ich in Deutschland mit nicht weniger als „KJ“ gerechnet. Aber nein – ab 16. Das ist nicht Fisch noch Fleisch.

In Reaktion auf einen bei uns erschienen Artikel [2] wies das FSK-Äquivalent bei Computerspielen, die USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle), in Person einer Vertreterin des staatlichen Jugendschutzes darauf hin, dass es in der Bundesrepublik ja keine Zensur gebe. Sie gebrauchte das übliche Argument, dass nicht der Staat zensiert – das erledigen die Produzenten selbst, um den Problemen durch mangelnde „KJ“ zu entgehen. Haben Filmschaffende von vornherein eine Schere im Kopf?

Wenn in Deutschland mal Genre-Filme gemacht werden, wie damals Anatomie, dann ist das alles harmlos. Das wird alles so produziert, dass es um 20.15 Uhr im Fernsehen laufen kann. Mit dem Gewaltlevel, das wir aus Asien oder auch aus den USA kennen, ist das nicht vergleichbar. Meines Erachtens kommen deshalb Genrefilme in Deutschland eigentlich nie zustande. Was wird in Deutschland gefördert? Das sind meistens Fernseh-Koproduktionen mit von vornherein angezogener Handbremse. Da wird z.B. keiner angeheuert, der Bluteffekte machen könnte. Daneben hat man in Deutschland noch den Untergrund, früher mit Regisseuren wie Jörg Buttgereit oder Olaf Ittenbach, jetzt mit Marcel Walz oder Timo Rose. Das sind Splattertypen, die für 50.000 oder 100.000 Euro irgendwelche Filme drehen, die sich aber nie in der Breite durchsetzen, sondern C-Festival-Ware bleiben.