02.08.2016

Mit Leibniz in die düstere Zukunft

Kommentar von Christoph Lövenich

Titelbild

Foto: Biodiesel33 via WikiCommons (CC BY 3.0 / bearbeitet)

Eine Broschüre der Leibniz-Gemeinschaft zeigt, welche einseitigen Vorstellungen heute in der Wissenschaft propagiert werden. Politik soll menschliche Gestaltung einschränken.

Deutschlands Wissenschaft sollen große Forschungsgesellschaften wie die Helmholtz- und die Leibniz-Gemeinschaft voranbringen, finden ihre staatlichen Finanziers. Ob das Steuergeld in riesigen Zusammenschlüssen außeruniversitärer Forschungseinrichtungen besser angelegt ist als bei den Hochschulen und in kleineren Einheiten, mag aus verschiedenen Gründen bezweifelt werden. Ein Leserkommentator warnte vor Jahren schon vor einer weiteren Gefahr: „Wohl versorgte Forschungskombinate […] sind zum Teil so weit von der gesellschaftlichen Realität isoliert, dass unserem Gemeinwesen Himmelangst werden sollte.“

Werfen wir dazu einen Blick in die kürzlich erschienene Zeit-Beilage „10 Leibniz-Forscher blicken in die Zukunft“. Dieses dünne Magazin hat die Leibniz-Gemeinschaft mit einem Unternehmen der Zeit-Verlagsgruppe entwickelt, denn auf diesem Wege – in den Worten der Leibniz-Kommunikationschefin – „erreichen wir die Menschen, deren Zukunft wir mitgestalten wollen.“ Wie die Zukunft aussieht, wenn sie nicht von uns selbst, sondern von zehn leitenden Mitarbeitern der Leibniz-Institute geprägt wird – allesamt Professoren, die Hälfte davon politisch ganz korrekt Professorinnen –, erfahren wir im Heftchen.

Nachhaltig“ soll sie jedenfalls sein, wie in diversen Beiträgen anklingt. Diese unhinterfragte Allgemeinformel steht bei kritischer Betrachtung für die „Abkehr vom Fortschritts- und Wachstumsstreben früherer Generationen“; sie rechtfertigt Begrenzungen und Einschränkungen menschlichen Handels auf immer mehr Gebieten.

„Nachhaltigkeit soll allen eingetrichtert werden“

Die Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung Jutta Allmendinger fordert in ihrem Beitrag „Nachhaltigkeitsbildung“ „im gesamten Lebensverlauf“. Dieses Prinzip soll also allen von der Wiege bis zur Bahre eingetrichtert werden. Dass Allmendinger von einigen Medien schon als SPD-Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten gehandelt wurde, braucht da nicht zu überraschen.

Sowohl für die SPD wie für die CDU agierte Claudia Kemfert als Schattenministerin in Landtagswahlkämpfen. Das Thema der Abteilungsleiterin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ist die Energiewende. Sie schreibt über regenerative Energien: „So werden beispielsweise Gerüchte verbreitet: Nachhaltiger Strom sei teurer und unsicherer.“ Unter Berufung auf diese leuchtende wissenschaftliche Koryphäe werde ich jetzt meine Stromrechnungen der letzten Jahre reklamieren, da es sich bei ihnen offenbar nur um Gerüchte handelt. Deutschland befinde sich im „Würgegriff der Kohle- und Automobillobby, beklagt sie,„die großen Konzerne sind geschickt und aggressiv“. Professoralen Kammerton kann man der Dame jedenfalls nicht vorwerfen, die Art ihrer Äußerungen erinnert eher an Pamphlete von Moralaktivisten wie Attac. Wie sich die Welt der Claudia Kemfert von der objektiven Realität unterscheidet, hat mein Novo-Redakteur Thilo Spahl schon mal dargelegt.

Auch das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) gehört zur Leibniz-Gemeinschaft, und so darf dessen Gründer, Hans Joachim Klimakardinal Schellnhuber, ebenfalls vom Leder ziehen. Er verficht die „Dekarbonisierung der Weltwirtschaft“. Dass es sich dabei um ein von oben verordnetes „autoritäres Programm zur großen Transformation der Weltgesellschaft in eine kohlenstoffneutrale Mangelwirtschaft“ handelt, hat Novo-Kollege Johannes Richardt bereits ausgeführt. 2036 könnten uns „Wetterextreme, die alles übertreffen, was die Menschheit je erlebte“, heimsuchen. Bislang, das legen auch IPCC-Daten nahe, haben jedoch nicht Extremwetter, sondern nur „Berichte über Extremwetter extrem zugenommen“. Schellnhuber spricht eine andere Sprache als die Fakten, nämlich die eines apokalyptischen Predigers und so passt ins Bild, dass er im letzten Jahr eine päpstliche Enzyklika maßgeblich beeinflussen konnte. Weltliche und geistliche Priester reichen einander die Hand.

„Über das Bedürfnis breiter gesellschaftlicher Kreise nach Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse haben sich elitäre, zeigefingerschwingende Milieus längst erhoben“

Selbst im Beitrag von Svetlana Berdyugina über außerirdisches Leben darf der Kotau vor der herrschenden Zeitgeist-Maxime nicht fehlen: „So wie die globale Erwärmung im Zuge des menschengemachten Klimawandels aus dem All sichtbar ist, ist das vielleicht auch bei anderen Planeten der Fall.“ Sieh an, die Welt ist nicht genug, selbst die Aliens bedürfen der gestrengen Belehrung.

Hildegard Westphal möchte gerne, dass sich „die Menschen in den Tropen nicht mehr nur als hilflose Opfer Klimawandels fühlen“. Ob sie dies überhaupt tun, darf bezweifelt werden, schließlich muss die Direktorin des Leibniz-Zentrums für Marine Tropenökologie (ZMT) einräumen, dass man in dortigen Ländern andere Probleme, wie etwa wirtschaftliche, hat, und das „erschwert die Umsetzung von Umweltschutzregeln.“ Was die Bürger und die Politiker in solchen Ländern wollen, muss sekundär bleiben gegenüber dem in westlichen Elfenbeintürmen als richtig Erkanntem…

Aber auch die Deutschen bekommen ihr Fett weg. Für Wolfgang Heckl sind sie „Wegwerfweltmeister und kaufen T-Shirts für 3,99 Euro“. Offenbar ein Missstand für den Generaldirektor des Deutschen Museums, der in einer „gerechteren Welt […] und in einer nachhaltigeren“ leben möchte. Günstige Produkte, von denen die weniger Begüterten hierzulande profitieren – und bei der Herstellung die Industrialisierung in aufstrebenden Ländern – passen ihm genauso wenig ins Konzept wie der fröhliche Massenkonsum einer „Wegwerfgesellschaft“. Über das Bedürfnis breiter gesellschaftlicher Kreise nach Verbesserung ihrer Lebensverhältnisse haben sich elitäre, Zeigefinger schwingende Milieus längst erhoben.

„Wenn dereinst auch der ‚Proll‘ zum glutenfreien Flexitarier konvertiert, ist man seine Avantgarde-Stellung los“

Das geht so weit, dass sich der Sehnsuchtsort des Chefs des weltweit größten Technikmuseums nicht mehr von dem eines neulinken AStA-Ökoreferenten unterscheidet: „Für mich ist das Reparaturcafé“, schreibt Heckl, „der ideale Stammtisch der Zukunft.“ Der klassische Stammtisch der kleinen Leute, in der Gaststätte neben einem Spielautomaten und mit einem Aschenbecher auf dem Tisch ist out, stattdessen „herrscht Achtsamkeit […] anderen Menschen und der Natur gegenüber.“ Sanfte New-Age-Klänge durchziehen das Repair-Café, nebenan eine Fabrikruine und ein Job-Center.

Und selbstverständlich avanciert unter Heckl das „Reparieren“ zum Schulfach. Mit Tilman Grune werden dort zudem „Koch- und Ernährungskurse zur Pflicht“. Der Wissenschaftliche Vorstand am Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke räumt immerhin ein, dass sich Hoffnungen auf Krebsprävention durch das Verspeisen von Obst und Gemüse weitestgehend zerschlagen haben, begegnet aber dem politisch-gesellschaftlichen Zeitgeist in Sachen Essen nicht mit der Distanz eines Forschers. Im Gegenteil: „Bessergestellte Teile der Bevölkerung haben bereits ein größeres Gesundheitsbewusstsein entwickelt, ich würde mir wünschen, dass dieser Trend auf alle Schichten übergreift.

Dass an ihrem Wesen die Welt genesen kann, sind manche Hochwohlgeborene vielleicht überzeugt, aber durch diesen Trickle-Down-Effekt würden sie ihr Distinktionsmerkmal verlieren. Wenn dereinst auch der „Proll“ zum glutenfreien Flexitarier konvertiert, ist man seine Avantgarde-Stellung los. Und gesünder wird davon letztlich keiner. Wohl auch nicht durch „individuelle Kataloge als Grundlage für den Einkauf von Lebensmitteln im Internet“, die Grune vorschweben, bei denen das Smartphone während des Supermarktbesuchs Anweisungen zum Erwerb von Lebensmitteln erteilt. Hier vereint sich die Big-Data-Sammelwut mit dem staatlichen Nudging, der Beeinflussung in Richtung einer gewünschten Verhaltensänderung. Der Normalbürger darf zwar das Geld erwirtschaften, mit dem die Leibniz-Gemeinschaft finanziert wird, für seine alltäglichen Besorgungen aber ist er scheinbar auf fremde Hilfe angewiesen.

„Forscher müssen sich als gesellschaftlich relevant verkaufen, indem sie der Mode und dem Mainstream huldigen“

Dazu passt auch das politisch-medial vorgetragene Schlankheitsideal, das sich im ansonsten wissenschaftlichen-seriös wirkenden Beitrag der Direktorin am Leibniz-Institut für Pharmakologie, Dorothea Fiedler, am Ende wiederfindet. Ihre Forschung an Zellbausteinen soll „vielen Übergewichtigen bald helfen“. Dabei würde es schon mal reichen, das platte Vorurteil des schädlichen Übergewichts zu entkräften und die dahinterstehenden Interessen zu analysieren. Aber so funktioniert die heutige Forschungswelt nicht, man muss sich als gesellschaftlich relevant verkaufen, indem man der Mode und dem Mainstream huldigt. Nachwuchswissenschaftler bei Leibniz und anderswo lernen so, dass eine konforme Meinung die Karriere fördert und man eine anderslautende besser für sich behält.

Wenn „Kinder in 20 Jahren nicht im Alter von fünf Jahren eine Bildungseinrichtung besuchen, sondern schon mit drei oder dreieinhalb“ (Marcus Hasselhorn), hat man mehr Zeit, ihnen die oben genannten Inhalte und Schulfächer zu vermitteln. Zu schade nur, dass manche Eltern dieser Beanspruchung durch unsere Wohlmeinenden entgegenstehen und nicht „Familien aller Kulturen das Recht ihrer Kinder auf Bildung ernst nehmen“. Da sieht der Geschäftsführende Direktor am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung die staatliche Politik in der Pflicht, Maßnahmen zu ergreifen.

Überhaupt will die Gemeinschaft den Fußstapfen Gottfried Wilhelm Leibniz‘ folgen, der nicht nur Universalgelehrter und Namensgeber eines Butterkekses, sondern auch Politikberater war. Er sprach von der „besten aller möglichen Welten“, auf die wir aber nicht zusteuern, wenn wir dem Götzenglauben der heutigen Leibniz-Forscher an Nachhaltigkeit, Klima und Gesundheit huldigen und ihn in repressive Politik gießen. Wir sollten eine Zukunft des Mehr und nicht des Weniger gestalten.