24.06.2015

Der Papst der Verarmung

Kommentar von Johannes Richardt

Papst Franziskus schließt sich in seiner Enzyklika grüner Wachstums- und Fortschrittsfeindlichkeit an und kombiniert sie mit katholischem Mystizismus und Antimodernismus. Es ist die Anleitung für ein globales Verelendungsprogramm, analysiert Johannes Richardt.

Die Erde sei eine „unermessliche Mülldeponie“, unser gegenwärtiger Lebensstil „selbstmörderisch“. „Der Rhythmus des Konsums, der Verschwendung und Veränderung der Umwelt hat die Kapazität des Planeten derart überschritten, dass der gegenwärtige Lebensstil nur in der Katastrophe enden kann.“ Auf vertraute Weise säkular klingen die Botschaften aus der letzte Woche veröffentlichten Umwelt-Enzyklika „Laudato Si“ von Papst Franziskus.[1]

Was hier droht, ist nicht die Apokalypse nach meinem biblischen Namenspatron Johannes (Offb 1,1), vielmehr steht uns die Apokalypse nach Naomi Klein, Greenpeace & Co. bevor. Der oberste Hirte der katholischen Christenheit hat sich das Denken der westlichen Umwelt- und Antiglobalisierungsbewegung zu Eigen gemacht. Es ist die Öko-Litanei von der Begrenztheit der Ressourcen, vom Menschen als destruktiver Kraft und dessen Hybris, die man auf ein naturverträgliches Maß zurechtstutzen müsse – kehret um, bevor es zu spät ist.

„Der Papst klingt wie jede beliebige Attac-Ortsgruppe“

Vor allem die päpstliche Fortschritts- und Wachstumskritik dürfte hierzulande die Herzen vieler gut saturierter Grüner höher schlagen lassen. Ein zentraler Kritikpunkt ist die angebliche „Unterwerfung des Menschen unter die Technologie“ von der „geistigen Verschmutzung“ durch Soziale Medien bis zur Kritik des Stadtlebens. Zwar kann auch der Papst die unbestreitbaren Verbesserungen im Leben von Milliarden Menschen durch den – oft gegen den erbitterteren Widerstand der Kirche – erkämpften technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt nicht einfach wegwischen, aber mit „dem Glauben an den Mythos vom unbegrenzten materiellen Fortschritt muss Schluss sein“. So ähnlich klingt das auch in jeder x-beliebigen Attac-Ortsgruppe.

Das „unverantwortliche und unersättliche Wachstum“ müsse endlich gestoppt werden. „Darum ist die Stunde gekommen, in einigen Teilen der Welt eine gewisse Rezession zu akzeptieren und Hilfen zu geben, damit in anderen Teilen ein gesunder Aufschwung stattfinden kann“. Rezessionen akzeptieren? Aha. Ist das etwa der tiefere Sinn der Selbstbeschreibung vom „Papst der Armen“? Unwillkürlich denkt man aktuell an die Menschen in Griechenland. Was die wohl von den Ratschlägen seiner Heiligkeit halten? Aber für den Papst scheint Wirtschaft ein spirituelles Nullsummenspiel zu sein: Eine Seite muss Opfer bringen, damit es der anderen Seite besser geht.

Mit der Realität modernen Wirtschaftens – globale Arbeitsteilung und Welthandel – hat dieses Denken zumindest nichts zu tun. Gerade die beschleunigte Globalisierung der letzten Jahrzehnte hat die Lebensbedingungen überall auf der Erde in einem beispiellosen Maß verbessert. Laut Vereinten Nationen ist die Armut in den letzten 50 Jahren stärker gesunken als in den vergangenen 500 Jahren – allein 500 Millionen Chinesen sind in den letzten zwei Dekaden der Armut entkommen. Durch Wirtschaftswachstum, nicht durch Rezession.

Der Klimawandel nimmt breiten Raum in der päpstlichen Enzyklika ein. Er sei laut Franziskus eine der wichtigsten Herausforderungen der Menschheit. Nach konstruktiven Vorschlägen, wie wir damit umgehen sollen, fahndet man in seinem Dokument allerdings vergeblich. Auch hier erweist er sich als orthodoxer Grüner, dem außer der weltfremden Forderung nach dem „unverzüglichen“ Ausstieg aus Kohle und Öl wenig einfällt. Die Möglichkeit, sich durch technologische Innovationen und Wohlstandsvermehrung an veränderte Klimabedingungen anzupassen oder diese bewusst zu steuern, wird selbstredend gar nicht erst in Erwägung gezogen.

Statt moderner Umweltschützer wie Björn Lomborg oder den Verfassern des kürzlich erschienenen Ecomodernist Manifesto waren etablierte Klima-Technokraten wie Hans-Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimaforschung maßgeblich an der Erstellung der Enzyklika beteiligt. Dessen autoritäres Programm zur großen Transformation der Weltgesellschaft in eine kohlenstoffneutrale Mangelwirtschaft erweist sich als anschlussfähiger gegenüber der technologieskeptischen Agenda des Papstes als die Vorschläge lösungsorientierter Fortschrittsoptimisten.

„Du trennst deinen Müll nicht? Wenn das der Papst wüsste!“

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Ökobotschaften des Papstes Applaus auch aus jenen Kreisen bekommen, die der US-Autor Joel Kotkin in seinem Buch The New Class Conflict als neuen Klerus oder Säkularpriesterschaft bezeichnet hat. Diese meinungsbildende Schicht aus Medien, Bildungswesen, NGOs, Stiftungen, Verwaltung und Politik begreift sich im traditionellen Sinne gerade nicht als religiös. Sie sieht sich als konsumkritisch, umweltbewusst und gesellschaftspolitisch „progressiv“. Laut Kotkin dienen ihr Botschaften wie „Verbrauche weniger Ressourcen, verringere deinen ökologischen Fußabdruck oder konsumiere weniger“ vor allem dazu, ihre saturierte gesellschaftliche Stellung gegenüber Aufsteigern von Unten zu sichern.

Wie der klassische religiöse Klerus möchten sie Konformität gegenüber ihren Ideen erzwingen. Quelle ihrer Autorität ist nicht Bibel oder Tradition, sondern „die Wissenschaft“. In der Debatte um die Homo-Ehe galt ihnen der Papst noch als Verkörperung finsterer Rückständigkeit, ein paar Wochen später dient er ihnen plötzlich als über den Dingen schwebende Superautorität bei Umweltfragen: Wie, Du trennst Deinen Müll nicht? Wenn das der Papst wüsste!

Viele Kommentare sehen in der päpstlichen Enzyklika eine radikale Wende im Denken der katholischen Kirche. Das mag richtig sein. Zwar gewannen Naturthemen bereits unter seinen Vorgängern an Bedeutung. So sprach bereits Josef Ratzinger in seiner Rede vor dem deutschen Bundestag im Jahr 2011 von einer „Würde der Erde“. Aber in Franziskus „ganzheitlicher Ökologie“ erreicht diese Entwicklung eine neue Dimension. Katholischer Mystizismus verbindet sich mit grünem Nachhaltigkeitsfetischismus und Gaia-Spiritualität.

Die Erde gilt für Franziskus als gleichberechtigte „Schwester“ (Die Rolle der Muttergottheit ist im Katholizismus ja bereits anderweitig vergeben), mit der wir in holistischer Symbiose verbunden sind: „Die Gewalt des von der Sünde verletzten menschlichen Herzens wird auch in den Krankheitssymptomen deutlich, die wir im Boden, im Wasser, in der Luft und in den Lebewesen bemerken.“ Wo die Bibel den Menschen ins Zentrum religiösen Denkens und der moralischen Lehre stellte, auch wenn wir am Ende alle der Willkür eines allmächtigen Schöpfers ausgesetzt sind, verhält sich die Kirche jetzt so, als wäre die Erde ein Selbstzweck und nicht ein Werkzeug, um dem Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen. „Macht sie Euch untertan“ (Genesis 1, 28) war gestern.

„Es gibt kaum etwas Unmoralischeres, als den Menschen ein besseres Leben vorenthalten zu wollen“

Es scheint so, als würde der Vatikan in Sachen Zeitgeistkonformität den hiesigen Protestanten nacheifern wollen. Angesichts öko- und esoteriktrunkener Kirchentagsgänger spottete der Publizist Harald Martenstein: „Die evangelische Kirche hat doch selber gewisse historische Wurzeln im Christentum, auch wenn ihr die zehn Gebote heute peinlich sind und verboten gehören“.

Der Papst gilt nach wie vor sehr vielen Menschen überall auf der Welt als moralische Autorität. Traurigerweise werden sich viele diese Anleitung für ein weltweites Verarmungsprogramm zu Herzen nehmen. Dabei ist Vermengung von katholischem Antimodernismus und ökologischem Verzichtsdenken gar nicht so ungewöhnlich, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Vatikan und Grünen geht es darum, den Menschen in seine Grenzen zu weisen. Die moralisierende Sprache des „Papstes der Armen“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es tatsächlich kaum etwas Unmoralischeres gibt, als Menschen durch die Verhinderung materieller Entwicklung ein besseres Leben vorenthalten zu wollen.