10.12.2020

Die Wissenschaft, der Notstand und die Freiheit (2/2)

Von Thilo Spahl

Titelbild

Foto: Gkenius via Pixabay / CC0

Politiker lieben Krisen, in denen sie mit Rückendeckung von Experten als Manager der Gesellschaft auftreten können. Die Wissenschaft darf sich nicht vereinnahmen lassen.

In Teil 1 dieses Essays ging es um die Vorliebe der Poltik für Krisenmanagement und Worst Case Szenarien, Teil 2 erörtert, warum die "neue Normalität" des Dauernotstands eine große Gefahr für die Demokratie ist.

Mehr Notstand wagen

Die Lockdown-Experimente des Jahres 2020 passten in die Zeit. Doch der Notstand kam nicht erst mit dem Virus. Er war schon da. Denn dass Krise war, war ja nicht neu. Die Klimakrise hatte es durch jahrzehntelange Persistenz und Renitenz im Jahr 2019 geschafft, vielerorts zur Notstandsausrufungsauslöserin zu werden. Am 2. Mai 2019 fing in Deutschland die Stadt Konstanz am Bodensee mit dem Ausrufen an, ein halbes Jahr später war schon halb Deutschland befallen. Und ebenso Großbritannien, Frankreich, Spanien, die EU usw. – wo immer es der jeweiligen Politik opportun erschien. Das Problem mit dem Klimanotstand, so vielfach er auch ausgerufen wurde, war jedoch, dass er von den meisten Menschen zwar abgenickt wurde, aber beim Buchen des nächsten Urlaubs regelmäßig zumindest temporär dem Vergessen anheimfiel. Ein paar Schüler, die immer wieder freitags ihre Reiselust mit schlechtem Gewissen bekämpften, reichten nicht aus, um Flugzeuge am und Erdöl im Boden zu halten.

„Sobald ein Gebiet der Wissenschaft mit so genannter politischer Relevanz aufgeladen wird, schwindet auf diesem Gebiet die Freiheit der Forschung.“

Bisher nicht gelungen waren also die tatsächliche Operationalisierung des Notstands und die Umsetzung umfassender Verhaltensregulierung. Vielen erschien in dieser Situation das Virus als Chance. Als Chance, endlich einen Notstand auszurufen, der Hand und Fuß hatte und nicht nur auf dem Papier bestand. Und erfreulicherweise erwies sich das Corona-NPI-Bündel als einigermaßen kompatibel mit den planetaren Bedürfnissen einer Klimaschutzwelt. Dem Virus gelang, wovon Klimaschützer bis dahin noch nicht einmal zu träumen wagten: der Shutdown. Plötzlich war sie da, die große Entschleunigung. Mit der Wirtschaft brach der CO2-Ausstoß ein, der Konsumterror war durch das einfache Schließen aller Geschäfte besiegt, man brauchte nicht mehr mit dem Auto ins Büro zu fahren und nicht mehr mit schlechtem Gewissen in den Urlaub zu fliegen (sondern eben gar nicht). Und vor allem: Die Menschen gaben ihre Freiheit auf. Aus Angst, aber auch aus Verantwortungsgefühl. Und natürlich auch einfach, weil es sich so gehörte.

Dass wir uns in der Post-Corona-Zeit erst mühsam wieder die Angst vor dem U-Bahnfahren und das Gefühl der Schutzwirkung des eigenen Autos abtrainieren müssen, passte dagegen nicht so gut. Aber man kann nicht alles haben. Wichtig war die große Botschaft: Umfangreiche Verhaltensänderung ist mit einer guten Mischung aus Angst, Verboten und dem Schlachtruf „Unite behind the Science“ möglich.

Und die zweite Botschaft: Die Natur schlägt zurück! Der kurze Frühling der Dystopie des Jahres 2020 war aus Sicht jener, deren Leitbild der Schutz des Planeten vor dem Menschen ist, ein Lichtblick. Es verbreitete sich (mal wieder) die Hoffnung, den planetaren Schädling Mensch endlich zu disziplinieren. Die meisten Umweltaktivisten hatten wohl nicht damit gerechnet, dass die Rache der Natur in Gestalt eines Virus über die Menschheit kommt. Aber man darf in solchen Dingen nicht wählerisch sein. Das Virus war schrecklich, aber es war eine Verkörperung der Natur. Und die schlug endlich so zurück, dass auch noch der Verblendetste begreifen musste, dass es so nicht weitergehen konnte. Die postpandemische Welt musste eine bessere werden, eine, in der menschliche Gier und menschlicher Übermut dauerhaft gezügelt sein sollten. Doch dies konnte nur gelingen, wenn die Pandemie nicht einfach irgendwann überstanden sein würde. Sie musste nicht nur als mahnende Erinnerung im Bewusstsein gehalten werden, sondern als fortwährende, zu Disziplin zwingende Bedrohung. Es waren 18 Monate veranschlagt, da konnten nicht nach acht Wochen schon die „Öffnungsdiskussionsorgien“ losgehen.

Christian Drosten griff diese Problematik am 24. April auf, nachdem man langsam begonnen hatte, Geschäfte zu öffnen: „Ich mache mir wirklich Sorgen, wenn ich Vertreter der Wirtschaft höre, die praktisch sagen, von dieser Lockerung weichen wir jetzt keinen Millimeter zurück. Als wäre das Verhandlungssache. Aber wenn überhaupt, dann verhandelt man da mit der Natur, nicht mit einem Virologen.“ 14 Er sagte also, er sei nur Überbringer der Botschaft. Hinter ihm stehe eine größere Macht: die Natur. Aus Sicht des Wissenschaftlers ist das völlig korrekt und entspricht nur Hegels Diktum von der Einsicht in die Notwendigkeit (die Natur kann man nur beherrschen, wenn man sie versteht). Aus Sicht der Politik (von der er sich hätte fernhalten müssen) ist das jedoch die Art von Legitimation, auf die man rekurriert, wenn man keine Kritik hören will. Die Botschaft lautet: Hier gibt es nichts zu verhandeln. Die massive Einschränkung von Grundrechten und die massive Schädigung der Wirtschaft seien (wir kennen das Wort) alternativlos.

„Dem Virus gelang, wovon Klimaschützer bis dahin noch nicht einmal zu träumen wagten: der Shutdown.“

Die Frage ist, wie Herr Drosten auf die Idee kam, dass man in dieser Angelegenheit mit ihm verhandeln wollte. Wir haben es mit einem gesellschaftlichen Aushandlungsprozess zu tun, bei dem Vor- und Nachteile unterschiedlicher Vorgehensweisen gegeneinander abzuwägen sind, um eine möglichst gute Lösung für das Problem zu finden. Der Virologe ist hier als Lieferant von Informationen gefragt. Das ist eine äußerst wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe. Er sollte aber keineswegs am Verhandlungstisch sitzen. Wenn er sich dort hinzugesellen will, hört er auf, Wissenschaftler zu sein, und wird Politiker. Dass er genau dies nicht möchte, hatte „der Mann, auf den ganz Deutschland hört“ in seinen regelmäßigen Radio-Interviews über Wochen hinweg immer wieder wortreich beteuert. Wirklich gelungen war es ihm nicht.

Nichtsdestotrotz wurde weiter gelockert. Doch die Fallzahlen stiegen nicht wie angedroht wieder an, sondern sanken wie zuvor. Man musste sich also darauf einstellen, dass das virusbedingte Einüben des Notstands nicht lange genug andauern würde, um eine sichere Immunisierung gegen wieder aufkeimende Freiheitsbedürfnisse und Selbstbestimmungsanmaßungen zu gewährleisten.

Die neue Normalität

Es musste daher neuer propagandistischer Dampf auf den Krisenkessel. ARD-Chefredakteur Rainald Becker formuliert die Vision und Hoffnung auf die „neue Normalität“ Anfang Mai, als die Coronakrise zu Ende zu gehen drohte, voll trotziger Unverblümtheit: „Der Status Quo ante, also zurück zur alten Normalität, ist vielen Wirrköpfen, die sich im Netz unter Widerstand2020 und anderen Namen tummeln, nachgerade ein Herzensanliegen. All diesen Spinnern und Corona-Kritikern sei gesagt: Es wird keine Normalität mehr geben wie vorher. Madonna, Robert De Niro und rund 200 andere Künstler und Wissenschaftler fordern zu Recht, nach der Corona-Krise Lebensstil, Konsumverhalten und Wirtschaft grundlegend zu verändern.“ 15 Nun ja, wenn man sich auf die Mutter Gottes und noch zusätzlich einen berühmten Schauspieler berufen kann, dann ist man im Fernsehen doch gewiss auf der richtigen Seite. (Der Brief der Promis war allerdings nur ein sehr knapp gehaltener Aufruf für mehr Armut. Verantwortlich für alle Übel dieser Welt seien Konsum und Produktivität.) 16

Die Hoffnung der Corona-als-Chance-Fraktion war, der Ausnahmezustand könne in einen „neuen Normalzustand“ hinübergerettet und auf immer erhalten bleiben. Das Wesen dieser neuen Normalität wäre Freiheit unter Vorbehalt. Lockerung auf Bewährung. Grundrechte auf Widerruf. Ist das Verfahren erst einmal eingeübt, kann man es bei jedem neuen Virus wieder aus der Tasche holen. Aber auch bei jedem alten Virus, das mehr als ein paar hundert Opfer fordert, und ebenso bei Hitzewellen, Migrantenströmen, Feinstaubwolken oder Zuckerschwemmen, bei Bedrohungen jedweder Art. Und wenn Vater Staat dann nicht von allein tätig wird, kann jeder „bedrohte“ Bürger Schulschließungen, Tempolimits, Verkaufsverbote, Maskenpflicht usw. und natürlich die Unterdrückung gefährlicher Meinungen und missverständlicher Fakten einklagen. Und die Medien können es lautstark einfordern. Denn was zur Rettung vor Corona angemessen war, das kann dann nicht plötzlich bei anderen Bedrohungen verweigert werden.

„Das Wesen dieser neuen Normalität wäre Freiheit unter Vorbehalt. Lockerung auf Bewährung. Grundrechte auf Widerruf.“

Peter Heller beschrieb den Zustand im Frühjahr 2020 in seinem Text „Rendezvous mit der Despotie“ überaus treffend: „Einem Handbuch für autoritäre Herrscher scheinen gar die übergeordneten, solche Exzesse begründenden Maßnahmen entnommen. Verhindere Versammlungen, auf denen sich oppositioneller politischer Wille formen und äußern könnte! Untersage kulturelle Aktivitäten als potenzielle Quelle subversiver Gedanken, ob Konzert, Theater oder Ausstellung! Schließe alle Bars, Clubs und sonstigen Veranstaltungsräume, um Veränderung suchende Subkulturen auszutrocknen! Verriegele die Kirchen, denn es darf keinen anderen Gott neben der Obrigkeit geben! Vernichte privatwirtschaftliche Wertschöpfungsketten zur Erhöhung der Abhängigkeit von staatlicher Alimentation! Und schließlich: Schränke die physische Beweglichkeit der Bürger so weit wie möglich ein und distanziere sie voneinander! Damit die für eine lebendige demokratische Gesellschaft so wichtigen horizontalen Strukturen des Austausches und der Debatte zerbrechen und allein der vertikale Informationsfluss über Regierungsverlautbarungen verbreitende Massenmedien die Meinungsbildung steuern kann.“ 17

Nein. Natürlich wurde damals keine Diktatur eingeführt. Aber es wurde mit Verweis auf die wissenschaftliche Empfehlung ein „Bündel nicht-pharmazeutischer Maßnahmen“ eingeführt, dessen politische Implikationen von Heller hier durchaus zutreffend benannt werden. Wir sollten uns der Bedeutung dieses Experiments bewusst sein und es uns eine Warnung sein lassen, wohin es führen kann, wenn man einfach zum Wohle der Bürger der Wissenschaft folgt.

Das Recht, alle Meinungen zu hören

Corona hat uns auch gezeigt, welches Grundrecht unweigerlich am schärfsten unter Beschuss kommt, wenn ein Notstand aufrechterhalten werden soll: das Recht auf freie Meinungsäußerung.

Der Trick dabei ist: Natürlich darf in Deutschland fast alles gesagt werden. Die Einschränkung erfolgt auf Seite des Hörers oder Lesers. Es wird mit diversen Maßnahmen dafür gesorgt, die Wahrscheinlichkeit zu verringern, dass man unliebsame Meinungen, oder auch Fakten, die „falsch“ interpretiert werden könnten, zu hören bekommt. Die größte Herausforderung sind dabei die praktisch unbegrenzten Veröffentlichungs- und (viralen) Verbreitungsmöglichkeiten auf Internet-Portalen und in den sozialen Medien. In der Coronazeit hat das schon ziemlich gut funktioniert. Die kritischen Stimmen wurden schnell mehr, die Zahl abgeschalteter Websites und gelöschter Videos auf Youtube stieg ebenso rasch. Bei Twitter las ich nun immer häufiger „Diese Medien sind nicht verfügbar, weil sie Inhalte enthalten, die Du nicht sehen möchtest“. Oder, noch einschüchternder: „Der Link, auf den Du zuzugreifen versuchst, wurde von Twitter oder unseren Partnern als möglicherweise schädigend oder als Verletzung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Twitter eingestuft.“

Es mag stimmen, dass ich manche Sachen nicht sehen möchte. Aber ich möchte definitiv nicht, dass Twitter entscheidet, was ich nicht sehen möchte. Die politische Naivität von Prof. Drosten zeigte sich, als er als einer der Erstunterzeichner eines offenen Briefs an „die Technologieunternehmen“ mit fundamental antidemokratischen Forderungen nach weitgehender Informationskontrolle und Einschränkung der Meinungsfreiheit auftrat. In dem Text, der am 7. Mai 2020 als ganzseitige Anzeige in der New York Times erschien, heißt es:

„Zunächst einmal müssen sie Richtigstellungen zu den Gesundheits-Fehlinformationen veröffentlichen. Das bedeutet, dass jede einzelne Person, die auf ihren Plattformen mit Gesundheits-Fehlinformationen in Berührung gekommen ist, gewarnt und benachrichtigt wird, und dass eine gut konzipierte und unabhängig überprüfte Korrektur angezeigt wird – etwas, das nachweislich dabei helfen kann, dass Benutzer nicht an gefährliche Lügen glauben. Während Plattformen wie Facebook bereits dazu übergegangen sind, auf Fakten geprüfte Fehlinformationen zu kennzeichnen, geht dieses Verfahren nicht weit genug, da Millionen von Menschen einen Beitrag sehen können, bevor er auf Fakten geprüft und gekennzeichnet wurde. Deshalb fordern wir Facebook dringend auf, ALLE Nutzer, die solchen Inhalten zum Opfer gefallen sind, zu warnen. Das bedeutet, einen Schritt weiterzugehen als die bloße Kennzeichnung, nämlich indem den Nutzern rückwirkend Richtigstellungen mitgeteilt werden. Zweitens müssen die Plattformen ihre Algorithmen entgiften, die bestimmen, was den Benutzern angezeigt wird. Das bedeutet, dass gefährliche Lügen sowie diejenigen Seiten und Gruppen, die sie verbreiten, in den Benutzer-Feeds herab- und nicht heraufgestuft werden. Schädliche Fehlinformationen sowie Seiten und Kanäle, die ‚Wiederholungstätern‘ gehören, die diese Informationen verbreiten, sollten ebenfalls aus den inhaltsempfehlenden Algorithmen herausgenommen werden. Die Algorithmen konzentrieren sich derzeit mehr darauf, die Benutzer online zu halten, als ihre Gesundheit zu schützen. Und das führt zu einer Beeinträchtigung des gesellschaftlichen Wohlbefindens.“ 18

„Gefordert wird nichts anderes als ein parastaatliches Wahrheitsministerium, das von den Betreibern der großen Plattformen organisiert werden soll.“

Meinungsfreiheit wird hier als Krankheit denunziert, als Ursache einer „Infodemie“ analog zur Pandemie. Gefordert wird nichts anderes als ein parastaatliches Wahrheitsministerium, das von den Betreibern der großen Plattformen organisiert werden soll. Der Begriff der Infodemie wurde zuvor von der WHO ins Spiel gebracht. „Wir bekämpfen nicht nur eine Epidemie; wir bekämpfen eine Infodemie. Fake News verbreiten sich schneller und leichter als das Virus und sind genauso gefährlich“, sagte WHO Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus auf der Münchner Sicherheitskonferenz. 19

Ob es dieses Briefes noch bedurfte, ist fraglich. Offensichtlich ist die Bereitschaft der „Technologieunternehmen“ groß, im Namen der Gesundheit "falsche" Meinungen einzuschränken. Facebook beteuerte, „aggressiv gegen Fehlinformationen über Covid-19 vorzugehen“. „Millionen von Fehlinformationen“ seien bereits mit Warnhinweisen versehen und „Tausende von Inhalten entfernt“ worden. 20 Das Unternehmen benachrichtigt die Nutzer inzwischen auch, wenn sie bei dem Online-Netzwerk mit gefährlichen Falschinformationen rund um das Coronavirus interagiert haben. Vorsicht, Sie wurden mit toxischer Information kontaminiert.

Es mag sein, dass man damit den einen oder die andere davon abhalten kann, Chlorbleiche zu trinken. Was aber letztlich auf der Strecke bleibt, und auf der Strecke bleiben soll, ist die Eigenverantwortung der Bürger, das eigene Urteilsvermögen zu entwickeln. Ziel sind Bürger, die sich darauf verlassen, dass ihnen die Behörden oder selbst ernannte beziehungsweise von Privatunternehmen bezahlte Fake-News-Wächter sagen, was sie glauben sollen und was nicht. Gefördert wird also das Gegenteil des aufgeklärten Bürgers. Gefördert wird die Bevormundung durch wohlmeinende Obrigkeiten. Dieses Arrangement eines outgesourcten Wahrheitsministeriums als Public-Private-Partnership ist auch nach dem Geschmack der deutschen Justizministerin. Christine Lambrecht (SPD) ist sich bewusst, dass „eine Strafvorschrift gegen Falschinformationen“ in „einem kaum auflösbaren Spannungsverhältnis mit der Meinungsfreiheit“ stünde. Deshalb findet sie die Idee, die Internetkonzerne mit dem Bewachen der „Wahrheit“ zu beauftragen, sehr praktisch und schreibt in der F.A.Z.: „YouTube, Facebook und Co. sind in der Verantwortung. Nur die Plattformen können Falschnachrichten schnell erkennen, Warnhinweise geben und Postings löschen. Sie können Accounts sperren, die gezielt Desinformation verbreiten.“ Gerne setzt man auch auf ein Heer freiwilliger Helfer, die alles, was ihnen nicht in den Kram passt, mit großem Eifer als Fake News (oder notfalls auch hate speech) melden.

Nein, ich bestreite nicht, dass in einer akuten Gefährdungssituation Freiheitseinschränkungen notwendig sein können. Wenn man die Ausbreitung eines Virus bremsen möchte, können Maßnahmen wie beispielsweise die gezielte Schließung von Clubs, Schulen oder Kirchen vorübergehend angemessen sein. Eine Freiheit, die man aber in dieser Situation auf jeden Fall uneingeschränkt erhalten muss, ist die Meinungs- und Redefreiheit. Denn sie ist erstens die fundamentalste aller Freiheiten und zweitens in der Situation des von der Exekutive kontrollierten Notstands die wichtigste, um sicherzustellen, dass der Notstand sich nicht verstetigt. Nur wenn Leute offen, öffentlich und kontrovers über die Notstandsmaßnahmen diskutieren können, hat man gute Chancen, dass Verhältnismäßigkeit einigermaßen gewahrt bleibt.

Freiheit der Wissenschaft

Die Tendenz, die Wissenschaft für die Politik einzuspannen, ist gefährlich. Es scheint, als ob die Wissenschaft einen höheren Stellenwert bekommt und rationale Überlegungen, die wir oft so schmerzlich vermissen, endlich Einzug in die Politik halten. Doch die Kehrseite von so genannter evidenzbasierter Politik ist politikbasierte Evidenz. Wenn die Politik sich immer mehr auf Wissenschaft beruft, um sich Legitimität zu verschaffen, dann sorgt sie gleichzeitig auch dafür, dass es genug Wissenschaftler gibt, die die Erkenntnisse (Evidenz) produzieren, die der Politik in den Kram passen. Diese Politisierung der Wissenschaft ist schädlich und ein zu hoher Preis für eine nur scheinbar gewachsene gesellschaftliche Bedeutung. Denn sie führt dazu, dass die Freiheit der Forschung immer weiter eingeschränkt wird.

„Statt strikt neutral zu bleiben, lassen sich Teile der Wissenschaft zunehmend in einem Kulturkampf vereinnahmen, in dem sich eine dem Selbstverständnis nach aufgeklärte Elite und die restlichen etwa 80 Prozent der Bevölkerung gegenüberstehen.“

Einer der aktivsten Kritiker des Corona Lockdowns Im Frühjahr, der Epidemiologe Knut Wittkowski, beklagte die Lage vieler Forscher: „Wissenschaftler befinden sich in einer sehr merkwürdigen Situation. Sie sind jetzt von staatlicher Finanzierung abhängig, ein Trend, der sich in den letzten 40 Jahren entwickelt hat. Als Professor an einer Universität hatten Sie früher Ihr Gehalt und Sie hatten Ihre Freiheit. Jetzt gibt Ihnen die Universität einen Schreibtisch und Zugang zur Bibliothek. Und dann müssen Sie um staatliche Gelder bitten und Förderanträge schreiben. Wenn Sie dafür bekannt sind, dass Sie die Regierung kritisieren, wie wirkt sich das auf Ihre Chancen auf eine Finanzierung aus? Es entsteht ein riesiger Interessenkonflikt. Die Menschen, die sich in Deutschland und der Schweiz zu Wort melden, sind alle unabhängig von Regierungsgeldern, weil sie im Ruhestand sind.“ 21

Und es ist nicht nur die Abhängigkeit von Projektfördermitteln. Es ist auch die Abhängigkeit von einem „sauberen Image.“ Sobald aber ein Wissenschaftsgebiet wahrnehmbare politische Relevanz gewinnt, führt diese Abhängigkeit unweigerlich dazu, dass sich Wissenschaftler, die ihre Karriere nicht gefährden wollen, große Zurückhaltung auferlegen und es tunlichst vermeiden, öffentlich nicht opportune Meinungen zu vertreten oder auch nur Erkenntnisse darzulegen, die geeignet sind, von den falschen Leuten aufgegriffen zu werden. Wer wissenschaftliche Ergebnisse publiziert, von denen er annehmen muss, dass sie von konservativen oder „rechten“ Politikern oder Medien zitiert werden könnten, der kann sich nur damit trösten, dass ihn niemand für karrieregeil halten wird. Und er wird sich schnell fragen, warum er nicht vorher daran gedacht hat, dass ihn diese Forschung nicht auf einen grünen Zweig bringen wird. Und beim nächsten Projekt wird ihm das vielleicht nicht mehr passieren.

Statt strikt neutral zu bleiben, lassen sich Teile der Wissenschaft zunehmend in einem Kulturkampf vereinnahmen, in dem sich eine dem Selbstverständnis nach aufgeklärte Elite und die restlichen etwa 80 Prozent der Bevölkerung gegenüberstehen. In diesem Kulturkampf gilt etwa in Hinblick auf den „Klimaschutz“ seit Langem die unsinnige Behauptung „The science is settled“ (Die Wissenschaft hat sich festgelegt/ist abgeschlossen). Das Grundprinzip jedweden wissenschaftlichen Fortschritts, nämlich das Bezweifeln des bisherigen Wissensstands, wird dadurch diffamiert. Skeptiker werden zu Leugnern erklärt. Damit wird der legitime öffentliche Diskurs massiv und der wissenschaftliche Diskurs durchaus nicht unbeträchtlich eingeschränkt. Ein solches Klima der Konformität und der verordneten Vorsicht behindert den wissenschaftlichen Fortschritt. Politisch instrumentalisierte und gelenkte Wissenschaft ist nur Mittel zum Zweck in diesem Kulturkampf. Sie dient dazu, genuin politische beziehungsweise moralische Fragen zu verschleiern.

Die Wissenschaftler, die sich selbst als Teil der „aufgeklärten“ Elite sehen, sind selbst von einem Krankheitserreger befallen, meint der Comedian Andy Shaw in einem satirischen Beitrag für den britischen Spectator. Er spricht vom „‚Follow The Science‘-Virus“ - einem „Virus, das den Betroffenen vorgaukelt, dass sie immer Recht haben, weil sie im akademischen Bereich arbeiten. Diejenigen, die in der ‚Forschung‘ tätig sind und den Wunsch haben, die Regierungspolitik zu beeinflussen, sind am verwundbarsten. Einige Patienten können behandelt werden, indem man ihnen zeigt, dass andere Akademiker nicht mit ihnen übereinstimmen. Andere können sich einer ‚Wissenschaft ist ein Prozess, kein Dogma‘-Therapie unterziehen. Die Erfolgsraten sind jedoch gering, und viele Betroffene reagieren negativ, ziehen sich in einen defensiven Zustand zurück und prangern Helfer als ‚Wissenschaftsleugner‘ an.“ 22

All das führt dazu, dass wir die Potenziale der Wissenschaft nicht ausreichend nutzen. Statt mutig auf Wissenschaft und Technik zu setzen, um beispielsweise die Herausforderungen des Klimawandels oder die Produktivitätskrise der Wirtschaft zu bewältigen, wird immer mehr auf Verhaltensregulierung und das Festhalten an dogmatischen Festlegungen gesetzt, die verbissen gegen jede Kritik verteidigt werden. Wissenschaft ist deshalb so großartig, weil sie uns mehr Freiheit und mehr Wohlstand ermöglichen kann. Wir sollten sie nicht für das Gegenteil davon instrumentalisieren.