02.12.2020

Die Illusion vom wissenschaftlichen Konsens

Von Christian Lévêque

Titelbild

Foto: FDA via Flickr

Die Vorstellung, dass man auf „die Wissenschaft“ hören muss, weil sie rational und damit Garant der „Wahrheit“ sei, ist weit verbreitet. Aber so funktioniert wissenschaftliche Forschung nicht.

Die großen Umweltthemen (Klima, Biodiversität, Pestizide, GVO, Covid-19 usw.) geben Anlass zu vielen Kontroversen, an denen gesellschaftliche Gruppen mit unterschiedlichen Zielsetzungen beteiligt sind. Wir werden somit Zeuge einer Flut von mehr oder weniger gesicherten Behauptungen, spekulativen Vermutungen, ja sogar falschen Vorstellungen und Überzeugungen zu Themen, die zweifellos große Aufmerksamkeit verdienen. Wer wird in diesem Zusammenhang die Rolle des Schiedsrichters zwischen den Beteiligten spielen können, um die Streitfragen zu klären?

Die Vorstellung, dass man auf „die Wissenschaft“ hören muss, weil sie rational und damit Garant der „Wahrheit“ sei, ist ziemlich weit verbreitet. In Debatten sehen wir oft, dass diese maßgebenden Argumente verwendet werden: „Die Wissenschaft sagt uns…“ oder „es gibt einen Konsens unter den Wissenschaftlern, zu sagen, dass ...“ oder „es ist wissenschaftlich erwiesen, dass ...“, usw., wodurch der Eindruck entsteht, dass die Wissenschaft gesprochen hat und die Messe gelesen wurde. Heißt das, dass die Wissenschaft, wie der Papst, unfehlbar ist? Und doch begegnet dieselbe Gesellschaft, die die Wissenschaft befragt, wenn es ihr passt, den aus der Wissenschaft resultierenden Innovationen immer kritischer, wie wir beim Thema GVO gesehen haben.

Doch die naive Vorstellung von einer Wissenschaft welche über den Konflikten steht und in der Lage ist, Wahres und Falsches zu unterscheiden, ist weit davon entfernt, die Realität wiederzugeben. Sie ist vielmehr Ausdruck eines tiefen Missverständnisses darüber, wie die Welt der Forschung funktioniert. Auf der einen Seite kann die Wissenschaft Fehler machen, wie es schon oft geschehen ist. Auf der anderen Seite ist die Suche nach Wissen und die Suche nach Kausalität bei Themen, die noch wenig geklärt sind, ein schwieriges Unterfangen, das Beobachtungen, Experimente, Interpretationen usw. beinhaltet und oft die ursprünglichen Erklärungshypothesen in Frage stellt. Was heute wahr zu sein scheint, wird morgen nicht unbedingt wahr sein, so dass „Gewissheiten“ unter Wissenschaftlern oft „relativ“ sind.

Die Wissenschaft kann sich irren

Bis zum 18. Jahrhundert gab es einen Konsens darüber, dass die Welt von Gott geschaffen wurde. Die Wissenschaftler stellten das kreationistische Dogma nicht in Frage, und Linné, der schwedische Wissenschaftler, der die binäre Nomenklatur der Lebewesen einführte, erklärte, dass er eine Bestandsaufnahme von Gottes Werk mache. Der Glaube an eine unveränderliche und vollkommene Natur ist trotz aller gegenteiliger Beweise immer noch lebendig. Ebenso glaubte man lange Zeit an eine spontane Zeugung. Nach vielen Debatten setzte Pasteur diesem Glauben schließlich ein Ende. Erinnern wir uns auch daran, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Konsens gab, dass die Wegenersche Kontinentaldrift-Theorie widerlegt sei, diese jedoch einige Jahrzehnte später der Ursprung der Theorie der Plattentektonik werden sollte.

„Die Vorstellung von einer Wissenschaft welche über den Konflikten steht und in der Lage ist, Wahres und Falsches zu unterscheiden, ist Ausdruck eines tiefen Missverständnisses darüber, wie die Welt der Forschung funktioniert.“

Noch vor nicht allzu langer Zeit sprachen wir nur über die Sonnenzyklen und die Theorie von Milanković, wenn es um das Klima ging. Seitdem haben wir den anthropogenen Einfluss entdeckt. Aber kann man beim Klima von einem Konsens sprechen? Das ist zweifelhaft, und die Tatsache, dass all jene, die es wagen, die herrschende Ansicht zu hinterfragen, ausgegrenzt werden, hat sicherlich viel dazu beigetragen, die Debatte abzuwürgen. Aber auch in diesem wie in anderen Bereichen gibt es noch viele Unklarheiten, wie von einigen Autoren angemerkt wurde. Sind alle von anderen Wissenschaftlern geäusserten Meinungen unzulässig?

Warum gibt es in der Wissenschaft Unsicherheit?

Eine großes Thema am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts war die Erkenntnis der außerordentlichen Komplexität der Welt: die Komplexität der ökologischen Systeme und lebenden Organismen, die Komplexität der menschlichen Gesellschaften, die Komplexität des Planetensystems und so weiter. Im gewöhnlichen Sprachgebrauch verwenden wir den Begriff „komplex“ um auszudrücken, dass der betrachtete Gegenstand sich einer einfachen Beschreibung entzieht. Damit wird eingeräumt, dass er „kompliziert“ ist und dass es schwierig ist, ihn zu analysieren. Aber im wissenschaftlichen Sprachgebrauch bedeutet Komplexität, dass jedes System aus Elementen besteht, die in vielfältiger Weise miteinander interagieren, und dass das Ergebnis nicht ohne weiteres dem einfachen Verständnis zugänglich ist. Während wir lange von der Idee ausgegangen sind, dass eine Ursache stets einer Wirkung entspricht, sehen wir uns heute in vielen Bereichen mit der Tatsache konfrontiert, dass die Dynamik von Systemen von mehreren Parametern abhängt, sowie mit der Schwierigkeit, ihre jeweilige Rolle zu erkennen. Ganz zu schweigen von der fundamentalen Rolle, die Zufallsphänomene in der Dynamik ökologischer Systeme spielen, wie uns Jacque Monod in Erinnerung gerufen hat.1

So formulierte der Physiker Werner Heisenberg das Unbestimmtheitsprinzip, dessen Essenz sich wie folgt zusammenfassen lässt: Im Leben, wie in der Quantenmechanik, sind wir immer mit Unsicherheit konfrontiert. Eine Folge davon ist, dass viele Debatten um widersprüchliche Hypothesen aus Schwierigkeiten bei der Interpretation von Beobachtungen resultieren, die in Kontexten gemacht wurden, in denen die Zeit- und Raumskalen ineinandergreifen, die Auswirkungen möglicherweise verzögert werden und die möglichen Wechselwirkungen zwischen den Parametern unbekannt sind. Dieses Phänomen ist vor allem im Bereich der Epidemiologie bekannt: Ein Symptom kann das Ergebnis mehrerer Ursachen sein, ohne dass sich feststellen lässt, welche davon eine entscheidende Rolle spielen. Ein solches System lässt sich insofern mit einer Black Box vergleichen, als wir große Schwierigkeiten haben, die inneren Mechanismen seiner Funktionsweise zu verstehen.

„Ein Symptom kann das Ergebnis mehrerer Ursachen sein, ohne dass sich feststellen lässt, welche davon eine entscheidende Rolle spielen.“

In der Diskussion über Bestäubung und Bienensterben besteht kein Zweifel daran, dass Insektizide durchaus eine Rolle spielen, jedoch sind sie entgegen den Behauptungen einiger Aktivistengruppen nicht die einzigen Faktoren. Der Fokus liegt dennoch auf der schädlichen Wirkung der Pestizide, wobei die anderen beteiligten Faktoren ausgeblendet werden. Ein voreingenommener Ansatz, der im Gegensatz zur wissenschaftlichen Deontologie steht, die ohne vorgefasste Meinungen nach den Ursachen sucht. Wir sind konfrontiert mit:

„[…] der Ineffizienz unserer Art zu wissen und zu lehren, welche uns lehrt, Dinge voneinander zu trennen (Gegenstände aus ihrer Umgebung, Disziplinen voneinander) und nicht zu verbinden, die gleichwohl ‚miteinander verwoben‘ sind. Eine Intelligenz, die nur zu trennen weiß, zerlegt die Gesamtheit der Welt in unzusammenhängende Fragmente, spaltet Probleme auf. Das hat zur Folge, dass je vielschichtiger die Probleme werden, die Unfähigkeit zunimmt, über sie in einer vielschichtigen Weise nachzudenken; je mehr globale Probleme entstehen, desto unfassbarer werden sie. Unfähig, sich den Kontext und den planetarischen Komplex vorzustellen, wird die Intelligenz blind und unverantwortlich.“ (Edgar Morin, „Relier les connaissances“, 1999)2

Zudem ist anzumerken, dass die Suche nach Kausalität in solchen Kontexten voraussetzt, dass zu den vielen Parametern, die sich über lange Zeiträume auswirken können, qualitativ gute Beobachtungsdaten vorliegen. Die berühmten langjährigen Beobachtungsreihen, von denen alle Naturforscher träumen und die so oft fehlen. Erstens kosten solche Untersuchungen zu viel, wie es scheint. Zweitens braucht es Zeit, um verwertbare Informationen zu sammeln, und es ist im Hinblick auf eine Veröffentlichung auch nicht lohnend. Während es in der Klimatologie, Astronomie oder Geophysik Observatorien und Mitarbeiter gibt, die sich mit Langzeitmessungen beschäftigen, gibt es in den Biowissenschaften nichts Vergleichbares.

„Die Natur funktioniert nicht nach Art einer Maschine.“

Hinzuzufügen wäre noch, dass viele Untersuchungen die Rolle von Zufallsphänomenen in der Systemdynamik verdeutlicht haben. Die Natur funktioniert nicht nach Art einer Maschine, und der mechanistische und deterministische Ansatz für das Funktionieren ökologischer Systeme, der lange Zeit vorherrschte, ist überholt. Die Folgerung liegt auf der Hand: Es ist in diesem Umfeld schwierig, die mittel- und langfristige Entwicklung vorherzusagen, weil wir nicht über das Instrumentarium verfügen, um dies zu tun. Dennoch können einige „Wissenschaftler“ nicht der Versuchung widerstehen, das Orakel spielen zu wollen.

Als Beobachter stehen wir daher vor großen Schwierigkeiten bei der Analyse und Interpretation der uns zur Verfügung stehenden, oft disparaten und unvollständigen Daten. Viele Meta-Analysen berichten bei näherer Betrachtung von der Schwierigkeit, auf Daten über als wichtig erachtete Parameter zurückgreifen zu können, und kommen somit oft zu dem Schluss, dass weitere oder sogar noch mehr Forschung erforderlich ist. Nichtsdestoweniger werden die im Allgemeinen eher vorsichtigen Schlussfolgerungen der Wissenschaftler von den Medien oft in schrille und alarmierende Darstellungen übersetzt.

Infragestellen ist erwünscht

Die Anfechtung einer Mehrheitstheorie zu einem bestimmten Zeitpunkt ist keine Ketzerei, sondern Teil der wissenschaftlichen Debatte. Die Auffindung der „Wahrheit“ wird nicht notwendigerweise durch Konsens erzielt, sondern durch ein Wechselspiel (man könnte sagen: Versuch und Irrtum) zwischen einem Erklärungsmodell und den beobachteten Fakten. Der wissenschaftliche Ansatz nährt sich daher aus Fragen, kritischem Denken und Zweifeln. Es ist möglich, dass andere Beobachtungen in einem anderen Kontext zu anderen Ergebnissen führen, und somit zu anderen Interpretationen. Und die Wahrheit liegt im Allgemeinen auf keiner der beiden Seiten.

„Die Anfechtung einer Mehrheitstheorie zu einem bestimmten Zeitpunkt ist keine Ketzerei, sondern Teil der wissenschaftlichen Debatte.“

Widerlegbarkeit (oder Falsifizierbarkeit) ist ein von Karl Popper eingeführtes Konzept3, das als Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnistheorie gilt. Jede Hypothese, jede Behauptung muss widerlegbar sein, d.h. sie muss angefochten werden können, um ihre Gültigkeit zu testen. Wenn sich eine konkurrierende Hypothese als geeigneter erweist, ein Phänomen zu beschreiben, tritt sie an die Stelle der vorhergehenden. Mit anderen Worten: Der wissenschaftliche Ansatz besteht darin, sicherzustellen, dass die Fakten mit den Theorien übereinstimmen, die versuchen, sie zu interpretieren.

Zu einem gewissen Zeitpunkt kann sich das Wissen über ein Phänomen festigen, auch wenn Unsicherheiten bestehen bleiben und eine glaubwürdige Alternativhypothese fehlt. Aber es ist nie ausgeschlossen, dass durch technologische Fortschritte neues Wissen erlangt wird, das einen weiteren Erkenntnisgewinn erlaubt.

Der falsche Konsens der UN-Konferenzen und die Rolle der Umwelt-NGOs

Von Zeit zu Zeit hält die UNO große Konferenzen zu wichtigen Umweltfragen wie Klima und Biodiversität ab. Gemäß dem Verfahren der UNO werden Wissenschaftler aus allen Ländern eingeladen, in Arbeits- und Redaktionsgruppen zu diskutieren. Im Prinzip sind sie für das zu behandelnde Thema zuständig, jedoch auf unterschiedlichen Ebenen. Damit es politisch korrekt ist, müssen alle Länder der Welt vertreten sein. Aber auch die großen internationalen NGOs haben ihren Platz, ebenso wie die „Politiker“, und ihr Einfluss ist alles andere als vernachlässigbar.

Zum Beispiel gibt es offizielle Verbindungen zwischen der Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) und der International Union for Conservation of Nature (IUCN). Ohne in eine unfruchtbare Polemik verfallen zu wollen, da die Beteiligung von NGOs an der öffentlichen Debatte durchaus legitim ist, bleibt die Tatsache bestehen, dass die IUCN, die Naturschutzbelange vertritt, keine Forschungsorganisation ist und nicht behaupten kann, in diesem Bereich eine neutrale Position innezuhaben.

„Die Empfehlungen für die Erhaltung der Feuchtgebiete, die aus diesen Arbeitsgruppen hervorgehen, sind durch ‚strategische‘ Erwägungen verzerrt.“

Dies wird durch die Position der IUCN und anderer wichtiger NGOs zu Feuchtgebieten belegt, ein Thema, mit dem ich einige Erfahrung habe. Während der internationalen Arbeitsgruppen unter der Schirmherrschaft der UNO, an denen ich sowohl im Rahmen des „Biodiversity Assessment“ (1995) als auch im Rahmen des „Millennium Ecosystem Assessment“ (2001-2005) teilnahm, wurde offensichtlich, dass die Tatsachen, die den Schutz von Feuchtgebieten problematisch erscheinen ließen, abgetan wurden. Dies ist ein bewusstes Verschweigen einer traurigen Realität: Feuchtgebiete in den Tropen sind eine Hauptquelle für parasitäre Krankheiten. Wir vermeiden es auch, über Methanemissionen von Feuchtgebieten zu sprechen, die alles andere als vernachlässigbar sind. Infolgedessen sind die Empfehlungen für die Erhaltung der Feuchtgebiete, die aus diesen Arbeitsgruppen hervorgehen, durch „strategische“ Erwägungen verzerrt, da sie einige der anstehenden Fragen bewusst ignorieren.

In diesem Zusammenhang habe ich von „selektiver Sortierung“ gesprochen, bei welcher nur das vorliegende Wissen berücksichtigt wird, das mit der von den NGOs verfochtenen Ideologie übereinstimmt. Dies entspricht dem von G. Bronner beschriebenen „confirmation bias“: Wir besuchen das Internet weniger, um Informationen zu erhalten, sondern um Argumente zu finden, die unsere Überzeugungen stützen.4 In jedem Fall werden die UN-Konferenzen von großen NGOs dominiert, und ihre Schlussfolgerungen sind keineswegs objektiv. Wenn es einen Konsens gibt, ist er politisch, nicht wissenschaftlich! Ich will damit keineswegs sagen, dass Feuchtgebiete nicht geschützt werden sollten, ich sage nur, dass Transparenz bei weitem nicht die Regel ist und dass die Meinungsbildung daher durch Unterlassung manipuliert wird. Eine Antwort könnte sein, in tropischen Umgebungen den Schutz der Feuchtgebiete mit einem öffentlichen Gesundheitsprogramm zu verbinden. Aber das würde natürlich mehr kosten, und wir sprechen kaum darüber.

Ein Konsens, der durch Ausgrenzung herbeigeführt wird

In der Geschichte wurden wissenschaftliche Debatten immer mit Leidenschaft geführt. Denken Sie an diejenigen, die sich um Darwins Schriften und seine Evolutionstheorie drehten. Wir sehen das auch in den Bereichen Klima, Biodiversität, Biotechnologien – einhergehend oft mit wechselseitigen Verunglimpfungen, wenn nicht sogar mehr.

„Die UN-Konferenzen werden von großen NGOs dominiert, und ihre Schlussfolgerungen sind keineswegs objektiv. Wenn es einen Konsens gibt, ist er politisch, nicht wissenschaftlich!“

Wenn Sie es also wagen, Fragen über die tatsächliche Wirksamkeit der Homöopathie zu stellen, haben Sie alle Chancen, beschuldigt zu werden, im Sold der Pharma-Lobby zu stehen. Und wenn Sie behaupten, dass GVO ein aussichtsreiches Forschungsgebiet sind, werden Sie sogleich für einen Monsanto-Vertreter gehalten. In gleicher Weise wird, wer an den akademischen Konsens über die Risiken erinnert, die – unter normalen Anwendungsbedingungen – mit synthetischen Pestiziden verbunden sind, als Lobbyist der Agrochemie eingestuft. Erneuerbare Energien in Frage zu stellen, kann Sie in den Ruf eines Agenten der Atomindustrie bringen. Wenn Sie die Arbeit von Herrn Seralini kritisieren, die ja von der anerkannten Wissenschaft widerlegt wurde, wird er Sie verklagen! Ein gutes Beispiel für eine wissenschaftliche Debatte? Und natürlich führt die kleinste Andeutung, dass wir vielleicht nicht alle Parameter kennen, um den Klimawandel zu modellieren, dazu, dass Sie in den Medien als Klimaleugner abgestempelt werden.

Immer häufiger wird Wissenschaftlern vorgeworfen, Kontakte zur Industrie zu pflegen, während sie gleichzeitig von ihren Aufsichtsbehörden und in verschiedenen nationalen oder europäischen Ausschreibungen nachdrücklich dazu aufgefordert werden. Auf diese Weise finanzierte Forschung wird als korrumpiert abgestempelt. Das Argument des „Interessenkonflikts“ wird ziemlich willkürlich verwendet. So werden z.B. die ideologischen Interessenkonflikte, die es für Wissenschaftler gibt, die aktivistischen Gruppen nahestehen, niemals hinterfragt. Wenn man etwa erklärt, dass die Ökologie eine engagierte Wissenschaft zu sein hat, zeigt das deutlich eine Voreingenommenheit, die die Wissenschaft instrumentalisiert und in den Dienst der Ideologien stellt. Es ist dann schwer zu glauben, dass die Ökologie eine unvoreingenommene Sicht auf Umweltfragen bieten kann.

So wird durch die kämpferiche Attitüde ein Umfeld des Misstrauens und der ideologisch motivierten  Anprangerung geschaffen, das zu einem Mangel an Transparenz und zur Vorenthaltung von Informationen führt. Das Ergebnis ist ein Versiegen der Debatte und die Durchsetzung einer einzigen Lehrmeinung. Auch hier sind wir weit von einer wissenschaftlichen Vorgehensweise entfernt, und doch ist dies die Situation, die wir bei den meisten umweltpolitischen Themen sehen. Noch erschreckender ist, dass einige Forscher, die Aufmerksamkeit erregen wollen, sich an diesen Einschüchterungsversuchen beteiligen.

„Die ideologischen Interessenkonflikte, die es für Wissenschaftler gibt, die aktivistischen Gruppen nahestehen, werden niemals hinterfragt.“

Ein „politisches“ Rollenspiel

Es ist gelinde gesagt merkwürdig, dass die gesellschaftlichen Gruppen, die Wissenschaftler, die die Ursachen des Klimawandels oder die Realität des sechsten Massenaussterbens in Bezug auf die biologische Vielfalt in Frage stellen, ausgrenzen, oft dieselben sind, die GVO unter dem Vorwand ablehnen, sie seien gesundheitsgefährdend, obschon diese Technik für die Mehrheit der Wissenschaftler als ungefährlich gilt. Die Realität ist, dass sie der Wissenschaft nicht vertrauen, wenn sie nicht ihrer ökologischen Ideologie entspricht. Sie beziehen sich auf die Wissenschaft nur dann, wenn sie im Sinn der von ihnen verfochtenen Anschauungen (etwa zum Klimawandel) spricht.

Es ist auch merkwürdig, dass diejenigen, die sich gegen Glyphosat wenden – dessen gesundheitliche Auswirkungen bei Einhaltung der Anwendungsbedingungen alles andere als dramatisch sind – anscheinend nicht mit so viel Eifer gegen Tabak, Alkohol und Betäubungsmittel vorgehen, die in Frankreich jedes Jahr Zehntausende von Todesfällen verursachen (die Fakten sind unzweifelhaft, darüber besteht wissenschaftlicher Konsens). Aber Alkoholkonsum macht Laune und ist gut für die Wirtschaft? Genauso, wie es bewiesen ist, dass Autos töten, verletzen, verschmutzen. Aber wir erheben uns gegen den Benzinpreis, nicht gegen das Auto.

Bei der Suche nach alternativen Energien um jeden Preis werden viele Ansätze verfolgt, die nicht weniger unübersehbar sind als der Einsatz der Kernkraft. Erinnern wir uns an die Begeisterung für Biokraftstoffe am Ende des 20. Jahrhunderts, die sich deutlich nachließ, als wir die Flächen berechneten, die angebaut werden mussten, um nur einen kleinen Teil unseres Bedarfs zu decken. Und was ist mit den riesigen Betonmassen, die für die Installation von Windturbinen benötigt werden, deren ökologische oder Demontagekosten aber nicht berechnet wurden? Das Schweigen der Ökologen ist bezeichnend.

„Durch die kämpferiche Attitüde wird ein Umfeld des Misstrauens und der ideologisch motivierten Anprangerung geschaffen, das zu einem Mangel an Transparenz und zur Vorenthaltung von Informationen führt.“

Tatsächlich haben in allen Epochen soziale Gruppen mit Überzeugungen versucht, ihre Ideologie gegen alle wissenschaftlichen Beweise durchzusetzen. Ich will mich hier nicht ausführlich mit den Glaubenskriegen beschäftigen, die bis heute andauern. Aber was ist von der Tatsache zu halten, dass fast 40 Prozent der Amerikaner und 75 Prozent der saudi-arabischen Bürger an kreationistischen Theorien festhalten? Was sollen wir von der Information halten, dass heute 16 Prozent der Amerikaner denken, dass der Planet Erde flach ist, ebenso wie 9 Prozent der Franzosen? Diese Leute veranstalten sogar Konferenzen. Sollten wir wirklich davon ausgehen, dass wir diese „Gläubigen“ davon überzeugen können, dass die Wissenschaft die Fabeln der Bibel nicht bestätigt? Natürlich nicht, und wir stehen vor einem echten Dilemma, das die Suche nach einem Konsens zu einer entrückten Utopie macht. Doch genau dies wird uns immer wieder vorgeschlagen. Es ist kein Kompromiss möglich, weil wir überhaupt nicht dieselbe „Sprache“ sprechen.

Schlussfolgerungen

Die Wissenschaft, die das magische Denken bei dem Versuch ersetzt hat, zu erklären, wie die Welt funktioniert, ist eine ständige Suche nach den Ursachen und Folgen der natürlichen oder sozialen Prozesse, die wir beobachten. Sie schreitet in Etappen entsprechend der Anhäufung von Wissen und technischem Fortschritt voran, aber auch durch die immer notwendiger werdende Integration vieler Parameter, die synergetisch zusammenwirken. Das romantische Bild des einsamen und genialen Forschers ist infolge der Notwendigkeit der Zusammenarbeit zwischen vielen Disziplinen weitgehend überholt. Es ist in diesem iterativen Prozess nicht überraschend, dass sich auch die Wahrheiten von gestern weiterentwickeln. Deshalb kann die Wissenschaft nur sagen: „Beim gegenwärtigen Stand des Wissens können wir behaupten, dass ...“ Deshalb ist es auch normal und heilsam, wenn abweichende Meinungen geäußert werden können.

Die gebotene Besonnenheit scheint oft nicht eingehalten zu werden, weil die Medien, die öffentliche Meinung und die Manager „Gewissheiten“ fordern und viel von Zwischenzielen gesprochen wird, die dann überbetont und instrumentalisiert werden, um diese Erwartungen zu erfüllen. So weisen viele Studien über die Gründe für den Rückgang der biologischen Vielfalt auf das Zusammenwirken mehrerer Faktoren hin, darunter Habitat- und Landschaftsveränderungen, Klima, Verstädterung, Verschmutzung aller Art, Parasiten usw., deren jeweilige Rolle global nur schwer (und wenig verlässlich) zu bestimmen ist. Dennoch reduzieren einige Interessengruppen diese Vielfalt der Ursachen auf die alleinige Auswirkung von Pestiziden, die zu ihrer Obsession geworden sind. Ohne die wirtschaftlichen und sozialen Folgen zu bewerten.

„Das Modell ist an die Stelle der Astrologen getreten.“

Eine weitere Folge der Unsicherheiten, die dem wissenschaftlichen Prozess innewohnen, ist, dass Prognosen zu einem schwierigen Unterfangen werden. Im Falle von GVO beispielsweise ist ein Nachweis, dass von ihnen ein Risiko ausgeht, ebenso schwer zu erbringen wie der Nachweis, dass sie ungefährlich sind. In den Debatten nutzen die Gegner diese Unsicherheit aus, um das Argument umzudrehen: „Wenn Sie mir nicht beweisen können, dass es nicht gefährlich ist, dann gibt es Bedenken… SO setzen Sie uns einem Risiko aus.“ Ein Zirkelschluss, der die Debatte nicht voranbringt. Aber wir können sehen, dass GVO seit zwei Jahrzehnten von Menschen und Tieren verzehrt werden, ohne dass irgendwelche gesundheitlichen Folgen nachgewiesen wurden. Auf der anderen Seite ist die Tatsache, dass die biologische Landwirtschaft für den Tod von mehr als fünfzig Menschen in Deutschland verantwortlich ist und dass Hunderte von ihnen in Krankenhäuser eingeliefert wurden, wenig publik gemacht worden. Dies ist die andere Seite der Manipulation, die gezielte Selektion von Informationen durch Interessengruppen, die vor allem darauf abzielen, ihre Ideologie durchzusetzen.

In anderen Bereichen wie Klima und Biodiversität ist die mittel- und langfristige Vorhersage alles andere als ein einfaches Unterfangen. Das Modell ist an die Stelle der Astrologen getreten.5 Während das Modell zweifellos ein nützliches Instrument zur Formalisierung von Wissen und als Beitrag zur Reflexion ist, ist seine Einrichtung als prospektives Instrument ein Fehler, weil die Zukunft unter dem Zwang zufälliger Ereignisse steht, die das Modell nicht integrieren kann. Zumindest sollte man bei der Verwendung von Modellen (nach dem derzeitigen Wissensstand) sehr vorsichtig sein, was leider häufig ignoriert wird. Gleichwohl ist es zu begrüßen, wenn der IPCC einen probabilistischen Ansatz verwendet, um mit diesen Unsicherheitsproblemen umzugehen, indem er Empfehlungen auf der Grundlage der Konzepte der Evidenz und der Übereinstimmung ausspricht, um die Unsicherheitsgrade der angekündigten Trends zu qualifizieren. Der Grad der Evidenz wird als begrenzt, mäßig oder robust eingestuft, entsprechend dem Grad der Evidenz, die von der jeweiligen Theorie, den Beobachtungen oder den Modellen geliefert wird. Der Grad der Übereinstimmung wird als niedrig, mittel oder hoch eingestuft, je nachdem, wie weit die Experten angesichts des ihnen zur Verfügung stehenden Materials übereinstimmen.

Abschließend sei gesagt, dass wir aus dem Ghetto der vorgefassten Meinungen herauskommen müssen, wonach jede soziale Gruppe eine einzige „Wahrheit“ hat, die sie durchzusetzen versucht. „Die Wissenschaft hat gesagt“ ist eine politische Aussage, die die Voreingenommenheit verbergen soll. Es geht letztlich darum, zur Idee der Entscheidungsfindung in einem unsicheren Universum zurückzukehren, die zur Entwicklung des Vorsorgeprinzips beigetragen hat. Und zwar nicht dasjenige, das heute zur Verhinderung von Innovationen angewandt wird. Sondern eines, das besagt, dass wir, wenn wir Fragen zu den Folgen einer Innovation haben, die notwendigen Vorkehrungen für die Überwachung ihrer Umsetzung ergreifen, um sicherzustellen, dass es keine nachteiligen Folgen gibt.6 Dies ist eine Sache des gesunden Menschenverstandes, die eigentlich Konsens sein müsste. Stattdessen müssen wir uns mit GVO-„Feldbefreiern“ herumschlagen, die mit brachialen Mitteln jeden Befund vernichten wollen, der durch Feldversuche gewonnen werden könnte.