30.11.2020

Die nicht ganz so neue Normalität

Von Christoph Lövenich

Schon die ‚alte Normalität‘ vor der aktuellen Corona-Hysterie war von der gezielten Entnormalisierung des Gewohnten geprägt. Jetzt beschleunigt sich dieser Prozess nur.

Die „neue Normalität“ bzw. das „new normal“ wurde schon in der Frühphase der Corona-Verordnungen propagiert. Bereits damals war klar, dass man keinen kurzen Ausnahmezustand, sondern dauerhafte Veränderungen implementieren wollte.

Die Kritiker dieser neuen Zeit seien, so ARD-Mann Rainald Becker bereits vor einem halben Jahr, allesamt „Wirrköpfe“ und „Spinner“ (hier kommentiert von Gunnar Kaiser). „Es wird keine Normalität mehr geben wie vorher“, wies er die Dissidenten streng zurecht. Das mag die Anhänger der Freiheit und des gesunden Menschenverstands erzürnen, die noch an gestrigen Ritualen wie dem Händeschütteln, dem Umarmen oder dem Feiern hängen. Doch es stellt sich die Frage: Welche Normalität hatten wir im Februar dieses Jahres oder im November 2019 eigentlich?

Es war zwar noch nicht normal, Masken in der Schule zu tragen, aber es hatte sich seit 2000er Jahren eingebürgert, dass viele Schulen und Kindergärten mitgebrachtes Essen regulieren und angeblich „ungesundes“ verbannen. Teils werden die Brotdosen der Kinder durchsucht. Wäre vor Jahrzehnten noch undenkbar gewesen, gehört aber inzwischen zum Repertoire der Ernährungsgängelung und Genussbeschränkung, die sich z.B. in staatlich forcierter ‚Reformulierung‘ von Lebensmitteln oder dem Verbot knuspriger Pommes niederschlägt.

„Normal war früher anders.“

Es war noch nicht normal, dass der Passagierluftverkehr stark unter viralen Reisebeschränkungen leidet, aber die „Flugscham“ hatte sich in bestimmten Kreisen schon ausgeprägt. Die abwertende Moralisierung von Massenmobilität und Tourismus gehört dort zum guten Ton. Verkehrspolitik wird zunehmend von einem Zurück zum Fahrrad statt zu einem Voran ins Flugtaxi charakterisiert.

Es war noch nicht normal, dass Gaststätten durch einen Lockdown ganz schließen mussten. Die gesetzlichen Rauchverbote jedoch hatten u.a. schon vielen Kneipen in Bundesländern mit Totalbann den Garaus gemacht oder das Wirtschaften erschwert. Es war in diesem Zusammenhang ebenso wenig normal, dass man in Fußgängerzonen faktische Rauchverbote verhängt (wegen der Maskenpflicht), die Bekämpfung des Tabakkonsums hatte aber schon Jahrzehnte lang diverse gesetzliche Normen geschaffen und gesellschaftliche Normen geprägt. Hier spricht man schon ewig von einer „Entnormalisierung“ des Rauchens bzw. des Tabakgenusses, auch offiziell von Seiten der WHO oder der EU. Aus Sicht der WHO besteht übrigens seit Jahrzehnten eine „Pandemie des Rauchens und anderer Formen des Tabakgebrauchs“ bzw. eine „globale Tabakepidemie“. Derart durch die Seuche ihres eigenen Verhalts abgehärtet, sind Raucher vom jetzigen Coronavirus viel weniger betroffen.

Apropos WHO: Es war noch nicht normal, dass jeder, der auf den großen Einfluss verwies, den Pharmakonzerne und Bill ‚Weltimpfwart‘ Gates auf die Weltgesundheitsorganisation ausüben, als „Verschwörungstheoretiker“ gebrandmarkt wurde. Diesen Einfluss haben sie aber nicht erst seit gestern und die WHO ist nicht erst durch ihren umstrittenen Umgang mit Corona eingangs des Jahres ins Gerede gekommen.

„Die Spielräume werden kleiner und vieles geht verloren, ohne durch etwas besseres Neues ersetzt zu werden.“

Dass man Youtube-Videos mit dem Argument löscht, sie widersprächen bei Covid der offiziellen WHO-Linie, war ebenso wenig normal. Automatische Disclaimer unter kritischen Videos zur Klimapolitik, man fände stattdessen bei Wikipedia die Wahrheit, hatten sich zuletzt aber bereits breitgemacht.

Es gäbe zahlreiche weitere Beispiele. Eines sei aus naheliegendem begrifflichen Grund noch genannt: Normalbenzin gibt es seit zehn Jahren auch nicht mehr. Norm ist E10, mit Bioethanol-Anteil, sprich: Beim Fahren muss man Nahrungsmittel verbrennen. Normal war früher anders.

Wann war früher? Was etwa im Jahr 1968 Ansehen genoss – Massenwohlstand, technisch-wissenschaftlicher Fortschritt, autogerechte Stadtplanung, sichere Energieversorgung, Nationalstaaten, Zukunftsoptimismus usw. – hat nicht zuletzt durch die damals entsprungene Neue Linke nach und nach eine massive und gezielte Abwertung erfahren. Insbesondere seit der Jahrtausendwende beschleunigen sich entsprechende Prozesse zunehmend. Bei der EU-Machterweiterung, der Energiepolitik, der Regulierungsdichte, den Umerziehungsagenden, der verengten Debattenkultur und und und – die Spielräume werden kleiner und vieles geht verloren, ohne durch etwas besseres Neues ersetzt zu werden. Auch deshalb, weil sich die Menschen zum großen Teil an immer mehr Bevormundung gewöhnen und manches kampflos aufgeben. Was wiederum nur zu mehr Bevormundung führt.

„2020 gibt sich bisher höchst grotesk, ist aber keineswegs vom Himmel gefallen. Es wäre schon vorher angebracht gewesen, dem Irrenhaus der Postmoderne den Rücken zu kehren.“

So betrachtet hat diese Entwicklung in Form der Coronapolitik keine ganz neue Qualität erreicht, sondern nur erheblich an Tempo zugelegt. Ich habe schon kurz ‚vor Corona‘ die These in den Raum gestellt, „dass wir in die Postmoderne abgleiten, so wie früher die Antike im Mittelalter versunken ist. Vielleicht markiert das Jahr 2000 ebenso wie das Jahr 500 oder das Jahr 1500 als grober Zeitpunkt eine epochale Wende.“ Je deutlicher sich dies abzeichnet, umso weniger darf man sich wundern, wenn ein Erkältungsvirus keine hochmodern-rationalen Reaktionen hervorruft, sondern eher mittelalterliches Flagellantentum.

1998, in modernen Zeiten, sprach Joschka Fischer anlässlich der rot-grünen Koalitionsverhandlungen davon, dass die „die Abschaffung von Weihnachten, das Verbot von Silvester und die Ausbürgerung des Osterhasen" noch strittig seien. Jetzt, in postmodernen Zeiten, stehen die ersten beiden Punkte kurz vor der Umsetzung. Und Fischer träumt heute von der „‚großen Transformation‘[…] hin zu einer Gesellschaft der Nachhaltigkeit“. Auch nicht neu, den „Great Reset“, mit dem uns das Weltwirtschaftsforum aktuell zwangsbeglücken möchte, hat dessen Gründer schon früher im diesem Jahrtausend formuliert.

Es hilft also nichts, nun ein ‚normales‘ Weihnachten wie im vergangenen Jahr herbeizusehen oder dem letzten Neujahrsurlaub nachzutrauern. Selbst wenn früher alles besser gewesen sein sollte, war früher damals schon lange vorbei. 2020 gibt sich bisher höchst grotesk, ist aber keineswegs vom Himmel gefallen. Es wäre schon vorher angebracht gewesen, dem Irrenhaus der Postmoderne den Rücken zu kehren. Alternativlos ist nichts, eine weniger düstere Zukunft liegt immer noch in unseren Händen.