25.02.2019

Reisende soll man nicht aufhalten

Von Christoph Lövenich

Tourismus bedeutet Wohlstand und ist kein schädlicher Luxus. Das gilt auch für Billigflüge

„Wie der Reisende zerstört, was er liebt“, titelte der Spiegel kürzlich mit einer Abbildung von Strandurlaubern auf dem Heftcover. Tourismus sei teilweise ein „Fluch, der die eigene kulturelle Identität gefährdet“.1 Ist das tatsächlich so? Eines der meistbesuchten Länder der Welt ist Deutschland, und auch wenn in den vergangenen Jahren das Thema „kulturelle Identität“ an Bedeutung gewonnen hat, denkt dabei kaum jemand an Urlaubsgäste.

In Spanien hingegen entfaltet eine sich „als links, separatistisch und feministisch“2 verstehende Gruppierung aus Katalonien diverse Aktivitäten gegen vermeintliche destruktive Auswirkungen des Reisegeschehens, etwa in Barcelona: Graffiti, Sachbeschädigung, der Twitter-Hashtag „TouristsGoHome“.3 Auf Mallorca wurden letztes Jahr Touristen mit Konfetti beworfen – ebenfalls durch die Katalanen, also ortsfremde Polittouristen. Ihre Forderung: „Stoppt den Massentourismus, der Mallorca zerstört und die Arbeiterklasse der katalanischen Länder in die Misere stürzt!“4 Wenn sich Angehörige der Neuen Linken auf Arbeiter berufen, wirkt dies immer anmaßend, schließlich hat man sich von solchen gesellschaftlichen Milieus über ein halbes Jahrhundert gründlich entfremdet. Insbesondere vom Streben der Ärmeren nach mehr Wohlstand.

Dementsprechend ignoriert man geflissentlich, dass der Tourismus dem wirtschaftlich keineswegs glänzend dastehenden Spanien als drittgrößter Wirtschaftszweig viel Geld in die Kassen spült, Arbeitsplätze schafft und erhält. Und auch keine Insel oder Stadt zerstört, sondern teils erst für deren Blüte gesorgt hat. Gewiss sind touristisch in Mode gekommene Städte wie Barcelona etwas überlaufen, und Unterkünfte für Reisende können den angespannten Wohnungsmarkt weiter unter Druck setzen. Aber: Wie so oft geht man fälschlicherweise von einem Nullsummenspiel aus, von Verteilungskämpfen um einen gleichbleibenden Kuchen. Tatsächlich bringt Massentourismus auf Dauer auch die finanziellen Mittel, um die Infrastruktur zu verbessern. Wenn, durch welche Regulierung und Fehlentscheidungen auch immer, notwendiger Wohnungsbau ausbleibt, geht das nicht auf die Kappe der Besucher, sondern auf die der Politik im Lande.

„Wo Atomkraft, Fleischessen, Autofahren, Rauchen und Plastiktüten auf der Abschussliste stehen, gerät auch der Massentourismus ins Visier.“

Die „Tourismusphobie“5 hat nicht nur Spanien, sondern die ganze westliche Welt erfasst. Venedig, Amsterdam, Berlin, England, überall kommt das Thema auf die Agenda. Freilich nicht bei der breiten Bevölkerung, sondern in denjenigen Kreisen, wo man regelmäßig über technologischen Fortschritt und wachsenden Wohlstand zu lamentieren pflegt. Wo Atomkraft, Fleischessen, Autofahren, Rauchen und Plastiktüten auf der Abschussliste stehen, gerät auch der Massentourismus ins Visier. In Großbritannien findet der Begriff „overtourism“ Verbreitung, was an Überbevölkerung erinnert und ähnlichem Begrenztheitsdenken unterliegt. Im „linken“ Guardian stand gar zu lesen: „Europa hasst Touristen – aus gutem Grund.“6 Offensichtlicher Unfug, schließlich lebt Europa Tourismus (und vom Tourismus) und wenn der Kontinent in positiver Weise zusammenwächst, dann sicher nicht durch das undemokratische EU-Imperium mit seiner detailversessenen Regulierung, sondern weil sich Hunderte Millionen Menschen immer wieder aufmachen, an anderen Orten, in anderen Städten Zeit zu verbringen, neue Leute und Europa in seiner Vielfalt kennenzulernen.

Der Tourismus der Anderen

Touristen seien beliebt, Migranten dagegen unwillkommen, meint der bulgarische Politologe Iwan Krastew.7 Das mag für manche Länder zutreffen, aber bereits für Berlin, wo Krastew tätig war, gilt teilweise das Gegenteil. Im neulinken Biotop Kreuzberg gilt es als schick, für „Refugees“ zu sein, aber gegen die „Rollkoffer“ der Touristen, die in diesem Denken zur Veränderung der Stadtviertel und indirekt zur Gentrifizierung beitragen. Novo-Redakteurin Sabine Beppler-Spahl sieht eine Parallele: „Kreuzberger Kiezbewahrer und rechte Ausländerfeinde zeigen beide die gleichen Abwehrreflexe gegen Veränderung und Öffnung.“8 Gerade in der Hauptstadt mit ihrer Geschichte während des Kalten Krieges sollte man eigentlich das hohe Gut der Reisefreiheit wertschätzen. Sogar die offizielle Berliner Politik hat in den vergangenen Jahren eine Maßnahme getroffen, die in diese antitouristische Richtung geht: Das Zweckentfremdungsgesetz verbietet weitgehend die Vermietung privater Wohnungen an Touristen. Freut die Hoteliers, schränkt aber preisgünstige Unterkünfte für Touristen ein und deren Freiheit, in normalen Häusern zu logieren, um so besser in die Urlaubsstadt einzutauchen. Amsterdam geht sogar noch einen Schritt weiter und implementiert ein ganzes Bündel an Vorschriften, die Touristen vergrämen sollen, bis hin zur Schließung vermeintlich zu touristischer Einzelhandelsgeschäfte.9

Touristen sind eine Gruppe, so Michael Miersch, „über die sich alle lustig machen, obwohl fast alle dann und wann dazugehören“10. Aber gut, man kann ja immer noch den Tourismus der anderen zur Zielscheibe machen. Erst recht, wenn diese anderen eine Masse sind, zu der man sich selbst nicht zugehörig fühlt, schon allein, um sich vom „Pöbel“ abzugrenzen. Der europäische Tourismus geht begrifflich auf die „Grand Tour“ zurück, die jahrhundertelang die (männlichen) Sprösslinge hochrangiger und begüterter Kreise quer durch den Kontinent unternahmen, als Kultur-, Bildungs- und Sexreisende. Je mehr aus dem Privileg der Wenigen die Reiselust der Vielen wurde, desto häufiger stieß der Massentourismus auf naserümpfende Kritiker. Schon am Ende des vorletzten Jahrhunderts, als es noch nicht Easyjet & Co. waren, sondern das Fahrrad, das den „kleinen Leuten“ die ersten Kurztrips ermöglichte, führte das in Großbritannien zu Klagen über rüpelhaftes Benehmen radelnder Arbeiter auf Ausflügen.11

„Der Aufstieg des Reisens ist eng mit Fortschritten in der Mobilität verbunden.“

Denn der Aufstieg des Reisens ist eng mit Fortschritten in der Mobilität verbunden. Das Fahrrad, die Bahn, das Auto, der Reisebus und zunehmend das Flugzeug ermöglichen schnelleres und komfortableres Fortkommen. Eine Errungenschaft, die manch Wohlstandsmüder nicht hinreichend zu würdigen weiß. In diesem Jahrtausend ist es vor allem den Billig-Airlines zu verdanken, dass auch kürzere Trips innerhalb Europas (und teils darüber hinaus) möglich geworden sind. In Deutschland ist die Zahl der Fluggäste von 2004 bis 2017 um über 50 Prozent auf knapp 213 Millionen gestiegen.12 Durch den Billigflug sind die Menschen einander nähergekommen als durch jedes staatliche Programm oder Politiker-Sonntagsreden. Henryk Broder berichtete einmal, wie er im Flugzeug nach Israel in der Nähe junger Männer saß, die offenbar einen Last-Minute-Flug in die Sonne gebucht hatten. Wo denn eigentlich dieses Tel Aviv liege, fragte einer den anderen beiläufig … So spontan und locker kann Reisen sein.

Das sündige Flugzeug

Aber das Verkehrsmittel ist dabei die Crux. Denn Fliegen bedeutet ja CO2-Ausstoß, in vieler Augen eine „Klimasünde“. Und günstig geht gar nicht. Wem billige Energie, billige Nahrungsmittel oder billiger Tabak schon ein Gräuel sind, der vermag sich mit preisgünstiger Luftmobilität genauso wenig anzufreunden. Die „Frage nach den billigsten Flügen“ beschäftigt auch Klaus Staeck. Wer von Berlin-Tegel einen Direktflug nach Singapur unternimmt, solle am besten ein T-Shirt ausgehändigt bekommen, das seinen CO2-Verbrauch benennt, und zwar „im Namen der Weltbevölkerung“13 – für die Staeck als ehemaliger Kunsthochschulpräsident selbstredend sprechen kann. In Anlehnung an eines seiner berühmtesten Plakate sei gewarnt: „Deutsche Arbeiter! Klaus Staeck will euch eure Urlaubsflüge nach Asien wegnehmen!“

Bei Spiegel Online geht Georg Diez („es gibt keinen deutschsprachigen Kolumnisten, der so hartnäckig und peinlich die Klischees seiner privilegierten Medienbubble reproduziert“14) noch weiter und attackiert gleich die Flughäfen überhaupt. Durch den „Airport-Kapitalismus […] verschwindet […] das Gefühl von Verantwortung, und das wirkt fast wie eine gesellschaftliche Verabredung zu Apathie in der Entropie“.15 Derart pseudo-intellektuelles Geschwafel verdient zwar keine weitere Beachtung, aber es sei noch seine Forderung erwähnt, Flugreisen zu verbieten, wenn man die Strecke in maximal drei Stunden mit dem Zug bewältigen kann.

„Haben Sie keine Angst vor ökologischen oder kulturellen Fußabdrücken, wenn Sie in den Urlaub reisen!“

Das ist bei Touristen fast nie der Fall und wäre wohl eine Erleichterung für die amerikanische Klimawissenschaftlerin Anna Scott gewesen, die kürzlich 30 Stunden mit der Bahn quer durch die USA gereist ist, um sich einen Flug zu sparen. Das war offenbar kurios genug für eine Mediengeschichte. Und es ist so absurd wie konsequent. Denn im Klimabereich wird bekanntlich gerne Wasser gepredigt und Wein getrunken, da hat man sich eine bittere Pille von der eigenen Medizin mehr als verdient. Man muss schließlich an Konferenzen teilnehmen und dabei sein „Gleichgewicht zwischen einem eindrucksvollen Lebenslauf und der Emissionsangst“16 finden. So beißt sich die Katze in den Schwanz.

Haben Sie keine Angst vor ökologischen oder kulturellen Fußabdrücken, wenn Sie in den Urlaub reisen! Die Welt mit eigenen Augen sehen, Erfahrungen machen, Menschen kennenlernen und Geld am Urlaubsort lassen, sollte niemanden mit einem schlechten Gewissen erfüllen. Es ist ein Quell der Freude, dass heute die allermeisten Menschen in westlichen Gesellschaften – und zunehmend mehr aus anderen Teilen der Welt wie Ostasien – sich Urlaubsreisen leisten können. Es sollten noch mehr werden und es sollten noch mehr Zielländer vom Tourismus profitieren können. Lang lebe der Rollkoffer, jedenfalls bis er vom fliegenden Koffer abgelöst wird.