01.11.2007

Die Welt retten, ohne sie sehen zu dürfen?

Analyse

Mark Khazar über die elitäre Kritik am Massentourismus.

Die Reiseführer, für die ich schreibe, werden demnächst eine Gesundheitswarnung an ihre Leser richten. Vor dem Antritt einer Reise solle man doch, so etwa die künftigen Ausgaben der Rough Guide und Lonely Planet, noch einmal nachdenken, innehalten. Warum? Die Auswirkungen des Fliegens auf die globale Erwärmung sollte den Lesern, nun ja, zu denken geben. Beide Verlagshäuser haben zudem Geld an die Organisation Climate Care überwiesen: Damit wollen sie Projekte zum Ausgleich derjenigen „Treibhausgasemissionen“ fördern, die ihre den Globus erkundenden Forschungsreisenden verursachen.
Reisende werden dazu ermahnt, langsamere, umweltfreundlichere Wege zu erwägen, auf denen sie ihre Reiseziele erreichen wollen. Dies würde die Einwohner Australiens (wo Lonely Planet seinen Hauptsitz hat) auf Fernreisen mit Kreuzfahrtschiffen beschränken: Diese bräuchten etwa 55 Tage von Fremantle nach Liverpool. Ein zweiwöchiger Urlaub in, sagen wir, Paris würde fast vier Monate in Anspruch nehmen.

Man genösse sicher eine erbauliche Reise mit viel freier Zeit, wenn man denn hierfür über die Zeit und das Geld verfügte. Ein Verleger von bekannten Reiseführern hat die Welt auf die herkömmliche billige Art bereist, und plötzlich kommt er auf die Idee, dass andere Leute es ihm besser nicht gleichtun sollten. Mit „anderen Leuten“ meine ich andere Leute: Männer und Frauen mit wirklichen Jobs und zu zahlenden Wohnungsmieten, die sich ein Jahr Auszeit genauso wenig leisten können wie eine Odyssee zu anderen Kontinenten. Und wissen Sie was? Diese anderen Leute bedeuten keinen großen Verlust. Urlaub bedeutet für sie doch nur, auf ausschweifende Partys zu gehen, etwa in Tallin, auf denen sie sich besaufen und mit billigen Prostituierten vergnügen. Diese nichtigen und kurzlebigen Aufenthalte, ermöglicht durch Billigflüge kerosinfressender Flugzeuge, sind es, welche den Verlegern der Reiseführer am meisten Sorgen machen.

„Ich fahre meine gelegentlichen und kurzfristigen Reisen sicher herunter“, sagte Mark Ellingham, der Gründer von Rough Guides, der britischen Tageszeitung The Guardian. „Wenn mich jemand zu einer spontanen Party nach Prag einlädt, würde ich mich heute nicht mehr dorthin begeben – was ist schon falsch an Bournemouth?“ Nun, der Rough Guides selbst sagt auf seiner Eingangswebsite von Prag: „Wenige andere Städte in Europa schauen so gut aus…[Prag ist] von großer Schönheit…eingehüllt in einen reichen Mantel von Barock, Rokoko und Art Nouveau“. Das (sehr viel kürzere) Kapitel über Bournemouth nennt sie eine „fade moderne Stadt“. Wer aber die öffentlichen Gärten auskundschaftet, kann damit „einen ganzen Tag ausfüllen“.  Es handelt sich hier kaum um eine Bildungsreise. Für jemanden, der nördlich von Oxford lebt, ist es billiger und schneller, nach Prag zu fliegen, als einen Zug nach Bournemouth zu nehmen – doch man hat ja alle Zeit der Welt.

Alastair Sawday, ein Mitglied der Soil Association und Verleger der Special Places to Stay-Reisebücher, sagte der Zeitschrift The Bristol Magazine, „wir ermutigen nicht zu weltumspannenden Reisen“, doch gleichzeitig publiziert er in seinen CO2-freien Büroräumen in Long Ashton einen Reiseführer für Indien. Wie sollen die Leute nach seinen Vorstellungen nach Mumbai reisen? Auf dem Landweg über Afghanistan? „Die Menschen reisten schon, lange bevor es Autos und Flugzeuge gab“, sagt Sawday. Das ist wahr, doch Angehörige der arbeitenden Klassen taten dies nicht.
Es gibt zwei nicht immer distinguierte Ängste, die sich an Billigflügen festmachen. Die erste ist eine Behauptung aus dem Munde von Umweltschützern, wonach die erwartete Zunahme von Flügen um 300 Prozent in den nächsten 20 Jahren unseren Planeten ruinieren würde. Die zweite Befürchtung beschwört Horden kulturloser Fußballfans, die in lateinische Brunnen pinkeln und betrunken ein reiches kulturelles Erbe niedertrampeln. Billigflüge verbreiten also Hooliganismus, zerstören die Umwelt und untergraben traditionelle Lebensarten.

„Billigflüge werden verantwortlich gemacht für Hooliganismus, Umweltzerstörung und die Zerstörung traditioneller Lebensarten.”

Das Gleiche wurde von allem gesagt, das das Reisen einfacher, billiger und sicherer für gewöhnliche Leute machte. Das fing schon mit dem Fahrrad an. Als in den 1890er-Jahren eine regelrechte Fahrradmanie ausbrach, gab es, so schreibt Geoffrey Pearson (1983) in Hooligan: A History of Respectable Fears, ein weit verbreitetes „Murren gegen die Neigung der arbeitenden Klassen, ihre lärmende Präsenz an Plätzen zu behaupten, zu deren Betreten sie doch kein Recht hatten“. Die Times kritisierte junge Fahrradfahrer aus der Arbeiterklasse dafür, dass sie „mit lauten Geräuschen und unflätiger Sprache“ an „ruhigen Landstraßen“ vorbeiflitzten und durch „friedvolle Dörfer“ rauschten, „ohne Rücksicht auf Leib und Leben“. Es wurde gesagt, dass männliche Rennfahrer unfruchtbar würden aufgrund des anhaltenden Drucks auf ihre Glieder, und dass Radfahrer fürchterliche neue Krankheiten wie etwa das „Fahrrad-Gesicht“, die „Fahrrad-Hand“ oder den „Fahrrad-Fuß“ bekämen.

Später wurden Langstreckenflüge in der Economy-Class für Venenverstopfungen verantwortlich gemacht. Eine südafrikanische Studie zeigte auf, dass die Risiken übertrieben wurden und sie sich mit gleicher Wahrscheinlichkeit in Flügen der ersten Klasse wie auch der Business-Class ereigneten. Farrol Kahn, Direktor des nicht kommerziellen Aviation Health Institute (AHI), sagte: „Es betrifft Leute der ganzen Fluglinie … Wir hatten auch Tote in der Schlafabteilung.“
Das moderne Konzept des Tourismus leitet sich aus der Idee der Bildungsreise ab, die traditionell die jungen Herren des 18. Jahrhunderts auf sich nahmen, um ihre Bildung zu vervollkommnen. Sie besuchten die großen Museen, betrachteten die Landschaften vom Venedig Canalettos, lernten Französisch oder Italienisch; und sie sammelten sexuelle Erfahrungen mit exotischen Huren. Die Bildungsreise war genauso Sextourismus wie derjenige heutiger junger Männer bei einem Wochenende in Vilnius. Venedig war bekannt als das „Bordell Europas“. James Boswell, der Chronist und Ninth Laird of Auchinleck, rechtfertigte seine Erfahrungen mit Prostituierten in Rom mit einem Hinweis auf die Klassik: „Ich erinnerte mich an die Ausschweifungen von Horaz und anderer amouröser Poeten Roms“, schrieb er, „und ich dachte, man möge sich selbst ein wenig fallen lassen dürfen in einer Stadt, in der es Prostituierte mit einer Lizenz des Kardinals gibt.“

Die arbeitenden Schichten hatten ihre Rolle zu spielen in den Bildungsreisen. Ihre Aufgabe bestand auch darin, Leute wie Boswell in tragbaren Sesseln über die alpinen Pässe zu tragen. Traditionell sahen sie die Welt als Teil von Eroberungsarmeen oder auf Kreuzzügen (was beides heute wieder in Mode zu kommen scheint). Als sie dann den Beispielen ihrer Gebieter folgten und sich zu den ersten Pauschalreisen aufmachten, wurden sie weithin verachtet. An der Wende zum 20. Jahrhundert sprach John Ruskin von „dummen Herden moderner Touristen…armen modernen Sklaven und Einfaltspinseln, die sich zusammentreiben lassen wie Vieh…durch die Länder, von denen sie denken, sie würden diese gerade besuchen“. Ruskin und Boswell werden beide in Lynne Witheys (1997) Grand Tours and Cook’s Tours zitiert. Withey bemerkt, dass ab dem Zeitpunkt, wo der Massentourismus Gestalt annahm, die Reichen in die Erste-Klasse-Kabinen flohen und an andere exklusive Orte: „Der Tourismus wurde verstärkt um Klassenunterschiede herum organisiert, die sich nicht nur durch Geld unterschieden, sondern auch durch die Verfügbarkeit freier Zeit (…) Langsame Reisen wurden zu Luxusreisen.“

So ist es auch heute noch. Die Art von verweilender Erfahrung, die etwa die Verleger von Reisebüchern bevorzugen (und die auch die Art von Reisen ist, die am ehesten einen Reiseführer erfordern), ist den meisten gewöhnlichen Menschen nicht zugänglich. Wenn man ihnen mehr Lohn zahlte und ihnen längere Urlaubszeiten gewährte, könnten sie sich längere Aufenthalte im Ausland leisten. Das gilt besonders für die Verfasser von Reiseführern. Einige Verleger zahlen ihren Autoren ein festes Gehalt – von dem alle Unkosten schon abgezogen sind – auf der Basis einer bestimmten Zahl von Tagen „auf Achse“. Das Geld ist knapp bemessen und die geschätzte Forschungszeit kurz. Die Autoren sind dazu gezwungen, entweder langsam zu reisen und dafür ein spärliches Tagesgehalt zu verdienen oder in ihren festgefügten Zeitgrenzen zu bleiben, indem sie gerade jene Billigflüge in Anspruch nehmen, von denen ihre Verleger behaupten, sie verabscheuten sie so sehr.

Als Antwort darauf, so scheint es, pflanzen die Geschäftsführer mehr Bäume. Das ist eine feine Idee. Bäume sind ökologische Wunder, sie sorgen für eine wunderschöne Szenerie, und sie sind großartig darin, unter ihren Kronen einen beherbergenden Schutz zu bieten (außer bei Gewittern). Doch bewegen sich die Verleger auf schwankendem Boden, wenn sie ihren Lesern den Rat erteilen, von „bedenkenlosen“ Reisen abzusehen – zumal sie sich selber wenig dazu bereit zeigen, ihren Lebensstil zu verlangsamen. Tony Wheeler, der Gründer von Lonely Planet, sagte in einem Interview, als er gerade in London von einer Geschäftsreise aus Melbourne ankam: „Ich werde mit meinen Reisen nicht aufhören, doch jedes Mal, wenn ich ein Flugzeug besteige, denke ich, ‚Oh nein, ich tue es schon wieder‘.“ Vielleicht erwarten sie von gewöhnlichen Menschen nicht, dass sie aufhören, in Urlaub zu fahren, und wollen ihnen nur ein schlechtes Gewissen mit auf den Weg geben – das würde gut zu der Vorgehensweise der Umweltschützer passen. Oder möglicherweise hoffen sie, dass sie zu Hause bleiben und stattdessen die Reiseführer lesen.