16.10.2026

Wider die kollektivistischen Narrative

Rezension von Boris Kotchoubey

Titelbild

Foto: NeuPaddy via Pixabay / CC0

Die Freiheit des Individuums verficht Philosophieprofessor Michael Esfeld in seinem neuen Buch „Selbstbestimmt jetzt! Der Weg zur Gestaltung der Zukunft“. Er hält der Postmoderne etwas entgegen.

Wenn der Mensch aufhört, an Gott zu glauben, fängt er nicht an, an nichts zu glauben, sondern er fängt an, an alles Mögliche zu glauben.

Von einem Biografen von Gilbert Keith Chesterton abgeänderte Aussage des Paters Brown aus Chestertons Geschichte „Der Hund als Orakel“ (orig. „The Oracle of the Dog“, 1923)

 

Die „antiautoritäre Pädagogik“ lehrte uns einst, dass wir in unserem Leben keine Narrative mehr brauchen, denn Narrative sind unkritisch aufgenommene Selbstverständlichkeiten, während wir moderne Menschen keine Erzählung für selbstverständlich nehmen, sondern alles kritisch prüfen sollten. Doch diese Botschaft erhielt eine implizite Note: Ihr sollt alles kritisch prüfen außer dem, was wir, die Antiautoritären euch sagen. Glaub keinem Narrativ – glaub mir!

Die Krisen der letzten Jahre, v.a. die Corona-Krise, zeigten, wie viel Recht der kleine katholische Pastor aus Chestertons Kurzgeschichte gehabt hat: Menschen, die ihr Leben lang stolz darauf gewesen waren, an keine Narrative zu glauben, zeigten sich sehr schnell bereit, „an alle möglichen Narrative zu glauben“. Im Vergleich z.B. mit der Erzählung, dass man die gesamte Industrie und den Verkehr eines hochentwickelten Landes elektrifizieren und gleichzeitig alle zuverlässig funktionierenden (und technisch weltbesten) Kraftwerke abschalten und zerstören kann, erscheinen Glaubensinhalte traditioneller Religionen, ob Christentum oder Islam, vernünftig wie ein geometrisches Theorem.

Das Problem der typischen Narrative besteht in ihren Inhalten. Sie beschreiben, was als „normal“ gilt, und schreiben somit auch vor, wie ein Mensch in dieser Gesellschaft leben soll, um normal zu sein. Damit setzen sie Grenzen, die unsere Freiheit einengen. Die gegenwärtigen, postmodernen Narrative sind deshalb noch schlimmer, noch autoritärer als die traditionellen autoritären, weil sie letztendlich alle beim Thema Macht konvergieren (Wissen ist Macht, Kultur ist Macht, Sprache ist Macht usw.). Die Macht über Menschen besteht aber im Zwang, sie an Unsinn glauben zu machen, denn wenn sie an etwas Sinnvolles glauben, tun sie es vielleicht aus eigenem Antrieb und nicht aufgrund meines Befehls. Wenn die Politik den Deutschen verordnen würde, korrektes deutsches Vokabular zu verwenden, dann ist das etwas, dass viele meist auch ohne diese Anordnung getan hätten; wenn sie aber gezwungen werden, sich in künstlichen, hässlichen, jegliches gesundes Sprachverständnis beleidigenden Worten auszudrücken, dann können die Herrscher sicher sein, dass Menschen dies nur unter Zwang tun.

Vor diesem Hintergrund schlägt der Philosoph Michael Esfeld in seinem Buch „Selbstbestimmt jetzt! Der Weg zur Gestaltung der Zukunft“ ein neues Narrativ vor, das im Gegensatz zu allen vergangenen inhaltslos sein soll. Das ist das Narrativ der Selbstbestimmung, das gerade darin besteht, dass jedes Individuum den Inhalt seiner Existenz nicht aus dem Narrativ, sondern aus sich selbst heraus bestimmt. Keine inhaltlichen Werte werden festgelegt. Wie jedes andere Narrativ beinhaltet auch dieses die Geschichte von einem allgemeinen Gut, aber das Allgemeine hier ist rein formaler Natur – wie ein Gefäß, dessen konkreten Inhalt jeder selbst findet und das Gefäß auffüllt.

„Trotz seiner Ubiquität muss das Selbstbestimmungsnarrativ einen harten Konkurrenzkampf mit fremdbestimmenden, kollektivistischen Narrativen aushalten.“

Dennoch soll es ein die Gesellschaft durchdringendes Narrativ sein und nicht bloß ein Ideenkomplex. So war z.B. im Mittelalter ein Europäer einfach ein Christ. Über das Christentum, über seine Theologie, seine Symbolik, seine historischen Wurzeln wurden zwar viele wissenschaftliche Bücher verfasst. Aber ein durchschnittlicher Europäer musste diese Bücher nicht kennen. Dass er ein Christ war, war für ihn so selbstverständlich wie die Atmung. Auch die Idee der Selbstbestimmung ist zwar eine philosophische, die in vielen Büchern von Pico della Mirandola bis Immanuel Kant nachverfolgt werden kann. Aber um diese Idee als lebendiges Narrativ zu erfahren, braucht der Mensch von heute diese Autoren genauso wenig gelesen zu haben, wie der Mensch vor 500 Jahren die Kirchenväter und die scholastische Literatur nicht studiert haben musste, um an Jesus zu glauben. Selbstbestimmung ist selbstverständlich.

Und wenn man diese Selbstverständlichkeit doch begründen will, zeigt Esfeld, dass die Begründung in der Geschichte der westlichen Zivilisation und des westlichen Denkens überall zu finden ist: In der christlichen Tradition die Vorstellung vom Menschen als Ebenbild Gottes; in der klassisch-liberalen Tradition angefangen mit der „unsichtbaren Hand“ bei Adam Smith; in der philosophisch-wissenschaftlichen Tradition des aktiven Hinterfragens angefangen mit den altgriechischen Philosophen, die im Gegensatz zu ihren östlichen Zeit- und Denkgenossen nicht nur eigene Ideen entwickelt, sondern auch die Ideen der Kollegen kritisiert haben; in der deontologischen (pflichtbasierten) Tradition des Naturrechts (Selbstbestimmung folgt aus der menschlichen Natur); in der Tradition der empirischen Forschung, die eindeutig beweist, dass eine auf Selbstbestimmung gegründete Gesellschaft (inklusive Wirtschaft) besser funktioniert, als diejenige, die Fremdbestimmung benutzt.

Trotz seiner Ubiquität muss das Selbstbestimmungsnarrativ einen harten Konkurrenzkampf mit fremdbestimmenden, kollektivistischen Narrativen aushalten. Das ist erstens der Kult des Internationalismus und die damit verbundene, immer wachsende Macht der globalen imperialen Strukturen wie Uno, WHO oder EU. Dabei meine ich nicht ihre reale Macht, weil diese, wie Esfeld deutlich sagt, vollständig durch die Mitgliedstaaten realisiert wird, denn die internationalen Organisationen besitzen zum Glück keinen eigenen Gewaltapparat (mit Grauen kann man sich vorstellen, was eine starke UNO-Armee unter der Führung eines sudanesischen Generals anrichten könnte). Ich meine vielmehr die moralische Autorität, die dem Wort „international“ anhaftet und es in ein assoziatives Netzwerk mit „altruistisch“, „weltoffen“ und „solidarisch“ stellt – alles Antonyme von negativ beladenen Begriffen wie „(engstirnig) nationalistisch“ und „egoistisch“.

Zweitens ist es das antimoderne sozialistische Narrativ in seinen beiden, kaum voneinander unterscheidbaren „linken“ und „rechten“ Versionen, in denen Selbstbestimmung nur mit Gier, Egoismus und dem Teufelszeug Neoliberalismus (das Wort Liberalismus ohne Präfix „Neo-“ kennt dieses Narrativ nicht) in Zusammenhang steht. Direkt vor Esfelds Buch las ich eine andere Analyse der gegenwärtigen Lage, „Am Volk vorbei“ von Jörg Baberowski. Der Autor ist ein bekannter Historiker, ein ausgezeichneter Fachmann und ein sehr mutiger Mensch, der keine Hemmung hat, zu sagen, was er denkt, auch wenn es dem Mainstream überhaupt nicht passt. Die Hauptideen seines Buches sind das genaue Gegenteil von Esfelds Ideen. Der Mensch ist für Baberowski in seinem natürlichen Zustand kein selbstbestimmtes Subjekt, sondern immer ein Gemeindeglied. Im Grunde gebe es keine einzelnen Menschen, sondern nur natürliche Kollektive. Die Tragödie unserer Epoche bestehe in der neoliberalen Zerstörung dieses Gemeindewesens, im Bruch sozialer Verbindungen mit Zwangsindividualisierung und Alleinlassen in unerträglicher Einsamkeit. Es kann sein, dass diese Sichtweise in der einen oder anderen Form verbreiteter ist, als uns lieb wäre.

Postmoderne und Szientismus

Der Weg zum Selbstbestimmungsnarrativ ist gepflastert mit der vertieften Analyse der gegenwärtigen Lage, und diese Analyse, die Esfeld in seinem vorigen Buch, „Land ohne Mut“, begonnen hat, setzt er hier fort. Die Schwierigkeit, auf die er hinweist, besteht in einem Zusammenfluss von auf den ersten Blick unvereinbaren Ideen. Ein Verdienst des Autors liegt in der Auflösung von scheinbaren Paradoxien der Transformationslogik.

Denn auf einer Seite leben wir in der Epoche der Postmoderne mit ihrer totalen Relativität. Hier ist alles subjektiv, alles relativ, alles im Fluss, und es gibt weder Fakten noch Grenzen noch Wahrheit noch Wirklichkeit. Jeder hat Recht auf seine eigene Wahrheit und seine eigene Wirklichkeit, und diese unzähligen Wahrheiten und Wirklichkeiten müssen sich nicht überschneiden. Das ist der absolute Subjektivismus und Anti-Realismus.

Auf der anderen Seite leben wir jedoch in der Epoche des Szientismus, in der die Wissenschaft vergöttert wird, und alles, was wir tun müssen, ist ihr zu folgen („follow the science!“). Die absolute Wahrheit existiert nicht nur, sondern sie ist nichts anders als der gegenwärtige wissenschaftliche Konsens, d.h. ganz einfach das, was heute die Experten in der Talkshow sagen. Den Konsens der Experten infrage zu stellen, gleicht einer Gotteslästerung; eine entsprechende Person ist ein „Wissenschaftsleugner“: ein Begriff, der eine absichtliche Assoziation mit der Holocaustleugnung wecken soll. Dabei diktiert dieser Konsens nicht nur das, was wir für wahr halten sollen, sondern auch, was gut und was böse ist, und welche Politik richtig ist. Frau Merkel hat in einer Rede angedeutet, ihre Politik sei genauso objektiv wie das Gravitationsgesetz. Das ist der absolute Realismus und Objektivismus.

„Der Szientismus leugnet die Vernunft zwar nicht in toto, begrenzt aber deren Existenz nur auf ein paar ‚Wissende‘.“

Diese scheinbar entgegengesetzten Trends kommen aber an einem entscheidenden Punkt zusammen: dem Negieren der menschlichen Vernunft. Der Postmodernismus lehnt die universelle Vernunftfähigkeit der Menschen ab und positioniert sich offen als Anti-Vernunft. Da aber Menschen im praktischen Leben zwischen verschiedenen Meinungen wählen müssen, und da nun keine vernünftigen Argumente pro und kontra mehr gelten, bleibt das einzige Kriterium die politische Macht, im extremen Fall auch polizeiliche oder sogar physische Gewalt. Wenn jeder seine eigene Wahrheit und eigene Wirklichkeit hat, dann ist die Wahrheit des Stärkeren „wahrer“ und seine Wirklichkeit „wirklicher“ als die des Schwächeren. Schließlich behaupten die Klassiker der postmodernen Philosophie, dass unsere gesamte Kultur ein Herrschaftswerkzeug sei – was liegt dann näher als der Gedanke, die politische Herrschaft als Instrument zur Durchsetzung eigener Wahrheiten zu benutzen? Wer der Herr ist, der bestimmt die Bedeutung der Wörter, heißt es sinngemäß in „Alice im Wunderland“.

Der Szientismus leugnet die Vernunft zwar nicht in toto, begrenzt aber deren Existenz nur auf ein paar „Wissende“. Alle anderen sind bloß eine Masse, die den Experten folgen soll. Das Problem ist aber: Wer bestimmt, wer ein Experte ist? Die Argumente von Nicht-Experten taugen nicht, weil ihnen per Definition die Vernunft abgesprochen wird. Die Tatsache, dass Experten zahlreiche Prüfungen erfolgreich bestanden haben, beweist ebenfalls nichts, weil es dieselben Experten sind, die diese Prüfungen erfinden. Also bleibt wieder nur die eine Option: Wer die politische, finanzielle oder ideologische Macht hat, der findet unter den zahlreichen Menschen mit einem gewissen Bildungsstatus eine kleine Gruppe derjenigen, die er zu den „Experten“ ernennt und mit Hilfe der hörigen Medien der Masse vorsetzt. Alles andere ist belanglos: Seit Corona wissen wir, dass auch Wissenschaftlern mit jahrzehntelanger Forschungserfahrung und mit einer dreistelligen Zahl geprüfter internationaler Publikationen der Expertenrang aberkannt werden kann, und sie als „rechte Schwurbler“ gebrandmarkt werden können, sobald sie eine politisch missliebige Meinung vertreten.

So zeigt Esfeld, dass der Postmodernismus und der Szientismus zwar von völlig verschiedenen Ausgangspunkten her starten, aber gleichzeitig zum gleichen Endpunkt kommen: Zur bedingungslosen Unterordnung unter die reale (politische, finanzielle, ideologische) Macht. Wie gerufen, erscheint hier der dritte Akteur, der diese Macht idealtypisch verkörpert, ja der eigentlich keinen anderen Existenzsinn hat als allein die Macht: der Staat. Auf der konzeptuellen Ebene handelt es sich um unseren Glauben an einen republikanischen Rechtsstaat. Dass dieser Glaube unbegründet ist, davon spricht Esfeld schon in „Land ohne Mut“, und er verfolgt diesen Gedanken in „Selbstbestimmt jetzt!“ weiter. Sehr verkürzt kann man seine Beweisführung so zusammenfassen: Das Verhältnis zwischen Bürger und Staat ist wie das zwischen zwei Spielern, von denen einer (der Staat) nicht nur spielt, sondern auch die Spielregeln formuliert, als Schiedsrichter auf Einhaltung dieser Regeln aufpasst und außerdem die Möglichkeit hat, diese Regeln jeden Augenblick zu ändern. Wer dieses Spiel gewinnt, ist nicht schwer vorherzusagen.

Konkrete Vorschläge

Auf dieser Grundlage entwickelt der Autor eine Reihe von konkreten Vorschlägen für einen Ausweg aus der gegenwärtigen Multikrise. Die gemeinsame Basis sind ein konsequenter Lokalismus und das Subsidiaritätsprinzip: Alle sozialen Probleme von der Verwirklichung der Großprojekte bis zu den lokalen Konflikten zwischen Rauchern und Nichtrauchern sollen auf der untersten Ebene gelöst werden, auf der sie überhaupt gelöst werden können. Das bedeutet einen radikalen Rückzug des Staates und die scharfe Eingrenzung des Bereiches des Politischen. Einen schweren Denkfehler begeht, wer das öffentliche Leben und das politische Leben verwechselt. Das erste ist viel breiter als das zweite. Wenn der Eingriff der Politik in nicht-politische Sphären erlaubt wird, werden dem Totalitarismus Tür und Tor geöffnet.

Vor allem hat die Politik im Kulturbereich nichts zu suchen. Bildung, Forschung, Kunst sollen frei sein, aber ihre Freiheit wird nicht durch entsprechende Grundgesetzartikel garantiert, die jeden Tag ausgehöhlt werden können, sondern durch ihre reale Unabhängigkeit von jeglichem politischen Druck, egal ob in Form einer Peitsche (z.B. Tabuisierung bestimmter Kunst- und Forschungsthemen) oder eines Zuckerbrots (staatliche Prämien, Stipendien usw.). Genauso unabhängig von der Politik ist das Wirtschaftsleben, denn die gesamte bisherige Erfahrung demonstriert das systematische Scheitern jeglicher etatistischer Wirtschaftssysteme von Mussolini über Honecker bis Maduro. Sogar der gutgemeinte Versuch der Politik, Wirtschaftsmonopole zu regulieren, führt oft zu der schlimmsten Form von staatsmonopolistischen Unternehmen, die schließlich die gesamte Wirtschaft wie ein Krebs zerfressen.

Ein anderer schwerer Denkfehler ist die Verwechslung von Rechtsordnung und Rechtsstaat. Esfeld beschreibt detalliert, wie eine Rechtsordnung organisiert werden kann, ohne dass jemand (z.B. der Staat) ein Rechtsmonopol besitzt. Niemand, auch nicht die sogenannte Legislative, kann das Recht „setzen“, denn jedes Recht beruht auf dem natürlichen Recht jedes Menschen auf freie Selbstbestimmung, und der Gesetzgeber kann nur versuchen, das positive Recht nach Möglichkeit dem Naturrecht anzunähern. Ansonsten ist das positive Recht belanglos, denn sogar Nationalsozialisten konnten ihr himmelschreiendes Unrecht als positives Recht formatieren.

Der Mensch ist mehr als seine Vernunft

Esfeld schreibt von einem „Dreigespann“ aus Freiheit, Vernunft und Normativität. Welches ist aber das Deichselpferd in dieser Troika? Ich glaube, die Vernunft kann es nicht sein, weil sie, um Böckenförde zu paraphrasieren, „von Voraussetzungen lebt, die sie selbst nicht erschaffen kann“. Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Ich wähle zwischen zwei geeigneten Jobangeboten. Vernünftig berücksichtige ich das künftige Gehalt, Entwicklungschancen, Möglichkeiten der Selbstverwirklichung, Entfernung von zu Hause, Freundlichkeit der Kollegen u.v.a. Aber warum gewichte ich bestimmte Parameter höher als die anderen? Warum sind mir z.B. Entwicklungschancen wichtiger als das Gehalt? Rational kann man hier Antworten, dass meine Wahl mir auf lange Sicht insgesamt ein höheres Einkommen bringt, selbst wenn ich kurzfristig am Gehalt verliere. Aber diese Erklärung führt nur zu weiteren Fragen: Warum muss der langfristige Vorteil den unmittelbaren überwiegen? Warum muss die Taube auf dem Dach wichtiger sein als der Spatz in der Hand? Die einzige Antwort ist m.E. einfach: So sind meine Präferenzen, Punkt, Basta. Eine andere Person kann andere Präferenzen haben, und es gibt keinen rationalen Grund, warum ein Satz von Präferenzen „besser“ ist als ein anderer.

Der Autor warnt eindringlich vor der Gefahr der „Hegelianisierung“ der aufklärerischen Konzepte, indem die Vernunft als universelle Eigenschaft individueller Subjekte (Kant) durch eine Vernunft als Absolutes, das zwingenderweise über allen Individuen steht (Hegel), ersetzt wird. Aber das 18. Jahrhundert neigte lange vor Hegel zur Verabsolutierung der Vernunft, z.B. in den damaligen militärischen Theorien, am deutlichsten in Staats- und Militärkonzepten von Friedrich II. Die rationalistischen Dogmen, dass Wissen zum richtigen Handeln führe, dass das Gefühlsleben und v.a. Ängste und tiefe Sorgen ausschließlich als Störungen des klaren Denkens anzusehen wären, dass ungesteuerte Einflüsse von Emotionen auf das menschliche Tun durch rationale Kontrolle wegkorrigiert werden können und sollen, und dass einer aufgeklärten Bildung auch eine richtige Ethik folgen würde, wurden im darauffolgenden Jahrhundert mit einem großen Fragezeichen versehen. Als Antidot zu diesem Hyperrationalismus würde ich nachdrücklich einen Schuss der frühen existentiellen Philosophie empfehlen, u.a. von Kierkegaard und Dostojewski – den Denkern, die nicht müde wurden, uns daran zu erinnern, dass unsere Freiheit weit über die Grenzen des Vernünftigen hinausgeht.

„Esfeld stellt sich gegen die humanitären Interventionen des Westens.“

Beim Letztgenannten äußert sich eine nicht sehr sympathische Figur (aber müssen wir alle immer sympathisch sein?) folgendermaßen:

O sagen Sie mir doch, wer war der erste, der die Behauptung aufstellte und die Lehre verkündete, der Mensch begehe nur deswegen Schlechtigkeiten, weil er seine wahren Interessen nicht kenne; wenn man ihn darüber aufkläre, ihm die Augen über seine wahren, normalen Interessen öffne, dann werde der Mensch sogleich aufhören, Schlechtigkeiten zu begehen, und sogleich gut und edel werden; denn wenn er über seinen wahren Vorteil aufgeklärt sei und diesen verstehe, so werde er im Guten seinen eigenen Vorteil erkennen; nun könne aber bekanntlich kein Mensch wissentlich gegen seinen eigenen Vorteil handeln; folglich werde er mit Notwendigkeit anfangen, das Gute zu tun. O du Säugling! O du reines, unschuldiges Kind! Aber erstens, wann ist es denn in allen diesen Jahrtausenden vorgekommen, dass ein Mensch nur um seines eigenen Vorteils willen gehandelt hätte? Was soll man denn mit den Millionen von Tatsachen anfangen, die da deutlich bezeugen, dass die Menschen wissentlich, das heißt in voller Erkenntnis ihrer wahren Vorteile, dennoch diese Vorteile hintangesetzt und mit stürmischem Eifer auf gut Glück und aufs Geratewohl einen andern Weg eingeschlagen haben, ohne von jemandem oder durch etwas dazu gezwungen zu sein, anscheinend nur aus Abneigung gegen den ihnen gewiesenen Weg, und dass sie eigenwillig und hartnäckig einen anderen, schwierigen, unsinnigen Weg verfolgt haben, den sie beinah im Dunkeln suchten? Offenbar waren ihnen dieser Eigenwille und diese Hartnäckigkeit angenehmer als alle Vorteile … Vorteil! Worin besteht der Vorteil? […] Wie aber, wenn es manchmal vorkommt, dass der Vorteil des Menschen nicht nur darin bestehen kann, sondern sogar darin bestehen muss, dass der Betreffende sich das Schlechte wünscht und nicht das Vorteilhafte?

Mit dieser Vernunftdiskussion hängt m.E. ein gewisser Westzentrismus zusammen. In den Kapiteln 8 und 9 seines Buches analysiert Esfeld die geistige Substanz der westlichen Welt im Zusammenhang mit ihrer Umwelt, und obwohl ich dieser Analyse in fast jedem Detail zustimme, fehlt mir die Trennschärfe, die ich z.B. bei Zydatiss und Feldon vorfinde (wenngleich ihr Buch in der Tiefendimension Esfelds „Selbstbestimmt“ unterläge). So sagt Esfeld z.B., dass das Bewusstsein des Unrechts im Westen uns nicht die Augen verschließen solle auf das noch schlimmere Unrecht in anderen Ländern. Dem ist nicht zu widersprechen, aber der Eindruck entsteht, dass es um einen quantitativen Unterschied etwa in der Strenge des politischen Unrechts gehe – dass z.B. ein Dissident, dem in Europa ein Jahr Gefängnis drohe, in einer asiatischen Diktatur zehn Jahre Straflager bekommen würde. Ich denke aber, dass der Unterschied zwischen einer Gesellschaft, in der die Herrschenden gegen die Menschenrechte der Bürger verstoßen, und einer anderen, in der der Begriff Menschenrechte gar nicht existiert, ein qualitativer ist.

Die Gefahr eines Abrutschens in die frühaufklärerische Deutung des menschlichen (politischen) Verhaltens zeigt sich in den Aussagen wie z.B., dass der Ukraine-Krieg durch die Verhandlungen in Istanbul im März 2022 hätte beendet werden können, als ob eine bloße Unterschrift eines drittrangigen Kabinettmitglieds (Russland wurde auf der Konferenz durch den Kultusminister vertreten) zu einem radikalen Politikwechsel führen könne. Es ist genau der von Dostojewski kritisierte Rationalismus, anzunehmen, dass Politiker ihre Kriege auf der Suche nach einem konkreten Vorteil (z.B. territoriale Zugewinne, Zugang zu Rohstoffen) begännen und sofort aufhörten, wenn man sie aufklärte, dass der Frieden ihnen einen größeren Vorteil verschaffte. Das wird direkt klar, wenn wir statt eines aktuellen Namens wie Putin, Gates, Fauci usw. einen berühmten Namen aus der Vergangenheit (Napoleon, Alexander, Tamerlan…) einsetzen.

Ein anderes Beispiel ist das Problem der humanitären Interventionen des Westens. Esfeld stellt sich gegen diese Interventionen; stattdessen solle die westliche Zivilisation durch „die Ausstrahlungskraft ihrer Ideen“ zur Befreiung der Völker beitragen. Seine Argumente sind nicht nur überzeugend, sondern ich glaube auch weitere Argumente finden zu können, die ebenfalls für seine Position sprächen. Auch ist es eine unumstrittene Tatsache, dass humanitäre Interventionen oft katastrophal enden, und nicht nur im 21. Jahrhundert – man denke nur an die Befreiung Spaniens von den Schrecken der Inquisition durch die napoleonische Armee 1808, wo die Folgen der Befreiung noch schrecklicher waren. Selbstverständlich muss das Geschichtsbuch nur dick genug sein, dann findet man darin Beispiele für jede Seite, auch für sehr erfolgreiche Interventionen wie z.B. die Gründung der USA im Stellvertreterkrieg zwischen Frankreich (samt einigen deutschen Staaten) und Großbritannien.

„Jede Entscheidung, die dein Vormund für dich trifft, wird mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit schlechter sein als deine eigene.“

Aber die Frage ist nicht auf der empirischen Ebene zu klären: Es ist vielmehr die begriffliche Ebene, die Sorgen bereitet. Man kann sich eine breite „Grauzone“ vorstellen, in der der Begriff „Intervention“ unbestimmt bleibt. Angenommen, meine Nachbarn jenseits meines Gartenzauns werden dermaßen von „der Ausstrahlungskraft der westlichen Ideen“ begeistert, dass sie entscheiden, auch ihr eigenes Leben selbstbestimmt zu gestalten. Ihre Hausverwalter versuchen aber ihre Auflehnung mit brutalsten Mitteln niederzuschlagen. Darf ich nun den Nachbarn materiell helfen oder nur ideell, durch Worte der Unterstützung?

Ich behaupte, dass es Probleme gibt, für die keine Lösung im Allgemeinen existieren kann. Niemand kann generell die Frage beantworten, ob die Weiche für den Wagon umgestellt werden soll oder nicht. M.E. ist das von Esfeld diskutierte Sklaverei-Dilemma ein Fall vom möglicherweise schwierigsten Dilemma der Gegengewalt: Welche Gewalt rechtfertigt eine Gegengewalt? Was ist das richtige Verhältnis zwischen Gewalt und Gegengewalt? Die Frage quält uns seit Jahrhunderten, und es gibt keine Regel, die den Entscheidungsträger von der moralischen Verantwortung für die Konsequenzen seines Handelns befreien würde, egal welche Entscheidung er trifft. „1618 entschieden sich die Tschechen für einen gewaltsamen Widerstand gegen das Unrecht, und das Ergebnis war eine nationale Katastrophe“, schreibt Milan Kundera in „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. „Nach 320 Jahren entschieden sie sich in einer ähnlichen Situation für einen gewalt- und widerstandslosen Weg, und das Ergebnis war wieder eine nationale Katastrophe.“ Der Versuch, eine vernunftbasierte Formel zu finden, die in einer Dilemmasituation das reine Gewissen garantieren würde, wäre meiner Meinung nach eine Sackgasse.

Zur Selbstbestimmung verurteilt

Schließlich zu der Frage, die viele Leser gestellt haben, die bereits publizierte Abschnitte aus dem Buch gelesen haben: Was ist, wenn Menschen nicht selbstbestimmt sein wollen? Die Antwort Esfelds ist klar: Das kann passieren, weil Menschen schwach sind und keine Götter. Das Problem ist aber nicht diese Schwäche, sondern die Aktivität der Möchtegern-Vormünder, die sofort in jedes Loch einspringen und versprechen, jede unserer Schwierigkeiten zu beseitigen, wenn wir uns nur entmündigen ließen. Aber das können sie nicht, weil – und das ist niemals zu vergessen – sie genauso Menschen sind wie wir, genauso schwach im Sinne der Anfälligkeit für Narrative oder sogar noch schwächer.

Oft fängt es fast unbemerkbar an: In einer offenen Gesellschaft entstehen notwendigerweise immer wieder Konflikte. Der Staat greift ein und reguliert die Lage. Seltsamerweise führt jedoch diese Regulierung zu neueren, größeren und tieferen Problemen, zu deren Lösung weitere, umfangreichere Regulationsmaßnahmen notwendig zu sein scheinen, die schließlich noch erheblichere Schwierigkeiten provozieren, die dann nach der Meinung der staatlichen Strukturen nur durch hartes Eingreifen überwunden werden können. So bildet sich ein Teufelskreis. „Das Problem sind nicht die kleinen Verfehlungen, sondern die großen Verführungen“ (Esfeld).

Kann ein vernünftiger Mensch wirklich daran glauben, dass ein solider Schlossermeister mit Erfahrung in der Firmenleitung an der Spitze der Regierung noch dilettantischer agieren würde als einer der letzten Bundeskanzler? Oder dass ein durchschnittlicher Arbeiter nicht in der Lage sei, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, ohne dass ihm ein vom Staat eingesetzter und von diesem selben Arbeiter über Steuern bezahlter Ethikrat zu Hilfe kommt? Außer ihrer Nähe zur Staatsmacht (die oft mit unlauteren Mitteln erreicht wurde) haben deine Vormünder überhaupt keine Vorzüge dir gegenüber, sie sind weder besser noch klüger noch erfahrener. Du musst also aus dem einfachsten Grund in deinem Leben Entscheidungen selbständig treffen, weil jede Entscheidung, die dein Vormund für dich trifft, mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit schlechter sein wird als deine eigene. Wie es Vince Ebert formulieren könnte, lässt sich Bestimmung nicht outsourcen. Selbstbestimmung ist alternativlos, deshalb öffnet sie alle Alternativen.

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