02.04.2026
Unkritisch Reisen: Bhutan
Von Niels Hipp
Im Königreich Bhutan strebt man mehr „Bruttonationalglück“ an. Ohne den Fokus auf materiellen Wohlstand wird man allerdings nicht glücklicher. Und für Touristen ist die Reise teurer.
Unsere heutige „unkritische Reise“ führt uns nach Südasien, und zwar in das zwischen Indien und China gelegene buddhistische Himalaya-Königreich Bhutan, welches ich im März 2026 bereist habe.
Wenn man an Bhutan denkt, dann kommen nicht nur Gedanken wie Himalaya und Buddhismus, sondern auch die dortige Wirtschaftsphilosophie des Bruttonationalglücks. Materielles Wohlergehen – siehe Bruttoinlandsprodukt – ist dort zwar nicht völlig unwichtig, ist aber nur ein Faktor unter mehreren: Nebenbei spielen ökologische Nachhaltigkeit, gute Regierungsführung sowie Erhalt bzw. Förderung kultureller Werte eine Rolle. Da es zwischen diesen Faktoren zu Zielkonflikten kommen muss, steht die Maximierung des Wohlstands unter Vorbehalt.
Das sieht man etwa beim Thema Tourismus: Im Gegensatz zu Nepal ist der Tourismus stark unterentwickelt. Das liegt aber nicht daran, dass Touristen Bhutan nicht reizvoll fänden, sondern an den staatlich verursachten Kosten: Wer nach Bhutan möchte, der kann nicht einfach ein (E-)Visum beantragen und hinreisen. Man benötigt einen Reiseveranstalter oder eine Agentur vor Ort, der bzw. die das Visum beschafft. Vor Ort muss man von einem Reiseleiter begleitet werden. Interessant ist noch, dass es Parallelen zum bereits „unkritisch bereisten“ Turkmenistan gibt, wo man auch nur mit Reiseführer unterwegs sein darf und Bewegungen auf eigene Faust eher unerwünscht sind.
Damit nicht genug: Die Regierung verlangt pro Person und Übernachtung 100 US-Dollar Touristensteuer, die u.a. in „kostenfreie“ Bildung und medizinische Versorgung der Bevölkerung Bhutans fließen. Diese erhebliche Summe zahlt man nur, um im Land sein zu dürfen, für nichts anderes. Kosten für Essen, Übernachtung etc. kommen noch hinzu. Außerdem werden die Preise für die Hotelzimmer staatlich festgelegt. Das Ganze führt dazu, dass man pro Tag in der einfachsten Kategorie mehr als umgerechnet 300 Euro pro Person bezahlen muss, wobei Hotel, Essen u.ä. keineswegs herausragend sind, eher im Gegenteil.
„Bei den Sehenswürdigkeiten sind überall wenig ausländische Besucher.“
Warum geht Bhutan so vor, im Gegensatz etwa zu Nepal? Weil es – so die Begründung – seine Natur und Kultur vor dem Massentourismus schützen will. Man arbeitet nicht mit Verboten oder Quoten, sondern mit steigenden Kosten, die ja grundsätzlich die Nachfrage senken. Und in der Tat: Bei den Sehenswürdigkeiten sind überall wenig ausländische Besucher, oft sieht man diejenigen etwa aus dem Flugzeug von der Hinreise immer wieder. Für einen selbst ist das irgendwie auch angenehm, aber für die Entwicklung des Landes ist es negativ. Man muss v.a. bedenken, dass Bhutan kein wohlhabendes Land ist: Das BIP pro Kopf lag zuletzt bei knapp 4000 Dollar (Deutschland: 56.000 Dollar), das ist Rang 134 von 195 weltweit. Dabei wären die Natur und die buddhistisch geprägte Kultur ein enormer Devisenbringer – neben dem schon heute starken Export von Strom aus Wasserkraft nach Indien und Bangladesch.
Anhand Bhutans erkennt man angesichts der dortigen Staatsphilosophie des Bruttonationalglücks, warum Länder arm sind oder wie Deutschland absteigen: Es ist stets ein falsches Denken der Eliten. Es liegt nicht an der Topografie an sich (siehe die Schweiz), nicht an der Religion an sich (siehe das bereits „unkritisch bereiste“ Dubai), nicht am Kolonialismus (siehe das „unkritisch bereiste“ Singapur), nein es ist das Mindset, die herrschende Ideologie, die destruktiv sein kann und es in Bhutan auch ist.
Die Regierung Bhutans scheint auch den Widerspruch in ihrer Ideologie des Bruttonationalglücks nicht zu sehen: Wenn man Geld nicht so wichtig findet, dann verlangt man auch nicht so viel Geld. Mit dieser hohen Touristensteuer u.ä. geriert man sich in Wirklichkeit zumindest punktuell viel materialistischer als die meisten anderen Länder der Welt. Wie beim grünen oder oft auch beim religiösen Denken lässt sich eine erhebliche Doppelmoral verzeichnen.
Dass sich der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz von der Idee des Bruttonationalglücks hat begeistern lassen, verwundert nicht. Eine entsprechende Sichtweise dürfte auch bei einigen SPD- und Grünen-Wählern vorliegen. Dass in Deutschland besonders Wähler der Grünen, aber auch der SPD das Konzept Bhutans in Form des Bruttonationalglücks gut finden, verwundert nicht. Gerade wer verbeamtet ist, für den heißt das Berufsbeamtentum Statussicherheit und in der Regel stets (zumindest nominell) steigende Gehälter, von Entlassungen – wie momentan etwa in der Automobilindustrie – ist man nicht betroffen. Postmaterialismus muss man sich leisten können. Aber auch dem ökokomischen Analphabeten dürfte klar sein: Wenn Deutschlands Wirtschaftskraft pro Kopf stark auf das Niveau etwa von Bhutan sinken würde – abgesehen davon, dass man im Gegensatz zum Denken vieler Degrowth-Jünger eine Volkswirtschaft nicht einfach wie einen Computer herunterfahren kann –, dann wären extreme Kürzungen der Beamtengehälter unvermeidlich.
„Die Staatsphilosophie des Bruttonationalglücks hat keineswegs zur Folge, dass alle in Bhutan besonders glücklich wären.“
Solche Kürzungen hat es in der Vergangenheit auch gegeben, man denke an Griechenland nach 2010 oder auch an das Deutsche Reich unter Reichskanzler Brüning (1930-32) in der Weltwirtschaftskrise. Anders formuliert: Degrowth geht nur mit weniger Sozialleistungen, Kürzungen der Gehälter im Öffentlichen Dienst, aber auch geringeren Sozial- und Umweltstandards. Das weiß jeder, der schon einmal in einem viel ärmeren Land war. Der Begriff der sozial-ökologischen Transformation ist schon daher blanker Hohn. Wenn man den erwähnten verwöhnten und übersättigten Wählern aber wirklich ihre Gehälter um – sagen wir – die Hälfte kürzen würde, dann sähe die Akzeptanz für Degrowth schon anders aus, selbst wenn der „fürs Klima“ sein soll. So weit würde Bhutan dann als Vorbild doch nicht reichen.
Zurück nach Bhutan: Die Staatsphilosophie des Bruttonationalglücks hat keineswegs zur Folge, dass alle in Bhutan besonders glücklich wären. Gerade etliche junge Leute wollen auswandern, weil sie wissen, dass der Wohlstand anderswo höher liegt. Dabei ist der Zusammenhang zwischen Glück und Wohlstand im Detail umstritten. Das Erste Gossensche Gesetz – benannt nach dem Ökonomen Hermann Heinrich Gossen – besagt, dass bei einem Gut der Nutzen einer jeden weiteren Einheit dieses Gutes (Grenznutzen) sinkt. Also die erste Pizza ist lecker, spätestens bei der fünften übergibt man sich. Die erste Fernreise ist aufregender als die dreißigste.
Hier reden wir aber nur von einem konkreten Gut. Wenn man sich den Zusammenhang zwischen Einkommen und Glück allgemeiner anschaut, dann wird manchmal gesagt, dass das Glück nur bis zu einem bestimmten Einkommen steigt, alles darüber hinaus aber keinen signifikanten Einfluss mehr auf die Zufriedenheit eines Menschen habe. Das mag in Ländern mit hohem Wohlstandsniveau auch zutreffen, hier spielt Sättigung oder gar Übersättigung (Stichwort: Wohlstandsverwahrlosung) eine Rolle. Aber in einem Entwicklungsland wie Bhutan sieht das anders aus. Es ist nicht Nordkorea, die Menschen bekommen – gerade durch das Internet – mit, dass sich Leute anderswo viel mehr leisten können. Das weckt dann Bedürfnisse und – wenn diese aus materiellen Gründen nicht zu befriedigen sind – Unzufriedenheit.
Sehr streng ist Bhutan übrigens bezogen aufs Rauchen: Schon 2004 wurde der Handel mit Tabak(waren) in Bhutan verboten. Erlaubt ist allerdings die Einfuhr etwa aus Indien mit einem Zollzuschlag von 200 Prozent, wobei bei 200 Zigaretten pro Person erlaubt sind. Kein Wunder, dass es bei diesen Einschränkungen einen lebendigen Schwarzmarkt gibt. Legal rauchen darf man übrigens nur an wenigen Orten im Land, etwa zu Hause.
„Wer sich weder für den Buddhismus noch für hohe Berge interessiert, ist dort völlig falsch.“
Was kann man sich in Bhutan anschauen? Vorab: Wer sich weder für den Buddhismus noch für hohe Berge interessiert, ist dort völlig falsch. Wer primär wandern bzw. bergsteigen will, dem sei eher Nepal empfohlen, da wesentlich günstiger und auch besser zu erreichen. Ohne ein gewisses Interesse am Buddhismus kann man also eine Reise dorthin nicht empfehlen. Beginnen sollte man in Paro, wo auch der internationale Flughafen liegt, einer der schönsten und am schwierigsten anzufliegenden Flughäfen der Welt. Dort kann man den Paro Dzong und den Ta Dzong (heute Nationalmuseum) besuchen. Dzongs sind Festungsburgen und eine Kombination aus Kloster und öffentlicher Verwaltung, so handelt es sich beim Paro Dzong um den Verwaltungssitz des Bezirks Paro. Nach einer wirklichen Trennung von weltlicher und geistlicher Macht klingt das nicht. Außerhalb befindet sich dann mit Kychiu Lakang das älteste Kloster Bhutans.
Das Highlight einer Bhutan-Reise ist das Kloster Taskshang (Tigernest). Dorthin gibt es keine Straße und keine Seilbahn, sondern nur einen steilen, oft unebenen Weg. Bis zur Cafeteria – von dort hat man einen sehr guten Blick auf das Tigernest – kann man auch auf einem Pony reiten, der Rest muss zu Fuß bewältigt werden. Der Weg vom Parkplatz zur Cafeteria ist etwa 2,5 Kilometer lang und man überwindet ca. 400 Höhenmeter. Das ist noch der einfachere Teil, man benötigt je nach Kondition ca. 60 bis 90 Minuten. Danach werden die Stufen steiler und unebener, hier muss eher mit 2 Stunden rechnen, auch wenn die Strecke nur 1,5 Kilometer lang ist – bei ebenfalls 400 Höhenmetern.
In der Hauptstadt Thimpu findet sich der Tashichho Dzong (auch Thimpu Dzong genannt), wo sowohl die staatliche Verwaltung Bhutans als auch Mönche untergebracht sind. Daneben gibt es die Gedenk-Chörten (Weiterentwicklung einer Stupa im tibetischen Buddhismus) in Erinnerung an den 1972 verstorbenen dritten König von Bhutan. In Thimpu findet sich außerdem der Tempel Chakankha Lakang und – weit oberhalb – eine riesige, vergoldete Buddha-Statue mit herrlichem Ausblick. Im Rahmen eines Tagesausflugs von Thimpu sei auch noch der Punakha Dzong empfohlen. Fahrten weiter in den Osten Bhutans seien aufgrund der Straßenverhältnisse mit vielen Steigungen und Kurven und entsprechend langer Fahrtdauer nur eingefleischten Bhutan-Fans empfohlen.
Bhutan lässt sich gut mit Indien, Nepal oder dem bereits „unkritisch bereisten“ Bangladesch verbinden. Das gilt insbesondere, da es von Europa aus weder Direktflüge noch Umsteigeverbindungen mit nur einem Stopp in Dubai, Doha oder Abu Dhabi gibt, sondern man normalerweise auf dem indischen Subkontinent umsteigen muss.