18.06.2021

Nestlé erklärt sich für ungesund

Von Detlef Brendel

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Foto: Health Gauge via Flickr / CC BY 2.0

Der Nahrungsmittelkonzern Nestlé will von der staatlich gewünschten Nahrungsmittel- Reformulierung profitieren. Dabei ist die allgemeine Reduktion von Salz, Fett und Zucker ohnehin ein Irrweg.

Der Umfang der Selbstkritik ist auf den ersten Blick entwaffnend. Die Financial Times berichtet über ein internes Papier im Nestlé-Konzern. Über 60 Prozent der eigenen Produkte werden in dem Papier als ungesund charakterisiert. Es drängt sich die Frage auf, warum das Unternehmen die Produkte verkauft statt sie vom Markt zu nehmen. Die einfache Antwort: Nestlé wäre pleite.

Zur Ehrenrettung des Nestlé-Konzerns ist zunächst einmal festzustellen, dass die Annahme, ein Großteil der produzierten Lebensmittel sei ungesund, völliger Unsinn ist. Es gibt keine gesunden oder ungesunden Lebensmittel. Wenn überhaupt ist für die Gesundheit zunächst einmal die gesamte Ernährung eines Menschen verantwortlich und nicht die Cerealien-Packung zum Frühstück. Die Ernährung setzt sich aus einer Vielzahl einzelner Lebensmittel mit einer großen Variantenbreite von Inhaltsstoffen zusammen. Auch diese komplexe Ernährung ist nur ein Aspekt, der zur Gesundheit beiträgt. Was bekömmlich und gesund ist, hängt vom Alter und vom Geschlecht ab, von Blutwerten, möglichen Erkrankungen oder familiären Vorbelastungen. Die Genetik spielt eine wesentliche Rolle. Ganz entscheidend sind der eigene Lebensstil und hier vor allem die Bewegungsfreudigkeit. Sportler oder körperlich beanspruchte Berufstätige brauchen eine andere Ernährung als Bewegungsmuffel.

Die Balance zwischen Kalorienaufnahme und Kalorienverbrauch ist maßgeblich für die Bildung von Übergewicht, wie auch immer man dies individuell definieren will. Und für das physische und psychische Wohlbefinden spielt nicht zuletzt der Genussaspekt beim Essen eine wesentliche Rolle. Die individuelle „kulinarische Körperintelligenz“ ist deshalb bei der Beurteilung von Ernährung wichtiger als die aktuellen Behauptungen von Nestlé-Strategen. Nicht die Produkte, die ohnehin dem hohen Standard der Lebensmittelvorschriften entsprechen müssen, sind ungesund, sondern – wenn überhaupt – ist es der Lebensstil derjenigen, die die Produkte kaufen.

„Die Nutri-Score-Bewertung gibt keine Aussagen zum Gesundheitswert eines Lebensmittels, sondern liefert nur den Vergleich von Produkten innerhalb derselben Produktgruppen.“

Die selbstkritisch anmutende Aussage von Nestlé ist letztlich vor allem ein Angriff auf die Wettbewerber. Wenn ein Großteil der Produkte von Nestlé schon ungesund ist, den Eindruck will man erwecken, dann sind es die Angebote der Konkurrenz sicher erst recht. Da ist vermutlich kein internes Papier durchgesickert, sondern der Start einer Marktkonsolidierung geschickt durchgesteckt worden. Medien haben sich mit der Meldung instrumentalisieren lassen. Die Strategie eröffnet Perspektiven und verschafft dem Vorstand zunächst einmal Luft gegenüber den Aktionären, die Erfolge und Rendite erwarten. Mit der überraschenden Behauptung will man die Basis schaffen, durch Reformulierung der Produkte angeblich gesunde Lebensmittel zu entwickeln, mit denen Nestlé dann seine Macht im Markt weiter ausbauen möchte. Aber auch das hat System. Erinnert sei an das „Lex Nestlé“, das vor fünf Jahren bereits gefordert wurde. Am 18. Februar 2016 behauptete Luis Cantarell, bei Nestlé damals noch verantwortlich für Europa, den Mittleren Osten und Nord-Afrika, im Parlamentarier-Magazin Politico, dass die Rezepturen von Nestlé Standard für gesunde Ernährung in der Lebensmittelwirtschaft sein sollten.

Die angeblich gesunde Nestlé-Strategie begründet er mit der deutlichen Reduzierung von gesättigten Fetten, Zucker und Salz in den Produkten des Unternehmens. Diese Nestlé-Rezepte sollten zur Messlatte der Ernährung werden. Die Politik solle, so Cantarell, mit Leitlinien und Verordnungen dafür sorgen, dass auch die Wettbewerber zu einem mit den Nestlé-Vorstellungen konformen Verhalten gezwungen werden. Damals behauptete Nestlé, allein zu wissen, wie gesunde Nahrungsmittel auszusehen haben. Und weil zu vermuten war, dass diese schlechter schmecken und von den Verbrauchern weniger akzeptiert werden, forderte man die EU auf, ein Lex Nestlé zu schaffen, mit dem verhindert werden sollte, dass Wettbewerber besser schmeckende Nahrungsmittel als Nestlé anbieten. Offenbar hat es Nestlé seither nicht geschafft. Die Produkte schmecken den Kunden immer noch.

Es gibt inzwischen neue Aspekte. Mit dem Nutri-Score, für den sich nicht ohne Grund Konzerne wie Nestlé und Danone stark gemacht haben, ist zumindest eine Waffe der Marktkonsolidierung geschaffen worden. Dem Verbraucher bringt das Essen nach Farben nichts. Wer glaubt, sich mit grün gekennzeichneten Produkten gesund zu ernähren, unterliegt einer Täuschung. Das Max-Rubner-Institut (MRI), eine Forschungseinrichtung im Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, weist auf mögliche Fehlinterpretationen der Ampelfarben hin. Die Nutri-Score-Bewertung gibt keine Aussagen zum Gesundheitswert eines Lebensmittels, sondern liefert nur den Vergleich von Produkten innerhalb derselben Produktgruppen (z. B. Tiefkühlpizzen, Fruchtjoghurts). „Nährwertkennzeichnungsmodelle liefern eine Orientierung für eine ernährungsphysiologisch günstigere Produktwahl, sind aber kein Garant für eine gesunde Ernährung,“ stellt Prof. Pablo Steinberg, Präsident des Max Rubner-Instituts, nüchtern fest. Das MRI empfiehlt ernährungsbewussten Verbrauchern, auch auf die gewohnten Nährwerttabellen auf der Rückseite der Verpackungen zu achten.

„Bei allen Zutaten, die reduziert werden sollen, gilt, dass es nicht Aufgabe des Staates ist, das individuelle Gewichtsrisiko einzelner durch Reglementierung des individuellen Lebensstils vieler zu eliminieren.“

Die Einstufung in grün oder rot trifft keine Unterscheidung zwischen „guten“ und „schlechten“ bzw. gesunden oder ungesunden Lebensmitteln. Mehr noch: Diskutiert werden dirigistische Eingriffe in die Ernährung – vom Nutri-Score bis hin zu paternalistischen Strafsteuern oder Werbeverboten. Bestes Kennzeichen dafür, dass die ideologische Ausrichtung wichtiger ist als wissenschaftlich basierte Tatsachen, liefert das politisch stramme und akademisch wertlose Gutachten „Politik für nachhaltigere Ernährung“ des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE).

In den großen Konzernen gibt es einen hektischen Aktivismus rund um das Thema Reformulierung, der von einschlägigem Regierungsdruck angeheizt wird. Das geschieht nicht im Interesse der Konsumenten, sondern setzt eine gigantische Marketingstrategie von Firmen wie Nestlé und Danone in Bewegung. Allein schon durch die Zugabe von Wasser lässt sich bei Fertigprodukten die Score-Bewertung verbessern. Gebastelt wird in den Laboren an der Reduzierung von Salz, Zucker und Fett, leider wichtige Geschmacksträger. Doch die Strategie der Reformulierung, also von manchem etwas weniger und durch anderes ersetzt, steht auf ernährungswissenschaftlich tönernen Füßen. Es gibt dafür keine evidenzbasierten Erkenntnisse, auch wenn ehrgeizige Ernährungsfachleute diesen Eindruck immer wieder erwecken wollen. Nicht Fett und Zucker machen dick, sondern ein Ungleichgewicht zwischen aufgenommenen Kalorien und zu geringem Verbrauch wegen Inaktivität. Bei allen Zutaten, die reduziert werden sollen, gilt, dass es nicht Aufgabe des Staates ist, das individuelle Gewichtsrisiko einzelner durch Reglementierung des individuellen Lebensstils vieler zu eliminieren.

Und selbst beim Salz, das auch durch Reformulierung der Rezepte verringert werden soll, gibt es jetzt wissenschaftliche Erkenntnisse, dass höherer Salzkonsum eine Verbesserung der Kreislaufreaktionen bei solchen Menschen erzielt, die unter belastenden Bedingungen einen Herzfrequenzanstieg haben. Vielleicht heißt es wie bei dem lange verteufelten Cholesterin in einigen Jahren wieder: Was haben wir denn da für einen Mist erzählt und gemacht.