13.04.2018

Blech im Spiegel

Von Detlef Brendel

Titelbild

Foto: riteshman via Pixabay / CC0

Foodwatch, der Spiegel und andere Medien betreiben aktuell einen Feldzug gegen den Zucker. Dabei schrecken sie vor Verschwörungstheorien nicht zurück.

Das detailliert beschriebene Treffen von Rübenbauern auf ei­nem Acker im niedersächsischen Holtensen macht nach Lek­türe der Titelgeschichte „Süße Sucht“ im neuesten Spiegel (Ausgabe 15, 7. April 2018) den Eindruck eines konspirativen Treffens boshafter Menschen, die das Ende ihrer Mitbürger beschlossen haben. Der aus ihren geernteten Rüben gewonnene Zucker ist für alle er­denklichen Leiden verantwortlich. Autor und Spiegel-Redakteur Jörg Blech entwickelt eine fantasievolle Theorie, um angebliche Kausalbeziehungen zu gestalten. Alles macht der Zucker: Adipositas und Diabe­tes, er verlängert die Wartelisten für Spendernieren, macht blind und ist verantwortlich für rund 40.000 Amputationen im Jahr. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie Fettstoffwechselstö­rungen sollen durch Zucker entstehen und man sieht nach re­gelmäßigem Genuss auch frühzeitig alt aus.

Die Aneinanderreihung von Behauptungen, Vorurteilen und Meinungen ist rekordverdächtig. Die angebliche große Zucker-Verschwörung der Industrie aus den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts wird wieder einmal bemüht. Die renommierte Zeitschrift Science hat im Februar dieses Jahres eine gemein­same Studie von zwei amerikanischen Universitäten publiziert, die sehr detailliert belegt, dass es die Zucker-Konspiration nie gegeben hat. Recherche wäre einem Magazin wie dem Spiegel angemessen gewesen.

Recherche hätte auch bei der zitierten WHO und ihren Empfeh­lungen zum Zuckerverzehr erhellend gewirkt. Die aktuellen Empfehlungen basieren auf rund 70 Jahre alten Zahnstudien aus Japan. In der WHO wurde heftig gestritten (ein Mitschnitt der Sitzung des Executive Boards vom 31. Januar 2015 liegt dem Autor vor), ob man sich mit der Empfehlung nicht als wissenschaftlich unseriös blamiert. Ein Verdacht, den eindrucksvolle Studien zur Kompetenz der WHO deutlich unterstreichen. Der belastbare wissenschaftliche Beweis durch evidenzbasierte Studien, dass Zucker krank (oder übergewichtig) mache, fehlt. Die Ernährungswissenschaft liefert hierzu nur wacklige und widersprüchliche Resultate.

„Stimmungsmacher wollen glauben machen, staatlich verordnete Ernährung wäre die Rettung der Menschen vor ihren individuellen Bedürfnissen.“

Und mit der Spiegel-Story  werden neue Schreckensmeldungen geliefert. Klebriger Zucker wie bei einer verschütteten Limonade verklebt die Blutgefäße. Man möchte ergänzen, dass deshalb Würfelzucker besonders ge­fährlich sei, weil er scharfkantig ist und die Gefäße verletzen könnte. Einem ernsthaften Wissenschaftler wie Stephan Martin, Chefarzt für Diabetologie und Direktor des Westdeutschen Diabetes- und Gesundheitszentrums in Düsseldorf, dem diese klebende Limonaden-Parallele angehängt wird, kann es kaum gefallen, damit in die Annalen der Medizin einzugehen.

Blech führt Versuche an, die unter dem Aspekt der Ethik zweifelhaft und dem der Ergebnisorientierung selbstverständlicher Nonsens sind. Sechs gesunden Männern wird eine Woche Bettruhe mit täglich 6.000 Kilokalorien verord­net. Dass ein solcher Lebensstil zu Gewichtszunahme führt, hätten auch Grundschüler bei „Jugend forscht“ vermutet.

Spätestens in diesem Zusammenhang fällt eine Besonderheit der Blech-Story auf. Der Begriff Bewegung kommt in dem Bei­trag nicht vor. Trotz einer Fülle von Studien zur Relevanz der mangelnden Bewegung für Übergewicht und Krankheiten wie beispielsweise Diabetes und des Herz-Kreislauf-Systems in der sitzenden Gesellschaft fehlt dieses Thema. Autor Jörg Blech müsste es eigentlich wissen. Er hat ein Buch geschrieben, in dem er fordert, die Menschen sollten sich nicht für krank verkaufen lassen, weil sie eigentlich gesünder wären, als man ihnen weismachen will. Und er hat ein weiteres Buch geschrieben, das die Heilkraft der Bewegung thematisiert. Kli­nische Studien, so Blech, beweisen, dass körperliche Bewe­gung hilft, Krankheiten wie Diabetes zu besie­gen oder einem Herzinfarkt vorzubeugen. In seiner aktuellen Kampfschrift kein Wort darüber. Es passt nicht zur Anti-Zucker-Strategie.

Damit degeneriert er den Spiegel zum „Wachturm“ einer Organisation wie Foodwatch. Der Versuch der Missionierung ist gut abgestimmt: Die „Essensretter“ von Foodwatch fordern penetrant die Zuckersteuer und präsentieren am 4. April einen Agitations-Band unter dem Titel „Coca-Cola-Report“. Das weltweite Großkapital, so die Darstellung, treibt die Menschheit in Krankheit und Tod. Am gleichen Tag behauptet die SZ, eine Zuckersteuer würde Deutschland gut tun. An allen medialen Ecken stehen die Stimmungsmacher, die glauben machen wollen, staatlich verordnete Ernährung und paternalistische Konsumsteuerung wären keine Bevormundung, sondern die Rettung der Menschen vor ihren individuellen Bedürfnissen.