26.03.2018

Spendenjäger statt Essensretter

Von Detlef Brendel

Titelbild

Foto: Health Gauge via Flickr / CC BY 2.0

Foodwatch beschwert sich seit Jahren über angeblich zu viel Salz, Zucker und Fett in Lebensmitteln. Die Organisation möchte aber keine staatlichen Höchstwerte, um weiter spendenwirksam Stimmung machen zu können.

Die Frankfurter Rundschau hat Martin Rücker, Geschäftsführer von Foodwatch, am 22. Februar 2018 interviewt. Die Ankündigung im Koalitionsvertrag von Union und SPD, Höchstwerte für Zucker- und Salzanteile in Lebensmitteln festlegen zu wollen, bezeichnet er darin als hyperaktiv und unangemessen. „Rezepturvorgaben halte ich tatsächlich für bevormundend. Ich möchte mir nicht vom Staat die Lebensmittelrezepturen vorgeben lassen. Das geht eindeutig zu weit, es gibt andere Mittel.“ Vor dem Hintergrund der seit Jahren gewohnten Agitationen von Foodwatch, die sich wesentlich auf die angeblich die Gesundheit und das Leben erhaltende Reduzierung von Fett, Salz und Zucker konzentrieren, erscheint diese Aussage sowohl überraschend als auch irritierend. Sie ist aber wohl kaum der Erkenntnis geschuldet, dass es keine sachlichen Grundlagen für eine solche Reglementierung gibt. Die Erkenntnis ist eine andere: Regulierungen in allen Facetten ja – aber nicht so, dass sie die Geschäfte von Foodwatch stören.

Mit der Spendenfreudigkeit der Menschen Geld zu verdienen, ist ein Geschäftsmodell, das zahlreiche NGOs bis zur Perfektion entwickelt haben. Als vermeintlich moralisch oder ethisch besonders hochstehende Organisationen genießen sie dabei großes Entgegenkommen vieler Medien, denen sie mit ihren Skandalisierungen Stoff und Schlagzeilen liefern. In den Medien sind sie die Guten, die angeblich kritisch auf Fehler des Systems hinweisen. Die Front ist definiert. Die Unternehmen der Wirtschaft trachten der Menschheit nach dem Wohl, die nicht in die Strategie der NGOs passenden Teile der Wissenschaft sind korrupt, die Politik ist ignorant und unfähig, der Verbraucher überfordert oder dumm – die Liste der Zeitgeist-Themen lässt sich fantasievoll verlängern. Organisationen, die nichts besser machen, aber alles besser wissen, favorisieren Paternalismus. Sie fordern Umstiege, Einstiege, Ausstiege, Verbote und Regulation. Foodwatch hat für das Geschäft mit der Angst erkannt, dass bei komplexen und sehr differenziert zu betrachtenden Themen die einfachen Behauptungen die erfolgreichsten sind, auch wenn sie nicht der Realität entsprechen.

Der harte Spendenmarkt

Auf dem Markt der Spendengelder herrscht Verdrängungswettbewerb. Wer nicht wie die Deutsche Umwelthilfe durch Abmahnungen oder Industrie-Sponsoring die Vereinskassen füllt, muss umso mehr mit für Skandalisierung geeigneten Themen im freien Spendenmarkt konkurrieren. Ein erfolgreiches und in den Medien kontinuierlich präsentes Unternehmen ist Foodwatch, eine Organisation, die nach den Worten ihres Gründers Thilo Bode Ernährung zu einem politischen Thema gemacht hat. Das unternehmerische Konzept ist gut durchdacht. Man definiert einen thematischen Bereich, in den man nicht viel investieren muss, weil er durch staatliche Kontrollen bereits bestens besetzt ist. Man achtet darauf, dass Sensibilitäten in der Bevölkerung meinungsstark aufgegriffen und Ängste durch einfache Aussagen wie „Immer noch sind viele Kinder zu dick “ geschürt werden können und dass sich ein klares Feindbild entwickeln lässt. So erfindet man die selbst ernannte Organisation zum Schutz des Verbrauchers vor der Ernährungsindustrie, die ihren Kunden angeblich nach Gesundheit und Leben trachtet. Die „Essensretter“ nennen sich die Aktivisten. Verbraucherretter wäre auch vermessen, denn dem Ver­braucher geht es recht gut und er muss von den Spendensammlern nicht gerettet werden.

„Widersprüche haben bei Foodwatch System, wenn das Ziel der Spendenakquise nicht gefährdet werden soll.“

Foodwatch ist ein Meister der Skandalisierung mit damit stets verbundenen Forderungen. Nährwertangaben auf den Nahrungsmitteln sind mal zu lang, mal zu kurz, immer aber irreführend. Informationen wie „aus kontrolliertem Anbau“ oder „artgerechte Tierhaltung“ werden als nichtssagende Verschleierung diskreditiert. Ein Identitätskennzeichen bei Milch- und Fleischprodukten, das bis zum verarbeitenden Betrieb führt, soll keine verständliche Angabe sein, weil ein gut informierter Verbraucher die Details im Internet nachsehen muss. Die gesetzlich vorgeschriebene Schriftgröße bei Pflichtangaben wird als zu klein und ignorant bezeichnet, aber der Name der gemolkenen Kuh soll am besten auch noch auf der Milchtüte stehen. Werbung muss reglementiert, wenn nicht sogar verboten werden. Eine Ampel auf Nahrungsmitteln soll dem Verbraucher signalisieren, was er essen darf oder verschmähen sollte. Weil viele Menschen unbelehrbar sind und sich immer noch die Freiheit herausnehmen, Nahrungsmittel nach ihrem individuellen Geschmack auszuwählen und sogar dem Genuss zu frönen, propagiert man ein System von Strafsteuern. Ein Zusammenschluss aus Diabetes-Vereinen hat ein entsprechendes Steuersystem formulieren lassen, bei dem der Hummer, der offenbar nicht zu den so genannten adipogenen Gerichten zählt, mit einem reduzierten Steuersatz belohnt und der Limo-Trinker mit 29 Prozent Mehrwertsteuer zur Kasse gebeten wird.

Foodwatch und seine Widersprüche

An die neue Bundesregierung richtet Foodwatch acht Forderungen. Dazu gehören verbindliche gesetzliche Vorgaben, die eine angeblich gesunde Ernährung erleichtern sollen, Einschränkungen der an Kinder gerichteten Werbe- und Marketingkommunikation, eine mengenorientierte Sonderabgabe für stark gezuckerte Getränke, damit die Hersteller den Zuckergehalt reduzieren. Wer das fordert, sollte sich doch eigentlich über staatliche Vorgaben bei Rezepturen freuen. Die wären nur logisch, wenngleich grundsätzlich unsinnig. Wer diese allerdings als zu bevormundend einstuft, wie Martin Rücker, sollte auf keinen Fall gleichzeitig Werbeverbote fordern, die in der Tat eine Bevormundung der Menschen sind, weil damit ganz wesentlich in gesellschaftliche Freiheiten eingegriffen wird. Welcher Grad von Verwirrung ist erreicht, wenn stark gezuckerte Getränke mit einer mengenorientierten Sonderabgabe belegt werden, gleichzeitig aber staatliche Rezepturvorgaben als Bevormundung abgelehnt werden?

Widersprüche haben System, wenn das Ziel der Spendenakquise nicht gefährdet werden soll. Im Dezember 2013 schreibt Foodwatch: „Von Dezember 2014 an sind die Hersteller verpflichtet, den Zuckergehalt je 100 Gramm anzugeben – dann können Verbraucher auf einen Blick erkennen, wieviel Zucker in den Produkten steckt.“ Wenn die Kennzeichnung in der Lebensmittelwirtschaft dann umgesetzt wird, ist auch das natürlich wieder nicht richtig, weil verwirrend und nicht ausreichend, um den Verbraucher zu informieren.

„Die Lebensmittelampel führt in die falsche Richtung.“

Im Verbraucherreport 2014 macht Foodwatch am Beispiel Milch transparent, welche Details der Kunde beim Einkauf benötigt: „Wie wurden die Milchkühe behandelt, standen sie auf der Weide oder in Anbindehaltung im Stall? Bekamen sie gentechnisch veränderte Futtermittel? Woher kommt überhaupt die Milch? Das alles steht meistens nicht auf den Produkten.“ Auch die Nährwertangaben nach dem „GDA-Modell (Guideline Daily Amounts, Richtwerte für die Tageszufuhr) dienen nach Meinung der Aktivisten der Irreführung. Kritisiert wird, dass sich die Richtwerte für die Tageszufuhr auf eine durchschnittlich erwachsene Frau mit einem Bedarf von 2.000 Kilokalorien pro Tag beziehen. Die Foodwatcher vermissen analoge Angaben für Männer, für Sportler, für Kinder. Ideal aus Sicht der industriefeindlichen Kritiker wären wohl in braunem Packpapier eingewickelte Produkte mit einem dreiseitigen Beipackzettel. Ob die Kunden zufriedener wären, wenn sie nach einem mehrstündigen Intensiveinkauf erschöpft aus dem Supermarkt kämen, darf angezweifelt werden.

Bei jeder sich bietenden Gelegenheit propagiert das Unternehmen Foodwatch die Nahrungsmittel-Ampel. Der Fokus liegt auf Fett, Salz und Zucker. Für diese Bestandteile in den Nahrungsmitteln glaubt man Höchstwerte definieren zu können, die dem Verbraucher mit der Farbe Grün ein empfehlenswertes Produkt oder mit der Farbe Rot ein bei der Ernährung auf dem Index stehendes Produkt signalisieren sollen. Das macht wenig Sinn, weil die Menschen nicht isoliert von einzelnen Nahrungsmitteln leben und den ganzen Tag nur Konfitüre oder Salzbrezeln essen. Auch ein Mensch, der bewegungsarm vor Videospiel und Fernseher sitzt und dabei grün bepunktete Nahrungsmittel eifrig konsumiert, wird sein Gewicht erfolgreich erhöhen können. Die Ampel führt in die falsche Richtung, weil sie den Verbrauchern suggeriert, für Wohlbefinden und Leibesfülle wären einzelne Nahrungsmittel-Bausteine verantwortlich. Sie versperrt den Blick auf die Notwendigkeit, im Interesse der Gesundheit einen bewegungsarmen Lebensstil durch Aktivitäten zu verbessern. Und nicht zuletzt hat man die Erfahrung gemacht, dass viele Verbraucher bei einer schon praktizierten Ampel-Kennzeichnung in anderen Ländern Nahrungsmittel gerade dann schmackhaft finden, wenn sie einen roten Punkt haben.

Willkür mangels Fakten

Paternalismus hat in der Ernährung, die individuell und selbstbestimmt sein sollte, nichts zu suchen. Niemand braucht den gesetzlich vorgeschriebenen Einheitsbrei. Das hat Foodwatch bislang nicht gehindert, ständig den Gehalt von Zucker, Fett und Salz in der Nahrung zu kritisieren. Der Staat soll doch bitte nach Meinung der Essensretter eingreifen und durch Reglementierung klare Grenzen setzen, statt gemeinsame Sache mit der Industrie zu machen. Warum lehnt diese Organisation gesetzlich festgelegte Höchstwerte jetzt als hyperaktiv, unangemessen und zu bevormundend ab?

„Foodwatch wird weiterhin mit fantasievollen Kampagnen zur Verunsicherung der Verbraucher beitragen.“

Foodwatch skandalisiert und fordert, vermeidet es aber gleichzeitig, Höchstwerte konkret zu definieren. Diese gibt es schlicht auch nicht. Wo sollte der Höchstwert für Fett, Zucker oder Salz bei einem einzelnen Produkt auch liegen, wenn dieses Produkte nur ein Baustein der gesamten täglichen Ernährung ist? Warum sollte ein mit Zucker gesüßtes Müsli am Morgen verwerflich sein, wenn mittags ohne jeden Zucker Lachs gegessen würde, der allerdings wegen seines Fettgehalts wohl ein rotes Ampelsymbol tragen würde? Ernährung ist die individuelle Summe aus einer Vielzahl von Bausteinen, die in eine Balance mit dem jeweiligen Lebensstil, zu dem wesentlich Bewegung und Kalorienverbrauch gehören, gebracht werden muss.

Herr Rücker ist ein guter Unternehmer. Wer durch medienwirksame Angriffe auf die Ernährungswirtschaft und auf eine die Gesundheit ihrer Bürger angeblich ignorierende Regierung Aufmerksamkeit und Spendengelder generiert, braucht Angriffspunkte und Feindbilder. Wie soll die Reglementierung von Fett, Salz und Zucker gefordert werden, wenn es dafür gesetzliche Höchstwerte gibt? Das Unternehmen Foodwatch hätte ein existenzielles Problem, wenn die Unternehmen der Lebensmittelwirtschaft im Rahmen behördlich vorgegebener Rezepturen mehr oder vermutlich weniger schmackhafte Nahrungsmittel zubereiten müssten. Das Ende der Agitation. Selbst Werbeverbote wären für Produkte mit staatlich sanktionierter Rezeptur nicht mehr zu fordern. Der Foodwatch-Geschäftsführer hat mit seiner Ablehnung von gesetzlichen festgelegten Höchstwerten erstens bewiesen, dass er ein weitsichtiger Unternehmer ist und dass es zweitens nicht um die angebliche Rettung des Essens oder der Verbraucher geht, sondern um die erfolgreiche Jagd nach Profilierung und Spendengeldern.

Eigentlich wäre Herrn Rücker in vollem Umfang zuzustimmen, wenn hinter seiner Aussage die Einsicht in die Unsinnigkeit seiner permanenten Forderungen stehen würde. Für gesetzlich festgelegte Höchstwerte von Bestandteilen in der Ernährung gibt es weder sachliche Grundlagen noch wissenschaftlich definierte Grenzwerte. Der Staat hat mit Vorgaben am Mittagstisch nichts zu suchen. Ernährung ist sehr komplex, individuell und für viele Menschen auch mit Genuss verbunden. Und Ernährung ist nur ein Segment des Lebensstils, den jeder für sich in die richtige Balance bringen sollte. Aber das ist sicher nicht die erkenntnisreiche Motivation von Rücker, die ihn staatliche Rezepturen als überzogene Bevormundung ablehnen lässt. Für seine Spendenakquise braucht er auch künftig Angriffspunkte. Foodwatch wird weiterhin mit fantasievollen Kampagnen zur Verunsicherung der Verbraucher beitragen. Orthorexia nervosa, die krankhafte Angst vor vermeintlich ungesundem Essen, wird auch künftig kontinuierlich zunehmen.