09.03.2017

Baumwolle schreibt Geschichte (Teil 2/2)

Essay von Georg Keckl

Titelbild

Foto: JIAYT via Pixabay (barbeitet)

Die neuste Entwicklung beim Baumwollanbau ist gentechnisch verändertes Saatgut. Für die Bauern ist es ein Segen, zeigt ein Blick nach Indien. 

Das ist der zweite Teil eines Artikels zur Baumwolle:

Teil 1: Baumwolle schreibt Geschichte (1/2)

Hybrid-Baumwollzüchtung

Bei Blütenpflanzen, die den weiblichen Stempel und die männlichen Staubgefäße in einer Blüte haben, also bei fast allen, greift man heute zu chemischen und gentechnischen Tricks, um die Mutterblüte für das Hybridsaatgut zu kastrieren und ihre Pollen unwirksam zu machen. Auch die Baumwollblüte hat Stempel und Staubgefäße in einer Blüte. Trotzdem war Indien ab 1970 das erste Land, das hybrides Baumwoll-Saatgut nach dem Verfahren von Chandrakant T. Patel von der Surat Agricultural University großflächig herstellte.

Man kannte die Tricks mit der Gentechnik und der Chemie noch nicht. Dafür gab es viele kleine Finger, die den Mutterblüten per Hand die Staubgefäße ausrissen und später den gewünschten Pollen der Vaterlinie mit einem Pinsel auf die Stempel strichen. 1 Zur Blütezeit der Baumwolle fehlten in den indischen Zuchtregionen viele Kinder in der Schule. Es war ab 1970 ein offenes Geheimnis, dass auf den Feldern der Saatzüchter unter den etwa eine halbe Million Jugendlichen auch ca. 100.000 Kinder unter 15 Jahren arbeiteten. Daran störte sich niemand. Erst als westliche Saatgutkonzerne Ende der 1990er Jahre indische Hybrid-Saatzuchtfirmen aufkaufen durften, die technologisch den Anschluss verpasst hatten, entfachten Umweltorganisationen einen Dauer-Skandal: „Saatgutkonzerne beuten Kinder aus“. 2 Heute braucht man diese Arbeiter kaum noch. Bei den Tochterfirmen westlicher Saatgutfirmen gibt es jedenfalls keine Kinderarbeit mehr. Bei Saatzuchtfirmen in indischem Besitz ist sie durchaus noch verbreitet.

„Baumwolle ist weltweit die Frucht mit dem höchsten Flächenanteil gentechnisch veränderter Sorten“

2003 war schon die Hälfte der Flächen in Indien mit „konventionell kastrierten“ Hybriden bestellt. 3 Zu diesem Zeitpunkt begann gentechnisch veränderte Baumwolle die Felder zu erobern. Inzwischen ist Baumwolle weltweit die Frucht mit dem höchsten Flächenanteil gentechnisch veränderter Sorten.4

Es gibt auf dem Baumwoll-Saatgutmarkt vier Hauptgruppen: Populationssorten ohne und solche mit Gentechnik sowie Hybridsorten mit und ohne Gentechnik. Hybridsorten ohne Gentechnik und Hybridsorten mit Gentechnik haben ähnliche Ertragsniveaus, sie sind höher als die von Populationssorten. Hybridsorten mit eingebauten Genen des Bacillus thuringiensis (Bt-Sorten) werden oft bevorzugt, jedoch nicht wegen höherer Erträge gegenüber Normal-Hybriden, sondern weil sie Fraßinsekten abwehren und so Kosten sparen und Erträge sichern. Es kommt aber jeweils auf das Gesamtpaket an Vor- und Nachteilen an, die bestimmte Züchtungen vereinen, welche Wahl der Pflanzer trifft. Indien fördert trickreich nicht-hybride Bt-Populationssorten indischer Züchter, also „samenechte“ und trotzdem gentechnisch veränderte Baumwollsorten. 5

Als die Gen-Hybridsorten in Indien ab 2002 zugelassen wurden, kamen schnell Horrorgeschichten über ihre Auswirkungen auf. Sie würden die Bauern in die Armut und in den Selbstmord treiben, wurde kolportiert. 6 Wahr ist: Bauern in Indien verarmen durch hohe Pachten und Wucherzinsen und dadurch, dass sie, sobald neue Sorten mehr abwerfen, ihre Minifarmen ständig weiter auf ihre vielen Kinder aufteilen, die keine andere Arbeit und damit keine Existenzgrundlage finden. Nach der Landwirtschaftszählung 2010 gab es in Indien 137 Millionen Bauernhöfe bei einer Durchschnittsgröße von nur 1,16 Hektar. Davon lässt sich eine vielköpfige Familie kaum ernähren. Generell hat die rentablere Bt-Baumwolle das Leben der indischen Kleinbauern verbessert, wie zuletzt eine Studie der Uni Göttingen zeigte. 7

„Seit 2015 ist Indien wieder weltweit der größte Baumwollproduzent“

Seit 2015 ist Indien wieder der größte Baumwollproduzent der Welt. 8 Die Erntemenge hat sich seit 2002 fast verdreifacht. Nach Einführung der Gen-Baumwolle wurde die Anbaufläche von den indischen Kleinlandwirten um 60 Prozent ausgeweitet, da ihnen das „Vorteils-Paket“ der Gen-Hybrid-Sorten gefiel. Die Hektarerträge stiegen um 70 Prozent. Mit ihren geringen Lohnkosten verdrängen Indiens Baumwollfarmer andere Produzenten auf der Welt. Heute sind 95 Prozent der indischen Baumwollfläche mit gentechnisch veränderten Sorten bestellt. 9

Für die Gesundheit der indischen Kleinbauern sind die gentechnisch veränderten Sorten ein Segen. Sie müssen weniger Insektizide versprühen, was meist noch mit kleinen Rückenspritzen erfolgt, die auch die Bauern selbst einnebeln. Die starke Ausweitung der Anbaufläche ist allerdings zweischneidig; sie fördert die schnellere Ausbreitung von Schädlingen.

Die NGOs brachte der Siegeszug der Bt-Baumwolle wegen ihrer früheren Horrorvisionen in argumentative Schwierigkeiten. Gerne wird ein Greenpeace-Artikel zitiert, der die jüngsten Erfolge der Baumwollbauern vor allem auf die „Einführung“ konventioneller Hybridsorten zurückführt 10 – ausgerechnet in dem Land, das bereits seit 1970 Hybridsorten herstellt. Aber es sind nun einmal die Bt-Sorten, die heute diese hohen Erträge halten und die zur Ausweitung der Produktion führten. Ohne den harten Wettbewerb auf dem Saatgutmarkt nach dem Auftreten internationaler Konzerne hätte es diese Erfolge nicht gegeben.

Abbildung 1: Baumwoll-Hektarerträge in kg/ha in den wichtigsten Erzeugerländern und Ägypten ab 1948. Die FAO stützt sich nur auf gemeldete und berechnete Erträge, nicht auf vorläufige oder erwartete (Quelle: ICAC).

Bt-Sorten haben ein oder mehrere Gene aus dem Bodenbakterium „Bacillus thuringiensis“ (Bt) eingebaut. Damit kann gezielt gegen bestimmte Schadinsekten vorgegangen werden. 11 Größter Schädling ist der „Bollworm“, der Baumwollkapselwurm, ausgewachsen ein grauer Schmetterling, weshalb manche Sorten auch „Bollgard“-Sorten heißen. Statt Bt-Pflanzen zu säen, könnte man auch das Bakterium selbst auf die Pflanze spritzen. Es ist als Spritzmittel sogar im Biolandbau zugelassen. Der aus dem Ei geschlüpfte „Wurm“ frisst es, wenn er die grüne Kapsel anbohrt, und stirbt daran. Ist der Wurm aber erst mal in Kapsel, kommt kein außen verspritztes Insektizid mehr an ihn ran. Der Schmetterling vermehrt sich explosionsartig.

„Wie bei Antibiotika wird auch der biotechnologische Pflanzenschutz nach einiger Zeit unwirksam“

Der Nachteil der biotechnologischen Züchtungen ist derselbe wie bei Antibiotika 12, sie werden mit der Zeit unwirksam. Denn Schädlinge unterliegen der Evolution. Sie verändern sich und die, die mit den Abwehrmechanismen der Pflanzen besser zurechtkommen, vermehren sich schneller. Immer mehr werden resistent. So auch beim Bt-Pflanzenschutz. Der Mensch greift in diesen Wettkampf ein, um die Resistenzbildung zu verlangsamen. Jeder Züchter kennt die Anfälligkeiten seiner Linien und forscht ständig daran.

Windmühlenkämpfe

In Zeiten, wo selbst Bio-Baumwolle meist aus Hybridsorten gewonnen wird und die CMS-Technologie zur Erzeugung solcher Bio-Hybridsorten kein Hindernis für ein Biosiegel auf Baumwolle ist 13, mutet der Kampf von Vandana Shiva und ihrer Anhänger gegen Hybride allgemein und Gentechnik-Hybride im Besonderen recht fossil an. Eine verbissene Realitätsferne und Anzeichen eines Verfolgungswahns werden erkennbar, wenn sie den Erfolg der Bt-Baumwollsorten auf ein „Monopol“ von Monsanto zurückführt, wie 2011 in einem Interview in der „taz“. Die Bauern hätten keine Alternative mehr und alle Saatgutkonzerne würden mit Monsanto unter einer Decke stecken 14 – und überhaupt sei die Gentechnik generell gescheitert, so Shiva. Ihre Behauptung, seit 2002 hätten sich 250.000 Bauern wegen des Bt-Hybrid-Saatgutes das Leben genommen, hat die Qualität von „Kindermordgeschichten“. Dann hätten sich in diesem Zeitraum mehr Baumwollfarmer umgebracht, als nach dem National Crime Reports Bureau indische Farmer insgesamt Selbstmord begangen haben. 15 Und wer hält eigentlich die indischen Bauern für so dumm, eine „Todesfrucht" Jahr für Jahr auf immer mehr Flächen anzubauen? Die Geschichte wird ein Urteil fällen über Klugheit und Weitblick der Juroren, die den „Alternativen Nobelpreis“ an Vandana Shiva verliehen haben. Alle Aktionen von Gentechnikbekämpfern und Saatgutromantikern hatten bisher nur mediale Erfolge, keine praktischen bei den indischen Bauern. 16

„Deutsche Supermärkte und Apotheken sind voll von Waren, die mit Gentechnik in Berührung kamen“

In Deutschland hat sich die weiße, graue und rote Gentechnik im Alltag durchgesetzt. Müssten, wie einmal geplant, alle Produkte, die mit Gentechnik in Berührung kamen, ein „Warn-G“ tragen, Supermärkte und Apotheken wären voll von so markierten Waren. Das hat eine plötzliche 180-Grad-Wende der Gentechnik-Gegner verhindert. Mit dem Regierungsantritt von Rot-Grün gaben die Grünen ihren Widerstand gegen die noch ein Jahr zuvor fast einstimmt abgelehnte rote, graue und weiße Gentechnik auf. Im Koalitionsvertrag von 1998 hieß es: „Die modernen Methoden der Bio- und Gentechnologie sind in der Grundlagenforschung und angewandten Forschung weltweit etabliert, ihr Einsatz in der Medizin, wo sie die Entwicklung und Produktion neuer Impfstoffe und Medikamente ermöglichen, findet wachsende Akzeptanz. Die neue Bundesregierung wird die verantwortbaren Innovationspotentiale der Bio- und Gentechnologie systematisch weiterentwickeln.“ 17 Als Anti-Gentechnik-Spielwiese ließ Wahlsieger Gerhard Schröder den Grünen die grüne Gentechnik. 18

Deutschland konnte den Rückstand in der biotechnologischen Industrialisierung trotz vieler neuer Biotechnologieunternehmen bisher nicht aufholen. Noch immer wandern Forscher, Firmen und Arbeitsplätze ab 19, steigt die Importquote. 20 Noch immer gibt es „Feldbefreier“, die mit Sabotageakten die Forschung attackieren. In globaler Hinsicht ist der Fortschritt jedoch nicht aufzuhalten. Denn die deutschen Widerstandskämpfer können nicht ganze Kontinente besetzen und die Pflanzen von Millionen Bauern zerstören. Je präziser man in Zukunft die Eigenschaften der Pflanzen „zuschneiden“ kann 21, desto wahrscheinlicher und zahlreicher werden nützliche Varianten von Pflanzen. Und desto wahrscheinlicher wird eine weitere Wende der Gentechnik-Gegner, diesmal bei der grünen Gentechnik.