02.03.2017

Baumwolle schreibt Geschichte (Teil 1/2)

Essay von Georg Keckl

Titelbild

Foto: pianweizhuannong via Pixabay (bearbeitet)

Seit Jahrtausenden gehört Baumwolle zu den wichtigsten vom Menschen genutzten Rohstoffen. Durch gezielte Züchtung konnten Erträge und Qualität immer weiter verbessert werden.

Baumwolle ist ein Produkt, mit dem wir fast ständig in Berührung sind: sie wärmt und schmückt uns, schützt Wunden, windelt Kinder, ernährt Menschen. Baumwolle gehört zu unserem Alltag. Trotzdem wissen wir wenig von ihr. Dabei verändert die Baumwolle seit mehr als 200 Jahren auch unsere Welt.

Ihre Nutzung durch den Menschen reicht weit zurück. Rund 1000 Jahre, bis ca. 1900, war die Baumwollverarbeitung die wichtigste Industrie der Welt. 1 Vor 220 Jahren entstanden dann die ersten modernen „Fabriken“. Schon lange hat man versucht, ihre natürlichen Eigenschaften zu verbessern. An Baumwolle erprobte Zuchtmethoden sind heute auch für Nahrungspflanzen üblich. Nach Holz ist Baumwolle der bedeutendste nachwachsende Rohstoff. Weltweit werden seit 1951 konstant zwischen 30 und 36 Mio. Hektar 2 bebaut, eine Fläche, die dem Doppelten der deutschen Agrarfläche entspricht. Die Erträge haben sich seit 1951 verdreifacht. Die EU subventioniert den europäischen Anbau auf 300.000 Hektar. 3

Nicht nur Wolle

Baumwolle kann man essen – nicht die Wolle, aber das Öl aus den Samenkörnern, an denen die Wollfäden hängen. In den Anbauländern wird es als günstiges Speise- oder Frittieröl4 und für die Margarineherstellung verwendet. 1961 lieferte die Baumwolle 13 Prozent der Welt-Pflanzenölernte, heute noch 3 Prozent. 5 Ähnlich wie bei der Sojabohne ist es gelungen, die gesundheitlich problematischen Stoffe in den Samen großtechnisch zu beherrschen. 6

An den Rohstoffbörsen werden fünf Produkte aus der Baumwolle gehandelt: Ganze Samen, Wolle, Flusen, Öl und der eiweißreiche Rückstand der Entölung, der Schrot 7, der an Tiere verfüttert wird. 65 bis 85 Prozent des Wertes 8 bringt die Wolle. Die heutigen Sorten stammen von unabhängig voneinander entstandenen Wildarten in Amerika und Asien ab. Die spanischen Eroberer staunten über die gute Qualität der Baumwollstoffe der Azteken und Inkas; sie kannten bis dahin nur die etwas gröberen Stoffe aus Indien. Je länger die Wollfäden sind, desto wertvoller ist eine Sorte. Langhaarige Sorten aus Amerika dominieren heute den Anbau. Edelsorten mit einer Faserlänge von mehr als 32 Millimeter machen heute 8 Prozent der Welterzeugung aus, Sorten mit Fasern von 25 bis 30 Millimeter 90 Prozent.

Der Name „Baum-Wolle“ kam von den bis zu sechs Meter hohen, tropischen Baumwoll-Sträuchern, die mehrjährig Früchte tragen können. Die heutigen Zuchtbaumwollsorten werden jedes Jahr neu gesät. 9 In armen Ländern ist das Reisig der Stauden als Brennmaterial für Küchenherde und Backöfen sehr gefragt.

Industriegeschichte

Die Baumwolle war ursprünglich eine extrem arbeitsintensive Feldfrucht. Die Samenkapseln reifen zeitlich leicht unterschiedlich. Die Ernte muss immer dann erfolgen, wenn die Kapsel gerade geplatzt ist, es muss also mehrmals gepflückt werden. Die Samen, ca. 30 Körner pro Kapsel, wurden früher in Handarbeit von der Wolle getrennt. Jedes Samenkorn wurde festgehalten und das Wollbällchen mit einfachen Holzwalzen abgezogen. Es war eine mühselige Angelegenheit. 13 Arbeitstage waren nötig um ein Pfund Baumwollfäden zu gewinnen. Für eine vergleichbare Menge an Seide brauchte man nur sechs, bei Leinen zwei bis fünf und für Wolle ein bis zwei Tage.

1793 wurde in den USA eine Maschine zur Trennung der Samen von der Wolle erfunden. Zeitgleich setzten sich mechanische Spinnmaschinen und Webstühle durch. Preiswerte Baumwollstoffe lösten nun in Europa zunehmend die kratzige Wolle ab. Die Schafhaltung und der Anbau von Flachs, aus dessen Stängelfasern Leinen hergestellt wird, wurden unrentabel, ihre Flächen für die Ernährung frei. Kleine Heimwerker und Weber, viele Hirten und Schafhalter stürzte der Wandel in Not, wie Gerhard Hauptmann es in dem Sozialdrama „Die Weber“ 1892 beschrieb.

„In Deutschland hat die Textilindustrie seit 1970 rund 90 Prozent der Beschäftigten und Betriebe verloren“

Die Textilindustrie auf Baumwollbasis schuf neue Arbeitsplätze und formte Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts ganze Stadtlandschaften in den Industrieländern. Auch Frauen wurden dadurch in die kommerzielle Arbeitswelt integriert. Vor rund 50 Jahren begann sich das Blatt zu wenden. Die Textilindustrie, vom indischen Subkontinent über England nach Europa gekommen, wandert über Südeuropa und die Türkei wieder zurück in den asiatischen Raum. In Deutschland hat diese Industrie seit 1970 rund 90 Prozent der Beschäftigten und Betriebe verloren. 10

Deutschland ist der zweitgrößte Textilimporteur der Welt, aber zugleich immer noch der drittgrößte Textilexporteur. Ständigen Innovationen, Spezialprodukten wie Teppichböden oder technischen Textilien, hohen Qualitätsstandards und der Suche nach Exportmärkten für diese Produkte verdankt die deutsche Textil-und Bekleidungsindustrie, dass es sie noch gibt.

Mit den Kunstfasern trat 1937 ein neuer Konkurrent auf den Plan. Lange war ihnen Baumwolle im Tragekomfort überlegen. Inzwischen ist die Synthetikfaser-Produktion doppelt so hoch wie die von Baumwolle. 11 Vor allem Kunden in Industrieländern kaufen Hochtechnologie-Kunstfasern oder Mischgewebe, deren Tragefreundlichkeit erheblich verbessert wurde. Baumwolle hat zu kämpfen, nicht zum Stoff der Armen und Umweltignoranten zu werden.

Denn der Baumwolle werden nicht nur seit 200 Jahren unfaire Arbeitsbedingungen angelastet, sondern heute zusätzlich auch Umweltschäden. Jeder Regen während der Erntezeit kann eine Qualitätsverschlechterung der Wolle bringen. Deshalb wurde die Baumwolle für den Bewässerungsanbau in frostfreien, fast regenlosen Gebieten außerhalb der Tropen interessant, etwa in Turkmenistan, Usbekistan und Kasachstan. Die Bewässerung mit Flusswasser aber trocknet in Zentralasien den abflusslosen Aralsee langsam aus. Der Indische Ozean wird dagegen nicht austrocknen, wenn im größten Anbaugebiet der Welt dem Indus oder dem Ganges mehr Wasser entzogen wird, um Baumwollfelder zu bewässern.

Kolonial- und Sozialgeschichte

Die ab dem Ende des 18. Jahrhunderts schnell wachsende Weltbevölkerung brauchte exponentiell mehr Stoffe. Zugleich wuchs der Bedarf an Nahrungsmitteln. Dank billiger Import-Baumwolle konnten in Europa Schafweiden und Flachsfelder in Kartoffeläcker umgewandelt werden. Für die Versorgung mit Textilien arbeiteten die Armen in Indien und die Sklaven auf Haiti und in den USA. Die Baumwolle beförderte so auch das Kidnapping von Menschen in Afrika und ihre Verschleppung als Sklaven nach Amerika.

„Die amerikanische Wirtschaft hatte mit der Sklaven-Baumwolle Weltgeltung erlangt“

Zwischen 1815 und 1860 bestand die Hälfte der US-Ausfuhren aus Baumwolle. Die amerikanische Wirtschaft hatte mit der Sklaven-Baumwolle Weltgeltung erlangt. 12 Europa wurde zum wichtigsten Absatzmarkt für Baumwolle. Die englische Baumwollindustrie, die 1850 drei Millionen Menschen beschäftigte, befürchtete allerdings eine zu große Abhängigkeit von der US-Baumwolle und erkannte früh die Instabilität einer Sklavengesellschaft. Besser erschien ihr der Anbau im eigenen Kolonialreich, vor allem im traditionellen Baumwollland Indien.

Im 17. und 18. Jahrhundert hatte Indien Baumwollstoffe nach England exportiert. Reichen Europäern gefiel der Tragekomfort indischer Stoffe. Mit der Mechanisierung der Baumwollverarbeitung, hohen Zöllen für indische Stoffe nach England (10 bis 72 Prozent) und niedrigen für englische Stoffe nach Indien (3,5 bis 5 Prozent) 13 zerstörten die Kolonialherren die indische Produktion; Millionen Handwerker, Weber und Spinner, wurden arbeitslos. Nun sollte Indien wieder Baumwolle für England anpflanzen, diesmal im großen Plantagen-Stil, wogegen sich die Inder lange und trickreich wehrten.

Erst über eine Bodenreform mit der Abschaffung der „Allmende“, des Gemeinschaftseigentums der Dörfler an Land, mit der Vervierfachung des Baumwollpreises während des amerikanischen Bürgerkrieges 1861-1865 und einem zunehmenden Anteil an langfaserigen Sorten produzierten immer mehr indische Grundbesitzer und arme Pächter, oft in ihre Dörfer zurückgekehrte ehemalige Weber und Spinner, das Produkt in der gewünschten Exportqualität.

„Mahatma Gandhi wandte sich in der Handspinnbewegung gegen 100 Jahre englische Textil- und Kolonialpolitik“

Die einfachen, selbstgesponnenen und selbstgewebten Baumwollbahnen, in die der indische Freiheitsheld Mahatma Gandhi sich hüllte, seine „Handspinnbewegung“, waren dann ein Protest gegen 100 Jahre englische Textil- und Kolonialpolitik. Die erste Flagge der provisorischen Regierung des Freien Indien zeigte in der Mitte der Nationalfarben noch ein reales Spinnrad als Symbol des Strebens nach wirtschaftlicher und politischer Unabhängigkeit.

Weniger widerborstig gab sich Ägypten. Das Land war nicht nur wegen der Verbindung nach Indien für die Kolonialmacht England interessant. Es war auch der bedeutendste Baumwollproduzent im Osmanischen Reich mit der weltweit besten Langfaserqualität aus dem Bewässerungsanbau. Wie Indien wurde Ägypten ab 1838 durch erzwungene Zollsenkungen auf englische Textilien auf die Rolle des Rohstofflieferanten zurückgeworfen 14; 1882 wurde es schließlich offiziell annektiert. Um 1920 wuchs Baumwolle auf 40 Prozent der bewässerten Fläche Unterägyptens, hauptsächlich im Nildelta. Heute spielt sie in dem dichtbesiedelten Land mit geringer Selbstversorgung an Lebensmitteln keine große Rolle mehr. 15

Nutzpflanzen sind „Kunstpflanzen“

Rund 95 Prozent der Baumwollerzeugung in Indien basieren heute auf gentechnisch veränderten Sorten. Gentechnik-Gegnern und Saatgut-Romantikern ist das ein Dorn im Auge. Meldungen über Millionen von Kleinbauern „unter der Knute raffgieriger Konzerne wie Monsanto“ und Berichte über angeblich Hunderttausende von Selbstmorden wegen Verschuldung durch überteuertes Saatgut treffen in diesen Kreisen auf offene Ohren und willige Multiplikatoren. Kaum jemand weiß, dass Indien selbst seit Jahrzehnten an der Entwicklung moderner Zuchtmethoden mitgewirkt hat.

Alle Pflanzen, die wir für unsere Ernährung oder als Rohstofflieferanten nutzen, sind letztlich „künstlich“. 16 Der Mensch erhält einen höheren Ertrag, eine bessere Verdaulichkeit und geringere Ernteverluste bei der pflanzlichen Kost nur über höchst pflegeaufwändige „Kunst“-Pflanzen. Je besser die Pflanzen an die Bedürfnisse von Mensch und Vieh angepasst wurden, je leistungsfähiger sie wurden, umso weniger überlebensfähig sind sie jedoch in der freien Natur. Manche Pflanzen entstanden gänzlich auf dem Reißbrett der Züchter, wie der Weizen-Roggen-Bastard Triticale.

„Es ist eine absurde Vorstellung, ein Bauer könnte Zuckerrüben ‚züchten‘“

Die Erfolge der Züchtungsarbeit sind beeindruckend. Die Welt-Ackerfläche hat sich seit 1961 lediglich um 11 Prozent erhöht. 17 Es sind allein die höheren Erträge, die heute 4 Milliarden Menschen mehr satt machen als damals. 18 Jene Zeiten mit großen Hungersnöten werden heute zwar gelegentlich als eine Epoche „guter, vielfältiger, regional angepasster bäuerlicher Landsorten“ idealisiert. Aber die Zeiten der Landsorten sind weltweit vorbei, bei uns seit mehr als 150 Jahren. Es ist eine absurde Vorstellung, ein Bauer könnte Zuckerrüben „züchten“ 19, Raps in Salatölqualität oder virenresistente Gersten- und Kartoffelsorten. Der Beitrag der Verkünder dieser „Sortensouveränität“ zur Ernährung der Menschheit führte bisher nur zu geringeren Erträgen bei höheren Preisen und noch höheren Subventionen, ist also eher eine Gefahr für die Ernährung einer wachsenden Menschheit. 20 In Indien ist vor allem Vandana Shiva durch die Verklärung alter Sorten berühmt geworden. Der Rummel um sie erinnert fatal an Bhagwan und seine Jünger.

Die Pflanzenzucht ist schon lange kein optisches Aussortieren und Kreuzen der gewünschten Eigenschaften von Pflanzen mehr. Das Auge des Züchters ist heute präzisen Laborwerten und der Wahrscheinlichkeitsrechnung untergeordnet. Dabei entdeckt man unter anderem den recht widersprüchlichen, kuriosen Effekt, dass im Extremfall eine Kreuzung aus zwei hässlichen, degenerierten Inzuchtlinien die schönsten Kinder gebiert. Die Bastarde solcher Elternkrüppel – man nennt sie Hybride – sind dann besser und einheitlicher als die Kinder edler einheitlicher Populationssorten! Das liegt am sogenannten Heterosis-Effekt. 21

Hybride sind „Einmalkreuzungen“, deren Samen nicht wiederverwendet werden kann. Ihre Nachkommen spalten sich nach den Mendelschen Gesetzen wieder in viele „Krüppel“ auf. Für die Saatzüchter sind Hybride deshalb ein sicheres Geschäft. Für den Bauer ist es sinnlos, von seiner Ernte etwas für die nächste Aussaat aufzuheben. Er muss jedes Jahr frisches „Hybridsaatgut“ kaufen, will er möglichst 100 Prozent gleiche und gleich vorzügliche Früchte auf dem Feld haben. Hybridsaaatgut ist viel teurer als das von Populationssorten, also muss sich das in der Ernte rechnen, sonst kauft es keiner. Das ist besonders für Gemüse, einschließlich Bio-Gemüse 22, interessant, wo eine Pflanze wie die andere sein sollte.

Bei der Herstellung von Hybriden gibt es ein Problem: Fast alle Blütenpflanzen haben die männliche Pollenträger und den weiblichen Stempel in einer Blüte vereint und befruchten sich selbst. Bei der Hybridzucht muss das verhindert werden, es dürfen exklusiv nur Pollen der zweiten Inzuchtlinie zur Befruchtung auf die Stempel der Mutterlinie kommen. Den ersten Erfolg hatte diese neue Züchtung deshalb bei Mais. Die Samen baumeln in der „Fahne“ in der Spitze der Pflanze, die dicken weiblichen Kolben sitzen auf halber Höhe der Stängel. Bei Populations-Maissorten rieseln die Samen von der „Fahne“ mit dem Wind auf die Kolben ringsum. Schneidet man die Fahne ab, ist die Pflanze kastriert. Bei der Hybrid-Züchtung steht deshalb alle fünf Meter eine Reihe ungeköpfter Vaterpflanzen, die alle weiblichen Kolben der Mutterlinie ringsum bestäuben. Die Kolben der Vaterpflanzen gehen auf den Müll, bzw. ins Futter, die der geköpften Mutterpflanzen liefern die gewünschte Bastard-Hybride. Weil das beim Mais so einfach ist und schon lange praktiziert wird, gibt es heute nur noch Hybrid-Maissaatgut.

Das ist der erste Teil eines Artikels zur Baumwolle:

Teil 2: Baumwolle schreibt Geschichte (2/2)