17.12.2008

Vandana Shiva und indische Selbstmorde

Analyse von Hans-Jörg Jacobsen und Thomas Deichmann

Wir haben es in den letzten Jahren wiederholt hören müssen: In Indien haben angeblich „tausende von Bauern wegen der ‚Gen-Baumwolle‘ Selbstmord begangen“. Überdies seien „Schafe und Ziegen nach dem Fressen von Stroh der ‚Gen-Baumwolle‘ qualvoll verendet. Derlei Schreckensbotschaften werden seit Jahr und Tag von der selbst ernannten „Jeanne d‘Arc“ Indiens, Vandana Shiva kundgetan. Weiter verbreitet werden sie von einer Protestindustrie, die Gentechnikkritikern wie ihr immerzu neue Foren und Podien bietet – vor allem in Europa und Deutschland, wo Angstbotschafter auf zahlreiche Anhänger stoßen.

Wir haben es in den letzten Jahren wiederholt hören müssen: In Indien haben angeblich „tausende von Bauern wegen der ‚Gen-Baumwolle‘ Selbstmord begangen“. Überdies seien „Schafe und Ziegen nach dem Fressen von Stroh der ‚Gen-Baumwolle‘ qualvoll verendet. Derlei Schreckensbotschaften werden seit Jahr und Tag von der selbst ernannten „Jeanne d‘Arc“ Indiens, Vandana Shiva kundgetan. Weiter verbreitet werden sie von einer Protestindustrie, die Gentechnikkritikern wie ihr immerzu neue Foren und Podien bietet – vor allem in Europa und Deutschland, wo Angstbotschafter auf zahlreiche Anhänger stoßen.

Zuletzt war Shiva im Mai 2008 Gast auf dem vom Evangelischen Entwicklungsdienst mit organisierten Forum „Planet Diversity“ (www.planet-diversity.org) im Stresemann-Institut in Bonn. Mit angereist waren ihr Landsmann Periyapatna V. Satheesh sowie indische Videofilmerinnen. Laut Satheesh hatten die Frauen das indische Elend dokumentiert. Die Bilder, die sie zeigten, waren grausam: Dünne Männer, die sich in dürren Bäumen aufgehängt hatten, verendete Ziegen, denen Blut aus dem Maul tropfte, weil sie angeblich das Stroh von „Gen-Baumwolle“ gefressen hatten. Entsprechend waren Entsetzen und Betroffenheit im überwiegenden Teil der Bonner Zuhörerschaft groß.
 
Einige Monate später sollte sich auch dieses Horrorszenario in Verbindung mit der Grünen Gentechnik als fabriziert und haltlos erweisen. Das renommierte Washingtoner „International Food Policy Research Institute“ (www.ifpri.org) unter der Leitung von Joachim von Braun untersuchte die Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt. Im Oktober 2008 wurde der IFPRI-Bericht „Bt Cotton and Farmer Suicides in India. Reviewing the evidence“ vorgelegt und die Vorurteile entkräftet. In der Zusammenfassung der Studie heißt es:
 
„Wir zeigen erstens, dass es laut den vorliegenden Daten in den letzten fünf Jahren keine Hinweise auf ein ‚Wiederaufleben‘ von Selbstmorden indischer Landwirte gibt. Zweitens finden wir, dass die Bt-Baumwolltechnologie in Indien insgesamt sehr effektiv gewesen ist… Drittens zeigt unsere Analyse klar, dass Bt-Baumwolle weder eine notwendige noch eine hinreichende Voraussetzung für das Auftreten von Bauernselbstmorden ist. Im Gegenteil dazu haben hierfür wohl viele andere Faktoren eine bedeutende Rolle gespielt.“ (IFPRI Discussion Paper 00808, October 2008, http://www.ifpri.org/pubs/dp/IFPRIDP00808.pdf)
 
Eingeräumt wird in dem Bericht, dass die Begleitumstände der Einführung von Bt-Baumwolle in einigen Regionen und je nach Anbausaison mitunter auch zu enttäuschenden Ergebnissen führten. Doch von der Darstellung einer Bauern, Ziegen und Schafe tötenden Technologie ist nichts übrig geblieben. Eine Richtigstellung oder Entschuldigung ihrer Protagonisten fehlt bis heute – auch von der Süddeutschen Zeitung, die im November 2006 mit der Reportage „Wer später stirbt, ist länger arm“ reichlich Stimmung und die „genmanipulierte Saat“ für das Verderben der Felder und Bauernselbstmorde verantwortlich machte. „Es wäre humaner, das Land zu bombardieren“, war in der Überschrift zu lesen (SZ, 4.11.06, S.3). Über die positiven Auswirkungen der Nutzung modernen Biotechnologien in Indien gibt es mittlerweile eine ganze Reihe seriöser und unabhängiger Studien, die im Internet leicht zu recherchieren sind.