01.07.2008

„Hohe Erträge sind gut für die Natur!“

Interview mit Jesse Ausubel

Über vernünftige Prioritätensetzungen bei der Sicherung unserer Energie- und Nahrungsversorgung.

Heinz Horeis: Sie erforschen Probleme der menschlichen Umwelt. Meistens enden derartige Untersuchungen mit pessimistischen Ausblicken auf eine düstere Zukunft. Sie scheinen allerdings ein Optimist zu sein. Worin unterscheidet sich Ihre Sicht der Dinge?

Herr Prof. Ausubel: Seit den frühen 90er-Jahren forsche ich unter dem Leitthema „Kann Technologie die Erde bewahren?“. Eine der ersten Fragen, die ich zusammen mit dem Agronomen Paul Waggoner untersucht habe, war: Wie viel Land können zehn Milliarden Menschen für die Natur erübrigen? Die mit einer wachsenden Menschheit verbundenen Umweltprobleme, so das positive Ergebnis, lassen sich durch eine klügere Nutzung von Energie, Rohstoffen und Wasser lösen. Bis zum Jahr 2100 wird die Menschheit ihren Fußabdruck in Bezug auf Land- und Forstwirtschaft voraussichtlich halbieren. Damit wird es möglich, der Natur wieder mehr Raum zu geben und zu dem zu kommen, was wir „große Wiederherstellung von Natur“ (great restoration of nature) nennen.

Wie wollen Sie das erreichen?

Durch hohe Erträge. Hohe Erträge sind der beste Freund der Natur. Eine ertragreiche Landwirtschaft lässt mehr Raum für Löwen und Tiger, für Wälder und Feuchtgebiete. Das gilt auch für Energie. Verdoppeln wir bei Kraftwerken den Wirkungsgrad von 35 auf 70 Prozent, brauchen wir weniger Flächen und Rohstoffe und haben mehr Platz für die Natur. Ebenso bei Bau- und Werkstoffen. Wenn wir leichter bauen oder „dematerialisieren“, wird die Natur weniger belastet. Erreichen wir den gleichen Nutzen mit weniger Eisen, Stahl oder Stickstoff, ist dies ein Vorteil für die Umwelt.

Damit dürfte doch jeder übereinstimmen ...

In der Umweltforschung gibt es ein starkes Ungleichgewicht. Energie effizient zu nutzen, findet enormes Interesse. Doch darüber, wie man Land, Rohstoffe und Meere effektiv nutzt, zerbrechen sich nur wenige den Kopf. Die Energieversorgung hat einen Gesamtwirkungsgrad von nur etwa fünf Prozent. Da liegen die großen Möglichkeiten auf der Hand. Sehr ineffizient werden aber auch Land, Wasser und Materialien genutzt. Umweltgruppen machen sich für Energieeffizienz stark, kümmern sich aber wenig um die Rohstoffeffizienz. Und ihre Haltung gegenüber der Nutzung von Land und Meeren ist in einigen Fällen schon kriminell: Durch die starke Förderung der erneuerbaren Energien dehnt der Mensch sich in erschreckendem Maße weiter in die Natur aus.

An was denken Sie dabei?

Biotreibstoffe sind extrem rückschrittlich, ebenso wie Windenergie. Windenergieanlagen liefern durchschnittlich ein bis zwei Watt pro Quadratmeter. Sie beanspruchen deshalb immense Flächen und benötigen enorme Mengen an Beton und Stahl. Schneisen werden durch Wälder geschlagen und viele Kilometer an Straßen gebaut, um den Zugang zu jedem einzelnen Windrad zu ermöglichen.
Solarzellen sind potenziell besser, aber haben mit nur sechs bis sieben Watt/m2 immer noch sehr geringe Erträge. Um eine Stadt mit erneuerbarer Energie zu versorgen, ist eine Fläche erforderlich, die einige 1000- bzw. 10.000-mal größer ist als die Fläche, die Erdgas- oder Kernkraftwerke benötigen.

Sie legen sehr viel Wert darauf, Land sinnvoll zu nutzen.

Ich messe den Wert, den eine Technologie für die Umwelt hat, in den meisten Fällen in Quadratmetern oder Leistungsdichten. In der Landwirtschaft interessieren mich Bauern, die hohe Erträge bei geringen Nebenwirkungen erzielen, sei es mithilfe genetisch veränderter Organismen oder durch den hohen Einsatz an menschlicher Arbeit. In Japan und China beruhen die hohen Erträge vor allem darauf, dass pro Quadratmeter sehr viel menschliche Arbeit investiert wird. Wenn Menschen bereit sind, die Arbeit zu leisten und dabei hohe Erträge erzielen, ist es mir recht. Es ist auch in Ordnung, wenn andere Gesellschaften auf Technologie setzen. Allerdings sind Strategien, die zur Senkung von Erträgen führen (wie es bei einigen Formen organischer Landwirtschaft der Fall ist), vom Standpunkt der Natur aus gesehen grundsätzlich schlecht. Denn in einer Welt von 6,4 Mrd. Menschen, die auf vielleicht 10 bis 20 Milliarden wachsen wird, wäre eine Rückkehr zu niedrigeren Erträgen ein immenser Fehler. Geringere Erträge pro Hektar führen zu tiefen Einschnitten in die Natur, um den menschlichen Bedarf zu decken. Mehr Menschen mit einem höheren Lebensstandard bedeuten eine höhere Nachfrage nach Nahrungsmitteln. Deshalb dürfen unsere Hauptstrategien nicht Lösungen nur für eine kleine Gemeinschaft bieten. Sie müssen auf einen großen Markt übertragbar sein.

Angesichts Ihrer Sorge um die Natur sollte man annehmen, dass Sie Teil des grünen Lagers sind. Tatsächlich aber scheinen Sie von vielen grünen Ideen nicht viel zu halten.

Manchmal wundern sich Leute, dass ich mich mit Magnetbahnen und Kernenergie ebenso befasse wie mit Forstwirtschaft und Fischerei. Ich sehe beides im Zusammenhang. Ich wünsche mir große, prosperierende Gesellschaften, die möglichst wenig Schadstoffe abgeben und viel Land und Meer für die Natur erübrigen können. Viele grüne Ideen sind altmodisch und können nur im Maßstab einer ländlichen Familie funktionieren. Will man aber Fleisch oder Spinat für eine Milliarde Chinesen bereitstellen, muss man fragen, wie sich im Durchschnitt sehr hohe Erträge erzielen lassen. In der Energieversorgung ist Erdgas besser als Öl oder Kohle, da jedes Kilogramm Gas mehr Joules und weniger Kohlenstoff enthält. Letztlich wird das Energiesystem durch die hohen Verbrauchsdichten in den Städten angetrieben, in denen inzwischen die Mehrheit der Menschen lebt. Hohe Verbrauchsdichten lassen sich am schonendsten mit hohen Leistungsdichten in der Energieerzeugung decken. Deshalb ist die Kernenergie, die den geringsten Bedarf an Fläche und Material hat, enorm attraktiv.

In Deutschland geht es derzeit in die andere Richtung: Der Ausstieg aus der Kernenergie ist beschlossen, überall schießen Windräder aus dem Boden, und auf immer mehr Feldern wächst Raps für Biotreibstoffe.

Nicht nur in Deutschland wird Landschaft zerstört, um sogenannte grüne Energie zu erzeugen. Das ist ein Irrweg. Wind und Sonne werden die benötigten großen Mengen an Kilowatt nicht bereitstellen können. Wirtschaftlich werden diese Energiequellen in den kommenden zwei Jahrzehnten scheitern. Gut, wir sind eine reiche Gesellschaft. Wir können es uns erlauben, Geld zu verschwenden. Das passiert überall. Aber der Gesellschaft hinterlässt man ein bedauerliches materielles Erbe und eine weiträumig zerstörte Landschaft. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem wir wohlhabend genug sind, unsere Städte schön und lebenswert zu machen, ohne deren Hinterland zu verwüsten.

Früher galt für erneuerbare Energie das Motto „small is beautiful“. Ein paar Sonnensammler auf dem Dach und ein Windrad im Garten sollten komplexe Großkraftwerke ersetzen. Inzwischen sind Windräder riesig und beanspruchen, ebenso wie Solarzellen und Biotreibstoffe, mehr und mehr Fläche.
Geräte müssen kleiner werden, aber nur, wenn sie gleichzeitig leistungsstärker werden. Der Grund ist einfach: Die Zahl der Dinge wird durch Millionen von Benutzern vervielfacht. Für die Informationstechnologie gilt „small is beautiful“; Computer und Telefone werden fortwährend kleiner und leistungsstärker. Das lässt sich von Windrädern nicht sagen. Diese werden zwar immer größer, aber ihre Leistungsdichte bleibt klein. Klein multipliziert mit vielen Nutzern bringt bei den erneuerbaren Energien ein sehr großes, sich stetig ausdehnendes, hässliches und destruktives System hervor.

Nach Plänen deutscher Produzenten von Wind- und Solaranlagen soll ein „Supergrid“ (ein viele Tausend Kilometer umfassendes Stromleitungsnetz) riesige Windindustriegebiete in der Nordsee, im Mittelmeer, in Russland und in Kasachstan mit Wasserkraftwerken und Pumpspeichern in Norwegen und in den Alpen und großen Solarenergiefarmen in der Sahara und auf dem Sinai verbinden und Europa mit Strom versorgen. Halten Sie ein derartiges Projekt für machbar?

Ein Supergrid unter der Erde, bestehend aus supraleitenden Stromkabeln und einer gekühlten Rohrleitung zum Transport von Wasserstoff, macht Sinn. Doch die Energiequellen, die Sie erwähnen, passen nicht dazu. Eine immense, durch nichts zu rechtfertigende Infrastruktur aus Masten und Leitungen wäre erforderlich, um die verstreuten Energiehäppchen einzusammeln und in den 10-Gigawatt-Energiefluss zu bündeln, wie ihn zum Beispiel die Stadt New York benötigt.

Wie sicher wäre ein solches System?

Ein solches System hätte, neben den schon erwähnten Mängeln, einen weiteren großen Nachteil, um den sich seltsamerweise niemand zu sorgen scheint: Unter Bedingungen des Klimawandels sind vom Klima abhängige Energiequellen wie Sonne, Wind und Biomasse die unzuverlässigsten und anfälligsten Energieformen. Wie verlässlich sind Wasserkraftwerke und Pumpspeicher in Norwegen oder den Alpen, wenn es dort aufgrund des Klimawandels weniger regnet? Es dauert lange, Wasserbauten zu errichten, und sind sie einmal vorhanden, bleiben sie lange erhalten, wie man an den römischen Wasserleitungen sieht. Was ist, wenn die Sahara wieder grün wird und sich der Himmel über der Wüste bewölkt? Welchen Ertrag werden Solaranlagen unter diesen Bedingungen liefern? Milliarden von Euro in das Sammeln von Energie aus dem heutigen Klima zu investieren ist risikoreich. Noch risikoreicher ist es, Milliarden zu investieren im Hinblick auf ein Klima von 2050, das wir nur aufgrund unvollkommener Modelle kennen. Vielleicht weht der Wind dort nicht, wo man Windmühlen errichtet hat. Vielleicht ist dort zu wenig Sonne, wo man Solarfarmen gebaut hat. In einer Treibhauswelt sind die sogenannten Erneuerbaren eine Formel für Unsicherheit und Instabilität.

Sie arbeiten auch auf einem Gebiet namens Industrie-Ökologie. Im öffentlichen Bewusstsein gelten Industrie und Ökologie als etwas sehr Verschiedenes, wenn nicht gar Gegensätzliches. Wie bringen Sie beides zusammen?

Die Ökologie von Natur und Industrie teilen grundlegende Ideen des systematischen Recycelns und Wiederverwendens von Stoffen. Im Lauf von vier Milliarden Jahren hat die Ökologie der Naturrecycling-Systeme entwickelt – etwa in den Ozeanen: Nährstoffe werden in die Meere geschwemmt und liefern Nahrung für Plankton und Krill. Von diesen leben Fische und Wale. Ganz unten auf dem Meeresboden ernähren sich Mikroben von den herabrieselnden organischen Rückständen der Tierwelt über ihnen. Im Verlauf der industriellen Entwicklung der vergangenen 200 Jahre hat der ständig wachsende Wohlstand dazu geführt, dass Industrie und Gesellschaft die Lehren aus der Biologie vergessen haben. Eine unangemessen große und unnötige Kategorie von Abfall hat sich aufgebaut. Letztlich geht es der Industrie-Ökologie um die Wirtschaft als ein System, das erstens weniger Abfall erzeugt und zweitens diesen Abfall in einer für die Wiederverwendung geeigneten Form bereitstellt. Die Menschen betreiben einen großen Aufwand, um neue Rohstoffe zu gewinnen. Dabei finden sich viele dieser Rohstoffe in geordneter und konzentrierter Form in der menschlichen Umgebung, vor allem in den Städten.

Was lässt sich verbessern?

In unserer Gruppe haben wir versucht herauszufinden, welche Barrieren eine effiziente Nutzung von Stoffen verhindern. Zum Beispiel sind „Abfall“-Stoffe meist nicht ausgezeichnet. Man weiß nicht, wo sie sich befinden oder dass sie überhaupt existieren. Fehlende Information ist ein weiteres Hindernis. Da hilft Informationstechnologie; das Internet schafft Märkte, die es vorher nicht gab. Nehmen Sie eBay: Leute verkaufen (und recyceln somit) alle möglichen Dinge, die früher zu klein oder zu billig waren, um sie auf den Markt zu bringen. Für Juwelen gab es schon immer einen globalen Markt, für Postkarten nicht. Heute ermöglicht das Internet, dass Märkte zusammenwachsen und einen globalen „Flohmarkt“ bilden. Solche Märkte sollten auch für andere Abfälle und Nebenprodukte entstehen, die eine moderne Gesellschaft erzeugt, aber nicht recycelt. Früher haben Menschen überall nach Wert in Dingen gesucht, die für andere Abfall waren. In armen Gesellschaften geschieht dies auch heute noch. Alle möglichen Dinge werden dort aussortiert und wiederverwendet. Reichen Gesellschaften ist der im Abfall steckende Wert gleichgültig. Industrieökologen wünschen sich eine starke Verringerung der Abfallmengen und – unter Ausnutzung heutiger Hightech-Informationsflüsse – einen starken Anstieg beim Recycling.

Würde das nicht bedeuten, dass man die Menschen dazu erzieht, achtsamer mit Ressourcen umzugehen?

Technologien sind wirkungsvoller. Der Mensch verändert sein Verhalten ungern. Denken Sie an das Rauchen oder die vielen übergewichtigen Menschen, deren Zahl nicht nur in den USA, sondern auch in anderen Ländern immer mehr zunimmt. Die Leute wissen, dass Rauchen und übermäßiges Essen schädlich sind. Dennoch rauchen sie und essen sie zu viel. Technische Lösung sind meist einfacher. Sicherheitsgurte für Autos einzuführen ist einfacher, als das Fahrverhalten zu ändern. Die Vorstellung, wir müssten nur das Verhalten der Menschen ändern, um Umweltprobleme zu lösen, ist ein Traum. Nicht alle Menschen können und wollen buddhistische Mönche werden, die sich mit einem Paar Sandalen und einer Schale Reis begnügen.

Es ist viel die Rede davon, dass der Mensch die Erde „übernutze“. Würde jeder Mensch auf der Welt so leben wie die Menschen in den Industrieländern, so heißt es, dann bräuchte man zwei oder drei Erden. Kommen Sie zu ähnlichen Schlüssen?

Die Annahmen bestimmen die Schlussfolgerungen. Geht man davon aus, dass die doppelte Anzahl von Menschen auf der Erde lebt und ein dreimal höheres Bruttosozialprodukt pro Kopf erzeugt, nimmt man weiterhin an, dass diese reicheren Menschen die gleichen Autos wie heute fahren würden, dann wären Verbrauch und Nebenwirkungen enorm. Unter heutigen Gesichtspunkten hätten wir das Sechsfache an Umweltproblemen. Nehmen wir jedoch an, dass gleichzeitig die Effizienz durch Magnetbahnen, LED-Beleuchtung oder clevere Gentechnik wächst und der Bedarf an Nahrung und Energie sich auf einem bestimmten Niveau einpendelt, dann sollte man die Herausforderung bewältigen können. Volkswirtschaften der Zukunft, einschließlich der amerikanischen, werden davon profitieren, dass wir lernen, wie man Güter und Dienstleistungen mit höheren Erträgen und mit weniger Abfall bereitstellt.

Der Klimawandel spielt in der öffentlichen Debatte eine große Rolle und wird als Begründung herangezogen, um die erneuerbare Energien auszubauen. Ist es zwingend zu sagen, wir haben den Klimawandel, deshalb benötigen wir erneuerbare Energien?

Emission von Treibhausgasen in die Atmosphäre lassen sich vor allem auf drei Wegen senken. Erstens durch Effizienz. Zweitens durch die Verbrennung von Erdgas in sehr großen (fünf Gigawatt) Nullemissions-Kraftwerken mit CO2-Abtrennung, wie sie unsere Gruppe beschrieben hat. Derartige Kraftwerke könnten den Wirkungsgrad heutiger Kraftwerke verdoppeln. Entscheidend hierbei ist die Größe: Emissionen lassen sich viel einfacher zurückhalten, wenn man wenige große Kraftwerke anstelle von vielen kleinen Kraftwerken hat. Drittens Kernenergie. Kernkraftwerke können genügend hohe elektrische Leistung und Wasserstoff bereitstellen, damit die Menschheit ihren Ölverbrauch senken kann. Öl trägt heute ein Drittel zu den CO2-Emissionen bei. Effizienz, Erdgas und Kernenergie zusammen bilden die Lösung der Klimafrage.

Und die Erneuerbaren?

Sie werden scheitern! Ich hoffe, dass bis dahin nicht zu viel Geld in sie investiert wird. Ich hoffe, dass die Umweltschäden durch die weitere Vergewaltigung von Landschaft und Lebensräumen durch Bioenergie, Windmühlen und Solarfarmen nicht zu groß werden. Ich hoffe, dass die Menschen früher oder später wieder zu Verstand kommen. Die Geschichte spricht leider dagegen; menschlicher Irrglauben kehrt ewig wieder – sei es in der Tulpenmanie der 1630er- oder im Dot.com-Boom der 90er-Jahre.

Muss Klimawandel notwendigerweise schlecht sein?

Für Menschen ist ein wärmeres Klima nicht notwendigerweise schlecht. In den USA, Kanada oder Frankreich zieht es die Menschen vor allem in den Süden, wo es trocken und warm ist. Phönix und Las Vegas sind die am schnellsten wachsenden Städte in den Vereinigten Staaten. Bevor es Klimaanlagen gab, galten diese Regionen als rau und kaum bewohnbar. Jahreszeitlich bedingt, zieht es auch viele Bewohner Nordeuropas nach Süden – nach Tunesien, ans Rote Meer oder auf die Kanarischen Inseln. Ob sich das Klima wandelt oder nicht – die Menschen „stimmen“ für wärmeres Wetter. In Ländern wie China oder Thailand hängt der wirtschaftliche Boom eng mit der Verbreitung von Klimaanlagen zusammen. Menschen leben heute bei guter Gesundheit und wirtschaftlicher Blüte in Klimaregionen, die lange als unwirtlich und wirtschaftlich unattraktiv galten. Um den Klimawandel sorge ich mich nicht deshalb, weil angeblich mehr Menschen an Malaria erkranken oder ihr Lebensstandard sinken könnte. Der Stern-Bericht, der große wirtschaftliche Verluste aufgrund des Klimawandels vorhersagt, ist Unsinn. Ich sorge mich darum, dass das an Natur, was noch nicht menschlichem Druck ausgesetzt ist, jetzt unter Druck geraten könnte. Wenn sich Niederschläge und Temperaturen verändern, verschieben sich die Lebensräume von Pflanzen und Tieren. An die Stelle vorhandener Ökosysteme treten andere, die besser an das geänderte Klima anpasst sind. Das muss natürlich nicht negativ sein. Mit höheren Niederschlägen in der Sahara könnten dort wunderschöne neue Lebensräume entstehen. Meine konservative Haltung kommt daher, dass mir bestimmte Lebensräume ans Herz gewachsen sind – etwa die prächtigen, großen Wälder im Norden des Staates New York. Wird es trockener, verschwinden dort die Ahornbäume und damit die wunderschönen Farben des Herbstes.

Sie lieben offensichtlich die Natur. Sind Sie aus diesem Grund gegen „erneuerbare“ Energie?

Die Erneuerbaren sind nicht grün, und Biotreibstoff ist kriminell. Wir sollten weniger Land landwirtschaftlich nutzen, wir sollten weniger Wälder abholzen, und wir sollten weniger in den Ozeanen fischen. Aus der Geschichte weiß man, was Biotreibstoff für die Energiewirtschaft bedeutet – vor allem in Europa, wo die Menschen jahrhundertelang Millionen von Pferden und Zugtieren benutzten. Zwischen einem Viertel und einem Drittel des Landes diente dazu, den „Biotreibstoff“ für Pferde und Ochsen zu erzeugen. Heute bräuchte man für einen BMW mehrere Hektar an Ackerfläche, und das zu einer Zeit, wo es möglich wäre, Teile des Ackerland an die Natur zurückzugeben. Wird anstelle von Mais oder Soja Switch-Gras für die Treibstoffproduktion angepflanzt, bedeutet das, in Analogie zum Abbau von Kohle, den Abbau von fruchtbarem Boden. Ein Farmer, der Mais als Nahrungsmittel anbaut und die Halme unterpflügt, belässt organisches Material im Boden. Switch-Gras soll hingegen bis auf das letzte Gramm in die Biotreibstofffabriken gehen. In zehn bis zwanzig Jahren wird dann der größte Teil dessen, was den Boden fruchtbar macht, verschwunden sein. Hier wird der Boden auf eine Art ausgebeutet, die Bauern schon vor Hunderten von Jahren aufgegeben haben. Allgemein gilt: In der Größenordnung von Gigawatt, wie sie insbesondere für China, Indien oder andere bevölkerungsreiche Gesellschaften erforderlich sind, führen erneuerbare Formen an Energie, sei es aus Biomasse, Wind, Sonne oder Wasser, Wellen oder Gezeiten, zur Zerstörung von Natur.

Wieso finden sich derartige Überlegungen kaum in der öffentlichen Diskussion?

Aus Wissenschaftskreisen kommt zunehmend Kritik, vor allem an der Produktion von Biotreibstoffen. Aber Menschen sind nicht rational. Warum spielen sie Lotto? Sie hoffen auf eine Lösung, letztlich durch Zauberei, denn die Chancen für einen Millionengewinn sind extrem gering. Ebenso ist die Begeisterung für die Erneuerbaren zu einem großen Teil Glaube an Zauberei. Die Menschen sind es leid, seit 30 Jahren ständig von Problemen der fossilen Brennstoffe und der Kernenergie zu hören. Alles, was anders ist, scheint besser. Die Menschen wollen glauben. Es geht aber um große Summen an Geld, nicht zuletzt vom Steuerzahler. Sollte man da nicht mehr Rationalität in der Politik erwarten? Politik ist vor allem symbolisch, und der Wille zur Macht ist unabhängig von der Ideologie. Die meisten Politiker machen das, von dem sie glauben, dass es ihre Macht erhält. Wenn die Förderung erneuerbarer Energie im Volk ankommt, werden Politiker diese so lange zu ihrer Position machen, bis sie nicht mehr haltbar ist. Politiker sind nicht rational. Letztlich aber bin ich zuversichtlich, dass die Menschen wieder einen vernünftigen Weg zur Dekarbonisierung nehmen werden: durch höhere Effizienz, Methan und Kernenergie.