26.01.2018

Umweltschutz vom Kopf auf die Füße stellen

Rezension von Christoph Lövenich

Titelbild

Foto: Mohit Singh via Unsplash

Der Ökomodernismus schlachtet heilige Kühe der vorherrschenden Umweltbewegung. Ein Buch von Marco Visscher u.a. zeigt, wie Mensch und Technik die Natur voranbringen.

Atomkraft ist gut für die Umwelt. Grüne Gentechnik auch. Und Wirtschaftswachstum sowieso. Wer sich so äußert, läuft in Deutschland schnell Gefahr, für verrückt erklärt zu werden. Der neue Ökomodernismus, der Umweltschutz anders denkt, dürfte hierzulande auf mehr grünes Betondenken stoßen als andernorts. Immerhin liegt das „Ecomodernist Manifesto“ von 2015 auch in deutscher Übersetzung vor.

Bei unseren westlichen Nachbarn ist im vergangenen Jahr ein ganzer Sammelband erschienen, in dem Ökomodernisten aus den Niederlanden und Flandern ihren Ansatz vertreten. Als Herausgeber des Buches mit dem Titel „Ecomodernisme: het nieuwe denken over groen en groei“ lautet (dt. etwa: „Ökomodernismus. Neues Denken über Umwelt und Wachstum“) fungieren Marco Visscher (Novo-Lesern als Autor und vor allem Interviewer bekannt) und Ralf Bodelier. Insgesamt sieben Autoren aus dem niederländischen Sprachraum, fast alle (Wissenschafts-)Journalisten, verleihen ihrer Vision Nachdruck: Kein Gegeneinander-Ausspielen von Mensch und Umwelt, aber auch kein romantisches Verlangen nach einer illusionären Harmonie.

Von wirtschaftlichen Verbesserungen für den Menschen können und sollen auch Fauna und Flora profitieren. Das Buchcover zeigt ein Foto Hongkongs, die Website zum Band im Hintergrund New York City mit seinem Central Park. Denn statt wie viele Ökos auf die Verklärung des Landlebens setzen sie auf die Großstadt als Lebensraum, in dem der Mensch sich prächtig entfalten kann – schon alleine durch die bessere Infrastruktur –, in dem aber auch Natur gedeihen kann, auf neue Weise. Weniger Verkehrsbelastungen, weniger Energieverluste und weniger Flächenverbrauch als auf dem Land kommen hinzu. Generell lässt effizienteres menschliches Wirtschaften zugleich mehr Platz für Natur an anderer Stelle.

„Die westliche Obsession mit Nachhaltigkeit und Klimaschutz verhindert die Verbesserung der Lebensbedingungen in der Dritten Welt.“

Denn die Ökomodernisten wollen durchaus den Raum für vom Menschen ungestörte und unbelastete Umwelt erweitern. Da allerdings hören die Gemeinsamkeiten mit der gängigen Öko-Bewegung schon fast auf. Das eigentliche Hindernis für eine gedeihliche, zukunftsträchtige Entwicklung von Mensch wie Natur ist, wie bei der Lektüre des Buches deutlich hervortritt, das quasireligiöse Öko-Denken vorherrschender Prägung und die ineffiziente, gar kontraproduktive Umweltpolitik, beides von Lobbyorganisationen aus dem „grünen“ Bereich beeinflusst.

So führt Bio-Landbau zu unnötigem Flächenbedarf und setzt problematische „natürliche“ Gifte ein, während die „ökologische Intensivierung“ des Agrarsektors Platz sparen würde. Mit Hilfe der grünen Gentechnik lässt sich Landwirtschaft effizienter gestalten, wie überhaupt der Einsatz innovativer Technik große Potentiale für den Umweltschutz birgt. So verhindert die westliche Obsession mit Nachhaltigkeit und Klimaschutz die Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen in der Dritten Welt, die auch der Natur zugutekäme. Beispielsweise bringt die deutsche Energiewende nicht nur unzuverlässige Energieversorgung und eine Umverteilung von Arm nach Reich mit sich, sondern auch ökologische Nachteile, bei Biomasse wie bei der schlechten CO2-Bilanz von Sonnen- und Windenergie.

In vier Kapiteln (Energie, Landwirtschaft/Ernährung, Natur, Armut/Entwicklung) mit je vier Texten befassen sich die Autoren einzeln oder zu mehreren mit einer großen Bandbreite an Themen. Kritisch anmerken ließe sich, dass der Band dem Bereich Mobilität – der zunehmend unter ökologischen Gesichtspunkten diskutiert wird – kaum Aufmerksamkeit schenkt. Nach eigener Aussage verteilen sich die parteipolitischen Präferenzen der Mitwirkenden in viele Richtungen. Sie sehen den Ökomodernismus jenseits von links und rechts, betrachten sich aber als „Enkel der Aufklärung“, wie Bart Coenen und Marco Visscher im Nachwort schreiben. Das vorherrschende, religiöse Öko-Denken wollen sie durch rationales ersetzen. Von liberalen Strömungen grenzen sie sich dadurch ab, dass sie ein stark gestaltendes und investierendes Staatseingreifen befürworten. Zugleich sprechen sie sich allerdings für mehr Naturschutz durch die Nutzer (wie Bauern und Fischer) statt durch Ökoorganisationen und Bürokratien aus.

„Natürliche Grenzen sind in erster Linie ein ‚gesellschaftliches Konstrukt‘.“

Von dem der Aufklärung zugerechneten Philosophen Rousseau grenzt man sich aber scharf ab, sein bekannter Ausspruch „Alles, was aus den Händen des Schöpfers kommt, ist gut; alles entartet unter den Händen des Menschen“ stand schließlich Pate für den naturalistischen Fehlschluss der Mainstream-Ökos, alles Natürliche sei automatisch gut – und umgekehrt. Rypke Zeilmaker greift im Buch den „immer noch populären Mythos des natürlichen Gleichgewichts“ und den „weltanschaulichen Charakter der Wildnis-Ideologie“ an. Nach deren – z.B. im Dritten Reich einflussreicher – Vorstellung dient die unberührte Natur als Metapher für den von der Moderne unverdorbenen Menschen, der sein Heil in der Primitivität suchen soll.

Die bei Novo u.a. von Daniel Ben-Ami und Peter Heller geäußerte Kritik am Ökomodernistischen Manifest trifft für den Sammelband nur teilweise zu. Ausdrücklich sprechen sich die Autoren für „materielles Wachstum für jeden“ aus und räumen Armutsbekämpfung Priorität vor Naturschutz ein. Sie wollen Reichtum statt nachhaltigkeitsorientiertem Verzicht, „eine Ökologie des Überflusses statt einer Ökologie der Knappheit“. Sogar Ben-Amis Anliegen, wieder auf Francis Bacons Ruf nach menschlicher Naturbeherrschung zu hören, schließen sie sich an. Nur gelegentlich fehlt die letzte Konsequenz: Der Klimawandel gilt ihnen zwar als untergeordnetes Problem, bei dem viel postfaktische Angstpropaganda interessierter Lobbys betrieben wird, während die Zunahme von CO2 dem Pflanzenwachstum zum Vorteil gereicht – aber „eine Dekarbonisierung der Wirtschaft“ streben auf sie lange Sicht doch an. Sie halten vegetarische Ernährung nicht für ökologisch bzw. moralisch geboten – möchten die Viehzucht aber auf Böden beschränken, der für Ackerbau nichts hergeben. Dabei mögen Nuancenunterschiede zwischen verschiedenen Mitwirkenden des Bandes eine Rolle spielen.

Einigkeit besteht jedenfalls in der Zurückweisung ökologistischen Grenzendenkens. Natürliche Grenzen (wie etwa sog. planetare) sind in erster Linie ein „gesellschaftliches Konstrukt“. Die obsessive Beschäftigung der Umweltbewegung mit vermeintlicher Rohstoffknappheit steht in langer Tradition von Vorhersagen über ein Versiegen von Steinkohle, Öl usw., aber in deutlichem Kontrast dazu, dass alle diese Vorhersagen in schöner Regelmäßigkeit vollkommen an der Realität zerschellt sind. Ökomodernisten vertrauen darauf, dass sich auch in Zukunft wieder Lösungen finden werden, dass der Erfindungsreichtum und die Kreativität der Menschen sich weiterhin Bahn brechen.

„Keine einzige Art musste wegen der Klimaveränderungen des letzten Jahrhunderts aussterben.“

Und je mehr Menschen dazu beitragen, desto besser, wie der Zusammenhang von Bevölkerungsentwicklung und Lebensqualität zeigt. Das seit Thomas Malthus populäre Schreckensszenario einer vorgeblichen Überbevölkerung lehnen die Ökomodernisten ab. Seit Jahrhunderten widerlegt, geistert dieses misanthropische Denken durch die globalen Eliten und hat der Menschheit Elend wie Zwangssterilisierungen und die chinesische Ein-Kind-Politik beschert.

Im Gegensatz zu den herkömmlichen grünen Untergangspropheten gibt der Ökomodernismus sich optimistisch und weist auf die großen Fortschritte im Umweltschutz hin (mehr Wälder, mehr Grün). „Die Umweltbewegung kultiviert Angst.“ Und: „Wer sein Geld mit dem Predigen von Unheil verdient, hat natürlich auch ein Interesse daran, Probleme aufrechtzuerhalten.“ Dazu gehört z.B. das Zetern über angeblich schrumpfende Biodiversität. Hier – und bei den anderen Themen – wissen die Autoren mit Informationen gegenzuhalten: In den letzten 500 Jahren ist die Artenvielfalt bei den meisterforschten Tier- und Pflanzenarten nur um 1 Prozent zurückgegangen, keine einzige Art musste wegen der Klimaveränderungen des letzten Jahrhunderts aussterben. Zeilmaker sieht bei der modischen Hysterie um Artenvielfalt viel Schummelei mit Daten am Werke.

Das reaktionäre Ökotum, nicht zuletzt in Deutschland, bedarf dringend einer modernen Alternative. Die Zukunftstechnologien wie Atomkraft, Fracking oder die grüne Gentechnik gegen ihre hysterischen Gegner verteidigt. Die Klimapolitik, Glyphosatverbot, ökologischen Fußabdruck und andere Steckenpferde absattelt und stattdessen auf technologischen Fortschritt, materielles Wachstum sowie neue Ideen setzt. Eine bessere Umwelt ist möglich – mit dem Menschen im Mittelpunkt und dem traditionell-grünen Ballast in der Mottenkiste.