13.11.2015

Ökomodernismus: Wie aus Armutsbekämpfung Baumschutz wurde

Von Brendan O’Neill

Grünes Denken von der Begrenzung des Menschen durch die Natur steht im absoluten Widerspruch zu den Traditionen aufklärerischen und linken Denkens. Die Bekämpfung sozialer Probleme wird hintangestellt, kritisiert Brendan O’Neill. Das gilt auch für den Ökomodernismus

Umweltschützer werden von ihren Kritikern gerne „Wassermelonen“ genannt. Denn Umweltaktivisten seien außen grün, aber im Inneren rot. So erscheinen sie uns als fidele Ökofreaks, verbergen aber hinter ihrer Fassade einen politisch roten Kern. Sie planen den Umsturz des Kapitalismus und seine Ersetzung durch eine sozialistische Weltregierung. Meiner Meinung nach ist es das infantilste Argument, das solche Kritiker hervorbringen. Ich lehne den Begriff „Wassermelone“ aus zwei Gründen ab.

Zum einen schmeichelt er den Grünen. Es macht sie zu Revolutionären des 21. Jahrhunderts, die die Welt auf den Kopf zu stellen drohen. Nichts könnte von der Wahrheit weiter entfernt sein: Umweltschutz ist die konservativste Ideologie unserer Zeit. Er dämonisiert die Eroberung der Natur und predigt Selbstbeschränkung. Seine Parole lautet nicht „Revolution“, sondern „Vorsicht“. Sein Konservatismus äußert sich im ständigen Kampf gegen Veränderungen. Besonders erkennbar wird dies beim Kampf gegen den Klimawandel, aber auch beim Kampf gegen den wirtschaftlichen Wandel in Afrika, wo man stattdessen eine nachhaltige Entwicklung präferiert – also Armut statt Industrialisierung.

Grüne sträuben sich auch gegen grundlegende Veränderungen im Westen, wo der Umweltschutz das Vorsorgeprinzip eingeführt hat, wo er die Kerntechnik-Revolution, die Gentechnik-Revolution und andere potentielle Fortschritte für die Menschheit behindert. Eine Bewegung, die so allergisch auf Veränderung reagiert, kann nicht im selben Atemzug mit Rot genannt werden. Radikale Linke haben eine Generalüberholung angestrebt, während die Grünen alles unter Kontrolle behalten wollen – die menschliche Gier bändigen, die menschliche Wirtschaftsbetätigung zügeln und die menschliche Fortpflanzung begrenzen.

„Umweltschutz ist die konservativste Ideologie unserer Zeit“

Des Weiteren halte ich den Begriff „Wassermelone“ für ungeeignet, weil er den Standpunkt der Umweltschutzbewegung verfehlt. Diese steht nämlich nicht für etwa für eine Fortführung der radikal linken Politik der Vergangenheit, sondern eher für deren Niedergang. Die letzten linken Ideale, die große Massen der Menschheit vom frühen 18. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts inspiriert haben, werden zu Grabe getragen. Grüne erheben die Bedürfnisse der natürlichen Welt über die Bedürfnisse der Menschheit. Meiner Meinung nach stellt das eine vollständige Abkehr von der progressiven Weltanschauung der letzten 200 Jahre dar.

Obwohl sich Personen unterschiedlichster politischer Überzeugungen an Umweltschutzkampagnen beteiligten, werden sie generell der politischen Linken zugeordnet. Das erscheint mir sehr kurios, weil die Linken und der vorangegangene Humanismus aus der Überzeugung entstanden sind, dass die Menschheit sich nicht vor der Natur verneigen, sondern sie entmystifizieren und humanisieren sollte, um so die Welt in einen ungefährlicheren und fruchtbareren Ort zu verwandeln. Von der Aufklärung über Francis Bacons Ausspruch, dass wir „der Natur ihre Geheimnisse entlocken“, bis hin zu Trotzkis Appell an die Menschheit zu einer „tiefgreifenden und stetigen Verbesserung der Natur“ rief die Aufklärung die Menschheit dazu auf, die Natur zu erobern. Sie verweigerte sich der Vorstellung von natürlichen Grenzen des Erreichbaren.

Umweltschutz betreibt das genaue Gegenteil. Er besteht auf natürlichen Begrenzungen, überwacht und bestraft die Überschreitung dieser Grenzen. Die fortschrittliche Linke entstand nicht unwesentlich als Angriff auf die Vorstellung, dass Armut ein Naturzustand sei. Sie hat argumentiert, dass Armut und Mittellosigkeit nicht in irgendeiner Natur liegen, sondern soziale Probleme sind – und von der Menschheit lösbar.

Schauen wir nur, wie Karl Marx Thomas Malthus attackiert hat. Malthus zählte zu den ersten Grünen. Er behauptete, dass die natürlichen Ressourcen begrenzt seien und es deshalb nur eine bestimmte Anzahl an Menschen geben könne. Überbevölkerung habe massenhaften Hungertod, Plagen, die Pest und Ähnliches zur Folge. Reine Panikmache – und sehr dem Unfug ähnlich, den die Grünen heutzutage verbreiten. Marx drosch auf Malthus ein. Er beschrieb seine Argumente als „Beleidigung für die menschliche Rasse“.

„Über Jahrzehnte galten Progressiven die Probleme der Menschheit als soziale und nicht als natürliche“

Würde man diese Vorstellung von der natürlichen Knappheit akzeptieren, hätte die Armut eine natürliche Grundlage, die auch der Sozialismus nicht abschaffen könnte. Mit dieser Argumentation gab Marx den Ton für die nächsten 100 Jahre fortschrittlichen Denkens an. Über Jahrzehnte galten Progressiven die Probleme der Menschheit als soziale und nicht als natürliche. Dann kamen die Grünen daher und brachten alles durcheinander mit ihrem Beharren auf der Annahme, dass jedes Problem naturbezogen sei – eine Folge natürlicher Grenzen und unseres Versagens, diese zu respektieren. Ausdrücklich sagen sie, dass wir das fortschrittliche Ziel vom Ende der Armut zurückstellen und stattdessen Mutter Erde beschützen müssen.

Der Begründer des Ökomodernismus, Mark Lynas, meint: „Der Kampf für Gerechtigkeit zwischen den Menschen muss nachrangig gegenüber dem Kampf für das Überleben einer intakten und funktionierenden Biosphäre sein.“ [1] Anders ausgedrückt dürfe der Kampf gegen Armut und menschliches Leid erst an zweiter Stelle kommen, damit man sich um Bäume und Tiere kümmern kann. Diese Unmenschlichkeit ist atemberaubend.

Betrachten wir die Reaktion auf die neuen nachhaltigen Entwicklungsziele der UN. Meiner Meinung nach gehen diese Ziele längst nicht weit genug, um über Industrialisierung Gegenden wie Afrika zu ermöglichen, einmal so komfortabel zu werden wie z.B. Amsterdam. Den Grünen jedoch gehen sie zu weit und sind zu sehr am Wachstum orientiert. Eine Artikelüberschrift im Guardian schlug sogar vor, dass wir nicht mehr „arme Länder ‚entwickeln‘“, sondern stattdessen „reiche Länder ‚rückentwickeln‘“ sollten. [2] Vergessen wir also die Hungernden und Mittellosen, denn deren Probleme sind nur eine Folge dessen, dass der Mensch ins natürliche Gleichgewicht pfuscht, und wir können nicht viel dagegen machen.

„Ökobewegungen naturalisieren soziale Probleme und Armut“

Der Kontrast zwischen dem fortschrittlichen Denken früher und den grünen Misanthropen heute wird deutlich, wenn wir Äußerungen der revolutionären britischen Suffragette Sylvia Pankhurst und des elendsprophetischen Öko-Schriftstellers George Monbiot miteinander vergleichen. Pankhurst beschrieb den Sozialismus als „Hohelied des Überflusses“, Monbiot definiert den Umweltschutz hingegen als „Kampagne nicht für mehr Überfluss, sondern für mehr Entbehrungen“. Hier zeigt sich, wie rückschrittlich Ökobewegungen sind. Sie stehen nicht nur der Gentechnik, Atomkraft oder Kohleverstromung im Weg. Sie tragen das fortschrittliche Denken überhaupt zu Grabe. Sie naturalisieren soziale Probleme und Armut. Sie ermutigen die Menschheit, nicht nach sozialen Lösungen wie Wirtschaftswachstum zu streben, sondern nach „natürlichen“ – wie die Afrikaner einer beschränkten „Bio“-Existenz zu überlassen oder die Zahl der Kinder zu begrenzen, um nur ein paar der grotesken neomalthusianischen Ansätze anzuführen. Damit soll mangelnder Fortschritt entschuldigt werden. Die selbsternannten Linken bringen also Entschuldigungen für die Armut vor, die die politische Linke mal beenden wollte.

Das ist das zentrale Problem mit der neuen Bewegung des „Ökomodernismus“. Sie will das Ökodenken technikfreundlicher machen und ihm einen neuen Anstrich verpassen. Dadurch wird das politische Hauptproblem außer Acht gelassen: dass es die Politik verwindet, dass es zur Zerstörung der fortschrittlichen Idee von der menschlichen Herrschaft über die Natur beiträgt, einer Herrschaft, die Entwicklung durch Vernunft, Forschung und auch Ausbeutung, ja: Ausbeutung der Natur, verfolgt.

Ökomodernisten wollen an die Erfolge der Umweltbewegung anknüpfen. Aber deren einziger Erfolg besteht darin, den letzten Nagel in den Sarg von 300 Jahren humanistischen Denkens zu schlagen. Darauf sollten wir nicht aufbauen, sondern wir sollten die Umweltbewegung kritisieren und ihre tiefgreifende Unmenschlichkeit anprangern, genauso schonungslos wie Marx einst Malthus’ Menschenverachtung verurteilt hat.