05.06.2026

Krieg und Haltung

Von Kolja Zydatiss

Titelbild

Foto: Sabrina Johnson via Wikicommons / US-Regierungsarbeit

Die Debatte um die Balkankriege war von Vereinfachungen und der Ausgrenzung von Dissidenten wie dem Autor Peter Handke geprägt. Heute ist dieses Muster zur Norm geworden, argumentiert ein neues Buch.

Während des Kalten Krieges nahm die Sozialistische Bundesrepublik Jugoslawien wegen ihrer Distanzierung von Sowjetkommunismus und Planwirtschaft, ihrer Zusammenarbeit mit dem Westen, ihrer föderal-dezentralen politischen Struktur sowie der für einen sozialistischen Einparteienstaat ungewöhnlich weitreichenden Freiheiten und Mitbestimmungsrechten der Bevölkerung einen Sonderstatus ein. Ab den 1960er Jahren, so der Eindruck des Journalisten und Autors Thomas Deichmann, schien das Land „auf dem Weg in eine moderne, von zivilisatorischen westlichen Werten geprägte, aber sozialistisch geführte Gesellschaft mit einem hohen Maß an Gleichberechtigung und Selbstbestimmung von Frauen, wachsenden Einkommen, einem sehr lebendigen Kunst- und Kulturbetrieb“.1

Ein Vorzeigestaat kollabiert

Umso entsetzter waren der Novo-Mitgründer und viele andere Beobachter, als der multiethnische und multireligiöse bisherige Vorzeigestaat mit dem Wahlspruch „Brüderlichkeit und Einheit“ ab 1989 zu zerfallen begann, mündend in einer Reihe blutiger Sezessions- und Bürgerkriege mit insgesamt 140.000 Toten.

„Deichmann und Handke gerieten mit einem westlichen Mainstream aneinander, der zunehmend einseitig, moralisierend und intolerant argumentierte.“

Als investigativer Journalist und Begleiter auf mehreren Reisen in den Balkan mit seinem Freund, dem österreichischen Schriftsteller und späteren Literaturnobelpreisträger Peter Handke, erlebte Deichmann den Zerfall Jugoslawiens hautnah mit. In Deichmanns neuer zweibändiger Buchveröffentlichung „Durch Jugoslawien im Roten Peugeot“ (Wieser Verlag, Februar 2026) geht es um diese Reisen und darum, wie sich Deichmann und insbesondere der weltbekannte Literat und Intellektuelle mit slowenischen Wurzeln Handke plötzlich im Zentrum einer medialen, politischen und teilweise sogar vor Gericht ausgefochtenen Kontroverse wiederfanden. Als Experten für Geschichte und Kultur der Region und Kenner der Lage vor Ort waren sie mit ihren Stellungnahmen zu Jugoslawien und der aus ihrer Sicht problematischen Rolle des Westens beim gewaltsamen Zusammenbruch dieses einmaligen Staatenprojekts mit einem westlichen Mainstream aneinandergeraten, der in dieser Frage zunehmend einseitig, moralisierend und intolerant argumentierte – mit gravierenden Folgen sowohl für die Menschen auf dem Balkan als auch für die Debattenkultur in den westlichen Demokratien, die bis heute nachwirken.

Eine unrühmliche Rolle spielte der Westen Deichmann zufolge bereits in den 1980er Jahren, als die von Kreditgebern wie dem IWF diktierte rigide Spar- und Umstrukturierungspolitik wirtschaftliche Not und ethnische Spannungen in Jugoslawien verstärkte. Später trugen die Bundesrepublik unter Kanzler Helmut Kohl und weitere westliche Staaten mit ihrer Rückendeckung für die kroatischen und slowenischen Sezessionsbestrebungen laut Deichmann maßgeblich dazu bei, dass die schwelende jugoslawische Staatskrise unumkehrbar zum Krieg eskalierte.

Die Einmischung des Westens in die Angelegenheiten Jugoslawiens erreichte 1999 ihren Höhepunkt mit den massiven Luftangriffen der Nato auf eine Vielzahl militärischer aber auch zivil genutzter Ziele, darunter Brücken und Medienhäuser, im damaligen sogenannten „Restjugoslawien“ – einem Gebiet, das sich auf die Teilrepubliken Serbien und Montenegro reduziert hatte. Die Befürworter der westlichen Militärintervention argumentierten, diese sei notwendig, um die jugoslawische Regierung in Belgrad zum Abzug ihrer Truppen aus dem Kosovo zu zwingen, wo diese Menschenrechtsverletzungen verübten. Belgrad seinerseits begründete sein militärisches Vorgehen im Kosovo mit dem Schutz der dortigen serbischen Minderheit und dem unumstrittenen rechtlichen Status der Provinz als einem Bestandteil des serbischen Staatsgebiets. Die monatelangen Nato-Luftschlage kosteten insgesamt rund 3500 Zivilisten das Leben und haben in Serbien maßgeblich zu einem anhaltenden Groll und Misstrauen gegenüber dem Westen beigetragen, das sich trotz Demokratisierung und einer gewissen Wiederannäherung heute außenpolitisch eher an der antiwestlichen Achse Moskau-Peking orientiert.

„Westliche Staaten trugen mit ihrer Rückendeckung für die kroatischen und slowenischen Sezessionsbestrebungen maßgeblich dazu bei, dass die schwelende jugoslawische Staatskrise unumkehrbar zum Krieg eskalierte.“

Deichmanns Bericht über seine Jugoslawien-Durchquerung mit Peter Handke im April 1999 gehört mit ihren Schilderungen unter anderem der zerstörten Autofabrik in Kragujevac, der Folgen des Einsatzes international geächteter Kassettenbomben für die Zivilbevölkerung und einer Bombennacht in Belgrad zu den eindrucksvollsten und bedrückendsten Passagen in „Durch Jugoslawien im Roten Peugeot“ und erinnerte mich an Roberto Benignis tragikomisches Meisterwerk über den Irakkrieg, „Der Tiger und der Schnee“ (2005). Handke selbst hatte seine Eindrücke von dieser Reise bereits 1999 in seinem Prosastück „Unter Tränen fragend“ verarbeitet.

Die Serben am Pranger

Ein komplexer Konflikt, in dem auf allen Seiten Chauvinismus, Nationalismus und reaktionäre Geschichtsmythen aufblühten, Zivilisten auf allen Seiten litten und Unrecht und Gräueltaten von allen beteiligten Kriegsparteien begangen wurden, war von tonangebenden westlichen Kreisen zu einer moralisierenden Schwarz-Weiß-Erzählung umgedeutet wurden, erklärt Deichmann. Demnach sei Jugoslawien bereits vor dem Zusammenbruch ein „Völkergefängnis“ gewesen, in dem die Serben die anderen Bevölkerungsgruppen mittels eines „Panzerkommunismus“ in Schach gehalten hätten. Während der Balkankriege seien die Serben dann endgültig Faschisten geworden und setzten nun ihre Absicht in die Tat um, insbesondere die Muslime zu exterminieren.

Dieses Framing hatte wenig mit der Realität zu tun. Die Erzählung und die damit begründeten Militärinterventionen erfüllten jedoch laut Deichmann ein weitverbreitetes Bedürfnis nach moralischer Legitimation und historischer Mission, die die westlichen Eliten mit dem Ende des Kalten Krieges und der Auflösung ihres Gegenspielers, des stalinistischen Ostblocks, verloren hatten.

„Ein komplexer Konflikt war von tonangebenden westlichen Kreisen zu einer moralisierenden Schwarz-Weiß-Erzählung umgedeutet wurden.“

Durchgesetzt wurde das einseitig antiserbische Narrativ durch Manipulation von Bildern und Sprache. So verbreiteten Medien in zahlreichen Ländern Bildmaterial der britischen TV-Agentur ITN, das ausgemergelte bosnische Muslime hinter Stacheldraht im Lager Trnopolje zeigte. Die Bilder sollten wohl bewusst Assoziationen zu den Konzentrationslagern der Nazis wecken. Recherchen Deichmanns vor Ort belegten jedoch, dass der gezeigte Stacheldrahtzaun nicht das Lager umgab, sondern einen anderen vor dem Krieg als Bauhof genutzten Bereich neben dem Lager, von dem aus die britischen Reporter filmten. Ein Rechtsstreit um die Frage, ob ITN die Öffentlichkeit mit ihrer Berichterstattung bewusst getäuscht hatte, wie von Deichmann behauptet, zog sich über mehrere Jahre.  

Shoah-Relativierung und Missbrauch des Völkerrechts

Wie Deichmann hervorhebt, hat das sprachliche Framing der Balkankriege maßgeblich dazu beigetragen, dass der Begriff „Genozid“ in den letzten Jahrzehnten im Dienste unterschiedlichster Interessen verzerrt und entleert worden ist. Waren die Begriffe „Völkermord“ und „Genozid“ lange kulturell, historisch und völkerrechtlich mit dem millionenfachen, industriell vollzogenen Massenmord an Juden und anderen Opfergruppen im Nationalsozialismus verknüpft, so leistete der Umgang mit serbischen Gräueltaten in den 1990ern, insbesondere dem Massaker von Srebrenica, laut Deichmann massiv einer Entwicklung Vorschub, die er als „schleichende Geschichtsumschreibung der NS-Zeit“ beschreibt.

Das Massaker, eine Massenhinrichtung von rund 8000 bosnisch-muslimischen Jungen und Männern durch bosnisch-serbische Kämpfer unter dem Kommando von Ratko Mladić im Juli 1995 folgte, wie Deichmann erklärt, auf rund 50 Überfälle bosnisch-muslimischer Milizen aus der offiziell zur entmilitarisierten UN-Schutzzone erklärten Kleinstadt Srebrenica auf die umliegenden Dörfer, bei denen rund tausend serbische Zivilisten teils bestialisch ermordet worden waren. Das Massaker folgte also einer skrupellosen militärischen Logik, die Aufrüstung der muslimischen Divisionen in der Region und damit weitere Angriffe zu vereiteln, aber keiner genozidalen, also auf die Vernichtung der bosnischen Muslime als ethnischer oder religiöser Gruppe zielenden, Logik (Frauen und Alte wurden verschont). Dennoch wertete der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) Srebrenica als ersten „Genozid“ in Europa seit dem Holocaust.

„Das sprachliche Framing der Balkankriege hat maßgeblich dazu beigetragen, dass der Begriff ‚Genozid‘ in den letzten Jahrzehnten im Dienste unterschiedlichster Interessen verzerrt und entleert worden ist.“

Das ICTY mit seiner aus Sicht vieler Serben selektiven und asymmetrischen Strafverfolgung hält Deichmann für ungeeignet, einen friedensstiftenden Ausgleich und Aussöhnung zwischen den von den Kriegen betroffenen Bevölkerungsgruppen voranzubringen. Als Nachfolgeinstitution dieses „Ad-Hoc“-Tribunals für Jugoslawien (1993) und seines Pendants für Ruanda (1994) nahm der auf Dauer angelegte Internationale Strafgerichtshof (ICC) 2003 seine Arbeit auf. In der „kampagnenartigen Instrumentalisierung“ des ICC seit dem 7. Oktober 2023 durch antisemitische Akteure, um Israel wegen seines militärischen Vorgehens gegen tatsächlich genozidale islamistische Terrorgruppen auf die Anklagebank zu setzen, sieht Deichmann einen neuen Tiefpunkt im Trend, das humanitäre Völkerrecht zu missbrauchen und den Genozid-Begriff zu trivialisieren.

Gefühle und „Haltung“ statt journalistischem Handwerk

Obwohl Peter Handke in seinem umfangreichen ‚Jugoslawienwerk‘ die serbischen Kriegsverbrechen nie geleugnet, sondern lediglich Fairness und Differenzierung eingefordert hatte, wurde der Dichter vom gesellschaftlichen Mainstream dämonisiert und ausgegrenzt. Laut Deichmann hatte dies viel mit einem tiefgreifenden Wandel im Selbstverständnis der westlichen Medien zu tun. Die Jugoslawienkriege, so der Autor, wirkten wie ein Katalysator bei der Durchsetzung eines neuen Paradigmas im Journalismus, das nicht auf professionelle Distanz und „objektive, an Fakten orientierte Berichterstattung“, sondern auf „persönliche Nähe zum Geschehen, moralisierende Betroffenheit, […] persönliche Haltung“ und die Identifikation mit (vermeintlichen) Opfergruppen setzte. Die Folge: Fakten wurden verschwiegen oder einseitig interpretiert – gerade bei einem so komplexen Thema wie den Balkankriegen fatal.

Heute, so Deichmann, ist es den meisten Redaktionen angesagter denn je, Journalismus „mit Haltung“ zu machen. Die journalistische Blase aus „minoritären, links-grünen Kultureliten“ (Deichmann) mag sich für ihren wackeren Kampf gegen allerlei „Leugner“, „Skeptiker“, „Populisten“ und „Faschisten“ feiern, die angeblich Demokratie, Menschlichkeit und die offene Gesellschaft bedrohen. In der breiten Öffentlichkeit hat diese neue Form des vereinfachenden, volkserzieherischen Journalismus jedoch zu einem gravierenden Vertrauensverlust in die etablierten Medien geführt. Deichmann hebt insbesondere die jüngste Berichterstattung zu den Reizthemen Flucht, Migration, Extremismus, Islamismus, der Klimapolitik und ihren wirtschaftlichen Folgen und der „bis heute verweigerten Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen“ als Treiber dieser Entfremdung hervor.

„Die Jugoslawienkriege wirkten wie ein Katalysator bei der Durchsetzung eines neuen Paradigmas im Journalismus.“

Cancel Culture gegen Peter Handke

Handke stieß wegen seiner Äußerungen zu Jugoslawien nicht nur auf inhaltlichen Widerspruch. Er wurde geächtet, denunziert und moralisch verurteilt. Das Ziel: Dem Autor die Plattform für seine Ideen und Meinungen zu entziehen und ihn und andere „Abweichler“ zur Selbstzensur einzuschüchtern. Deichmann sieht in der Behandlung des Schriftstellers eine frühe Form des Phänomens, das wir heute „Cancel Culture“ nennen. Sie fand 2006 ihren Höhepunkt, als eine Jury Handke zum Träger des Heinrich-Heine-Preises wählte, die Stadt Düsseldorf sich jedoch weigern wollte, ihm den Preis zu überreichen; Handke verzichtete schließlich freiwillig auf diesen.

Während zur Zeit der hitzigen „Handke-Kontroverse“ zumindest einige Intellektuelle die Versuche, ihn aus dem öffentlichen Diskurs auszuschließen, als Angriff auf die Meinungsfreiheit erkannten und sich mit dem Autor solidarisierten (und zwar unabhängig von ihrer eigenen Haltung zu den Jugoslawienkriegen), ist eine repressive Zensurkultur mittlerweile in tonangebenden Kreisen zur Norm geworden, schreibt Deichmann. Dahinter stecke die „erschreckend verbreitete Ansicht, dass die Meinungsfreiheit wie andere Freiheitsrechte nur mit Vorsicht zu gewähren ist, wenn sie nicht unumwunden als fundamentale Bedrohung unseres Gemeinwesens betrachtet und eingedämmt wird“.

Im Mittelpunkt von „Durch Jugoslawien im Roten Peugeot“ mit seiner Fülle an Fotomaterial, Karten, Chroniken, Orts- und Personenverzeichnissen, ausführlichen Reiseberichten und kurzen Einführungen zu jedem von Handkes Werken über Jugoslawien stehen die Balkankriege, die Literatur, das Reisen und Peter Handke als Figur der Zeitgeschichte. Doch die persönliche Geschichte, die Deichmann hier erzählt, ist von noch größerer Bedeutung, denn sie handelt nicht nur von einem untergegangenen Staat an der Peripherie Europas, dessen tragischer Zusammenbruch einen berühmten Schriftsteller dazu inspirierte, einige seiner bekanntesten Texte zu verfassen, sondern auch von anhaltenden Fehlentwicklungen hier im Westen, die uns alle betreffen.

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