06.05.2026
Irrsinn von A bis Z
Die im Westen verbreitete woke Ideologie ist eines der gefährlichsten Phänomene unserer Zeit. Adrian Müllers Buch „Das Lexikon der Wokeness. Die kodifizierte Sprache verstehen“ klärt auf.
Männer sind das Problem. Alle Männer profitieren von diesem System. (Influencerin Leonie Löwenherz)
Männer verteufeln, aber sie zugleich zu Frauen erklären? Für Gleichachtung kämpfen, aber die Welt in Freund und Feind einteilen? Islamische Massenmigration fördern, aber für die Rechte queerer Menschen eintreten? Vor Desinformation warnen, aber an mehr als zwei Geschlechter glauben? Gegen Sexismus und Rassismus sein, aber weiße Männer an den Pranger stellen? Toleranz hochhalten, aber Andersdenkende in die Ecke stellen?
Die Woke Culture, aus der jene widersprüchlichen Auffassungen hervorgehen, ist eines der kuriosesten und gefährlichsten politischen Phänomene unserer Zeit. Sie orientiert sich an den liberalen Normen von Gleichachtung und Gleichberechtigung für jedermann und verkehrt diese Werte doch in ihr Gegenteil. Diese Ambivalenz in Form gebracht hat der Publizist Adrian Müller mit seinem Buch „Lexikon der Wokeness“. Im Jahr 1965 veröffentlichte der französische Philosoph Roland Barthes ein Buch mit dem Titel „Fragmente einer Sprache der Liebe“. Dem Buch lag die Vorstellung zugrunde, dass erst das Wortfeld „Liebe“ – Barthes hatte Goethes Werther vor Augen – den Kontext erzeugt, in dem sich der Einzelne als liebendes Subjekt verstehen lernt. Mit seinem Buch hat Müller diese Idee gleichsam für die Sprache der Woke Culture mobilisiert, die mittlerweile Medien, Politik, Verwaltungen, sog. „Nicht-Regierungsorganisationen“ und den Kulturbetrieb durchdringt und diese im politischen Sinne der woken Semantik umformt. Mit der woken Sprache schnitzt sich das woke Subjekt selbst zurecht. Diesen Prozess zu verstehen, nimmt sich Müller in seinem Buch vor. Es ist ihm mit großer Präzision gelungen.
Von „Aktivismus“ über „Epistemische Gewalt“ und „Kulturelle Aneignung“ bis hin zu „Zivilgesellschaft“ reicht das Spektrum an insgesamt 101 Begriffen rund um die Woke Culture, die Müller in schnörkellos klarer Sprache auseinandernimmt. Das Lexikon geht dabei nicht nur auf das Vokabular ein, in der woke Akteure ihre Weltanschauung artikulieren: „Safe Space“, „Hassrede“ oder „Intersektionalität“. Es lichtet auch Begriffe, die sich an das Woke-Phänomen in den letzten Jahren angesaugt haben: „Haltung“, „Cancel Culture“, „Verschwörungstheorie“. So entsteht ein sich aufschichtendes Begriffsnetz, das Schritt für Schritt die Weltanschauung der Woke Culture freilegt.
Weltbild woker Akteure
Der Kern der woken Lehre besteht in der Vorstellung, dass bestimmte Identitäten – Menschen nicht-weißer Hautfarbe, Frauen, Homo- und Transsexuelle – pauschal unterdrückt seien. Im Rahmen eines manichäischen Denkstils stehen diesen „Unterdrückten“ ebenso homogenisierend „die Privilegierten“ gegenüber, die stets unabhängig von ihren Absichten, also „strukturell“, an der Unterdrückung mitwirken. Das Zentrum der Privilegierung stellt – wie Müller grafisch in einem „Privilegien-Rad“ abbildet – der weiße, heterosexuelle, wohlhabende, gebildete, schlanke, psychisch stabile Cis-Mann dar. Dieser Archetypus des mächtigen Unterdrückers richtet die ganze Welt auf sein Selbstbild hin aus. Alle von ihm abweichenden Lebensentwürfe werden – so unterstellt es das woke Denken – als defizitär ausgewiesen und an den Rand der gesellschaftlichen Machtverhältnisse, ja des Menschseins, gedrängt. Frauen sind diesem Verständnis zufolge immer weniger mächtig als Männer, Schwarze stets weniger mächtig als Weiße, Dünne näher am Zentrum der Macht als Dicke. Und zwar, weil sie weiblich, schwarz oder dick sind.
Kolonialismus und Sklaverei, die heteronormative Kleinfamilie mit ihrem männlichen Ernährer-Modell sowie die Unterdrückung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt sollen bis in die Gegenwart hinein die Resultate der Herrschaft des weißen Cis-Mannes sein. Die Perfidie seiner Herrschaft soll schließlich darin kumulieren, dass dieses Lebensmodell in Form von Ideologien wie rechtlicher Neutralität und wissenschaftlicher Objektivität als unanfechtbar ausgewiesen wird. Der weiße Cis-Mann – so will es das woke Denken – verbrämt seine Machtposition als in der Natur der Sache liegend und siegelt auf diese Weise seine Herrschaft gegenüber Widerspruch ab.
„Aus dem eschatologischen Sendungsbewusstsein woker Akteure, der Geschlossenheit ihres Weltbildes, ihrem homogenisierenden Freund/Feind-Denken resultiert ihr Wille zur Macht.“
Aus dieser Überzeugung woker Akteure heraus resultiert ihre zentrale politische Strategie: Die Unterdrückten und ihre in der Regel weißen und privilegierten Advokaten müssen die epistemische und rechtlich-politische Diskursherrschaft des weißen Cis-Mannes brechen, um den Marginalisierten zur Durchsetzung ihrer identitären Ansprüche zu verhelfen. Das ist jene viel beklagte Cancel Culture, die sich mit großem Furor gegen den Mann oder den Weißen an sich richtet – so wie man sich im kollektivistisch-totalitären Denken früherer Zeiten gegen den Polen oder den Franzosen an sich in Stellung brachte. Man blicke nur auf die pauschal gegen Männer gerichtete feministische Polit-Medienkampagne im Zuge des Falles Fernandes/Ulmen. So wurde bereits die öffentliche Folterung von Männern gefordert, was natürlich kein Stern-Cover oder Forderungen von Politikern, nun endlich entschlossen den „Kampf gegen links“ zu führen, zur Folge hatte. Auch auf die Unschuldsvermutung sollten sich Männer der Influencerin zufolge nicht mehr berufen dürfen. Angst um den Rechtsstaat? Keineswegs, dient ja doch irgendwie der guten Sache.
Aus dem eschatologischen Sendungsbewusstsein woker Akteure, der Geschlossenheit ihres Weltbildes, ihrem homogenisierenden Freund/Feind-Denken resultiert ihr Wille zur Macht, ihr Furor, Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Politik, Medien und Recht nach ihren Vorstellungen umzubauen. Müller stellt denn auch an vielen Stellen seines Buches den anti-aufklärerischen, anti-wissenschaftlichen Charakter der Woke-Bewegung heraus, die ihrerseits auf der politischen Religion des Neo-Marxismus der 68er-Bewegung aufbaut.
Ein „Erwachter“ kann keinen Widerspruch dulden. Vielmehr muss er all jene bekehren, an den Rand drängen oder auslöschen, die das Stadium des Erwachtseins noch nicht erreicht haben oder sich diesem verwehren. Der Umbau zentraler gesellschaftlicher Bereiche folgt aus dieser ideologischen Fixierung, schließlich kann die eigene Perspektive nicht mehr vor dem Hintergrund anderer Weltsichten de-zentriert werden. Für den freiheitlich-pluralen Rechtsstaat und das wissenschaftsbasierte Weltbild hat dies weitreichende Auswirkungen. Denn beide Sphären basieren auf der Annahme, dass Gesetze und wissenschaftliche Erkenntnisse revidierbar sind.
Ideologie statt Wissenschaft
Bereits auf der Ebene woker Theorien zeigt sich das. Müller legt dar, dass diese bisweilen so gebaut sind, dass auch der argumentative Widerspruch stets auf die Bestätigung ihrer zentralen Annahmen hinausläuft. Das entspricht dem Denkstil von Sekten. Eine Kostprobe? „Wenn Sie sagen, dass Sie kein Rassist sind, dann ist das die Bestätigung dafür, dass Sie ein Rassist sind, denn es ist das Merkmal von Rassisten, dass Sie ihren Rassismus abstreiten.“ So lautet gerafft und paraphrasiert die Grundfigur der Theorie der „weißen Fragilität“ der US-amerikanischen Antirassismus-„Expertin“ Robin di Angelo, die auch hierzulande Eingang in den Anti-Rassismus-Diskurs gefunden hat.
Das woke Weltbild der „Antidiskriminierung“ – das kaum etwas mit der Gleichberechtigung eines jeden Individuums, aber umso mehr mit der Begünstigung partikularer Identitätsgruppen zu tun hat – ist wiederum in staatliche Institutionen eingedrungen. Die woke Sprache in staatlichen Berichten zu einem angeblichen „strukturellen Rassismus“ in Deutschland oder die Feindrhetorik der linksradikalen Aktivistin und Queer-Beauftragten Sophie Koch legen hiervor Zeugnis ab. Koch hatte Medien wie Nius, die Meinungen vertreten, die nicht die ihre sind, als Teil des „antidemokratischen Vorfeldes“ bezeichnet. Koch agitiert damit aus ihrem Staatsamt als „Beauftragte der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt“ heraus gegen das Grundrecht auf Pressefreiheit.
„Darauf läuft Woke Culture hinaus: nicht auf Gleichberechtigung, sondern auf die Umkehrung angeblicher Machtverhältnisse.“
Die weltanschauliche Grundlage von Wokeness sind, so vermittelt es uns Müller, die Philosophie der Postmoderne und aus ihr hervorgegangene Strömungen wie die Critical Race Theory, die Intersektionalitätstheorie, der Postkolonialismus und die Gender Studies. Maßgebliche Teile der Sozial-, der Kultur- und der Literaturwissenschaften wurden von deren Semantik weltanschaulich oder auch institutionell durch wissenschaftspolitisches Networking unterwandert. Man blicke allein auf die derzeit 183 Gender-Professuren in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Wenn also etwa die bundesweite Initiative „Hochschulen zeigen Haltung“ von organisierten „Unterstützer:innen“ aus dem Bereich „Diversity“ und „Antidiskriminierung“ initiiert wird, so verbirgt sich dahinter der Versuch, Hochschulen noch schärfer in den Dienst für die woke Sache zu stellen und sie ausgerechnet im Gewand des Schutzes der Wissenschaftsfreiheit für das „gegen rechts“ gerichtete politische Anliegen postmoderner „Agendawissenschaften“ (Sandra Kostner) zu missbrauchen.
Akademische Kalendersprüche schlechter Wissenschaft, deren größtenteils öffentliche Finanzierung in den Anspruch umgemünzt wird, eine volkspädagogische „Haltungs“-Wirkung oder gar eine Umerziehung in Sachen Diversität entfalten zu können, haben mit dem Siegeszug der Woke Culture nun jenen diskurshegemonialen Status erklommen, der dem „weißen Cis-Mann“ ursprünglich einmal streitig gemacht werden sollte. Darauf läuft Woke Culture denn auch hinaus: nicht auf Gleichberechtigung, sondern auf die Umkehrung angeblicher Machtverhältnisse.
Mit seinem „Lexikon der Wokeness“ ist Adrian Müller eine konzise, im besten Sinne aufklärerische Darstellung des weltanschaulichen Kerns der Woke Culture gelungen. Müller stützt sich unter anderem auf die Dokumentationsarbeit des Mathematikers James Lindsay, der gemeinsam mit der Publizistin Helen Pluckrose und dem Philosophen Peter Boghossian vor einigen Jahren mit den „Grievance Studies“ in den USA, aber auch in Europa für Aufsehen gesorgt hat. Das Autorenteam reichte 20 absurde wissenschaftliche Artikel bei sozialwissenschaftlichen Fachzeitschriften ein. Darunter Zitate aus Hitlers „Mein Kampf“ im Gewand des postmodernen Feminismus, Betrachtungen über die Vergewaltigungskultur in Hundeparks oder die Zähmung toxischer Männlichkeit durch den Gebrauch analen Sexspielzeugs. Sieben dieser Artikel wurden abgedruckt, bei sechs Artikeln baten die Herausgeber um Überarbeitungen, sieben Artikel wurden abgelehnt. Die Macht über wissenschaftliche Diskurse, dies zeigten Lindsay, Boghossian und Pluckrose, ruht auf der Fähigkeit, woke Sprache souverän zu nutzen. In den USA hat sich der politische Wind, nicht zuletzt aufgrund der Verrücktheiten der Woke Culture, mittlerweile bekanntlich gedreht. In Deutschland und Europa laufen wir mit dieser Dynamik, wie so häufig, den USA einige Jahre hinterher.
Wer die Unerbittlichkeit verstehen möchte, mit der woke Akteure ausgerechnet im Namen des Guten Andersdenkende bekämpfen, das Ausmaß an Realitätsverweigerung und Fanatismus, die politische Eskalationsdynamik, die auch Europa bereits erfasst hat, findet mit Adrian Müllers Buch einen vortrefflichen Führer durch die Sprache woken Irrsinns.