13.04.2016

„Nachhaltigkeit bremst Wachstum“

Interview mit Daniel Ben-Ami

Mehr Wirtschaftswachstum ist nötig, um die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern, besonders in armen Ländern. Dabei wirkt sich der modische Nachhaltigkeitsgedanke lähmend aus.

Marco Visscher: Im vergangenen September wurden in New York bei der UN-Vollversammlung die Nachhaltigen Entwicklungsziele unterzeichnet, die Nachfolger der Millenniums-Entwicklungsziele. Kritiker finden diese Weltziele zu ehrgeizig.

Daniel Ben-Ami: Zu ehrgeizig? Das Gegenteil ist wahr. Ein Haufen Technokraten hat eine ganze Reihe eng definierter Zielstellungen formuliert, die jeder Ambition den Weg versperren. Die UNO spricht von der Beendigung extremer Armut. Niemand soll im Jahr 2030 noch von weniger als 1,25 US-Dollar leben müssen. Schön, aber wenn man nur einen einzigen Cent mehr verdient? Sollen wir uns damit zufrieden geben? Außerdem bedeutet Überwindung von Armut eine ganz andere Zielstellung als dafür zu sorgen, dass alle Menschen in armen Ländern genauso reich und wohlhabend werden können wie wir.

Der Name sagt schon alles: Ziele für eine „nachhaltige“ Entwicklung fördern nicht das Wachstum, sondern beschränken es. Entwicklung scheint nur erlaubt zu sein, wenn sie auf „grüne“, nachhaltige Weise erfolgt. Der bahnbrechende Brundtland-Bericht von 1987, wo dieser Begriff eingeführt wurde, sprach von „den Bedürfnissen der heutigen Generation“, mit besonderer Betonung der essentiellsten Grundbedürfnisse der Allerärmsten. Sind denn die Bedürfnisse, die über Obdach und Kleidung hinausgehen, etwa unwichtig? Wer Entwicklung nur nachhaltig möchte, setzt nicht die Wünsche der Bevölkerung an die erste Stelle, sondern Umweltbelange. Diesen „Weltverbesserern“ zufolge wäre es besser, weniger zu konsumieren. So teilt man verblümt mit, dass der materielle Wohlstand all der Milliarden Menschen, die weniger haben als wir, nicht als erstrebenswert gilt.

Kann die Erde überhaupt so viel Wohlstand verkraften?

Das muss man sehen. Umweltprobleme werden oft überschätzt, unser Talent, Lösungen dafür zu finden, hingegen oft unterschätzt. Warnungen, dass uns die Ressourcen ausgehen, hören wir schon seit Jahrzehnten. Stattdessen nehmen die Reserven zu oder wir stoßen auf bessere und günstigere Alternativen. Die Wissenschaft kann nicht diktieren, auf welche Weise wir die Umwelt schonen oder wie wir mit Klimaveränderung umgehen sollen; das sind politische Fragen, die in eine demokratische Debatte gehören. Meiner Meinung nach liegt es auf der Hand, dass eine technologisch fortgeschrittene Wohlstandsgesellschaft angemessener mit den Folgen der Klimaveränderungen umgehen und sich besser um die Umwelt kümmern kann.

„Umweltprobleme werden oft überschätzt, unser Talent, Lösungen dafür zu finden, hingegen oft unterschätzt.“

Fortschritt geht oftmals mit Umweltschäden einher.

Bedauerlicherweise trifft das zu. Aber die Erfahrung zeigt gleichermaßen, dass Wirtschaftswachstum die Möglichkeit bietet, die Schäden zu reparieren. Vor noch nicht mal zwei Generationen war die Themse in London ein dreckiger Fluss, der Erkrankungen auslösen konnte. Umfangreichen Maßnahmen sei Dank ist sie nun sauber und viel mehr Fische schwimmen darin; Vergleichbares gilt für den Rhein. Diese Maßnahmen hätte man nie ergriffen, wenn wir nicht wohlhabender geworden wären. Ab einem bestimmten Wohlstandsniveau machen wir uns Sorgen um die Natur und scheuen die Kosten nicht, uns besser um sie kümmern.

Nach diesem allgemeinen Muster erzielen wir Fortschritte. Wir machen etwas, um ein Problem zu lösen. Unsere Lösungen lassen wieder neue Probleme entstehen, und die lösen wir dann erneut. Wir erfinden z.B. das Auto, um mobiler zu werden und irgendwann treten dann Probleme wie Abgasbelastung auf. Taugen diese Probleme als Argument gegen die Erfindung und den Bau von Autos? Wohl kaum. Es zeigt sich dabei einfach, dass Fortschritt als interaktiver Prozess verläuft.

Sind Sie dann der Meinung, dass die Chinesen die Luftverschmutzung als unvermeidliche Nebenwirkung des Wirtschaftswachstums hinnehmen müssen?

Diese Abwägung ist Sache der Chinesen. In China besteht bei der Luftqualität ein großes Problem. Gleichzeitig konnten in den letzten 30, 40 Jahren erhebliche Fortschritte verzeichnet werden: besseres Essen, mehr Gesundheit, längeres Leben, bessere Bildung, mehr Besitz, mehr Reisen. Das alles haben die Chinesen der billigen Energie aus den Steinkohlekraftwerken zu verdanken. Denkbar wäre, dass die Chinesen bei all diesen Verbesserungen ihres täglichen Lebens die zeitweilig schlechte Luft in Kauf nehmen. Diese Möglichkeit scheinen die Wachstumsskeptiker zu übersehen.

Um wen handelt es sich bei diesen Wachstumsskeptikern?

In den „zivilisierten“ Kreisen der Gesellschaft ist Wachstumsskepsis mittlerweile weit verbreitet, fürchte ich. Unter Wachstumsskepsis verstehe ich das Problematisieren von Wirtschaftswachstum, das ständige Betonen seiner negativen Aspekte und das Ignorieren seiner positiven Seiten. Wachstumsskepsis findet sich bei allen, die sich auf Gebieten wie Umwelt und Nachhaltigkeit engagieren. Sie findet sich bei allen, die sich „links“ oder progressiv nennen. Sie findet sich bei braven, anständigen Kommentatoren und Journalisten. Und sie findet sich unter Politikern und Staatslenkern, die sich darin wiederum durch modische UN-Berichte gestützt fühlen. Am traurigsten finde ich, wie die Wachstumsskepsis unter Sozialisten zugeschlagen hat. Historisch betrachtet ging es der linken, progressiven Politik gerade nicht darum, sondern um die Verbesserung des Lebensstandards der Unterschicht.

„Ungleichheit ist akzeptabel, wenn der Lebensstandard der Massen steigt.“

Linke Politiker werden doch nicht so weit gehen, dass sie Wirtschaftswachstum verteufeln?

Das stimmt, es gibt kaum jemanden, der sich gegen Wirtschaftswachstum ausspricht. Man hört jedoch immer ein Wenn und Aber. Ich bin für Wirtschaftswachstum, heißt es etwa, aber wir müssen doch die Umwelt schützen. Aber Geld macht doch nicht glücklich. Aber es darf nicht zu höherer Ungleichheit führen. Das ähnelt unserem Denken über Meinungsfreiheit. Niemand ist offiziell dagegen, aber ständig werden Vorbehalte gegen Meinungen ins Feld geführt, die andere beleidigen oder kränken.

Wo Sie zunehmende Ungleichheit ansprechen – machen Sie sich darüber Sorgen?

Die Ungleichheit kann zwar zunehmen, aber das scheint mir ein akzeptabler Nebeneffekt zu sein, wenn der Lebensstandard der Massen steigt – und das ist unverkennbar der Fall.

Zum Abschluss: Wie können wir Wirtschaftswachstum erzielen?

Das muss jedes Land selbst bestimmen. Aber meines Erachtens bilden unser mangelnder Ehrgeiz und unsere Umweltsorgen die größten Hindernisse. Arme Länder geraten unter politischen und moralischen Druck von außen, auf Großprojekte im Straßenbau, bei Staudämmen und in der industriellen Landwirtschaft zu verzichten und sich stattdessen auf Kleinmaßnahmen zu konzentrieren: Biobauern, Mikrokredite, Solaröfen. Fortschritt bewirkt man hingegen, indem man natürliche Grenzen überschreitet und moralische Einwände in Frage stellt.

Nachhaltigkeit bremst Wachstum. Ob man sich jetzt als grün oder als links definiert: Wachstumsskepsis ist äußerst konservativ. Die ganze Vorstellung, man müsse sich im Interesse künftiger Generationen zurückhalten, geht auf den irischen Philosophen und Politiker Edmund Burke zurück, den Begründer des Konservatismus im 18. Jahrhundert. Dasselbe Festklammern am Bewährten und derselbe Argwohn gegen soziale Veränderung spiegeln sich im heutigen Gerede über Nachhaltigkeit wider.