01.03.2010

Kein Fortschritt ohne Wirtschaftswachstum

Kommentar von Lee Jones

Battle in Print: Nur weil die kapitalistische Entwicklung eine ungleichmäßige Verteilung der Gewinne mit sich bringt, sollten wir Entwicklung nicht grundsätzlich ablehnen.

Der Begriff Fortschritt ist in Misskredit geraten. Seit die organisierte Arbeiterschaft in den 80er-Jahren an Stärke und Einfluss verloren hat, schwindet der Glaube an die Möglichkeit sozialen Fortschritts, und es gibt zunehmend Raum für düstere Prognosen: Gewaltverbrechen geben Anlass zu moralischer Panikmache, und nach Einschätzung der Alarmisten wird die Fettleibigkeitsepidemie dazu führen, dass die Eltern ihre Kinder überleben. Objektiv leben wir zwar im goldenen Zeitalter von Medizin und Wissenschaft, aber angesichts verbreiteter Wissenschaftsskepsis würdigen wir deren ständige Fortschritte keineswegs. Vielmehr führt die uns von der Medizin erschlossene höhere Lebenserwartung zur „Zeitbombe Altersversorgung“, und anlässlich der revolutionären Fortschritte der Gentechnik hören wir lediglich Frankensteins Monster trapsen. Im vorliegenden Artikel untersuche ich die Ausweitung dieser düsteren Weltanschauung auf den Bereich der Entwicklungsökonomik und verteidige die materielle Grundlage des Fortschritts sowie das Recht der Menschen auf Entwicklung. Letztlich wird gezeigt, dass die Umweltkatastrophen, deren unmittelbares Bevorstehen die Warner beständig anmahnen, sich allein durch materielle Entwicklung verhindern lassen.

Verbreitung der Angst: Nachhaltigkeit und Neo-Malthusianismus

Greift die in den westlichen Gesellschaften bedauerlicherweise bereits weit verbreitete Ängstlichkeit auf andere Länder über, so sind die Folgen umso verheerender. Das zeigt vor allem das Gerede von „nachhaltiger Entwicklung“, demzufolge ungezügelte Fortschrittsbestrebungen zu ökonomischen Katastrophen führen. Im Rahmen des schwammigen, zweifelhaften und vieldeutigen Begriffs sollen wachstumsorientierte ökonomische Entwicklungsstrategien auf Umweltschutz und soziale Ziele umgestellt und das „Wohlbefinden“ und „Glück“ der Bevölkerung gegenüber dem Übel des Konsumerismus in den Vordergrund gestellt werden.1 Im Bereich der Entwicklungsökonomik haben die Politstrategen des internationalen Hilfs- und Entwicklungssystems das neue Mantra der „nachhaltigen Entwicklung“ bereits internalisiert. Und die Entwicklungsländer können diesem Spiel nicht ausweichen, weil sie von den Hilfen und Krediten des Westens abhängig sind.

Auch wenn der scheinbar unumstößliche Konsens die Warnungen vor den Umweltauswirkungen nicht nachhaltiger Entwicklung als Ausdruck wissenschaftlicher Einstellung auffasst, so konnte die nachhaltige Entwicklung tatsächlich nur vor dem Hintergrund der „Fortschrittsdesillusionierung“ zum Mantra werden. Im seinem Bericht über die Grenzen des Wachstums setzte der Club of Rome bereits in den 70er-Jahren auf nachhaltige Entwicklung. Damals wollte sich jedoch die Arbeiterschaft in ihren Ambitionen auf ein besseres Lebens nicht einschränken.2 Heute hingegen nehmen die Menschen solche Behauptungen als objektive Wahrheiten hin. Die malthusianische Auffassung, der Planet könne seine gegenwärtige oder künftige Bevölkerung nicht tragen, ist ein allein auf der westlichen Fortschrittsangst beruhender ahistorischer Mythos. Glaubwürdig wird er erst dann, wenn wir unsere historisch gut begründete Auffassung aufgeben, dass die Menschheit keineswegs nur Probleme schafft, sondern auch künftig zu deren Lösung in der Lage sein wird.

Unbestreitbar hat das 20. Jahrhundert bewiesen, dass der Mensch seiner Umwelt keineswegs nur unterworfen ist, sondern über eine beachtliche Fähigkeit zu deren Gestaltung und zur Schaffung tatsächlichen „Fortschritts“ verfügt. So hat das Wachstum der Lebensmittelproduktion das Bevölkerungswachstum in den 50er-Jahren überholt und übertrifft es seitdem beständig, dank besserer Agrartechniken und ihrer Verbreitung durch die „Grüne Revolution“ der 60er- und 70er-Jahre. Die Weltbevölkerung hat sich vervierfacht, aber der weltweite Wohlstand hat sich verfünffacht.3 Die Gewinne waren in der kapitalistischen Welt zwar stets sehr ungleichmäßig verteilt, aber für Milliarden von Menschen haben sich die Wohnsituation, die sanitären Einrichtungen und die medizinische Versorgung erheblich verbessert – vor allem in Gebieten mit politisch gut organisierten Massen. Diese Bedingungen haben die Bevölkerungsexplosion faktisch ermöglicht: Es ist eben nicht so, dass wir uns neuerdings „wie die Karnickel“ vermehren, sondern durch die materiellen Verbesserungen unseres Alltagslebens sterben wir einfach nicht mehr wie die Fliegen.

Romantisierung der Armut

In der internationalen Entwicklung ist „Nachhaltigkeit“ heute dennoch das dominierende Ethos. Das kleine Königreich Bhutan im Himalaja hat dieses Ethos übernommen und wird dafür immer wieder gefeiert: Bhutan hat die traditionellen BIP-Maße (Bruttoinlandsprodukt) der ökonomischen Entwicklung (die den durch das Land tatsächlich produzierten Wohlstand messen) durch einen „Bruttoinlandsglück“-Index (Gross National Happiness – GNH) ersetzt. Seither gab es in Bhutan viele bemerkenswerte Verbesserungen: Die Zahl der Einschulungen stieg von 55 Prozent im Jahr 1990 auf 84 Prozent im Jahr 2004, die Kindersterblichkeit ging um ein Drittel zurück usw. Aber das liegt nicht an der GNH-Politik. Die sozialen Verbesserungen in Bhutan waren nur deshalb möglich, weil der reale Wohlstand des Landes – sein BIP – seit 1980 um 700 Prozent gestiegen ist. Wie das kommt? Das rapide ökonomische Wachstum in Indien hat den in Bhutan dominierenden Exportbereich der Hydroelektrizität angeheizt, und das hat zu einer Industrialisierung geführt, die derzeit über 40 Prozent zum BIP von Bhutan beiträgt. Demgegenüber soll der GNH-Index eigentlich nur verschleiern, dass immer noch nur eine kleine Minderheit die Früchte des Wirtschaftswachstums genießt, während die Masse der Bevölkerung immer noch machtlos in extremer Armut lebt: 90 Prozent der Bevölkerung sind nach wie vor in der Subsistenzlandwirtschaft beschäftigt, 70 Prozent haben keinen Zugang zu Elektrizität, und ein Drittel lebt immer noch von weniger als einem Dollar täglich.4

Am Beispiel Bhutan werden zwei Aspekte des „Fortschritts“ deutlich. Erstens sind die BIP-Zahlen, wie Nachhaltigkeitsexperten behaupten, als Maße für Fortschritt ungeeignet. Es geht nicht nur um das Ausmaß des Wachstums einer Volkswirtschaft, sondern auch darum, wie der resultierende Wohlstand verteilt und genutzt wird und wer davon profitiert. Außerdem lässt sich Fortschritt nicht einfach auf die materielle Entwicklung reduzieren. Vielmehr sind hier auch soziale und ideologische Faktoren zu berücksichtigen. Zweitens wird es ohne ein grundlegendes ökonomisches Wachstum keine Entwicklung zugunsten der Armen geben. Afrika ist nicht deswegen arm, weil wir die Armut mit dem BIP messen, sondern deswegen, weil die Größe der Wirtschaft des gesamten südlichen Afrikas gerade derjenigen Belgiens entspricht.

Der Vergleich zweier Entwicklungsmaße macht das besonders deutlich: das BIP pro Kopf der Bevölkerung gegenüber dem „Human Development Index“ der Vereinten Nationen. Letzterer erfasst etwa Lebenserwartung, Alphabetisierung, Bildungsabschlüsse, um auf dieser Grundlage eine grobe Vorstellung des Standes „der menschlichen Entwicklung“ zu liefern, verstanden als Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung, Einkommen und Beschäftigung. Die enge Korrelation der beiden Maße ist offensichtlich. An einem Ort mit geringem BIP leidet die Bevölkerung meist auch unter sozialer und ökonomischer Deprivation. Das ist kaum überraschend. Aber man kann die materielle Grundlage des Fortschritts gar nicht genügend betonen, denn im Rahmen der Förderung ihrer Umweltschutz-Agenda verzögern die „Nachhaltigkeits“-Prediger den Fortschritt sogar:

- Allein im Jahr 2007 haben grüne Aktivisten die Industrie von Entwicklungsländern um EU-Hilfen im Wert von 4 Milliarden Euro gebracht. Sie sabotierten Finanzierungen der Weltbank für Infrastrukturprojekte, wie etwa den hydroelektrischen Damm in der indischen Provinz Gujarat, der Energie für 5000 Dörfer, Fabriken, Klärwerke, Bewässerung der landwirtschaftlichen Kulturen und sauberes Wasser für 35 Millionen Menschen geliefert hätte. Laut den Aktivisten hätte der Damm „den Verlauf des Flusses geändert, was die am Fluss lebenden kleineren Tierarten ausrotten und die eingeborenen Volksstämme entwurzeln würde“.5
- Westliche Entwicklungshilfeorganisationen haben die Nutzung von DDT unterbunden, während 300 Millionen Menschen an Malaria leiden und bis zu 3 Millionen jährlich daran sterben. Allein in Südafrika sind die Malariainfektionen durch das Verbot von DDT um 600 Prozent gestiegen.6
- Die UN-Körperschaft für regionale Holzenergieentwicklung (Regional Wood Energy Development) fördert die Verbrennung von Holzkohle anstatt von Kerosin, obwohl 5 Millionen junge Leute jährlich an Krankheiten sterben, die durch die Inhalation von Holzrauch in geschlossenen Räumen bedingt sind.7
- Der weniger ertragreiche ökologische Landbau wird auf Kosten der modernen Landwirtschaft gefördert, obwohl 840 Millionen Menschen an Unterernährung leiden.
- Der Westen beruhigt seine Schuldgefühle durch wohltätige Maßnahmen, die für die Bauern in Entwicklungsregionen eine entsetzliche Plackerei bedeuten: Etwa wenn man mit Diesel betriebene Wasserpumpen wieder durch Pumpen ersetzt, die mit physischer Kraft betrieben werden.8
- Im Rahmen des Bali-Abkommens 2008 unterstützen die westlichen Regierungen arme Länder finanziell bei der Pflanzung von Bäumen, anstatt zur Entwicklung von deren Volkswirtschaften beizutragen.

Zu allen Überfluss wird aber dieses Ausbremsen des materiellen Fortschritts, der die Menschen aus der Armut befreien könnte, auch noch durch die ideologisch geprägte Behauptung legitimiert, Armut sei der Entwicklung vorzuziehen – beziehungsweise als fester Bestandteil der „Kultur“ der Entwicklungsländer dort eben normal. Indigene Aktivisten wie etwa die „Friends of People Close to Nature“ glorifizieren Jäger und Sammler für ihre „nicht-ausbeuterische Beziehung zur natürlichen Umwelt“ und engagieren sich für den Schutz dieser „einzigartigen Kulturen“ vor „den Fortschritts- und Wachstumsideologien sowie vor ihrer Auflösung in der globalen Wirtschaft“. Sie wollen „den Entwicklungsprozess umkehren“ und präsentieren uns die Stammesgesellschaften als Erinnerung daran, „dass auch wir früher in Harmonie mit der Natur gelebt haben und das auch jederzeit wieder tun könnten“.9 Ceri Dingle, Direktor von WorldWrite, einer britischen Nichtregierungsorganisation für Jugend und Bildung, bekam von einem schwedischen Entwicklungsminister gesagt, die Afrikaner bräuchten keine Wasserleitungen, denn es sei „Teil ihrer Kultur“, Wasser in Gefäßen auf den Köpfen zu transportieren.

In Wirklichkeit sind das schlicht Zeichen gravierender Armut und fehlender Entwicklung. Im Westen zerbrechen wir uns vielleicht den Kopf darüber, was „Fortschritt“ bedeutet, aber die Menschen in Entwicklungsregionen wissen es ganz genau: Fortschritt bezeichnet eine erhebliche Verbesserung der materiellen Lebensstandards und hat unbedingte Priorität. Weltweit lebt eine Milliarde Menschen in Slums, und sie wollen lieber Fortschritt als Subsistenzwirtschaft: Sie wollen Elektrizität, sauberes Wasser, Bildung, Gesundheitsversorgung und vernünftige Jobs – und nicht „traditionelles Wissen“. Dort, wo die Menschen in Wohlstand leben, haben sie sich durch die eigene Furchtlosigkeit und den stets wichtigen Zugang zu Kapital von der Armut befreit; dazu braucht es keine vom Westen geförderten Nachhaltigkeitsstrategien. Das bemerkenswerte wirtschaftliche Wachstum Chinas – dessen BIP sich in den letzten fünf Jahren verdreifacht hat – befreite 250 Millionen Menschen vom Los der Armut, und zwar überall auf der Welt. Ohne China hätte die weltweite Armut zugenommen, trotz des Hypes um den Schuldenerlass des Westens für die Entwicklungsländer und die pathetisch-konservativen „Millennium Development Goals“ der Vereinten Nationen.

In den 90er-Jahren musste das südliche Afrika, gezwungen durch seine Armut, die Politik des Westens akzeptieren, aber sein BIP ist dadurch faktisch zurückgegangen. Vor dem Hintergrund einer in den letzten fünf Jahren erfolgten Verdreifachung der Investitionen Chinas in Afrika auf 30 Billionen US-Dollar hat sich das BIP des südlichen Afrikas verdoppelt.10 Natürlich liegt eine sehr ungleichmäßige Verteilung der Gewinne im Wesen der kapitalistischen Entwicklung. Gerade deswegen sollten wir aber nicht „Nachhaltigkeit“ und eine „Umkehr des Entwicklungsprozesses“ fordern, sondern uns über die laufende Entwicklung freuen, die resultierenden Ungleichheiten ermitteln und diejenigen sozialen Kräfte unterstützen, die für eine progressive Umverteilung von Wohlstand und Macht eintreten.

Nachwort: Fortschritt und Ökologie

Auf alles bisher Gesagte wird heute oft mit dem pauschalen Hinweis reagiert, die Entwicklungsländer dürften keine westlichen Lebensstandards erwarten, denn das führe zur Klimakatastrophe: steigende Meeresspiegel, Hurrikans usw. Tatsächlich lassen sich diese Katastrophen aber allein durch materiellen Fortschritt verhindern. Von 2000 bis 2004 lag das Risiko, in einem Entwicklungsland Opfer einer Naturkatastrophe zu werden, bei 6 Prozent; in reichen Ländern lag es bei 0,07 Prozent. Sind Entwicklungsländer also anfälliger für Katastrophen? Nein. Einige liegen offensichtlich näher an geografischen Plattengrenzen, Flüssen und Ozeanen, Unwettergebieten usw. als andere. Entscheidend ist aber unser Umgang mit diesen materiellen Bedingungen. Je entwickelter das Land, desto mehr kann es in den Schutz seiner Bevölkerung gegen die Naturgewalten investieren. Dass man es kann, heißt natürlich noch nicht, dass man es auch tut: Regierungen, die die arbeitenden und verarmten Massen verachten oder die von den fortschrittsfeindlichen Ängsten gehemmt sind, lassen ihre Bevölkerungen eventuell im Stich. So ging es etwa der Bevölkerung von New Orleans während des Hurrikans Kathrina 2005. Die Medienberichterstattung hat die jüngsten Hurrikans zwar als weiteren Hinweis für die Unterlegenheit des Menschen gegenüber der Natur aufgefasst, aber Hurrikans wirken sich in verarmten Staaten wie Haiti ganz anders aus als in den USA, und das zeigt, dass die Amerikaner diese Unterlegenheit überwunden haben.

Die Niederlande liegen überwiegend unterhalb des Meeresspiegels, sind aber dennoch weniger von Überflutungen betroffen als Bangladesch, denn sie können mehr in technisch hochmoderne Schutzsysteme investieren. Das britische Jahresbudget für Flutbekämpfung und Küstenschutz beträgt 1,2 Milliarden US-Dollar, fast das Fünffache des globalen Budgets für Hilfen zur Anpassung an den Klimawandel, das sich auf 225 Millionen US-Dollar beläuft.11
Wenn der Klimawandel wirklich die sich abzeichnende Katastrophe ist, wie Ökologisten behaupten, dann müssen wir schnell die technischen Maßnahmen ergreifen, um die erforderliche Post-CO2-Wirtschaft zu schaffen, und die Hilfen und die technische Unterstützung für weniger entwickelte Länder massiv erhöhen. Ein sehr moderater Schritt in diese Richtung wäre die vom UN-Entwicklungsprogramm vorgeschlagene „Climate Change Mitigation Facility“ in Höhe von 50 Milliarden US-Dollar für die Steuerung der Investitionen in die Entwicklung CO2-armer Technologien, die Erweiterung des Energiezugangs, den „Buy-out“ geistiger Eigentumsrechte und die Bereitstellung von Technologien für die armen Länder. Sicher ist jedenfalls, dass es keineswegs „progressiv“ ist, die Entwicklung armer Weltregionen zu hemmen und sie so der Gnade der Gaja zu überlassen.