06.02.2018

Weder hart noch fair

Von Johannes Richardt und Christoph Lövenich

Die „Hart aber fair“-Fernsehsendung zum Fall Wedel brachte zu wenig Debatte über Rechtsstaat, Medienkampagnen und Zeitgeist.

Macht, Mann, Missbrauch - was lehrt uns der Fall Wedel?“ fragte gestern Abend die Polit-Talkshow „Hart aber fair“ in der ARD. Zu den Gästen gehörte Novo-Autorin und Strafrechtsprofessorin Monika Frommel, deren Einschätzung zum Thema am Morgen zuvor bei uns erschienen war.

Mit ihrer Position, dass Regisseur Dieter Wedel durch Kampagnenjournalismus an den „digitalen Pranger“ gestellt wird, stand sie in der Diskussionsrunde alleine da. Das Interesse an der strafrechtlichen Unschuldsvermutung und am juristischen Umgang mit Sexualstraftaten schien bei den übrigen Teilnehmern wenig entwickelt. Stattdessen herrschte die Meinung vor, dass die Vorwürfe alle schon stimmen werden und überhaupt der böse Sexismus allgegenwärtig sei. So erschöpften sich viele Redebeiträge darin zu erklären, was man alles dagegen unternehme bzw. zu unternehmen gedenke, und im „Moral Posing“ und „Virtue Signalling“ – also einem moralisierenden zur Schau tragen der „richtigen“ Gesinnung. Dabei waren sich alle Diskutanten weitestgehend einig in Bezug auf ihre ‚gute Sache‘ – mit Ausnahme, wie bereits erwähnt, von Monika Frommel, der so mit ihrem Beharren auf einer an rationalen und rechtsstaatlichen Prinzipien orientierten Bewertung des Falls Wedel die undankbare Rolle der Skeptikerin und Quertreiberin in der Runde zufiel.

Wenn schon die Machtausübung von Männern kritisiert wurde, hätte Zeit-Magazin-Chefredakteur Christoph Amend ruhig mal gefragt dürfen, wieviel Machtspiel denn hinter seiner „konstruierten“ (Frommel) Anti-Wedel-Kampagne steckt. Im Novo-Betrag erläutert die Strafrechtlerin ausführlich, wie wenig juristische, aber letztlich auch journalistische Substanz die Zeit-Berichterstattung hat.

Thomas Kleist, Intendant des Saarländischen Rundfunks (SPD), konnte sich weitestgehend ohne kritische Nachfragen von Herr Plasberg als Aufklärer profilieren, der sich der gesellschaftlichen Verantwortung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bewusst ist. Dabei versäumte er es auch nicht, sich mit Phrasen der Selbstkritik am Sexismus in der eigenen Institution als moderner Mann und Frauenversteher zu inszenieren, während er wenig später eine Diskussion zwischen zwei Frauen auf dem Podium in bester Macho-Manier einfach abwürgte und sich überhaupt als schulbuchartiger männlicher Selbstdarsteller gerierte.

„Man signalisiert, entlang welcher Linien zeitgeistkonform gedacht werden soll.“

Bundesfamilienministerin Katarina Barley (SPD) trug wenig zum eigentlichen Thema bei, was aber nicht weiter auffiel, da die Sendung immer weiter in verschiedene Themengebiete diffundierte (Alltagssexismus, Schikane am Arbeitsplatz, …). Ausdiskutiert werden konnte vieles nicht, aber das schien auch nicht in der Absicht des Formats zu liegen.

Monika Frommel etwa ließ die Sendung zu wenig Gelegenheit und Zeit, ihre kritischen Positionen auszuführen, z.B. zum opferzentrierten Diskurs und zur Verantwortung von Frauen, sich selbst zu wehren. Dabei wäre gerade dieser Aspekt es wert gewesen, näher beleuchtet zu werden. Die in immer kürzerer Frequenz folgenden PR-Kampagnen des modernen Feminismus – sei es nun die Aufschrei-Kampagne, das Team-Gina-Lisa oder zuletzt #metoo – erwecken zunehmend den Eindruck, es gehe vor allem darum, Frauen als wehrlose Opfer darzustellen. Etwas, wogegen sich die Generation von Feministinnen, der Frommel angehört, noch entschieden zur Wehr gesetzt hat. So war es auch kein Wunder, dass ihr emanzipierter Ansatz, eine „Schelle“ gegen einen Mann bei einer unangemessenen Anmache könnte hilfreich sein, auf allgemeine Verständnislosigkeit in der Runde stieß.

Auch ihr Hinweis, der frühere Sexismus in Organisationen und der Gesellschaft insgesamt sei mittlerweile dem Gegenteil gewichen, einem Konformismus, mit dem etwa beim Fall Wedel alle auf den gleichen Zug springen, hätte nähere Erörterung verdient gehabt. Denn ein weiteres Kennzeichen der aktuellen feministischen Opferdiskurse besteht gerade im Schwarzmalen des Status Quo und im Ausblenden der erfreulichen gesellschaftlichen Fortschritte der letzten Jahrzehnte, wohingegen Kritiker dieser düsteren Weltsicht nicht selten als politisch rückständig oder unmoralisch abgestempelt werden .

Eine harte Auseinandersetzung fehlte, in der unterschiedliche Standpunkte argumentativ hätten geklärt werden können. Gegenüber Wedel und wohl mehr noch gegenüber anderen potentiellen Beschuldigten war es wenig fair, unterschiedliche Straftaten und subjektiv unangemessenes Verhalten einfach miteinander zu vermischen sowie den Aspekt der rufschädigenden Falschbeschuldigungen fast ganz auszuklammern. Man ist sich lieber einig und signalisiert so, entlang welcher Linien zeitgeistkonform gedacht werden soll.