12.05.2020

Was sagt die Wissenschaft?

Von Thilo Spahl

Titelbild

Foto: FDA via Flickr

Die Ergebnisse einer Experten-Umfrage zeigen, dass die Behauptung vermessen ist, die Politik folge mit den Corona-Maßnahmen der Wissenschaft.

Die Politik sagt, wir müssen auf die Wissenschaft hören. Das klingt vernünftig. Aber wie bekommt man heraus, was die Wissenschaft sagt? Nun, bekanntlich gibt es DIE Wissenschaft nicht. Wissenschaft ist eine Methode zum immer besseren Verstehen der Welt. Sie produziert permanent neue Erkenntnisse, aber keine Wahrheiten.

Tatsächlich gibt es aber zu einem bestimmten Zeitpunkt eine verbreitete wissenschaftliche Meinung, sozusagen eine Momentaufnahme, was Wissenschaftler eines gewissen Fachgebiets glauben. Es gibt Sachen, wo sie sich recht sicher sind, die sie also als Fakten betrachten. Es gibt Sachen, wo sie sich relativ einig sind. Es gibt aber auch Sachen, bei denen sie sich einig sind, dass sie es nicht so genau wissen. Oft überwiegen die letzteren.

Aktuelles Meinungsbild zur Corona-Krise

Wo Wissenschaft zur Legitimierung von konkreten politischen Maßnahmen dienen soll, ist es immer gefährlich, nur Einzelmeinungen zu hören. Wer sich auf einige wenige Berater stützt, sollte daher zusätzlich auch immer ein breiteres Meinungsbild einholen.

Wissenschaftler der Universitätsklinika Tübingen und Hamburg-Eppendorf haben genau das versucht. Sie haben mit Unterstützung der Gesellschaft für Virologie (GfV), der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) und der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) eine Umfrage gemacht, um zu erfahren, was Kollegen vom Fach zu den Corona-Maßnahmen meinen.

Es geht hier tatsächlich um Meinung. Die Befragten mussten nicht begründen, warum sie etwas glauben. Sie müssen keine Beweise erbringen. Aber man kann davon ausgehen, dass hinter ihrer Meinung eine ganze Menge Wissen steckt. Denn es wurden nur Experten auf den Gebieten der Virologie, Mikrobiologie, Hygiene, Tropenmedizin, Immunologie sowie der Inneren Medizin/Intensivmedizin befragt. 178 haben geantwortet. Und zwar anonym. Das ist wichtig. Es heißt, dass sie sich nicht sorgen mussten, dass ihre Meinung von anderen bewertet und vielleicht als falsch angesehen würde. Wir können also davon ausgehen, dass sie sagten, was sie denken.

Das waren die Ergebnisse:

  • Mehr als 70 Prozent befürworten die Abstandsregel von zwei Metern sowie das Verbot von Großveranstaltungen als potentielle Maßnahme zur Kontrolle und Eindämmung von SARS-CoV-2.
  • Weniger als 5 Prozent sehen Kita- und Schulschließungen als wichtige Maßnahme an.
  • Harte wissenschaftliche Belege für die Schutzwirkung von Masken, ob professioneller Mund-Nasen-Schutz oder selbst hergestellte („Alltags-“) Atemmasken, sind den wenigsten Experten bekannt. Über 70 Prozent sehen hingegen Risiken durch falsche Handhabung der Masken.
  • Dennoch befürworten die meisten das Tragen der Masken z. B. im ÖPNV. (Der Leiter der Umfrage, der Virologe Professor Michael Schindler kommentierte das so: „Auch Wissenschaftler sind nur Menschen und scheinen bei einigen Themen eher ihrem Bauchgefühl zu vertrauen.“)
  • 62,9 Prozent sprechen sich dafür aus, das öffentliche und wirtschaftliche Leben wiederherzustellen, im Alltag jedoch weitestgehend Atemmasken zu nutzen.
  • 50,1 Prozent stimmen den von der Bundesregierung getroffenen Maßnahmen zu.
  • 82,6 Prozent vermissen eine ausgewogene Berichterstattung in den Medien. 62,9 Prozent sagen, es fehle konstruktive Fachdiskussion mit unterschiedlichen Positionen der Experten.
  • Ein Drittel aller Expertinnen und Experten sieht die freie Meinungsäußerung in der Wissenschaft als bedroht an.

Es gibt zwar eine (äußerste knappe) Mehrheit, die die Maßnahmen der Politik generell befürwortet. Für zentrale Maßnahmen, die Kita- und Schulschließungen, gibt es aber extrem wenig Rückhalt. Und selbst Maßnahmen, auf die man sich mehrheitlich einigt, werden teilweise aus einem Bauchgefühl heraus befürwortet, werden also von Wissenschaftlern empfohlen, können aber nicht als wissenschaftlich begründet bezeichnet werden.

Auffällig ist auch die große Unzufriedenheit mit den Medien. Über die Gründe hierfür kann nur spekuliert werden. Da aber mehr Ausgewogenheit angemahnt wird, liegt nahe, dass hier eine Einseitigkeit der Berichterstattung bemängelt wird. Dazu passt auch die Sorge um die Meinungsfreiheit der Wissenschaft.

Politik und Wissenschaft

Kein Politiker folgt der Wissenschaft. Dafür ist Wissenschaft viel zu komplex und unübersichtlich, ein ständiger Wettbewerb von Ideen, eine ständige Abfolge von Behauptung und Widerlegung. Wenn die Politik behauptet, DER Wissenschaft zu folgen, dann karikiert sie Wissenschaft und missbraucht sie, um selbst keine Verantwortung übernehmen zu müssen.

Politiker sollten wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigen, wenn sie Entscheidungen treffen. Sie müssen diese Entscheidungen aber kontinuierlich im Lichte der Wissenschaft prüfen. Niemals dürfen sie behaupten, DER Wissenschaft zu folgen. Stattdessen sollten sie stets genau jene wissenschaftlichen Erkenntnisse konkret benennen, von denen sie glauben, dass sie geeignet sind, ihre jeweiligen Entscheidungen zu untermauern. Es reicht nicht, ein paar ausgewählte Wissenschaftler zu präsentieren und darauf zu setzen, dass alle von deren Autorität beeindruckt sind. Wenn es große Unsicherheiten gibt, dann müssen sie diese Unsicherheiten benennen.