25.04.2020

Die Moral der Gefährder

Von Martin Steppan

Warum Opposition in der Corona-Krise so schwierig ist.

Es gibt selten Themen in der Politik, wo sich Bodo Ramelow und Sebastian Kurz, Robert Habeck und Markus Söder, Papst Franziskus und Karl Lauterbach einiger waren, als darin, dass es eine gute Sache ist, mal auf das gute Leben zu verzichten, um die Älteren und Schwächeren vor dem heimtückischen Coronavirus zu schützen, und eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Es gibt eine erstaunliche Einhelligkeit von Links bis Rechts, dass die aktuell in den meisten Ländern getroffenen Massnahmen, richtig, ja fast schon “alternativenlos” seien. Selbst anfängliche Kritiker wie Boris Johnson und Donald Trump sind nunmehr dem “Beispiel Österreichs” gefolgt, wie das der dortige Bundeskanzler Sebastian Kurz vermutlich gerne neudeutsch spinnen würde. Abgesehen von einigen “Schurkenstaaten” und einer schwedischen Ausnahme, welche die Regel bestätigt, scheinen sich viele ihrer Sache ziemlich sicher zu sein.

Abb. 1: Sechs Dimensionen der “Moral foundation” nach Haidt im Vergleich von verschiedenen politischen Orientierungen. Fünf von sechs Dimensionen sprechen für strengere Massnahmen.

Doch woher kommt so viel ungewohnte Einigkeit von sozialdemokratisch, über grün bis konservativ? Ein Blick in die Psychologie der Moral mag hier Aufklärung schaffen. In seinem Klassiker "The righteous mind”, zeigt Jonathan Haidt warum Menschen über politische, ethische und religiöse Fragen so oft im Clinch liegen. Von seinen sechs Dimensionen dürften hier fünf eine wichtige Rolle spielen: Gemäss Haidt, legen Personen eher links der Mitte neben sozialer Gerechtigkeit besonders hohen Wert auf die Unterstützung Hilfsbedürftiger und sind gerne bereit viel zu opfern um Schaden für einzelne abzuwenden (“care”). Auf der anderen Seite legten Konservative besonders hohen Wert auf den Respekt vor dem Alter, auf Loyalität, aber auch auf die Autorität des Staates, und der Einhaltung von Regeln. Zudem scheint es bei Konservativen noch einen etwas ausgeprägteren Ordnungs- und Reinlichkeitssinn zu geben, der hier womöglich die strengen Hygienemassnahmen noch zusätzlich befeuert.

Von sechs moralischen Dimensionen legen also fünf nahe, dass die aktuellen Regeln zu präferieren sind. Kein Wunder also, dass sich diese Massnahmen über eine breiten gesellschaftlichen Konsens erfreuen. Einzig, die sechste Dimension, “Liberty” würde eher der Freiheit des Einzelnen den Verzug geben. Das mag vielleicht erklären, warum der aktuelle Höhenflug der österreichischen Konservativen nach Meinungsumfragen eindeutig zu Lasten eher freisinnigen Parteien in Österreich (NEOS, FPÖ) gehen. Das dürfte auch erklären, warum die deutsche FDP um Christian Lindner, nur sehr vorsichtig in die Richtung persönliche Freiheit kommuniziert, weil hier wohl (noch) nicht viel zu gewinnen ist. Auch Donald Trump scheint um diese Dimension zu wissen, da er einerseits den Krisenmanager spielt, andererseits aber auch die Strassenproteste für mehr individuelle Freiheit unterstützt, da besonders in den USA die individuelle Freiheit einen hohen Wert besonders für die Konservativen darstellt.

Abb. 2: Moral foundations nach Haidt

Doch wie sieht es mit der tatsächlichen moralischen Bewertung in Bezug auf Corona aus? Sind die “Stubenhocker” und Maskenträger wirklich die moralischeren Menschen als die “Gefährder”, wie der österreichische Innenminister Karl Nehammer Personen bezeichnet, die es mit den Abstandsregeln nicht so genau nehmen? Ein interessantes Beispiel ist hier der deutsche Grünenpolitiker Stephan von Dassel. Um immun zu werden, und die Quarantäne mit seiner Freundin verbringen zu können, hat er sich absichtlich mit dem Virus angesteckt, und dann selbst isoliert. In der Welt der Herdenimmunisierung wäre von Dassel das ethische Vorbild, er wäre immun, könnte wieder jedermann die Hände schütteln, seine Eltern besuchen, helfen, arbeiten und würde durch sein Verhalten aktiv zur Normalisierung beitragen. In der Welt des “containment” allerdings macht man sich dadurch sehr verdächtig. Kein Wunder also, dass dem Berliner Grünen bereits mit rechtlichen Konsequenzen seitens der CDU gedroht wurde. In Ungarn oder Rumänien jedenfalls könnte ihm bei solch eigenmächtigem Immunisieren womöglich gar der Kerker drohen.

Doch wer hat recht? Die aktuellen Daten von jenen seltenen Orten, wo repräsentative Daten vorliegen (Island, Kalifornien, Ischgl, St Ulrich in Südtirol, das Kreuzfahrtschiff Diamond Princess, Heinsberg) legen nahe, dass die Infektionssterblichkeit um ein Vielfaches niedriger liegt als dies in den apokalyptischen Modellrechnungen vor einigen Wochen prognostiziert wurde. Die internationale Wissenschaftsikone John Ioannidis aus Stanford geht sogar von einer Infektionssterblichkeit im Bereich der normalen saisonalen Grippe aus. Insgesamt wächst aktuell auch das Bewusstsein für Kollateralschäden der Corona-Massnahmen, vor allem durch den drohenden Einbruch der Wirtschaft, und dessen Auswirkungen auf die Armut in Entwicklungsländern, um nur ein Beispiel zu nennen. Auf der anderen Seite sind nach wie vor jene Interviews mit Ärzten in Erinnerung, die von einem Sterben “biblischen Ausmasses” sprachen, oder die Militärtransporter und Särge aus Bergamo, die den Befürworter strengen containments, nach wie vor bildliche Argumente liefern.

Abb. 3: Beispiel für ein moralisches Dilemma. Wen soll ein selbstverfahrendes Auto überfahren? Die rechtschaffenen? Die Jungen? Die Alten? Die Männer? Verschiedene Länder zeigen unterschiedliche Präferenzen bei diesen Abwägungen.

In anderen Worten ausgedrückt, es handelt sich um ein Paradebeispiel eines moralischen Dilemmas. Kennzeichen eines solchen ist, dass es per definitionem kein eindeutig Richtig oder Falsch gibt, weil mit beiden Varianten eine negative Konsequenz verbunden ist. In der Psychologie werden moralische Dilemmata bereits seit Jahrzehnten eingesetzt, um Moralentwicklung zu messen. Der Kardinalfehler dabei lautet: Sicherheit. Wer glaubt, dass es ein richtig oder falsch gibt, hat im Prinzip schon bewiesen, das Dilemma gar nicht erst verstanden zu haben. Wichtig bei ethischen Dilemmas ist die Art und Weise wie die verschiedenen Güter abgewogen werden. Die dahinter liegende Persönlichkeitseigenschaft wird auch oft als Ambiguitätstoleranz bezeichnet, das heisst die Fähigkeit mehrdeutige Sachverhalte zu akzeptieren. Diese Eigenschaft steht naturgemäss in engem Zusammenhang mit Bildung und Intelligenz. Auf kultureller Ebene hängt diese Eigenschaft mit einem berühmten Erklärungsansatz von Geert Hofsteede zusammen. “Uncertainty avoidance” beschreibt wie eine Kultur damit umgeht, dass die Zukunft grundsätzlich unsicher ist. Soll die Zukunft kontrolliert werden oder einfach passieren? Länder mit hohen Werten auf dieser Dimension bevorzugen rigide Verhaltensregeln und sind intolerant gegenüber unorthodoxem Verhalten und Ideen. Schweden auf der anderen Seite gehört zu jenen Ländern, die niedrig auf dieser Dimension punkten, wo Abweichung von der Norm eher geduldet wird, wo Erfahrung mehr zählt als Prinzipien und wo Regeln dem Menschen entsprechen sollen, und nicht umgekehrt. Es könnte diese Eigenschaft sein, welche die Schweden die etwas unorthodoxe Herangehensweise ihres Chefepidemiologen Anders Tegnell akzeptieren lässt.

Abb. 4: Kulturelle Dimensionen nach Hofsteede für Österreich, Deutschland und Schweden.