14.04.2020

Corona: Lockerung nützt allen

Von Thilo Spahl

Rechenmodelle weisen uns den Weg. Aber es ist immer ganz entscheidend, mit welchen Annahmen man sie füttert und dass man sie permanent überprüft.

In einem Gastbeitrag „Wege aus dem Lockdown“ für die Zeit vom 26. März machte der Virologe Prof. Alexander Kekulé folgende Rechnung auf, um zu zeigen, welche Belastung eine Herdenimmunisierung für das Gesundheitssystem bedeuten würde:

„Wir haben etwa 82 Millionen Bundesbürger. Nehmen wir an, 70 Prozent (also gut 57 Millionen*) infizieren sich und etwa 20 Prozent der Corona-Infizierten (knapp 11,5 Millionen*) müssen ins Krankenhaus – wovon wiederum jeder Vierte auf einer Intensivstation betreut werden muss. In diesem Fall bräuchten wir Intensivbetten für etwa 2,9 Millionen Personen. Wenn man weiterhin annimmt, dass jeder im Durchschnitt zehn Tage auf einer Intensivstation behandelt wird, käme man auf etwa 29 Millionen benötigte Tage. Selbst wenn Deutschland seine (auf dem Papier vorhandenen) 28.000 Intensivbetten auf 56.000 verdoppeln und davon vier Fünftel (also 44.800) nur für Corona-Patienten verwenden würde, müssten diese gleichmäßig auf ungefähr ein Jahr und neun Monate verteilt werden*, damit die Versorgung nicht zusammenbricht. Um zusätzlich zeitliche und örtliche Spitzenbelastungen abzupuffern, wäre mehr Zeit erforderlich – so lange kann der Lockdown offensichtlich nicht aufrechterhalten werden.“

Hinter dieser Passage wurde zu einem nicht genannten späteren Zeitpunkt folgender Korrekturhinweis gegeben:

„*Korrekturhinweis: An dieser Stelle stand erst ein anderes Szenario, wonach nur etwa fünf Prozent ins Krankenhaus aufgenommen werden müssten. Unter einem solchen Szenario würden die Patienten allerdings in drei Monaten behandelt werden können. Leserinnen und Leser haben uns auf den Fehler aufmerksam gemacht. Nach Rücksprache mit dem Autor habe es sich um eine Verwechslung gehandelt. Wir haben nun ein realistischeres Szenario angegeben und bitten den Fehler zu entschuldigen.“

Wir sehen: Was bei einer Modellrechnung hinten herauskommt, hängt in hohem Maße davon ab, was man vorne hineinsteckt.

„Was bei einer Modellrechnung hinten herauskommt, hängt in hohem Maße davon ab, was man vorne hineinsteckt."

Schauen wir uns heute, drei Wochen später, die Zahlen an. Am 12. April weist das RKI für Deutschland 120.479 bestätigte Fälle aus. Zur intensivmedizinischen Behandlung gibt es folgende Zahlen: 2405 sind aktuell auf einer Intensivstation, 2978 waren dort, haben sie aber inzwischen wieder verlassen (864 davon sind verstorben). Es ergibt sich eine Quote von knapp 4,5 Prozent. Diese passt recht gut zu den von Kekulé angenommenen 5 Prozent (jeder vierte von 20 Prozent). Da die Patienten ja erst geraume Zeit nach ihrer Infektion in der Intensivstation landen, müsste man eigentlich die Anzahl auch auf die Infiziertenzahl zu einem früheren Zeitpunkt beziehen, sagen wir zwei Wochen vorher. Damals war die Zahl der bestätigten Fälle etwa halb so hoch. So kämen wir sogar auf eine Quote von bis zu 10 Prozent intensivpflichtiger Patienten. Dann wäre selbst das Szenario von Kekulé noch viel zu optimistisch.

Wenn da nicht die Dunkelziffer wäre. Die vorläufigen Ergebnisse von Prof. Streeck aus der Untersuchung in Heinsberg ergaben, dass rund 15 Prozent der in einer repräsentativen Stichprobe getesteten 1000 Personen Antikörper gegen das Virus aufwiesen. Deshalb wird angenommen, dass sie eine Infektion durchgemacht haben. Die Zahl der bestätigten Infektionen lag jedoch im Kreis Heinsberg zu Beginn der Studie nur bei 1250. Daraus ergibt sich bei 250.000 Einwohnern eine Quote von 0,5 Prozent.  Waren also dort 30-mal so viele infiziert, wie offiziell bestätigt? Dann lägen natürlich auch die Hospitalisierungsrate, die Rate intensivpflichtiger Patienten und die Sterberate deutlich niedriger. Die Forscher um Streeck kommen in Heinsberg auf eine Letalität von 0,37 Prozent. Das wäre dann die sogenannte Infection Fatality Rate, also der Anteil aller Infizierten, der stirbt. Sie liegt erwartungsgemäß deutlich niedriger als die Case Fatality Rate (Sterbefälle bezogen auf bestätigte Infizierte), die das RKI derzeit mit 2,2 Prozent angibt.  

Gehen wir zurück zu den Zahlen von den Intensivstationen. Die Sterberate beträgt dort rund 30 Prozent. Damit wären die 0,37 Prozent rund 30 Prozent derer, die auf der Intensivstation landen. So kämen wir auf eine Rate intensivpflichtiger Patienten, die ziemlich genau dem zuerst in der Zeit „irrtümlicherweise“ abgedruckten Wert von einem Viertel von fünf Prozent, also 1,25 Prozent entspricht, und damit zurück zu jenem vermeintlich unrealistischen Szenario, bei dem  die Patienten (mit großem Aufwand)  „in drei Monaten behandelt werden“ könnten. (Wobei unklar ist, warum die Zeit hier auf 3 Monate und nicht auf 5,3 Monate, also ein Viertel der für das andere Szenario angegebenen „ein Jahr und neun Monate“, kommt). Derzeit sind die Intensivstationen insgesamt nur gering belastet und die Zahl der Patienten steigt auch nicht signifikant (laut RKI-Lageberichten lag sie  am 3. April bei 2424, ging dannl deutlich zurück und erreichte am 12. April wieder 2405).

Lockerung nützt allen

Veränderte Zahlen bedeuten nicht, dass die von Kekulé dargestellte Strategie, „die Epidemie zu kontrollieren, ohne den Lockdown zum Dauerzustand zu machen“, falsch würde. Ganz im Gegenteil. Sie bedeuten, dass die Gefahr einer Überlastung des Gesundheitssystems geringer ist und dass die von ihm beschriebene Herausbildung einer wachsenden Immunität in einem kürzeren Zeitraum erfolgen kann. Die vorgeschlagenen Eckpfeiler der Strategie sind weiterhin plausibel. Es sind dies sogenanntes „Smart Distancing“ mit besonderem Schutz von Pflegeheimen, „individuelle Vigilanz“ (wer krank ist, bleibt zu Hause) und Kontrollmaßnahmen zur Minimierung der Einschleppung von Infektionen aus dem Ausland, zum Beispiel Schnelltests bei der Einreise aus Risikogebieten.

Entscheidend für das weitere Vorgehen ist auf jeden Fall eine realistische Einschätzung der Zahl der Infizierten, die intensivmedizinischer Behandlung bedürfen. Die Heinsberger Zahlen sind vorläufig und müssen durch weitere Ergebnisse größerer Studien verbessert werden. Dies wird in den nächsten Wochen geschehen. (Eine lesenswerte Bewertung der Kritik an der Studie findet sich hier.)

„Aus Sicht der besonders gefährdeten Personen ist eine Strategie sinnvoll, die maximalen Schutz der Risikogruppen mit möglichst geringem Schutz der wenig Gefährdeten verbindet."

Aus Sicht der besonders gefährdeten Personen ist eine Strategie sinnvoll, die maximalen Schutz der Risikogruppen mit möglichst geringem Schutz der wenig Gefährdeten verbindet. Denn wenn sich die wenig gefährdeten Jungen und Gesunden nicht allmählich immunisieren, bedeutet das für die Risikogruppen, dass sie sich, der vorherrschenden Logik folgend, unter Umständen für den Rest ihres Lebens in Isolation aufhalten müssten. Dass der Rest der Bevölkerung dann auch unter dem Lockdown zu leiden hat, dürfte auf Dauer kein großer Trost sein. Gerade für alte Leute wäre es enorm wichtig, wenn sie möglichst bald zumindest ein paar Leute hätten, mit denen sie wieder unbesorgt verkehren könnten, weil diese immun sind.

Der konsequente Schutz der Risikogruppen ändert fundamental die Parameter der hier diskutierten Rechnung. Denn die Überlastung der Intensivstationen tritt nur bei einer hohen Zahl schwerer Verläufe ein. Schwer verlaufen die Erkrankungen der Angehörigen der Risikogruppen und nur in seltenen Ausnahmefällen die der Jungen und Gesunden. Vereinfacht gesagt: Wenn sich genau die 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung anstecken, bei denen die Infektion mit milden Symptomen oder ganz unbemerkt verläuft, bleibt es auf den Intensivstationen ruhig, die Letalität ist gering, der Lockdown erübrigt sich und insbesondere die besonders Gefährdeten können in absehbarer Zeit wieder ein normales Leben führen.

Dieser Idealfall lässt sich natürlich nicht einfach in Reinform herstellen. Aber wir sollten, vor allem im Interesse der Risikogruppen, versuchen, ihm möglichst nahe zu kommen.